„Die Opposition behandelt Eltern wie Idioten“ – huh?

Ganz Deutschland stimmt gegen das Betreuungsgeld. Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Journalisten geführte Zeitung hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Aber was soll man zum Betreuungsgeld eigentlich noch sagen? DIE WELT ONLINE vom 8. Juni 2012 verknotet trickreich die Argumente und kommt schließlich bei folgendem Fazit an:

Die Einwände gegen das Betreuungsgeld sind von berechtigter Kritik an staatlichem Handeln abgerutscht in eine maßlose Polemik gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe.
Es ging Rot-Grün nicht darum, den Staat zu kritisieren, weil er jetzt auch Eltern fördert, die ihre Kleinkinder selbst betreuen. Es ging vielmehr am Ende gegen die Eltern selbst.

Eine Kritik an der Kritik also – liest man aber weiter, scheint es wohl doch eine verdeckte Befürwortung zu sein, denn nach wenig präziser Kritik an dem Wort „Herdgeld“, schießt man vor allem gegen Künast. Begründet wird dies weder mit dem Wohl der Kinder, noch politisch oder wirtschaftlich – das wäre wohl alles entweder zu absurd oder zu offensichtlich. Statt dessen argumentiert der Artikel folgendermaßen: Mit Renate Künasts Ankündigung der sofortigen Abschaffung des Betreuungsgelds im Falle eines rot-grünen Wahlsiegs werde Eltern die Planungssicherheit genommen:

Damit wird ausgerechnet jenen jungen Eltern, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen, bewusst die Möglichkeit genommen, die Zeit mit ihrem Kind zu planen. Die Verkäuferin kann nun vielleicht nicht wagen, nach einem Jahr in Elternzeit eventuell für ein weiteres Jahr nur Teilzeit zu arbeiten und die einjährige Tochter statt ganztägig in der Krippe, nur morgens bei der Oma zu lassen.

Der Arbeiter muss nun vielleicht doch vor dem spitz gerechneten Kauf eines kleinen Eigenheims für seine Familie zurückschrecken. Eine solche rücksichtslose Ankündigung ist keine Politik mehr, sondern Ideologie.

Was vor Ideologie nur so strotzt, ist sicher dieser Absatz. Zunächst kann man sich das Kichern nicht verkneifen angesichts der Idee, dass 1200 Euro – der Betrag, den man insgesamt im zweiten Lebensjahr seines Kindes kassieren könnte, wenn man das Kind nicht in eine Betreuungseinrichtung gibt – tatsächlich entscheidend sein könnten für den Kauf eines „kleinen Eigenheims“. Zu einem solchen Finanzierungsplan würde man gerne im Vorfeld Peter Zwegat nach dem wahrscheinlichen Ende der Geschichte befragen. „WELT ONLINE behandelt Leser wie Idioten“, möchte man am liebsten titeln.

Aber viel subtiler und gleichzeitig entlarvender ist etwas anderes: Die ausgedachten Fallbeispiele. Die frei erfundene Verkäuferin, deren Sinnen und Trachten nur dahin geht, ihr Kind ausschließlich von weiblichen Familienmitgliedern betreuen zu lassen, nämlich von sich und der Oma, und dafür „nur morgens“ arbeiten will, wird einem Arbeiter gegenübergestellt, der „seiner Familie“ ein Eigenheim kaufen will – soll dieser zu Hause bleiben? Oder soll vielmehr seine Frau das Kind betreuen, während er arbeiten geht, ihm dann aber die 100 Euro pro Monat abliefern, damit ER das Haus „für seine Familie“ kaufen kann?

In der verdrehten Rhetorik des Artikels, der sich nicht wirklich traut, das Betreuungsgeld gutzuheißen und trotzdem versucht, dessen Kritiker zu kritisieren, wird eines sehr schön deutlich: Auch der realitätsfernste Betreuungsgeldbefürworter kann nicht ernsthaft glauben, dass man damit irgendeinem konkreten Elternteil einen echten Gefallen tut – es geht dabei um eine, und nur eine Sache: Die Zementierung eines überholten Familienmodells mit überkommenen Geschlechterrollen.

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One comment

  1. Hier stößt mir wieder dieser Verwendungszweck auf, der hier propagiert wird, der mich schon beim Kindergeld immer gestört hat (bei meinen Eltern jedenfalls): Bei meinem Auszug waren sie felsenfest überzeugt, dass sie weiter das Kindergeld für mich bekommen und nicht ich, weil sie das für eine Art Prämie hielten, dass sie Kinder in die Welt gesetzt haben; ich dagegen betrachtete das als eine finanzielle Unterstützung für den, der das Kind versorgt, also jetzt ich. Und das selbe jetzt mit dem Eigenheim: Ich halte nichts von diesem Betreuungsgeld, aber wenn es das denn gäbe, dann sollte es wenigstens dafür aufgewendet werden, dass der betreuende Elternteil für das Geld mit dem Kind was unternehmen oder es anderweitig fürs Kind nutzen kann. Natürlich ist mir klar, dass es bei vielen Familien wahrscheinlich trotzdem die Zahlung der Stromkosten unterstützt oder irgendwas. Aber für das Betreuungsgeld zu argumentieren, dass der Papa davon ein Haus bauen könnte, ist in meinen Augen Schwachsinn, weil es nicht wirklich dem Kind zugute kommt. Klar, es wohnt dann mit den Eltern im Haus – aber irgendwann hat es nicht mehr viel davon. Vielleicht verkaufen die Eltern das Haus eines Tages oder was auch immer. Wenn, dann sollte das Betreuungsgeld wo möglich dem Kind direkt zugute kommen.

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