Mein später Aufschrei

Ich bin nicht die einzige, die seit gestern morgen ganz unvorbereitet in den Twitter-Aufschrei und damit in einen Nachdenkensprozess geraten ist. Freitag morgen lese ich die ersten 140-Zeichen-Texte mit persönlichen Erfahrungen von Frauen mit sexueller Gewalt in mehr oder minder drastischer Form. Die Masse ist verstörend. Meine erste Reaktion darauf ist irgendwo zwischen verhalten, irritiert und ein bisschen ablehnend.

Mein Reflex ist, die einzelnen Erlebnisse, die ich lese, analytisch zu unterteilen: In “nervig, aber harmlos” – Ereignisse, in denen Frauen dumm angemacht wurden, ohne dass körperliche Gewalt passiert oder angedroht wurde, in “ungeschickt und vielleicht nur überinterpretiert” – Fälle, wo Frauen oder Mädchen ohne ihre Einwilligung angefasst wurden, etwa von Verwandten und Bekannten, Sportlehrern usw., und in “wirklich krass, aber völlig untypisch” – Erlebnisse echter körperlicher Gewalt, weil Frauen keinen Sex mit einem Mann haben wollten. Doch schon nach einer kurzen Weile wundere ich mich selbst über mich: Warum tue ich das? Ich verharmlose Fälle, in denen keine “echte” Gewalt ausgeübt wurde und die, wo das doch geschehen ist, werte ich als “untypisch”.

Ich fange an, über meine eigenen Erfahrungen nachzudenken. Könnte ich denn überhaupt auch etwas twittern, was den Hashtag #Aufschrei verdient hätte? Als erstes fällt mir ein, wie mir vor wenigen Jahren in Korea auf offener Straße ohne irgendeine Ankündigung ein Mann an die Brust gefasst hat. Dieses Erlebnis gehört zu denen, an die ich trotz allem mit Befriedigung zurückdenke: Nach einer kurzen Schrecksekunde ging ich nämlich auf den Mann zu und drohte ihm Schläge an. Verlegen und verunsichert wandte er sich ab und verschwand. Nicht besonders klug wahrscheinlich, meine Reaktion – sie fühlt sich aber bis heute gut an. Nach dieser Erinnerung denke ich weiter über mich und sexuelle Übergriffe nach und komme zu dem Ergebnis, dass ich tatsächlich selten von sexueller Gewalt betroffen war – vielleicht bin ich eben selbstbewusst und einschüchternd genug, nicht als geeignetes Ziel wahrgenommen zu werden? In jedem Fall ist das ein Bild meiner selbst, das mir gut gefällt. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass mir diese Episode zuerst einfällt.

Aber der Tag geht weiter, der Aufschrei läuft. Ich krame weiter in Erinnerungen. Und natürlich bleibt es doch nicht bei dem einen Erlebnis: Wie war das noch mit dem übergriffigen Masseur in einem Urlaubshotel, der mit einer sichtbaren Erektion anfing, meine Brüste zu massieren und mir anbot, sich auch noch um andere Stellen zu kümmern? Ich lehnte ab, bedankte mich höflich, bezahlte und ging. Gesagt habe ich nichts, irgendwie hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn er Ärger bekommen hätte. Außerdem befragte ich mich immer und immer wieder selbst, ob ich dieses Verhalten vielleicht selber provoziert hätte – schließlich hatte ich eine “Ganzkörpermassage” bestellt. Vielleicht ein Code für sexuelle Befriedigung?? (Natürlich nicht, versichert mir ein Bekannter, der selbst Physiotherapeut ist.) Nun, ich beschließe jedenfalls weiterhin, es mit Humor zu nehmen. Man will ja nicht als verkrampft oder prüde dastehen, nicht? In der Gesamtschau also bin ich: wehrhaft, aber humorvoll. Kein “Opfer”. Immer noch ein angenehmes Selbstbild.

