Man muss nur reden mit den Kindern

Ein Argument, das mir in der Diskussion um rassistische, sexistische, stereotype Kinderbücher oder -spielzeuge immer wieder begegnet, ist: Man muss das den Kindern nur richtig erklären. So versucht zum Beispiel auch die von mir sehr geschätzte Katrin Rönicke im “Freitag” vom 22. August 2012 das Problem mit Pippi Langstrumpf zu lösen (die sich in älteren Ausgaben von “Pippi geht an Bord” wünscht, eine “Negerprinzessin” zu sein). Denjenigen, die an dieser Stelle das Argument bringen wollen, daran wäre doch gar nichts schlimm oder auch nur bemerkenswert, denen empfehle ich vorher die ausführliche Lektüre der entsprechenden Sprachlogartikel (hier und hier) von Anatol Stefanowitsch.

Rönicke leugnet nicht, dass ein Problem besteht, sie kennt und versteht das Dilemma. Gerade ältere Kinderbücher und entsprechend auch die Verfilmungen enthalten und transportieren nicht selten fragwürdige Botschaften – nicht zentral, aber mit einer gewissen Selbstverständlichkeit so eben nebenbei. Wie eben unter anderem Pippi Langstrumpf, deren äußerst zwielichtiger Vater als Held dargestellt wird, weil er als dicker weißer Nichtstuer über ein Inselvolk in der Südsee herrscht. Ein wesentlicher Teil von Rönickes Lösungsvorschlag: Darüber reden. Richtig einordnen, den historischen oder regionalen Kontext erläutern, kritisch diskutieren. Wörtlich dazu im Freitag:

Der Umgang mit Kinderbüchern und Filmen, die nicht politisch korrekt sind, ist schwierig – es braucht aber nicht andere Figuren, sondern Eltern, die sie einordnen können.

Man sieht die Szene direkt vor sich: Gemütlich sitzen da Kind und Eltern beisammen, das aufgeschlagene Buch vor sich, sie reden über Alltagsrassismus, das Kind lauscht aufmerksam den Ausführungen der Eltern mit ihren kultur- und sozialwissenschaftlichen Studienabschlüssen. Schließlich hat das Kind verstanden, es steht dem unterschwelligen Rassismus des Textes jetzt kritisch gegenüber, nun greift es wieder zum Buch und liest genussvoll weiter. Die Eltern trinken zufrieden ihren Tee und knabbern noch ein Stück fair gehandelte Schokolade.

Was, unrealistisch? So geht es bei Ihnen zu Hause NICHT zu? Nein? Wie denn dann?

Vielleicht so wie bei mir zu Hause? Da hat fast immer ein Kind vergessen, dass bis morgen ein Kasten Pastellfarbkreide mit 16 Farben in die Schule mitzubringen ist. Oder ein Kuchen für den Kuchenbasar. Oder dass sich das zum Geburtstag einladende Kind “Hot Wheels” wünscht, die es im Spielzeugladen gibt, aber leider nicht in dem schönen kleinen um die Ecke, sondern im Spielemax im Einkaufszentrum. Oder dass wir dran sind mit dem Waschen der Mannschaftstrikots. Die Unterschrift, der Läusezettel, das Faschingskostüm, die Essenskarte, das Notenblatt. Und manchmal ertappe ich mich dann dabei, erleichtert zu sein, wenn das Kind einfach nur für sich liest oder spielt, ohne dass es meiner Einmischung und Einordnung bedarf.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich rede mit meinen Kindern, auch wenn es manchmal schwer ist, das in Ruhe zu tun. Ich rede viel mit ihnen. Das muss man auch, denn die Welt ist komplex und man kann der Komplexität nur schwer entgehen. Deshalb rede ich darüber, warum man bei Gewitter trotzdem im Auto fahren kann, aber lieber nicht schwimmen. Wieso der Vater von Antonia einen eigenen Pool hat. Warum wir keinen haben. Warum es Leute gibt, die nicht einmal sauberes Wasser zum Trinken haben. Weshalb der Geldautomat das Geld nicht direkt druckt. Warum die Leute über Merkel schimpfen. Warum da an der Mauer steht, dass Markus ein dreckiges Schwein ist. Warum man sich jeden Tag waschen soll, auch wenn man sich nicht schmutzig gemacht hat. Wieso man Bakterien nicht sehen kann. Ob die Bakterien uns sehen können. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und dann rede ich auch über Dinge, die die Kinder nicht von sich aus hören wollen, aber müssen: Warum es nicht akzeptabel ist, etwas Dummes “behindert” zu nennen. Wieso man nicht lachen soll, wenn jemand komisch läuft. Weshalb Mädchen auch Fußball spielen dürfen. Warum es nicht “schwul” ist, wenn Leon Blumen mag. Und dass mein Freund Michael tatsächlich schwul, aber das nichts Schlimmes ist. Denn man möchte respektvolle, gute und tolerante Kinder erziehen. Deshalb zwinge ich sie, mir bei diesen Dingen zuzuhören. Auch wenn sie lieber einfach nur lesen, spielen oder mit ihren Freunden quatschen wollen, über die “behinderte” Fernsehserie, den “voll schwulen” Leon, die blöden Mädchen, die keinen Ball annehmen können und sich deshalb am besten raushalten sollen. Meistens haben die Kinder nach meinen Ausführungen allerdings plötzlich die Lust an der Unterhaltung verloren.

