Traglinge, Lieglinge und der edle Wilde

Gestern abend beim Umschalten von der Partie Russland gegen Polen stieß ich im WDR auf eine Sendung mit dem Titel „Die Welt der Babies„. Neben allerhand Altbekanntem wurde auch über „die Jungtiere der Erdbewohner“ berichtet. Dort erfuhr man, dass menschliche Säuglinge im Gegensatz zu Nesthockern und Nestflüchtern zum Jungtiertypus der „Traglinge“ gehören, so wie auch Beuteltiere und Affenjunge. Nach einem Einspieler, in dem man niedliche Bilder verschiedener Affenarten mit ihren Jungen sehen konnte, ging es direkt zu Indios und anderen Gesellschaften, in denen Babies üblicherweise mit Hilfe von Tüchern und Decken umhergetragen werden. Eine Reihe von Szenen aus Drittweltländern folgte. Reichlich romantisierend wurde darüber resümiert, wie authentisch und gleichzeitig praktisch diese Art der Babybetreuung sei – im Gegensatz zu degenerierten Industrieländern, in denen der natürliche Tragling immer mehr zum „Liegling“ werde – Schnitt zu weißen Babies in Kinderwagen. Schon regte sich reflexhaft eine Art schlechtes Gewissen bei mir: Auch mein jüngstes Kind wird oft im Kinderwagen transportiert! Was richte ich da nur an?

Aber diese Art gesellschaftskritischer Nachdenklichkeit macht mich generell auch immer etwas misstrauisch. Dahinter scheint immer die Idee zu stehen, dass „Naturvölker“ Dinge tun, weil sie natürlich sind, was per definitionem besser für den Menschen sei, während kulturelle Errungenschaften uns von diesem guten Naturzustand hinwegführen. Die Schlussfolgerung ist meistens, dass irgendein relativ zufällig ausgewähltes Sample aus Verhaltensweisen anderer Gesellschaften als unbedingt empfehlenswert oder sogar als einzig richtig dargestellt wird.

Tatsächlich war ich selbst vor Jahren mit meinem ersten Kind in Bolivien. Dort mussten wir schnell einsehen, dass der Buggy, den wir für unseren 20-monatigen Sitzling mitgeführt hatten, und der uns in Berlin gute Dienste geleistet hatte, nicht in gleicher Weise für die Straßen von La Paz geeignet war. La Paz liegt auf einer Höhe zwischen 3800 und 4200 Metern über dem Meeresspiegel in einem Talkessel in den Anden. Dabei ist La Paz so eine Art gespiegeltes Stuttgart: Je ärmer man ist, desto höher am Berg wohnt man. Insofern bleibt den Eltern dort nicht viel anderes übrig, als ihren Nachwuchs zu tragen – jeder Buggaboo wäre dort nutzlos. In Bolivien werden Kinder deshalb üblicherweise in eine auf den Rücken gebundene Decke gesteckt. Während ich also in La Paz noch unter Schnaufen den Buggy 50-prozentige Steigungen hochzuschieben versuchte, um danach rückwärts wieder herunterzukrauchen, war auf der Isla del Sol, einer Insel im Titikakasee, wo es überhaupt keine Straßen gibt, schließlich Schluss. Wir erstanden eine Decke. Gemäß europäischer Gender-Logik – schwere Dinge tragen ist Männersache – band sich der Vater des Kindes Kind mit Decke um und schleppte es über die Insel. Das wiederum löste noch mehr amüsiertes Erstaunen unter den Bewohnern der Insel aus, als es der Buggy jemals vermocht hätte: Ein MANN, der ein Kind trägt! Zum Totlachen. Tatsächlich ist dies in Bolivien absolut unüblich. Die Männer, die man als Tourist tagsüber zu Gesicht bekommt, sitzen zum größten Teil auf dem Boden und kauen Kokablätter. Nicht entgangen ist mir aber auch der durchaus nachdenkliche Blick derjenigen Frauen, die nicht ganz so laut lachten. Ich stelle mir jetzt noch gerne vor, welchen ehelichen Unfrieden wir hier und da mit unserem abweichenden Verhalten ausgelöst haben könnten.