Über den Tag hinweg fallen mir jedoch noch weitere Ereignisse ein, weiter zurückliegend in meiner Vergangenheit. Ein Sommerurlaub mit sechzehn, eine Strandbekanntschaft, mit der ich lange redete. Abends trafen wir uns wieder auf dem Zeltplatz, ich ging mit zu seinem Zelt. Wir lagen da und sahen in den Himmel, als er sich plötzlich auf mich legte und versuchte, mich zu küssen. Ich wollte das nicht, sagte das auch, es nützte nichts. Ich versuchte, ihn wegzuschubsen, er hielt mich fest, presste sich noch stärker an mich. Erst als ich auf seinen Rücken schlug und laut schrie, hörte er auf. Es ist “eigentlich” nichts passiert, aber ich fühlte mich schlecht – obwohl ich mich gewehrt hatte, nicht nachgegeben, mich durchgesetzt. Aber war ich nicht selber schuld? Hätte mich ja nicht auf dem Zeltplatz mit ihm treffen müssen, abends! War und bin ich also vielleicht nicht nur schlagkräftig und gelassen, sondern auch ein bisschen naiv? Mein schönes Selbstbild wird etwas brüchig.

Trotzdem, denke ich mir, mir ist ja nicht viel passiert. Aber warum bin ich eigentlich der Meinung, drei sexuelle Übergriffe wären “nicht viel”? Die Aufschrei-Aktion auf Twitter zeigt außerdem: Offensichtlich geht es jeder Frau so. Und das ist die entscheidende Botschaft: Sexuelle Übergriffe gehören zum Leben jeder Frau. Ebenso gehört dazu, diese Erlebnisse herunterzuspielen, zu verdrängen, zu rationalisieren und zum Teil auch, sich selbst die Schuld dafür zu geben.

Wie ist es dazu gekommen? Wie werden wir eigentlich erzogen und sozialisiert, frage ich mich als Dr. Mutti. Und beim Nachdenken darüber fallen mir weitere Erlebnisse ein.

Wie ich als Dreizehnjährige an der Seite meiner Eltern durch Istanbul spazierte, als plötzlich jemand meinen Po begrapschte. Ich erschrak, der Täter verschwand sofort wieder im Straßengewühl. Meine Eltern waren mitleidig. Was sie nicht waren: wütend. Oder empört. Und ich war, was ich überhaupt nicht sein will, was gar nicht zu meinem Selbstbild passt: Hilflos und klein.

Und dann eine noch frühere Kindheitserinnerung: Wie ich mit meiner Schwester einen Feldweg am Rand der Stadt entlangging. Ein Mann kam uns entgegen, sprach uns an, entblößte sein Geschlecht. Wir rannten weg, in Panik. Unsere Eltern beruhigten uns zu Hause, erklärten uns Exhibitionismus. Auch hier kein echter Ärger über den Mann, der sei eben so, komisch, krank vielleicht. Aber trotzdem ist es doch ein Erwachsener, der Kindern gezielt Angst einjagt! Ein Gefühl, an das ich mich sehr ungern erinnere.

Aber all das gehört zu einer Normalität, die nicht zuletzt auch Eltern immer wieder ihren Kindern vermitteln. Meine Eltern haben mir erklärt, wie ich mich verhalten soll, um möglichst wenig in solche Situationen zu kommen. Sie haben versucht, mir die Angst zu nehmen, aber auch die Empörung, indem sie Übergriffe relativierten. Schließlich erzählte auch meine Mutter mir, wie sie einmal als Anhalterin belästigt wurde und wie sie nur knapp der Situation entkommen konnte. Oder wie sie jemand nachts auf der Straße von hinten angefallen und zwischen die Beine gegriffen hat. Daraufhin hätte sie im Dunkeln allein Angst gehabt, obwohl ja “gar nichts” passiert sei, nicht einmal die Strumpfhose sei kaputt gegangen. Das ist das, was Eltern wohl auch noch heute ihren Töchtern beibringen: So lange “nichts” (also alles unterhalb einer “echten” Vergewaltigung) passiert ist, vergessen, verdrängen, nicht zu lange damit beschäftigen. Ansonsten: ausweichen, aufpassen, vorsichtig sein. Nachvollziehbar im Einzelfall, aber es zementiert gesellschaftliche Verhältnisse, gegen die jetzt erstmals wirklich protestiert wird.

Aber wie soll man als Einzelner, als Eltern, eigentlich die eigenen Töchter gleichzeitig vorbereiten, sie schützen, sie trösten UND ihnen klarmachen, dass die bestehenden Verhältnisse nicht einfach zu akzeptieren sind? Ich weiß es selbst noch nicht genau. Ich weiß nur, was ich meinem Sohn beibringen werde.

