Rauflustige Jungs, zickige Mädchen und unkritische Journalisten

Das in der „Kinder-Uni“-Reihe erschienene Buch „Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig?“ lässt schon im Titel Böses ahnen. Schließlich wird dort nicht gefragt, OB, sondern WARUM Mädchen und Jungen sich unterschiedlich verhalten. Aber ich wollte dem Buch eine Chance geben, nicht zuletzt, weil in dieser Reihe auch hervorragende populärwissenschaftliche Bücher erschienen sind, wie etwa dieses hier von Stefan Rahmstorf. Außerdem gäbe es selbst auf die Frage WARUM immer noch mindestens zwei mögliche Antworten. Diese Antworten sind, grob gesagt, folgende:

a) Jungen und Mädchen verhalten sich unterschiedlich, weil sie sich biologisch voneinander unterscheiden.
b) Jungen und Mädchen verhalten sich unterschiedlich, weil sie unterschiedlich erzogen und sozialisiert werden.

Welche Antwort geben nun die Wissenschaftsjournalisten Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel in ihrem Buch den wissbegierigen Kindern, die sich mit der „Kinder-Uni“ bilden, auf den Weg? Es ist klar und eindeutig Antwort a. Janßen und Steuernagel schrecken auch nicht vor albernen Lebensmittel-Metaphern zurück, um ihre Botschaft an das Kind zu bringen: „Die Schüssel enthält nämlich schon eine Art Backmischung, bevor sie in die Hände der Eltern fällt. Die können den Kuchen zwar veredeln, aber aus einem Bienenstich kann keine Apfeltorte werden und umgekehrt.“ Um es vorwegzunehmen und in der Lebensmittel-Metaphorik zu bleiben: Was uns hier in Form scheinbar leichtverdaulicher Informationshäppchen serviert wird, gehört tatsächlich in die braune Tonne.

Zunächst wiederholen Janßen und Steuernagel altbekannte Geschichten, in denen behauptet wird, dass Jungen und Mädchen unabhängig von jeder Erziehung andere Präferenzen in ihrer Spielzeugwahl und ihrem Spielverhalten hätten:

Eltern und Forscher beobachteten, dass Jungs, wenn sie denn überhaupt etwas mit den Puppen anfangen, mit ihnen völlig neuartige Spiele entwickeln. Der Puppenwagen wird zum Rennauto, die Puppe zum Verkehrsopfer. Und umgekehrt, wie ist es, wenn Mädchen keine Puppen, sondern Rennautos und Eisenbahnen in die Hand bekommen? Auch sie spielen damit meist ganz anders als die Jungs. Vielleicht gestalten sie liebevoll eine Eisenbahn-Landschaft, bauen Bäume und Häuser dazu, überlegen sich Ortsnamen, malen Schilder und spielen schließlich „Ich täte hier wohnen und wäre ein berühmter Star, und du tätest da wohnen und hättest zwei Kinder.“
Seit Jahrzehnten also stehen Forscherinnen und Forscher mit in den Puppen- und Bauecken der Kindergärten und beobachten das Verhalten von Jungs und Mädchen. Dabei haben sie diese verblüffenden Dinge herausgefunden. (S. 31-32)

Dass dies alles nicht anerzogen, sondern angeboren sei, wird unter anderem damit „belegt“, dass Jungen schließlich schon im Mutterleib stärker strampelten, während sich weibliche Embryonen deutlich ruhiger verhielten. Von hier aus geht es dann zu der einfachen wie überzeugenden Schlussfolgerung, dass Mädchen und Jungen eben unterschiedlich seien, egal, wie man sie erzieht und sozialisiert.

Natürlich bekommt das Ganze ein versöhnliches Ende, indem weiter argumentiert wird, dass diese Unterschiede zwar bewiesen, unveränderlich und biologisch determiniert seien, dass aber deswegen Mädchen und Jungen nicht unterschiedlich viel wert sein müssten. Schon gar nicht seien die männlichen Eigenschaften besser, nein, im Gegenteil, die ihnen angeborene Aggressivität und das Imponiergehabe führten oft zu Problemen in der Schule, während die Mädchen mit ihren kommunikativen Fähigkeiten und dem ruhigen Wesen eigentlich die geborenen Manager seien. Würde man die Unterschiede nur endlich akzeptieren und die Geschlechter sich gegenseitig respektieren, wäre alles gut.