Was lehrt uns nun diese Anekdote? Ich denke, sie zeigt, dass Leute sowohl in der Kinderaufzucht als auch in anderen Bereichen oft das tun, was im Rahmen ihrer Lebensumstände und der kulturellen Gegebenheiten praktisch oder notwendig ist – Natürlichkeit und Authentizität hin oder her. Denn auch die in der WDR-Sendung als „praktisch“ gelobte Tatsache, dass beim Tragen auf dem Rücken die Hände der Mutter frei bleiben, ist in der Tat in einer Kultur, in der die Männer sich sowohl aus Haushalt als auch aus der Kindererziehung komplett heraushalten, nicht nur praktisch, sondern eben notwendig. Es ist eine andere Frage, ob das anhaltende Tragen auf dem Rücken nun tatsächlich besser ist für die Entwicklung eines Kindes als das Liegen in einem Kinderwagen. Einige Argumente dafür, wie der dadurch entstehende enge Körperkontakt, klingen zumindest vernünftig. Die Tatsache, dass etwas in anderen, ärmeren Gesellschaften normal ist, führt aber nicht automatisch zu dem Schluss, dies sei natürlicher und daher besser. Schon gar nicht dann, wenn es sich um Dinge handelt, die sich diese Menschen nicht ausgesucht haben, sondern die sie nur so und nicht anders machen können. Schließlich gebe ich meinen Kindern auch nur streng auf Trinkwassertauglichkeit getestes Wasser, lasse ihre Krankheiten vom Arzt behandeln und schicke sie in die Schule, zum Musikunterricht und zum Sportverein – alles Dinge, die viele Eltern auf der Welt nicht tun (können). Und jetzt schiebe ich gleich wieder trotzig mein Kind zum Drogeriemarkt und verstaue Windelpakete und Waschmittel unter der Liegefläche des Kinderwagens. Und wenn die Wäsche in der Waschmaschine und das Baby in der neuen Windel ist, werde ich es noch ein bisschen herumtragen, weil wir das beide schön finden. Und wenn wir in die Berge fahren, habe ich immer noch die bolivianische Decke.

(Die komplette Sendung findet sich hier in der Mediathek des WDR. Wer nur den hier besprochenen Teil der Sendung sehen möchte, klickt auf den Link mit dem Titel „Start ins Leben – Wie Jungtiere heranwachsen“).

(Ein interessanter Artikel von dem Biologen Bernhard Hassenstein über Argumente für die Einordnung des menschlichen Säuglings als Tragling findet sich hier.)

 

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4 Kommentare

  1. Es ist doch unbestreitbar, dass, was Naturvölker tun, richtig und gut ist, z.B. lange vor Erreichen des Rentenalters sterben!

  2. Der verlinkte Artikel von Hassenstein ist interessant, aber die Grundbedürfnisse des Traglings, die er dort aufführt – Nähe zum Elterntier, schaukelnde Bewegung – werden durch das Herumschieben im Bugaboo perfekt erfüllt!

    Der Artikel lässt außerdem den Schluss zu, dass das Herumtragen in einem Tuch auf dem Rücken kein bisschen natürlicher ist als das Herumschieben im Kinderwagen, sondern, dass ausschließlich das Herumtragen auf der Hüfte evolutionär korrekt ist. Das sollte dann aber das Männchen machen, denn sonst hat das Weibchen die Hände ja nicht mehr zum Arbeiten frei.

  3. Morjanne · · Antwort

    Über das Dogma des „natürlicheren“ und damit richtigen Tragens habe ich mich schon oft geärgert, nicht erst seit ich schwanger bin und darüber nachdenken muss.
    Sicher, enge Mutterbindung für das Kind und freie Hände für die Frau sind wichtig und nicht zu unterschätzen – genauso sollte man aber bedenken, dass Säuglinge noch keinen sehr stabilen Körper haben (ich sehe in Tragetüchern immer wieder hin- und herkullernde Köpfe) und auch keinen sehr ausgeprägten Gleichgewichtssinn.

    Zu letzterem schimpft meine Mutter immer über Schäden durch eine zu frühe aufrechte Haltung, die unter „Naturvölkern“ zumindest durch die harte Arbeit der Frauen kompensiert werden – sie tragen das Kind nicht zum Spaß durch die Gegend, sondern verrichten nebenbei Feld- oder Küchenarbeit, sind also in Bewegung und selten aufrecht.

  4. Mein Reden! Kinderwagen, ein Entwicklungsmerkmal. Wobei Du das natürlich noch sehr viel eloquenter zum Ausdruck bringst als ich. http://hausfrau-und-mutter.blogspot.de/2011/08/kinderwagen-als-entwicklungsmerkmal.html

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