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35 Kommentare

  1. “gegen die jetzt erstmals wirklich protestiert wird” ? So wenig Geschichtsbewusstsein hätte ich Dr. Mutti gar nicht zugetraut.

    1. Nun ja, man möge mir diese verkürzte und undifferenzierte Bemerkung verzeihen: Natürlich haben immer wieder Menschen und auch Gruppen auf Alltagssexismus hingewiesen und dagegen protestiert. Im Twitter-#Aufschrei und dessen breiter medialer Rezeption sehe ich aber doch eine neue Quantität und Qualität. Das alles sollte das “wirklich” beinhalten – da habe ich dem Wörtchen vielleicht ein bisschen viel zugemutet.

  2. Ich habe gestern auch gedacht, dass ich froh bin, einen Sohn zu haben.
    Aber wir würde ich als Bubenmutter reagieren, wenn mir mein Sohn in ein paar Jahren erzählen würde “es war doch nur lustig gemeint, haha, aber die Kuh hat den Spass nicht verstanden, haha, die hat im Fall total überreagiert, haha”?

    Aber bis die Kinder gross sind, werde ich weiter #aufschrei-en. Damit alle sehen können, dass das, was wir irgendwie als “normal” empfinden Grenzüberschreitungen sind, die etwas mit uns machen, unserem Selbstbild, unserem Selbstwert und dass das nicht sein darf!

  3. Danke.

    Mein Erleben mit dem gestrigen Tag ist sehr ähnlich wie Deiner. Ich schwanke zwischen verhalten sein, Gedanken wie „lass die mal machen” oder „dann wehrt Euch”. Das hat sich sehr bald gewandelt, vor allem für den letzten Satz schäme ich mich mittlerweile. Denn es geht nicht darum, dass sich Frauen in all den Schilderungen nicht auch gewehrt hätten. Es geht darum, dass man fremdbestimmt gezwungen ist, sich zu wehren. Gewaltbereit sein muss, sie zumindest androhen muss.

    Ich bin privilegiert, ich bin groß als Frau und trete selbstbewusst auf. Ich weiß, das Freundinnen von mir, kleiner oder „niedlicher” aussehend als ich, sich täglich mit Übergriffen rumschlagen müssen. Und sei es, dass wildfremde Männer sie mit „Kleine” ansprechen und sie duzen.

    Alleine im Berufsleben ist Sexismus noch so etwas von präsent – obwohl dieser gesetzlich deutlicher als irgendwo anders geregelt ist.

    Das ist eine ständige Belästigung im Tagesgeschehen, dabei muss man nicht einmal Sorge haben müssen, gleich Opfer einer Vergewaltigung zu werden. Und es hilft auch nicht, wenn man, nachdem man sich im Einzelfall lautstark oder mit einem Tritt gewehrt hat, dann so ein kleines bedrüpptes Würstchen vor sich zu stehen hat.

    Die Eingangsenergie zu dem Erleben stimmt einfach nicht. Die ist nicht „nicht viel” oder „nicht wichtig” oder man hat auch nicht „selbst mit schuld”.

  4. Aufschrei…

    Auf Twitter läuft seit ca. 36 Stunden das Meme "#aufschrei". Tausende von Frauen berichten von Situationen, in denen sie sexuell belästigt wurden, auf vielerlei Art. Mittlerweile hat sich die englischsprachige Community mit dem Stic…

  5. Gefällt mir, weil es einen Prozess beschreibt, und glaube ich relativ typisch ist. Vom schönen Selbstbild der wehrhaften Frau zum brüchigeren bis hin zur Neubewertung des eigenen Erlebten oder dessen anderer. Langer Satz, komplizierter Sachverhalt. :)

    Auf einer anderen Ebene trifft das auch für mich zu, im weitesten Sinne auf mein Bild als Ehefrau und Mutter. Wieso genau, kann ich hier nicht ausführen, und auch nicht in meinem Blog, weil zu viele weitere Menschen davon betroffen sind, und eben auch meine Kinder.