Alles sehr einprägsam und eigentlich überzeugend? Vielleicht, aber die Argumentation ist leider äußerst fehlerhaft. Eine ausführliche Diskussion der hier genannten Argumente und der dahinterstehenden Studien findet sich in dem auch sonst äußerst empfehlenswerten „Delusions of Gender“ von Cordelia Fine (eine hilfreiche Rezension gibt es hier in dem Blog von Joachim „Quantenwelt“ Schulz bei den Scilogs). Fine ist nicht nur irgendeine Vertreterin der Gegenposition – der oben genannten Antwort b – sie hat die Studien wirklich GELESEN, die alles das beweisen sollen, was sowohl hier als auch in Janßen/Steuernagels Buch nur sehr verkürzt dargestellt wird. Kurz zusammengefasst, zeigt Fine folgendes:

Es gibt bisher in unserer Gesellschaft keine echte geschlechtsneutrale Erziehung: Die Prägung auf jungen- oder mädchentypisches Verhalten beginnt bereits vor der Geburt mit den Erwartungen der Eltern an einen (kräftigen, strampelnden) Jungen oder ein (hübsches, ruhiges) Mädchen. Das beeinflusst zwei Dinge: erstens die WAHRNEHMUNG des Verhaltens von Jungen und Mädchen – und hier könnte das angeblich unterschiedliche Strampelverhalten im Mutterleib leicht erklärt werden: Wir beobachten das, was unsere Erwartungen bestätigt. Zweitens die REAKTIONEN und BEWERTUNGEN, die auf geschlechtertypisches oder -atypisches Verhalten folgen und die somit das weitere Verhalten von Kindern beeinflussen können. So wird oft wildes Toben bei Jungen weniger sanktioniert oder auch nur mit weniger verständnislosem Kopschütteln quittiert als bei Mädchen – umgekehrt wird fürsorgliches, ruhiges Verhalten bei Mädchen eher gelobt und bestärkt als bei Jungen.

Insofern sind die Beobachtungen über die angeblich angeborenen Unterschiede einfach nichts wert, so lange nicht wirklich gewährleistet werden kann, dass beides nicht von vornherein unterschiedlich gewichtet ist. Ersteres wird in wissenschaftlichen Experimenten vor allem durch den Einsatz von sogenannten Doppelblindstudien gewährleistet, in denen der Beobachter bzw. Versuchsleiter selbst nicht weiß, welche Versuchsgruppe welche ist und von welcher welches Verhalten erwartet wird. Das Ausschalten der zweiten Störvariable, des bereits geschehenen Einflusses der Gesellschaft auf Jungen und Mädchen, ist in unserer Gesellschaft bisher kaum denkbar. Da aber alle der beobachteten Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen im Prinzip durch Erziehung und Sozialisation erklärt werden könnten, gibt es keinen Grund, eine weitere Ursache, nämlich unterschiedliche Biologie der Geschlechter anzunehmen. Das Prinzip von Ockhams Rasiermesser sagt, dass eine Erklärung, die weniger Vorannahmen macht, vorzuziehen ist, so lange man keine Beweise für die Theorie mit mehr Vorannahmen hat. Insofern sollten wir im Moment bei der Sozialisationserklärung für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bleiben.

Leider macht auch Fines Buch keine große Hoffnung auf baldige Überwindung der Geschlechterunterschiede. Im Gegenteil, sie zeigt auf überzeugende Weise, wir stark gesellschaftliche Prozesse sind und wie sich sich selbst reproduzieren können. Aber nur weil etwas stark und nur schwer vom einzelnen beeinflussbar ist, ist es noch keine Biologie. Also, Eltern, vergesst die Kinder-Uni, lest Cordelia Fine und macht euch mal wieder die Mühe, es den Kindern selber zu erklären.

Aber was ist eigentlich mit dem „versöhnlichen“ Tenor des „Kinder-Uni“-Buches? Ist der nicht lobenswert? Sollte man sich in seiner Unterschiedlichkeit akzeptieren lernen? Meine Antwort darauf ist: NEIN. Man sollte Individuen akzeptieren, so wie sie sind. Man sollte sie nicht so akzeptieren, wie man ihnen und sich EINREDET, wie sie sind. Sonst ist man wie der Weiße, der großmütig zugibt, dass Schwarze zwar weniger intelligent seien, aber wirklich besser tanzen könnten: Ein Sexist, dem Rassisten in seiner Logik zum Verwechseln ähnlich.

Literatur:

Janßen, Ulrich und Ulla Steuernagel (2006): Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig? München: Deutsche Verlagsanstalt München.
Fine, Cordelia (2010): Delusions of gender: How our minds, society, and neurosexism create difference. New York/London: Norton.