Deshalb meine Frage: Soll ich nun auch noch selber Bücher oder Spielzeuge anschleppen, die weitere Stereotype transportieren? Damit ich dann auch diese wieder erklären, entkräften und historisch einordnen kann? So sehr ans Herz gewachsen ist mir keine Figur, kein Buch, kein Film, keine Serie, dass ich darauf nicht verzichten kann. Denn Katrin Rönicke hat Recht: Es kann und muss vieles erklärt werden. Aber die Zeit, die man hat, den Kindern die Welt zu erklären, ist begrenzt. Die Zeit, die die Kinder tatsächlich zuhören, ist knapp. Der mediale und soziale Input, dem Kinder ausgesetzt sind, ist nicht zu unterschätzen. Um Themen wie Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Behinderung, Benachteiligung, Ungerechtigkeit und Intoleranz wird man deshalb sowieso nicht herumkommen. Aber die begrenzte Zeit, den Kindern Toleranz und kritisches Bewusstsein beizubringen, sollte gut genutzt sein. Und der kleine Ausschnitt des Inputs, den ich selber auswähle, der sollte meine Bemühungen unterstützen, nicht konterkarieren.

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15 Kommentare

  1. Stimme darin überein, dass Weglassen manchmal wirklich die bessere Alternative ist. Als ich meiner Tochter mal ein Buch von Enid Blyton vorgelesen habe, kam ich gar nicht hinterher mit der Nebenberichterstattung, dass die vorgestellten Stereotype so rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.
    In den meisten Fällen sind es aber doch die Kinder, die ankommen und gerne irgendwas haben wollen, d.h., man kommt an der Auseinandersetzung gar nicht vorbei. Der Vorteil dabei ist auch, dass dass sie dann zuhören, denn schließlich sind sie es, die ein Anliegen haben. Manche Wünsche bekommt man dann ausgeredet, andere werden immer noch sehnlichst gewünscht. Oft geben wir als Eltern dann nach, zumindest hat man ja drüber geredet. Ist halt ein schmaler Grat zwischen einem beliebten und einem besorgten Vater.

  2. [...] Man muss nur reden mit den Kindern: [...]

  3. [...] Mit Kindern sollte geredet werden, warum manches trotzdem unnötig ist, findet sich bei Dr. Mutti. [Text ist mit Triggerwarnung: N-Wort einmal in Anführungszeichen, 1. [...]

  4. Tja, wenn man denn überhaupt die Wahl hat bei den Kinderbüchern. Mir stösst das immer noch sehr sauer auf, wenn ich über die vorhandene Kleinkinderliteratur an Trernnungsbüchern nachdenke. Die dort dargestellten Szenarien entsprechen nicht den Lebenswelten der Kinder, das ärgert mich tatsächlich masslos. So viel kann ich gar nicht erklären, dass ich diesen “Gap” für die Kinder überbrücke. Siehe hier: https://www.mama-arbeitet.de/standpunkt/kinderbucher-und-trennung

    Herzlich, Christine

  5. Bin gerade auf deinem blog gelandet, sehr kluger Artikel. Ich stimme dir absolut zu, dass das Leben mit Kindern ohnehin genug Richtigstellungen/Erklärungen erfordert, die sich aus dem Umfeld ergeben. Und dass man den Input aus Büchern und Spielzeug zumindest zum Teil wählen kann, ist eigentlich ein sehr ermutigender Gedanke. : )

    Aber gerade als Kind habe ich diese Bücher von Blyton geliebt. Obwohl die Mädchen immer “adrett” waren und die Buben immer allein in die Geheimgänge gingen, weil das ja gefährlich ist…
    Oder wie dämlich eigentlich die Pony Hütchen in Emil und die Detektive ist – als einziges Mädchen. Dzzz.
    Ich glaube aber, mich daran zu erinnern, dass ich mich als Kind problemlos und geschlechtsunabhängig mit bestimmten Figuren identifiziert habe und dass ich es trotzdem nie so empfand, dass Mädchen (bzw ich, weil ich ein Mädchen bin) nix Gefährliches machen dürfen.

