Armut, Mangel, schwache Forschung – Neue UNICEF-Studie zu Kinderarmut

Heute und gestern wurde wieder in verschiedenen Zeitungen das Ergebnis einer UNICEF-Studie berichtet, nach dem 2,5 Millionen bzw. 8,8% aller Kinder in Deutschland in Armut leben. Damit schneide Deutschland unter den Industrieländern nur mittelmäßig ab, im Vergleich mit 29 anderen Industrienationen belegt es Platz 15. Diese Zahlen sind – wie seit Jahren – schockierend. Gleichzeitig klingen sie aber auch so extrem, dass man sie nur schwer mit den eigenen Alltagserfahrungen in Einklang bringen kann. 8,8%, das wären in einer durchschnittlichen Schulklasse von 25 Schülern immerhin 2,2 Kinder. Kann das wirklich stimmen? Oder sind diese armen Kinder alle außerhalb unserer Erfahrungswelt?

Um dies genauer beantworten zu können, habe ich einen genaueren Blick auf die Studie geworfen. Über welche Art von „Armut“ wird dort eigentlich geredet?

In dem Fragebogen, der in insgesamt 125.000 Haushalten erhoben wurde, werden für Kinder 14 Kriterien abgefragt, anhand derer man über die Zugehörigkeit zur Gruppe der Armen entscheidet. Bei einem Kind, das zwei oder mehr der Kriterien nicht erfüllt, liegt eine „besondere Mangelsituation“ vor – in der Kurzfassung, die in den meisten Zeitungen geliefert wird, gilt so ein Kind als „arm“. Insofern ist die Studie in sich bereits sehr undifferenziert: Man erfährt durch das Ranking nach Ländern nicht, ob der Durchschnitt der armen Kinder eben tatsächlich nur zwei oder drei der genannten Kriterien nicht erfüllt oder eher zehn oder mehr.

Noch kritischer ist aber meines Erachtens das ungewichtete Nebeneinanderstellen der einzelnen Kriterien zu bewerten. Die Kriterien sind im Einzelnen:

1. Drei Mahlzeiten am Tag
2. Eine warme Mahlzeit täglich (mit Fleisch, Fisch oder einem vegetarischen Äquivalent)
3. Täglich frisches Obst und Gemüse
4. Altersgerechte Bücher (nicht ausschließlich Schulbücher)
5. Spielzeug für Aktivitäten im Freien (Fahrrad, Rollschuhe etc.)
6. Regelmäßige Freizeitaktivitäten z.B. in Sportvereinen, Jugendorganisationen oder das Erlernen eines Musikinstruments
7. Mindestens ein altersgerechtes Spielzeug pro Kind – z.B. Bauklötze, Brett- oder Computerspiele
8. Geld, um an Schulausflügen oder Veranstaltungen teilzunehmen
9. Ein ruhiger Platz für Hausaufgaben
10. Ein Internetanschluss
11. Einige neue Kleidungsstücke (nicht ausschließlich bereits getragene Sachen)
12. Zwei Paar Schuhe, wenigstens eins davon wetterfest
13. Möglichkeit, ab und zu Freunde zum Spielen und Essen nach Hause einzuladen
14. Möglichkeit, Geburtstags- oder Namenstage sowie religiöse Feste zu feiern

Es ist recht offensichtlich, dass hier sehr unterschiedliche Indizes für Armut abgefragt werden, die außerdem auch in den unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedliche Bedeutung haben können: Ob jemand ein paar wetterfeste Schuhe besitzt, ist sicherlich in Island und Sizilien nicht gleichermaßen wichtig.