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13 Kommentare

  1. Reverend_Sykes · · Antwort

    Ich hab keine Ahnung, welche Kinder die beim Spielen beobachtet haben, aber meine sicher nicht. Mein Sohn liebt die Ozeana-Meerjungfrauen-Barbie „Merliah“ und ihre glitzerrosa schimmernde Delfin-Freundin Zuma. Meine Tochter fährt gerne Autorennen und spielt mit Jungs „Star Wars“. Ich versuche weder „geschlechtsspezifisches“ Spielzeug zu vermeiden noch „geschlechtsunspezifisches“ Spielzeug zu bevorzugen. Die Kinder spielen eben mit dem, was sie so in die Finger kriegen, was von meiner Frau und mir „vererbt“ wurde, was von der Verwandtschaft geschenkt wird. Wir versuchen das entspannt zu sehen und schauen mal, was dabei rauskommt.
    Aus dem Bekanntenkreis wurden wir schon gewarnt: „Wenn du deinen Sohn mit Barbies spielen läßt, wird er sicher schwul werden!“ Echt? Dann freue ich mich jetzt schon auf eine gleichgeschlechtliche Hochzeit und kämpfe bis dahin vorsorglich schon mal dafür, daß schwule Pärchen Kinder adoptieren dürfen.

    1. Julian · · Antwort

      Der letzte Absatz hat mir fast ne Träne gemoppst. Ich wünsch mir mehr solcher Menschen. Danke!

  2. Das Buch kenne ich nicht und habe offenbar nichts verpasst, dem Rest stimme ich uneingeschränkt zu.

    Was mich jedesmal so irritiert: da wird am unterschiedlichen Verhalten von Kindergartenkindern, also 2, 3, 4-jährigen oder noch älteren Kindern, die angebliche Angeborenheit von Charakterzügen beurteilt. Aber wo sind denn diese Kinder in den zwei Jahren davor aufgewachsen? Wer weiß, was ein Kind alleine im ersten Jahr lernt und aufsaugt wie ein Schwamm, der wird hoffentlich nicht behaupten, dass die Klischeegeschlechterwelt da draußen (ob auf Plakatwänden, in Bilderbüchern, oder nur durch männliche Bauarbeiter und weibliche Kinderwagenschieberinnen) auf diese Kinder keinerlei Einfluss haben kann.

    Und auch wenn das wissenschaftlich und statistisch irrelevant ist, mein Junge (der zwangsläufig mit mehr Geschlechterklischees aufwächst, als uns lieb ist) liebt seine Puppe, trägt und füttert und tröstet sie, kocht Stunden an seiner Spielküche, mag orange, lila und rosa, und ist absolut verrückt nach Baggern und Feuerwehrautos. Und natürlich wird zum Thema Puppe bei ihm angemerkt, dass eben Ausnahmen die Regel bestätigen, während die Bagger zweifellos angeboren sein müssten. Ich seufze an dieser Stelle.

  3. […] Mutti hat das in der “Kinder-Uni”-Reihe erschienene Buch “Warum raufen Jungs und sind Mädchen zickig?” gelesen und ärgert sich über die biologistischen Geschlechterklischees, die dadrin gewälzt […]

  4. Also jeder Vater und jede Mutter, die Sohn UND Tochter hat, kann bestätigen das Mädchen und Jungen verschiedener nicht sein können.

    1. Ich bin so eine Mutter und kann bestätigen: Zwei verschiedene Menschen können ganz schön verschieden sein. Übrigens auch zwei Töchter.
      Aber mal davon abgesehen, wie generalisierbar diese einzelnen Erfahrungen sind (siehe dazu die gegenteiligen Erfahrungen deiner Vorredner), kann man aus zwei Gründen aus solcher Beobachtung NICHTS über die Biologie von Jungen und Mädchen schließen: 1. Die eigenen Erwartungen und Vorurteile prägen das, was man beobachtet. 2. Selbst wenn du ein neutraler, unvoreingenommener Beobachter sein könntest, beobachtest du immer noch Kinder, die mehrere Jahre ihrem Geschlecht entsprechend sozialisiert wurden.