    Der Vorschlag, problematische Rollen/Menschenbilder zum knock-out Kriterium zu machen, ist für mich zu konsequent, weil dadurch enorm viele richtig nette Figuren und Geschichten rausfliegen würden.

    … knifflig. Vielleicht blogge ich auch mal was darüber, wenn ich meine Gedanken mehr geordnet habe.
    lg, i. (3 Kinder, Mag., Mitte 20)

  6. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich erinnere mich an mein Praktikum in Kindergarten und manche Geschichte, in der keine einzige weibliche Protagonistin vorkam oder in der ich, obwohl die Literatur gar nicht so alt war, reichlich spontan auslassen oder umdichten müssen, um kein schlechtes Gewissen beim Vorlesen zu haben.
    Was mich sehr freuen würde, wäre eine kleine Liste mit Büchern, die ihr gut und wertvoll findet. Viele Märchen der Brüder Grimm sind an sich ziemlich gut, wenn man kleinere Dinge und Formulierungen auslässt. Positive Rollen für Frauen oder Kinder verstecken sich meist fernab von den sehr bekannten Märchen. Allerdings ist das halt eher was zum Vorlesen und nicht zum Selbstlesen

  7. Kann nur zustimmen. Hatte aufregende Diskussionen mit meinen Facebook-Bekanntschaften darüber mit zum Teil überraschenden Meinungen.

    Zwei weitere Aspekte:
    - Gibt ja durchaus Kinder, bei denen ganz sicher nicht zu Hause besprochen wird, was da so alles kritisches in Büchern steht. Die benutzen dann so Ausdrücke vielleicht mal ganz unkritisch beleidigend. Und meine Kinder sind ja auch keine Engel, muss ich denen die Ausdrücke noch in den Mund legen?
    - Es geht ja gar nicht so sehr darum, dass MEINE Kinder vielleicht durch so was Rassisten werden könnten Aber wie kommt das bei schwarzen Kindern und Erwachsenen an. Also ich würd mich schämen, wenn ich das Buch einigen Freundinnen und Freunden meiner Kinder vorlesen müsste. Und das zeigt doch schon, dass da was nicht stimmt! Die stoßen schon früh und oft genug auf Diskriminierung, das muss doch nicht in der Kinderabteilung der städtischen Bücherei anfangen.

  8. Sehr schöner Artikel. Aber trotzdem: Mir ist Pippi Langstrumpf ans Herz gewachsen. Und ich möchte, dass meine Tochter diese (Kunst-)Person kennenlernt. Muss ich mir denn alles zu eigen machen, was ich den Kindern vorlese, so wie es mit “selbst Bücher anschleppen…” wohl gemeint ist? Besonders bei älteren Werken ist das ja immer problematisch. Ich werde also trotzdem versuchen, zu verdeutlichen, dass ich Astrid Lindgrens Bücher zwar für sehr gut halte – aber nicht für perfekt. So ist die Welt. Vieles hat sie mit den Augen ihrer Zeit gesehen, was heute so nicht mehr akzeptabel ist. Aus guten Gründen.

  9. [...] schliesse ich mich Dr Mutti an: “die begrenzte Zeit, den Kindern Toleranz und kritisches Bewusstsein beizubringen, sollte [...]

  10. [...] schliesse ich mich Dr Mutti an: “die begrenzte Zeit, den Kindern Toleranz und kritisches Bewusstsein beizubringen, sollte [...]

  11. [...] schliesse ich mich Dr Mutti an: “die begrenzte Zeit, den Kindern To­leranz und kritisches Be­wusst­sein bei­zu­bringen, [...]

  12. [...] um Veränderungen in bestimmten Klassikern zugunsten einer Rassismus freien Sprache – bereits hier, hier, hier und hier viel Kluges gesagt. Es ist mir unbegreiflich, wie an anderer Stelle mit [...]

  13. Danke für den Artikel!
    Ich wollte nur dazu anmerken, dass ich eins der Mädchen war, denen das aufgefallen ist, dass Mädchen bei Enid Blyton nicht in die Geheimgänge durften. Mir hat das damals sogar richtig, richtig weh getan. Und da gab es massenhaft andere Bücher auch noch. Da hätte Einordnen auch nicht viel genutzt.

  14. [...] Dr Mutti: Man muss nur reden mit den Kindern… [...]

  15. […] Das eben geschilderte ist übrigens ein ganz entscheidender Punkt, warum ich auch aus der Perspektive der weißen Kinderbuchvorleserin das gebetsmühlenartig vorgetragene Argument, man könne Kindern Rassismus in Kinderbüchern doch erklären (und damit dann auch gleich magischerweise irgendwie beseitigen), gelinde gesagt skeptisch betrachte. […]

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