Gender unter dem Messer

Der Fall des David Reimer, eines Jungen, der zum Mädchen umoperiert und als Mädchen aufgezogen wurde, wird in der Diskussion um den Ursprung von Geschlechterunterschieden immer wieder als Argument für die biologische Determiniertheit von geschlechtsspezifischem Verhalten gebracht. Auch Leser*in Robin Urban erwähnt in einem Kommentar zu dem Blogpost über „Rauflustige Jungs, zickige Mädchen und unkritische Journalisten“ das Buch „Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“ von John Colapinto und zweifelt aufgrund der darin erzählten Geschichte an ausschließlich „anerzogenen“ Geschlechterrollen. Da mich die Frage nach Geschlechterrollen und Erziehung im allgemeinen stark beschäftigt, habe ich mir den Fall noch einmal näher daraufhin angesehen.

Zunächst: Dieser Fall ist äußerst deprimierend und nichts für zarte Gemüter, eine fortgesetzte Reihe an Grausamkeiten gegenüber einem Kind. Der Hintergrund ist folgender: David Reimer wurde 1965 als Bruce Reimer, ein gesunder, eineiiger Zwilling, in Kanada geboren. Aufgrund einer Vorhautverengung (Phimose) sollte er im Alter von 8 Monaten beschnitten werden. Die Operation, die auf unübliche Art und Weise mit einem elektrischen Kauter durchgeführt wurde, misslang und Bruces Penis wurde so stark verbrannt, dass eine chirurgische Reparatur unmöglich war. Kurz danach stellten die Eltern Bruce dem Psychologen John Money vor, den sie aus dem Fernsehen kannten und der dafür bekannt war, die „Gender Neutrality“-Theorie zu vertreten, die Idee, dass Geschlechteridentität anerzogen ist. Er überzeugte die Eltern davon, dass die chirurgische Konstruktion einer Vagina und die Erziehung „als Mädchen“ für Bruce das Beste sei. (Dass der Fall für ihn nicht zuletzt deshalb eine große Faszination ausübte, weil Bruce einen genetisch identischen Zwilling hatte und er so einen idealen „Testfall“ für den Beweis seiner Annahmen darstellte, war sicherlich für Moneys Handeln entscheidend, soll hier aber im Moment nicht im Vordergrund stehen.) Die entsprechenden Operationen wurden durchgeführt, Bruce wurde fortan „Brenda“ genannt und die Eltern sollten ihn entsprechend dem weiblichen Stereotyp erziehen. Bruce/Brenda verhielt sich insgesamt nicht wie erwartet – er verteidigte nämlich unter anderem seinen Bruder gegen andere und wollte auch mit dessen Spielzeugautos spielen: Für viele schon ein Beweis, dass er eben durch und durch ein Junge war (denn Mädchen verteidigen ihre Brüder NIE gegen andere und wollen auch NIE mit deren Spielzeug spielen). Vor allem aber war Bruce/Brenda äußerst unglücklich. Nachdem er im Teenageralter erfuhr, was es mit seinem biologischen Geschlecht auf sich hatte, nannte er sich „David“ und beschloss, als Mann zu leben. Später heiratete er eine Frau, die bereits drei Kinder hatte. Diese Entscheidungen wurden vielfach als Gegenbeweis dafür betrachtet, dass Geschlechterrollen anerzogen sind. Aber David Reimer wurde trotzdem kein glücklicher Mensch. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, nahm er sich im Alter von 38 Jahren das Leben.

Wie aber sollte das „Anerziehen“ einer Geschlechterrolle bei Bruce/Brenda überhaupt aussehen? Es beinhaltete gegendertes Spielen, gegenderten Umgang mit den Eltern, gegenderte Förderung von Interessen und Neigungen und so weiter. Davon abgesehen, dass schon dies unter den gegebenen Umständen ein problematisches Unterfangen ist, sollte aber auch Bruces/Brendas sexuelle Orientierung geändert werden. Offensichtlich machte John Money konzeptuell keinen Unterschied zwischen geschlechtsspezifischem Verhalten, das bestimmte Interessen und Kleidungsstile bevorzugt, und sexuellen Vorlieben. Noch verrückter als diese Idee waren aber die Praktiken, mit denen diese Umorientierung erreicht werden sollte, nämlich unter anderem durch das Nachstellen des Geschlechtsaktes mit seinem Zwillingsbruder, wobei dieser in typischen Stellungen wie der Missionarsstellung und dem „Doggie Style“ die männliche Position einnehmen sollte. (Mehr Informationen finden sich auch in dem englischen Wikipedia-Artikel über David Reimer.)

Bereits an dieser Stelle kann man wohl mit Gewissheit sagen, dass John Money sowohl menschlich als auch wissenschaftlich nichts taugte und dass dieser Menschenversuch als ethisch unvertretbar und als wissenschaftlich absolut wertlos gelten muss. Money hat im übrigen nichts gemein mit Wissenschaftler*innen, die sich auf ernsthafte und seriöse Weise mit Genderfragen beschäftigen.