  5. In einem Seminar über Entwicklungsstörungen erzählte uns die Dozentin, Diplom-Psychologin, wie sie Kinder auf ADHS testet. Auf meine Nachfragen merkte sie an, dass weniger Mädchen zu einer solchen Untersuchung geschleppt werden, unter diesen wenigen Mädchen aber letztendlich auch viel weniger tatsächliche ADHSler zu finden seien als bei den Jungs (es war so etwas im Bereich 20% gegenüber 60%, aber nagelt mich nicht drauf fest).
    Das bewies für mich: Kindgerechtes Toben ist bei Mädchen viel mehr pöh als bei Jungs…

    Dennoch, ob die Genetik überhaupt keine Rolle spielt… Erfahrungen wie diese http://www.amazon.de/Der-Junge-als-M%C3%A4dchen-aufwuchs/dp/344215118X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1339343447&sr=8-1 scheinen dagegen zu sprechen? (Ich habe es allerdings noch nicht gelesen)

  6. @ jgoschler

    Nein daraus kann man sicher nicht auf die biologischen Unterschiede schliessen.

    Das diese Unterschiede allerdings vorhanden sind und erst richtig in der Pubertät zum Vorschein kommen sollte auch nicht von Genderisten geleugnet werden.

    Jungen sind nunmal keine Mädchen.

  7. @ Robin Urban

    Das Buch kenne ich. Man kann gar nicht oft genug drauf hinweissen das dieser Arzt, dieser kleine Dr Mengele, der das Verbrochen hat, dafür gesorgt hat das dieser Genderschwachsinn, der die Jungen krank!!! macht, Einzug in die Gesellschaft erhalten hat.

  8. […] gebracht. Auch Leser*in Robin Urban erwähnt in einem Kommentar zu dem Blogpost über “Rauflustige Jungs, zickige Mädchen und unkritische Journalisten” das Buch “Der Junge, der als Mädchen aufwuchs” von John Colapinto und zweifelt […]

  9. Die Antwort kann also nur ein binäres Entweder oder sein?

    Die „Rauflust“ hat ihren Ursprung im maskulinen Balzverhalten und ist ich nicht gerade der Schmuck der maskulinen Seite unserer Spezies. Maskuline Menschen, die sich treffen, versuchen eigentlich immer eine Hierarchie klar zu stellen und fühlen sich ohne eine solche auch nicht wirklich wohl.

    Diese „Es kann nicht sein was nicht sein darf“ Haltung ist quasi ein unhinterfragtes feministisches Dogma geworden – und ein sehr mysognistisches, weil es offenbar davon ausgeht, das alles maskulin definierte Richtig und alles feminin definierte Minderwertig ist.

  10. Meine Cousinen (7 und 10) könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Große spielt meist mit Jungs, kommt dreckig nach Hause, baut ohne Anleitung die geilsten und kompliziertesten Lego-Autos, die ich je gesehen habe, und hat auch nichts dagegen, mal mit ihrer kleinen Schwester rosa Püppis zu spielen. Die Kleine ist eine Prinzessin, klein und schüchtern, rosa und lieb, aber wenn die Große sie antreibt, haben die beiden es verdammt faustdick hinter den Ohren.
    Die einer Freundin (Junge, 5, und Mädchen, 10) wissen beide schon, wen sie heiraten: sie möchte gern einen Schwarzen heiraten, weil sie blasse Kinder nicht so mag und einen netten schwarzen Freund hat, der Junge möchte einen Fußballer heiraten (Werder Bremen!), aber auf jeden Fall einen Mann, denn Männer könnten keine Babys kriegen, die würden immer so laut schreien und das nerve ihn. Auf meine Anmerkung, Männer könnten aber unter Umständen welche adoptieren, überlegte er kurz und meinte dann: „Aber dann nehmen wir ein leises Kind.“
    Ich selbst habe weder mit Puppen noch mit Autos je was anfangen können. Ich bin auf Bäume geklettert und habe Leute verprügelt. Ich bin eine Mimose und stehe auf Blümchensachen und kaufe in der Männerabteilung. Mein Bruder flirtet mit allem, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, findet schöne Männer genauso schön wie ich und hat kein Problem damit, seinen besten Freund „Mausi“ zu nennen.
    Die meisten Leute, die heute angenehme Bekannte und Freunde sind, sind in der weiterführenden Schule aus den ihnen angezogenen Verhaltensweisen rausgewachsen. Die dörflich-evangelisch erzogenen braven, schüchternen, demütigen Mädchen sind heute genauso aus diesem Scheiß emanzipiert wie die grölenden, prollenden, Herr-im-Haus-Jungen.
    Also erzählt mir keinen Dreck.

  11. […] Rauflustige Jungs, zickige Mädchen und unkritische Journalisten. Ist geschlechtsspezifisches Verhalten angeboren? Was sagt die (Populär-)Wissenschaft dazu? […]

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