Affenmädchen lieben – Stöcke

Jahreszeitbedingt sind Kinder im Moment sehr gut im Freien zu beobachten, wenn auch nicht risikolos. Holzschwerter und Metallschippen lassen den Spielplatz zu einem gefährlichen Ort werden, auf dem trotzdem unverdrossen rosa eingefärbte Puppenwagen durch den Sand geschleift werden. Dass sich Kinder je nach Geschlecht dabei sehr unterschiedlich verhalten, ist doch eindeutig, oder? Angeboren, dieses Verhalten, nicht?

Wann immer es um geschlechtsspezifisches Spielzeug und Spielverhalten geht, kann man die Sekunden zählen, bis jemand eine Anekdote präsentiert, in der ein Kind geschlechtsneutral erzogen werden sollte, dieses aber starrsinnig auf Spielzeug beharrte, das für das eigene (biologische) Geschlecht hergestellt war – also Mädchen auf Puppen, Kinderküchen u.ä. und Jungen auf Autos und Spielzeugwaffen (geschlechtsspezifisches Spielen Typ 1) – oder jegliches Spielzeug geschlechtstypisch einsetzte – also Mädchen, die Autos ins Bett legen oder Jungen, die sich mit Puppen prügeln (geschlechtsspezifisches Spielen Typ 2). Immer wieder werden solche Geschichten als Argument verwendet, das zeigen soll, dass Geschlechtsunterschiede biologisch determiniert und nicht anerzogen sind – denn sonst würde ja die geschlechtsneutrale Erziehung durch Eltern erfolgreicher sein. Daher, so die logische Schlussfolgerung, lohne es sich nicht, sich über die rosa vs. blau-bunten Regale voller klischeehafter Spielzeuge im Laden aufzuregen. Die Kinder wollen das so, sie können ja nicht anders.

An dieser Argumentation ist vieles falsch, so viel, dass man hier nicht jeden Fehler einzeln besprechen kann, deshalb nur so viel: Zunächst natürlich ist eine Anekdote eben nur das – eine Anekdote. Ich könnte dann jedesmal aus meiner eigenen Kindheit erzählen, in der ich sehr gerne mit Eisenbahn und Matchboxautos gespielt, Höhlen gebaut und diese mit Waffengewalt verteidigt habe. Aber ich will mich natürlich eigentlich gar nicht auf eine Anekdotenschlacht einlassen, sondern lieber klarmachen, dass dies alles andere als wissenschaftlich wertvolle Evidenz ist. Unter anderem ist zum Beispiel die Vorannahme, dass eine Form von geschlechtsneutraler Erziehung tatsächlich stattgefunden hat, äußerst zweifelhaft. Und selbst, wenn dies tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, wäre die Beobachtung und Interpretation des kindlichen Verhaltens nicht unvoreingenommen erfolgt.

Aber was, wenn man Tiere bei solchem Verhalten beobachten könnte? Würden zum Beispiel Affenjunge geschlechtsspezifisches Verhalten zeigen, wäre das nicht ein schlagendes Argument für die Angeborenheit von Unterschieden in den Interessen und Neigungen? So berichtete etwa die Süddeutsche Zeitung vom 21. 12. 2010 in dem Artikel „Affenmädchen lieben Puppen“ von Beobachtungen, die Forscher an wildlebenden jungen Schimpansen gemacht haben. Ta-daa! Nicht etwa, dass dort tatsächlich Affenmädchen mit Puppen gespielt und so den Titel des SZ-Artikels gerechtfertig hätten. Statt dessen handelte es sich um eine Beobachtung vom oben erwähnten Typ 2: Sowohl Affenmädchen als auch -jungen spielten mit Stöcken. Nur angeblich auf unterschiedliche Weise:

Im Kibale-Nationalpark in Uganda beobachteten die Forscher, dass junge Weibchen die Holzstücke eher wie Neugeborene behandelten; sie trugen die Stöcke häufiger und bis zu vier Stunden lang an den Körper gepresst herum, nahmen sie mit in ihre Koje und tätschelten sie gar, wie sie es auch mit einem Schimpansen-Baby machen würden.
Junge Männchen hingegen verwendeten Stöcke eher für kämpferische Spiele, oder sie stocherten in Löchern herum, vielleicht auf der Suche nach Futter.