    Herzlich, Christine

  6. Danke.

    Mir erging es beim längeren Nachdenken ähnlich wie dir. Und wer traut sich schon, in der S-Bahn zurückzupöbeln, wenn man aus den Nebensitzen von mehreren Typen angepöbelt wird? Wer bekommt es nachts auf der Straße nicht mit der Angst zu tun, wenn er(sie!) verfolgt wird? Welche kann sich wehren (mit welchen Konsequenzen), wenn sie in der Ausbildung beim Betriebssfest vom GF auf den Schoß gezerrt wurde? Mir fielen etliche Situationen ein, die mich, heute betrachtet, zum stillen und duldhaften Opfer machten. Früher dachte ich nur: Sch….Kerle, haben die denn keine Kontrolle über sich?!
    Enge Kleidung und Miniröcke sind schön und gut, aber muss ich mir den Stress deswegen antun?
    Ich freue mich jedenfalls auch über die Debatte. Im Jahr 2013…

  7. [...] Mein später Aufschrei. [...]

  8. Danke für den Beitrag. Fühle mich ähnlich. Es war ja nie “was passiert” und am Ende war ich doch selber schuld, schließlich hab ich mich dem Mann eingelassen, der später einfach meine Brüste begrapschte. Vielleicht hab ich ihm, ohne es zu wollen das entsprechende Signal gegeben? Habe früher nicht gelernt, wie man mit solchen Situationen umgeht. Hatte gelernt, immer nett und freundlich und höflich zu sein. Und solche Erlebnisse lieber weg geschoben, die jetzt neu hoch kamen zusammen mit den (eigentlich unsinnigen) unterschwelligen Schuld-und Schamgefühlen. Und dann die Erkenntnis, für die Betroffenen, die sich auch mal unter einander austauschen, erscheinen solche Erfahrungen als Normalität. Macht halt jede Frau mal durch. Aber eine breitere Debatte darüber, ggf. auch mit den Männern im eigenen Bekanntenkreis, erfolgt nicht. … Hab jedenfalls noch viel Stoff zum Nachdenken.

  9. Danke für diesen wichtigen Beitrag zur Diskussion. Es ist wichtig, die Mechanismen zu verstehen, mit denen gerade auch Frauen (und ich schließe mich selbst dabei nicht aus) – zum Schutz des eigenen Selbstbildes, aber auch um ein Gefühl von Kontrolle aufrecht zu erhalten (“Ich hätte anders gehandelt, mir könnte das nicht passieren.”) bei der Verharmlosung von sexualisierter Gewalt / übergriffigem Verhalten mitmachen, oder gar aktiv ins victim-blaming verfallen.

    Wahrscheinlich sind solche Reaktionen normal und ein Stück weit unvermeidlich. Aber nur wenn wir darüber reden und sie verstehen, können wir die Mythen entlarven und dem alltäglichen Sexismus etwas entgegensetzen.

  10. Also deinem Sohn musst du da gar nichts extra beibringen, der weiß das auch so, trägt Respekt (für sich und andere) in sich,. wie eigentlich alle jungen Menschen guter Eltern.

  11. [...] die Mutti, Little Jamie, Kiki, Natalie, der Kaltmamsell. Hanhaiwen oder auch sehr pointiert Mein später Aufschrei von Dr. Mutti folgten [...]

  12. [...] das sparen sollte. Ich finde, das ist kein Mangel. Ich finde ihr solltet lieber die guten Texte von Frauen lesen zum Thema. Meinetwegen auch die schlechten und relativierenden Texte von Frauen. Ich [...]

  13. [...] Mein später Aufschrei (drmutti.wordpress.com) [...]

  14. [...] Sammlungen und eine sehr lebhafte Debatte um die Tweets entstanden. Andernorten werden Erlebnisse auf mehr als 140 Zeichen verarbeitet. Auch die Presse berichtet mittlerweile über die [...]

  15. [...] “So lange “nichts” (also alles unterhalb einer “echten” Vergewaltigung) passiert ist, … – Dr. Mutti [...]

  16. [...] Dr. Mutti: Mein später Aufschrei [...]