Außerdem unterscheiden sich die Kriterien untereinander sehr stark: Nach unserem alltäglichen Verständnis würden sicher die meisten von uns ein Kind, das kein Paar wetterfeste Schuhe besitzt, allein dadurch als „arm“ gelten – hier würde also ein Kriterium schon genügen. Ob dagegen die Tatsache, dass ein Kind über keinen Internetanschluss verfügt und gleichzeitig nicht regelmäßig in einem Sportverein oder einer Jugendorganisation aktiv ist oder ein Instrument erlernt, bei Erfüllung aller anderen Kriterien in unserem Alltagsverständnis tatsächlich als „arm“ gelten würde, ist fraglich. Es sei hier einmal dahingestellt, ob letztgenannte Dinge tatsächlich notwendig sind, sicher ist jedoch, dass hier sehr unterschiedliche Dinge statistisch gleichwertig gezählt werden. Das macht es schwer, das Ausmaß von Kinderarmut anhand dieser Studie tatsächlich realistisch einzuschätzen.

Schließlich bin ich etwas misstrauisch der Abfrage dieser Dinge gegenüber: Bei einigen Kriterien wird explizit nach der MÖGLICHKEIT gefragt, z.B. ob ein Kind die Möglichkeit hat, Namens- oder Geburtstage zu feiern, nicht, ob es das auch tatsächlich tut. Und bedeutet die Möglichkeit, dass es der Familie prinzipiell möglich wäre, oder dass das Kind dies frei entscheiden kann? Was ist also zum Beispiel mit Eltern, die sich bewusst gegen einen Internetanschluss entschließen? Oder mit Haushalten, in denen es zwar einen Internetanschluss gibt, das Kind diesen aber nicht nutzt?
Bei anderen Kriterien bleibt gänzlich offen, ob es um Möglichkeiten oder tatsächliche Gegebenheiten geht. Was z.B. genau heißt „täglich frisches Obst und Gemüse“? Es gibt Kinder, die nur sehr ungern frisches Obst oder Gemüse essen – wenn es einen Tag in der Woche gibt, an dem man sie nicht dazu zwingt, gehören sie dann trotzdem in die Gruppe, die täglich frisches Obst und Gemüse haben? Muss beides sein, oder reicht am Tag eine Portion Obst ODER Gemüse? Beantworten also Eltern – hier ein konstruierter Extremfall – die Frage richtig mit JA oder NEIN, wenn Ihr Kind samstags nur etwas Obst, aber kein Gemüse isst? Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass unterschiedliche Leute diese Fragen unterschiedlich verstehen und dementsprechend beantworten: Der Fehler, der dadurch entsteht, wächst dann in der Hochrechnung von den 125.000 befragten Haushalten auf die Bevölkerung der 29 Industriestaaten um ein Vielfaches.
Und als wäre das nicht schon genug, werden dann auch noch ohne Not zwei Fragen in eine gepackt, so dass die Antwort „nein“ keine klare Antwort ist – so etwa im Fall der Schuhe: Besitzen die Kinder, denen es an Kriterium Nr. 12 mangelt, nur EIN Paar wetterfeste Schuhe, oder ein Paar nicht-wetterfeste Schuhe, oder viele Paare nicht wetterfeste Schuhe, oder gar keine Schuhe? Alle Fälle würden unter „nein“, also „Mangel“, subsumiert.

Es ist also schwierig bis unmöglich, der Studie wirklich Aussagekräftiges zu entnehmen. Zwar werden in der Pressemitteilung der UNICEF die einzelnen Mängel für Kinder in Deutschland getrennt aufgelistet, und so erfährt man, dass es deutschen Kindern vor allem an regelmäßigen Freizeitaktivitäten fehlt (6,7 Prozent). 4,9% haben keine tägliche warme Mahlzeit, 4,4% keinen ruhigen Platz für Hausaufgaben. 3,7% der Kinder besitzen höchstens ein einziges Paar Schuhe (man erfährt jedoch schon aufgrund der Fragestellung nicht, ob dieses „wetterfest“ ist oder nicht). 3,1% bekommen keine neue Kleidung. 3% leben in einem Haushalt ohne Internetanschluss. Aber auch hier bleibt völlig offen, ob Mangel an einer Art Grundversorgung (Ernährung und Kleidung) mit einem Mangel an Bildungsmöglichkeiten – wie etwa altersgerechte Bücher, ein eigener Arbeitsplatz, Internetanschluss oder Mitgliedschaft in einem Verein – oder mit wiederum anderen, eher sozialen Faktoren, wie der Möglichkeit, seinen Geburtstag zu feiern oder Freunde zum Essen und Spielen einzuladen, in einem direkten Zusammenhang stehen.