Von hier aus kommt der Artikel schnell auf den zu erwartenden Punkt:

[…] die Beobachtungen im Kibale-Nationalpark liefern ein weiteres Indiz dafür, dass die Mädchen-typische Begeisterung für Puppen und die Vorliebe vieler Jungen für alles, was rollt und brummt, auch eine biologische Grundlage hat.

Stöcke, die rollen und brummen? Nun ja, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Ist das nicht ein schöner Beweis gegen die Annahme, geschlechtstypisches Verhalten beruhe ausschließlich auf Sozialisation? Immerhin spielen erwachsene Schimpansen überhaupt nicht mit Stöcken – reine Nachahmung kann hier also schon einmal nicht vorliegen.

Trotzdem ist an dieser Stelle Vorsicht geboten: Die Datenlage in der zitierten Studie ist äußerst schwach. Nicht nur sind die beobachteten Unterschiede zwar statistisch signifikant, aber es handelt sich selbst bei Schimpansen um äußerst seltenes Verhalten – die Unterschiede sind also da, betreffen aber innerhalb der beobachteten Population nur sehr wenige Individuen – sehr schön wird dies in einem Blogbeitrag von Stephanie Meredith auf „Context and variation“ diskutiert. Die Evidenz ist also tatsächlich doch nicht so viel mehr als eine interessante Anekdote. Aber auch die Interpretation des Verhaltens, die den Berechnungen selber zu Grunde liegt, ist fragwürdig: Schließlich wussten die Forscher um das Geschlecht der beobachteten Affenkinder, insofern ist es nicht unwahrscheinlich, dass die nicht triviale Aufgabe, irgendein Herumhantieren mit Stöcken als entweder „Puppenspiel“ oder „Waffenspiel“ zu kategorisieren, davon beeinflusst wurde – ganz genau so wie bei den Anekdoten von angeblich stereotypem Verhalten menschlicher Kinder. (Um den Autoren der eigentlichen Studie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Sie präsentieren diese Daten auch nicht als „Beweis“ für irgendetwas, sondern als nebenher gemachte Beobachtungen, die eher als Hinweise für weiterführende Foschung dienen könnten.)

Aber selbst, wenn man diese Zweifel beiseite lässt – denn es sind letztlich nur Zweifel an den Daten, keine Evidenz für das Gegenteil – wenn sich die Vermutung, dass Tierjunge geschlechtsspezifisch spielen, bestätigen würde: Ließe dies die Schlussfolgerung zu, dass Präferenzen für geschlechtstypisches Spielzeug auch beim Menschen angeboren sind?

Wahrscheinlich nicht. Es ist keinesfalls klar, dass bei Affen keine Sozialisation stattfindet – viele Studien weisen auf das Gegenteil hin. Insofern könnte auch das Verhalten junger Schimpansen durchaus das Ergebnis geschlechtsspezifischer Erziehung sein. De facto wären rudimentäre Kulturtechniken und Sozialisation um so wahrscheinlicher, je ähnlicher die betreffende Spezies dem Menschen ist. Nur, weil es sich also um Tiere und nicht um Menschen handelt, heißt das also nicht automatisch, dass alles Verhalten angeboren und instinktgesteuert ist. Natürlich können wir Tierarten finden, deren geschlechtsspezifisches Verhalten eindeutig angeboren und nicht gelernt ist – das ist zum Beispiel für verschiedene Vogelarten sehr wahrscheinlich. Aber von diesen wiederum kann man mit deutlich weniger Plausibilität auf angeborene Eigenschaften des Menschen schließen! Insofern drehen sich die Affenstudien an dieser Stelle um sich selbst, und sollten wohl am besten als das gewertet werden, was sie sind: Verhaltensbiologische Studien an Tieren: Hochinteressant, aber nicht gesellschaftspolitisch verwertbar.