Dass die erzwungene Änderung sexueller Orientierung grundsätzlich eine schlechte Idee ist, dafür gibt es deutlich mehr anekdotische Evidenz, unabhängig davon, ob es Frauen oder Männer betrifft, die (meistens) von homosexuellen zu heterosexuellen Menschen erzogen werden sollen. Bei sexueller Orientierung ist es nicht völlig unplausibel, davon auszugehen, dass diese biologisch beeinflusst werden kann, denn sexuelle Orientierung ist keine Kulturtechnik so wie das Tragen von Röcken und Schleifen oder die Begeisterung für Fußball. Nicht nur sollte David Reimer dazu erzogen werden, Männer sexuell anziehend zu finden, dies wurde überdies mit demütigenden Praktiken versucht. Dass wahrscheinlich jeder Mensch spätestens von dieser Art von „Erziehung“emotionalen Schaden davontragen würde, scheint mir einleuchtend. Wie angesichts dieses Verhaltens einem Kind gegenüber also jemand ernsthaft behaupten kann, dessen einziges Problem sei die Verweigerung eines männlichen sozialen Geschlechts gewesen, ist mir allerdings rätselhaft. David Reimer wurde höchstwahrscheinlich mit jeder Menge negativem Feedback auf alles, was er machte, überschüttet – sei es, mit seinem Zwillingsbruder zu spielen (weil das unter Umständen Spielzeugautos involvierte), sei es, mit seinem Vater zu toben (weil das zu „jungenhaft“ war). Er wurde seit seiner missglückten Beschneidung von seinem Vater als defizitär und problematisch betrachtet, denn dieser machte sich große Sorgen darum, wie sein Sohn als Mann ohne Penis leben sollte. Die Eltern waren aufgrund des Planes, eines ihrer Kinder starr auf ein bestimmtes Stereotyp hin zu erziehen, wahrscheinlich nicht mehr in der Lage, einen spontanen und natürlichen Umgang mit ihrem Kind zu pflegen. Allein dieses emotionale Setting würde eine recht unglückliche Kindheit und eine schließlich dysfunktionale Familie erklären können. Und tatsächlich, David Reimer war nicht der einzige Unglückliche in der Familie: Die Mutter wurde depressiv, der Vater hatte ein Alkoholproblem, und der Bruder wurde gewalttätig, bevor er später, noch vor David, an einer Überdosis Antidepressiva starb – und das ganz ohne dass diese drei Familienmitglieder zu einem von ihrem biologischen Geschlecht abweichenden sozialen Geschlecht gezwungen wurden!

So eindrucksvoll die Beschreibung von Bruces/Brendas/Davids Schicksal auch ist, sie ist meines Erachtens kein gutes Argument für die Angeborenheit geschlechtsspezifischen Verhaltens – das „Experiment“ ist wertlos, weil es unter unzähligen falschen Vorannahmen durchgeführt wurde. Kein mögliches „Ergebnis“ wäre aussagekräftig gewesen. Daraus, dass ein wissenschaftlich wertloses Experiment nicht die angenommene Hypothese bestätigt, kann man jedoch nicht schließen, dass die Hypothese falsch ist – das wäre so, als würde ich versuchen, zu Hause mit Hilfe eines Laserpointers einen Blinddarm zu entfernen und aus dem Nichtgelingen zu schließen, dass Laser in der Medizin nicht einsetzbar und Laserskalpelle daher reine Utopie seien.

Trotzdem kann und muss man natürlich aus David Reimers trauriger Geschichte lernen. Nämlich, dass man einfach nicht versuchen sollte, Kinder in eine vorgefertigte Geschlechterrolle zu zwängen.

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2 Kommentare

  1. nun , ich bin als kind auf bäume geklettert, habe mich mit jungen und mädchen gerauft , hab meinen bruder verteidigt , allerdings auf typisch “ mädchenhafte art“ , ich hab die jungen,die ihn verhauen wollten in den hintern gebissen , da war ich ungefähr 6/7 jahre alt. wir haben indianer gespielt und trotzdem bin ich biologisch femal geblieben! meine kinder ,3 söhne 1 tochter sind von mir nie geschlechterspezifisch erzogen worden und trotzdem war meine tocher ein typisches mädchen, zickig, weinerlich und entsetzlich eitel ! ich denke , kinder entwickeln sich ganz von selbst in ihre natürliche geschlecherrolle, man muß sie nur lassen !

  2. Um aus der Misshandlung dieses Menschen ein auch nur halbwegs brauchbares wissenschaftliches Experiment zu machen, hätten die Eltern die Vorgeschichte gar nicht kennen dürfen. Wie kann irgendjemand das als Beleg für eine Angeboren-These nutzen?*

    *Abgesehen davon, dass die Grundthese nicht einmal strittig ist: Mehr als die Hälfte der gezeugten/geborenen Kinder hat die Ausstattung R, der Rest N, um bestimmte, notwendige biologische Vorgänge zu ermöglichen.

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