  17. “Nichts passiert” – das kenne ich aus meiner eigenen Kindheit und merke auch, wie die Phrase andere Eltern um mich herum häufig verwenden. Ein Kind stößt sich den Kopf. Ablenkung. Es ist ja nichts passiert. Ein Kind fällt von der Schaukel. Ablenkung. Es ist ja nichts passiert. usw. Eine Pädagogin hat mir mit einprägsamen Worten erklärt, warum dies eine sehr schlechte Phrase ist, um ein Kind zu trösten. Nichts passiert? Wenn ein Kleinkind stolpert und hinfällt, dann ist etwas passiert. Es ist gestolpert und hingefallen. Das spürt es am eigenen Körper. Wenn aber alle rund um es herum lachen und sagen “Nichts passiert” … das irritiert. Und irgendwann wird das übernommen. Wenn alle anderen sagen, nichts passiert, na, dann muss mich mein Gefühl täuschen. Ist eh nichts passiert. Genau daran muss ich bei all den sexuellen Belästigungssachen denken. Dir hat jemand am Nachhauseweg auf den Hintern gefasst? Du konntest davonlaufen? Glück gehabt, nichts passiert … Und als ein Professor während der Prüfung seine Beine unterm Tisch gegen meine gerieben hat. Da war ich mir, spätestens als ich es zum zweiten Mal Freundin erzählt habe, fast schon sicher, dass ich mir das eingebildet habe. Nichts passiert. Bei meiner Tochter liegt mir die Phrase oft auf der Zunge, aber ich versuche sie zurückzuhalten und beschreibe, was ich wahrgenommen habe. Und so hoffe ich, dass sie später Vertrauen darin hat, dass das, was sie wahrnimmt, auch passiert. Auf die letzte Frage im Beitrag hab ich damit auch keine Antwort gefunden. Aber vielleicht eine Richtung, in der ich suchen muss …

    1. Danke. Das ist genau das, was ich auch empfunden habe als Kind. Immer wieder diese Phrase und irgendwann beginnt man das zu übernehmen. Und woher kommt wohl das Selbstverletzende Verhalten, dass sich gerade in der Pubertät so nachhaltig manifestiert? Ich bin kein Fachmensch, aber ich denke darüber schon lange nach. Realitäts-, Identitäts- und Empfindungsverluste, gehört das nicht auch zusammen, in die “nichts passiert” Ecke?

  18. Und den Töchtern? Was sagen wir ihnen? Müssen wir sie vorbereiten auf “etwas”? Nichts sagen? Sind sie exponierter als unsere Söhne aufgrund ihres Geschlechtes? Welche Worte wählen wir, wenn wir ihnen erklären, warum sie JEDEM (auch uns Eltern) gegenüber klare Grenzen zeigen dürfen – zuerst der Tante gegenüber, die zur Begrüßung immer küssen will, oder dem Opa, der sie so gern auf den Schoß nimmt, dem Lehrer gegenüber, der beim Sport so gern Hilfestellung gibt?
    Weil es da ein “Mehr” gibt an Verletzbarkeit, an bodensloser Verletzbarkeit, ein spezielles, sexuelles Mehr? Wie und wann erzähle ich davon, ohne meinen Kindern, Söhnen wie Töchtern das Gefühl zu geben, per se Opfer sein zu können? Zumal es keine Ausschlusskriterien gibt?
    Und wie viel schwerer wird das alles für eine zu beantworten sein, die selbst Übergriffe erlebt hat?

  19. Ein älterer “Freund” hat mich als 16-jährige nach Hause gefahren. Vorher hat er immer mal wieder von seiner Frau erzählt, von der Beziehung die nicht so gut läuft etc. Er ist plötzlich in einen Waldweg reingefahren, hat angehalten, und angefangen mich begrabschen und wollte mich küssen. Ich habe panisch geschriehen dass mich sofort rauszulassen oder nach Hause zu fahren soll. Er war erstaunt und sagte dass ich das doch auch gerne will und solche Sachen. Ich frage mich bis heute wie er darauf gekommen ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit hat er mich dann nach Hause gefahren. Am Ende ist hier auch “nichts passiert”, ich frage mich dann wieso mir heute, mehr als 20 Jahre später, immernoch ganz komisch wird bei der Erinnerung. Meinen Eltern hatte ich es zwar erzählt, aber sie haben mir nicht geglaubt. Der “Freund” ist doch so ein netter Kerl. Konnten sie sich nicht vorstellen.

    Genauso haben meine Eltern auch reagiert, als ich ihnen von meiner Begegnung mit einem Exhibitionisten erhählte. Da war ich 12 Jahre alt und zusammen mit einer Freundin unterwegs zum Badeteich auf einem Feldweg. Wir hatten wirklich riesige Angst und sind schnell abgehauen. Aber es ist ja “nichts passiert”…. Warum sind meine Eltern eigentlich nicht auf die Suche nach dem Typen gegangen? Sie haben gar nichts unternommen.