Während also das Erstaunen über die unglaublich hohen Zahlen „armer“ Kinder also etwas nachlässt, weil es zumindest zum Teil um Kinder geht, deren Zugang zu Bildung eingeschränkt ist, wächst die Verwunderung über die Unbedarftheit, mit der diese Studie offensichtlich designt wurde: Immerhin hat man sich die Arbeit gemacht, 125.000 Haushalte zu befragen und diese Befragung auszuwerten. Hätte man da nicht ein bisschen mehr Sorgfalt bei der Erstellung des Fragebogens im Vorfeld walten lassen können?

Das Bedauerlichste daran ist meines Erachtens, dass sich dadurch auch die Interpretation der Zahlen und die Vorschläge, wie man die Situation von Kindern in Deutschland verbessern könnte, auf nichts Handfestes stützen können. Die UNICEF selber rät ausdrücklich zu einem Ausbau staatlicher Betreuungs- und Bildungsangebote, wodurch ein Großteil der Mängel beseitigt werden könnten. Denn oft liegt bei den Kindern in Deutschland ein Mangel vor, deren Eltern arbeitslos sind (42,2 %) oder einen niedrigen Bildungsabschluss haben (35,6 %) – hier handelt es sich also um die Ausgrenzung von Kindern aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten, die dadurch verstärkt wird, dass man Eltern mit der Versorgung ihrer Kinder mit Bildungsmöglichkeiten weitgehend allein lässt. Jetzt wünschte man sich nur noch eine Studie, die genau das methodisch sauber untersucht.

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2 Kommentare

  1. armut ist : …. wenn ich für mein kind abgetragene sachen aus der kleiderkammer erwerben MUß, weil ich neue nicht bezahlen kann !…. wenn ich mich bei den tafeln anstellen MUß weil mein geld nicht zum leben reicht !…. wenn mein kind nicht an veranstautungen teilnehmen KANN wenn es das möchte!
    im rahmen der heutigen anforderungen ist auch armut wenn ich meinem kind den erforderlichen
    PC und den internetanschluß nicht bzahlen KANN!…… auch das eis welches ich meinem kind nicht kaufen kann ist armut. ich glaube nicht dass es darauf ankommt ob meine kinder kein obst essen wollen sondern darauf dass ich es bei bedarf kaufen kann! und das ist in unserer heutigen zeit nicht immer möglich !
    benachteiligt werden diese o.g. kinder von der gesellschaft , die nur auf fortschritt und wachstum aus ist. ich halte es nach wie vor für diskriminierung zu behaupten dass kinder nur in staatlich geförderten betreuungseinrichtungen ausreichend gefördert werden können ! menschen mit sogenanntem niedrigen bildungsabschluß , sond letztendlich keine idioten nur weil sie kein diplom vorweisen können ! denken ist kein privileg der studierten !

    ARMUT IST IMMER DANN WENN MENSCHEN ,EGAL OB KINDER ODER ERWACHSENE,AUF GRUND IHRES WIRTSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN STATUS VOM LEBEN AUSGESCHLOSSEN WERDEN WEIL IHNEN DIE MITTEL ZUR TEILNAHME FEHLEN.

  2. Diese Studie schein wirklich furchtbar geplant zu sein. Scheinbar nimmt man an, dass es in den Industrieländern nur eine Art Semi-Armut gibt, bei der nur 2-3 Kriterien nicht erfüllt werden. Die einzelnen Punkte sind unpräzise formuliert und ich will gar nicht wissen, was bei der Übersetzung in andere Sprachen dabei heraus kam. Da wurden sicher zum Teil völlig unterschiedliche Fragen beantwortet. Und das die Zusammenhänge der Kriterien nicht geprüft werden ist auch unmöglich. Das sollten doch gelernte Leute sein, die sowas entwerfen. Mein Dozent für Quantitative Forschung würde seinen Kopf an eine Wand schlagen…

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