Klar scheint mir zu sein, welcher der schwächste Punkt an der Debatte ist: Der unbedingte Wille, irgendwelche biologischen Argumente für etablierten Sexismus in der Gesellschaft zu präsentieren. So lange dies das ZIEL einer Debatte ist, werden sich die Verfechter wohl kaum von statistischen Feinheiten oder den Grundlagen guten empirischen Arbeitens von ihrer Position abbringen lassen. Wissenschaftlich gehaltvoll kann diese Debatte unter diesen Voraussetzungen nicht werden, denn es fehlt an unerlässlichen Grundlagen für wissenschaftliches Forschen und Diskutieren. Das wären für das Forschen das Bestreben, die eigene Hypothese zu widerlegen und die Bereitschaft, Daten sauber zu erheben und auszuwerten, bevor man interpretiert. Für das Diskutieren die Fähigkeit, die eigene Hypothese stützende Ergebnisse kritisch zu bewerten und der eigenen Hypothese widersprechende Ergebnisse ernstzunehmen.

Kann man aber den Erkenntnissen über das Spielverhalten junger Affen gar nichts für den Alltag mit gegendertem Kinderspielzeug entnehmen? Vielleicht ja doch. Nämlich, dass man sich die Mühe, unterschiedliches Spielzeug für Jungen oder Mädchen herzustellen (oder zu kaufen) auf jeden Fall sparen kann. Denn entweder, dieses Spielzeug ist selber ein Teil dessen, was geschlechtsspezifisches Verhalten lehrt. Dann sollte man wohl im Interesse des Kindes darauf verzichten, es von klein auf auf eine bestimmte Rolle im Leben prägen zu wollen. Oder es ist völlig egal, was man den Kindern in die Hand gibt, sie verhalten sich, wie ihr biologisches Geschlecht ihnen vorschreibt. Dann kann man auch darauf verzichten, massenweise rosa Farbstoff zu verschwenden, denn die Kinder geben sowieso nichts darauf.

Literatur:
Sonya M. Kahlenberg und Richard W. Wrangham (2010), Sex differences in chimpanzees’ use
of sticks as play objects resemble those of children. In Current Biology 20/24, 1067-1068.

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16 Kommentare

  1. Egal, was man von den Schimpansen und ihren Geschlechterrollen hält, es trennen uns sieben Millionen Jahre evolutionärer Geschichte von ihnen. Zum Vergleich: das ist achtzigtausend Mal so lang wie die Zeitspanne, die zwischen der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland und der erstmaligen Wahl einer Frau zur Regierungschefin lag.

    1. Dimi P. · · Antwort

      Im ganzen stimme ich dem Autor „jgoschler“ und „A.S.“ zu, dass die Forscher voreilig Schlüsse ziehen oder Ergebnisse aus ihrem Zusammenhang reißen. Es passiert oft, dass Ergebnisse nicht kritisch genug analysiert werden.
      Aber, dass der Mensch Evolutionsvorsprung gegenüber dem Affen hat, stimmt nicht.
      Der Mensch und der Affe haben „andere Wege“ in der Entwicklung eingeschlagen.
      Der einzige Fehler liegt beim Menschen, der das Ergebnis wieder mal falsch wertet.
      Für den Menschen, das intelligenteste Tier auf Erden, ist die Intelligenz der Maßstab für Entwicklung.
      Obwohl der Affe Merkmale oder Fähigkeiten hat, die der Mensch nicht hat, so nimmt der Mensch einzig und allein die Intelligenz als Maßstab. Somit sieht sich der Mensch als Fortgeschritten.
      Selbst wenn der Mensch in allen „menschlich“ denkbaren Kategorien besser ist, so ist das immer noch kein Beweis dafür, dass er besser ist.

      Meiner Meinung nach wäre sogar der Affe die/der besser entwickelte/r Klasse/Stamm(kenne die genaue biologische Bezeichnung nicht), da er nachhaltiger mit der Umwelt umgeht.

      Im übrigen hat der Mensch seinen Vorfahren bzw. entfernten Verwandten Namen gegeben wie z.B. Australopithecus (pithecus aus dem griechischen für Affe).
      Und nur weil der Mensch sich selbst als Affen bezeichnen, heißt das noch lange nicht, das wir vom heutigen(!) Affen entstammen.
      Krokodile oder Schildkröten werden sich auch nicht zu „intelligentem“ Leben entwickeln, obwohl sie laut Forschern direkte Nachfahren der Dinosaurier sind und seit über Millionen von Jahren existieren.