  20. [...] das sparen sollte. Ich finde, das ist kein Mangel. Ich finde ihr solltet lieber die guten Texte von Frauen lesen zum Thema. Meinetwegen auch die schlechten und relativierenden Texte von Frauen. Ich [...]

  21. [...] Mein später Aufschrei « Dr. Mutti [...]

  22. Warum wollte ich mich eigentlich bedanken bei dir? Dafür, dass du mir meine eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen wieder in die Jetztzeit katapultiert hast? Dass ich mich auch wieder erkannt habe bei den Aussagen, dass doch nicht passiert ist und man doch Glück hatte. Scheisse! Warum sollten wir Frauen uns das immer bieten lassen? Nein. Der #aufschrei sollte noch viel lauter sein, andauern, damit unsere Kinder kein solches Verhalten bagatellisieren und wir unser “Stigma” Frau zu sein, an die nächste Generation weitergeben. Ich habe auch einen Sohn und er wird von mir lernen was Respekt für andere heisst. PS: Danke.

  23. Ich kann eigentlich auch nur ähnliches berichten. Aber in einem größeren Ausmaß fast. tatsächlich bin ich aufgewachsen in der festen Gewissheit, gleichberechtigt zu sein, alle Chancen zu haben und dsa mit der Emanzipation-naja, ist eigentlich schon rum. Und vor 2 Jahren gab es tatsächlich so eine Art erwachen und mir wurde immer mehr Sexismus in unserer Gesellschaft bewusst. Und auch bei #Aufschrei fielen mir nach und nach immer mehr DInge aus meiner eigenen Geschichte ein. Dabei hatte ich auch Jahrelang alles weggelächelt, weggesteckt, wollte bloß kein “Opfer” sein. Als ob des etwas schändliches wäre.

  24. [...] Auch #Aufschrei hat gezeigt: Frauen müssen an jedem Ort und in jeder Situation mit solch übergriffigem Verhalten rechnen. Die meisten von ihnen haben sich deshalb einen Schutzpanzer zugelegt und wissen schon gar nicht mehr wie es ist, ohne diesen zu leben. Dieser Schutzpanzer hilft nur leider nicht immer und natürlich muss man sich hier die Frage stellen: Warum sollten Frauen diesen überhaupt brauchen müssen?! [...]

  25. [...] Mein später Aufschrei « Dr. Mutti [...]

  26. Bei mir setzte der Prozess erst gestern oder vorgestern ein, als ich mich etwas intensiver mit #Aufschrei beschäftigte. Zuerst dachte ich – ebenso wie du – dass ich ja noch nie wirklich (…) Opfer gewesen war. Bis mir nach und nach diese einzelnen Begebenheiten einfielen, bei denen “eigentlich nichts” vorgefallen ist, ich mich währenddessen aber so fühlte, als wäre eben doch etwas vorgefallen. Und auch ich erwischte mich dabei zu sagen “ach naja, der war betrunken”, “er hatte einen schlechten Tag”, “er hatte sich ja von seiner Freundin getrennt”.

    Am Ende landete ich bei meinen eigenen Kindern und überlegte mir genau das: Wie würde ich damit umgehen, wie würde ich handeln, was würde ich sagen, wenn… Und nein, aktuell weiß ich es nicht, ich weiß nur, dass ich etwas sagen würde und nicht ablenken. Weil dieses “eigentlich nichts” sehr viel wiegt, wenn man sich nicht gut dabei fühlt.

  27. [...] 1. Es geht nicht um mich, 2. Confession Time, 3. Nur im Web geht’s voran Dr. Mutti: Mein später Aufschrei A. Stefanowitsch: Sagt ihnen nicht, dass sie sich hätten wehren sollen Malte Welding: Männer, [...]

  28. darf ich freundlich daran erinnern dass es sexuelle gewalt nicht nur bei mädchen und frauen sondern auch bei knaben und männern gibt ??
    nur ,männer reden selten darüber weil es ihnen peinlich ist ! trotzdem ist der unerlaubte griff ins gesäß und ins gemächt eines mannes ebenso verwerflich !

  29. [...] MEIN SPÄTER AUFSCHREI (Dr. Mutti) [...]

  30. […] runde und ich denke, ja, das war auch mein #aufschrei; ja, ich hatte auch diese verzögerung, die hier so gut beschrieben wurde, ebenso wie das nein, verdammt, es darf doch nicht wahr sein, was nun […]

  31. Vanessa · · Antwort

    “Ich bin froh einen Sohn zu haben” – dem kein sexueller Übergriff passieren kann?

    Und dann ist der Sohn auch direkt derjenige, der übergriffig werden könnte; die Tochter wird es wohl eher nicht sein – oder?
    Mir ist deutlich, dass das Wort “Opfer” als weiblich eingetütet wird und das Wort “Täter” männlich zu sein scheint. Angeblich laut Statistik (obwohl alle wissen, dass Statistiken über sexuellen Missbrauch widersinnig sind, da die Schweigegebote massiv bei den Opfern sitzen und die Dunkelziffer extremst hoch ist) gibt es einen geringen Anteil an Frauen als Täterinnen und “seien wir mal ehrlich, eigentlich sind Frauen auch nur dann Täter, wenn sie von Männern dazu gezwungen wurden”. Es braucht wohl noch Jahrzehnte, um dieses Bild aufzuweichen. Sadismus betrifft Männer und Frauen. Auch wenn das Bild einer ein Opfer lustvoll quälende Täterin nicht zu dem Bild des liebevoll, umsorgenden Weiblichen passt.

    Übergriffe betreffen Mädchen und Jungs.
    Anzügliche Blicke von Erwachsenen auf den “jungen Hengst” oder den “süßen Liebhaber”. Da kriegt ein Jugendlicher schon mal von einer Frau einen “Klaps” auf den Po oder sie reibt “dezent” ihren Po an seinem Glied. Oder der Mann führt unauffällig die Hand des Jungen an seinen Penis.
    Und zurzeit wendet sich das mediale Bild ja sehr in Richtung “ältere Frau sucht sich einen jüngeren Burschen”. Die sind dann zwar alle volljährig, dennoch werden Männer als Sexobjekt hingestellt. Ob Frauen oder Männer als Sexobjekt hingestellt werden – ich lehne beides ab.

    Das Problem: Jungen können noch schwieriger über ihr Opfer-Sein sprechen als Mädchen, weil es noch Schambesetzer ist.
    Wie reagiert denn die Mutter, deren Sohn ihr offenbart von der Tante einen Zungenkuss bekommen zu haben? Was sagt der Vater, wenn er hört, dass der Onkel seinen Sohn mit in den Puff genommen hat, damit er da endlich sein 1. Mal hat und mal üben kann?
    Jungen und Mädchen leiden beide gleichermaßen unter sexuellem Missbrauch und Anzüglichkeiten und benötigen dringend Hilfe.

    Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir Opfer nicht in weiblich oder männlich eintüten würden, sondern in Kinder und Jugendliche, die Hilfe brauchen. Oder in erwachsene Menschen, die von ihrem Partner gedemütigt werden und Hilfe brauchen.

    Dr. Mutti – ich weiß Ihre Offenheit über Ihre Erlebnisse hier zu sprechen sehr zu schätzen. Mir ist nicht deutlich, was Sie nun Ihrem Sohn beibringen wollen? Eventuell ja auch, dass er mit Ihnen über seine Erfahrungen sprechen kann. Und dass Opfersein geschlechterunabhängig ist.

    1. Ich bin ja hier nicht gerade dafür bekannt, Kinder in Geschlechterkategorien “eintüten” zu wollen. Aber strukturellen Sexismus in der Gesellschaft zu benennen, und auch die Richtung, in die dieser Sexismus geht, ist etwas ganz anderes. Und es ist unbedingt notwendig. Sicher, Kinder werden Opfer von Erwachsenen, das könnte man auch geschlechtsunabhängig betrachten, vielleicht aber auch nicht. Aber sowohl Ausmaß als auch Selbstverständlichkeit sexueller Übergriffe auf Frauen ist nicht zu vergleichen mit Übergriffen auf Männer (die zum großen Teil außerdem von Männern ausgehen). Deshalb mussten Sie sich Ihre Geschichten von Frauen, die ihren Po ungefragt an männlichen Geschlechtsteilen reiben, auch ausdenken.

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