      1. sofias mint · ·

        nunja, die voreiligen schlüsse kommen meistens eher von den journalisten der tratsch- und tagespresse.

        „der affe macht dasunddas besser als der mensch“ ist biologisch eher wenig sinnvoll, weil menschen mit schimpansen näher verwand sind als andere hominide (menschenaffen) untereinander, und affen sowieso.

        das menschen die intelligentesten tiere sind wage ich auch zu bezweifeln. zumindest ohne hilfsmittel.

        und es ist übrigens legitim dinge nach anderen maßen zu bewerten als der angepasstheit in einer umgebung. flöhe sind auf hundefell ziemlich übelebensfähig, das heist nicht das sie dort erwünscht sein müssen oder irgendeinen edlen zweck erfüllen.

    2. Mynnia · · Antwort

      Ich finde auch, dass man Spielzeug nicht gendern muss und Kinder dann damit einfach so spielen können, wie sie wollen. Einigen Studien an Menschenkindern zufolge WERDEN sich Unterschiede finden, aber das ist keine Entschuldigung für die Spielzeugindustrie, die diese Tendenz durch ihre eigenen komischen Restriktionen, die sie anderen aufoktroyieren, übertreibt.

      Das kann man nicht auf die Eltern abwälzen, die sind ja seit den 70ern mit genau dem gleichen Zeug groß geworden. Woher sollen sie denn auf einmal magisch wissen, dass es auch anders geht? Da überschätzt man den Durchschnittsmenschen heftig. Sogar ich kann mich nicht immer aus meiner Kultur lösen und sie von außen sehen und modifizieren und ich halte mich für überdurchschnittlich „aware“. Noch präziser: Ich bin schon ganz bewusst Teil einer anderen Kultur, zu der z.B. das Hinterfragen von dem Maß, mit dem wir die Möglichkeiten, die wir anderen einräumen, an phänotypischen Merkmalen festmachen, gehört.

      Ich bin aber auch die Hälfte meines Lebens mit Ethologie, Sozialbiologie und Biologie überhaupt sowie mit Alltagskultur und Alltagsgeschichte beschäftigt (weil das für mich zu Anthropologie dazugehört).

      Das hier wird vielen nicht gefallen aber da kann ich auch nichts für, mir gefällt einiges davon auch nicht, falls das irgendwie tröstet. Ich kann Menschen und Schimpansen dank Biologie bis auf ein paar andersartige Individuen echt nicht mehr leiden.

      Also zunächst mal, ich beschäftige mich sehr viel mit Primaten und ja, sie haben ausgeprägte Geschlechtsdimorphismen in Aussehen und Verhalten.
      Seien es die Schimpansen mit ihren männlich-„politisch“ dominierten oder die Bonobos mit ihren durch Verbünden der Frauen weiblich-matrilinear dominierten Verhalten.
      Die nahe Verwandtschaft in Aussehen und Verhalten muss man, glaube ich, nicht mehr erklären oder darf sich selbst informieren, bevor man es kraft seiner Schulmissbildung beurteilt. (Ich mag Unterrichtsbiologie nicht.)
      Immerhin hat das schon Linnäus vor der Evolutionstheorie gerallt, dass Menschen und Affen zusammengehören.

      Ad Verhalten: da sind wir flexiblerweise manchmal mehr wie die einen, manchmal mehr wie die anderen; bei uns ist die Anlage zur Kultur vermutlich (!) noch weiter ausgeprägt, wir sind auch im Aussehen quasi wie permanente Babyaffen, es wäre seltsam, wenn das im Verhalten anders wäre.
      Wir haben Informationsweitergabe per Sprache und nicht nur per Abschauen und körperliches Lehren, daher geht Kulturentwicklung bei uns schneller. Und der Boost durch abstrakte Schriftsysteme erst. Ich glaube Wissen und Technik entwickeln sich durch genau diese Sachen exponentiell schneller in der Zeit, aber das darf jemand anderes prüfen 🙂

      Ad Aussehen: Bonobofrauen haben als einziges anderes Tier neben den weiblichen Menschen permanente Brüste und können gut aufrecht stehen, weswegen man an ein eher rasches Durchsetzen des aufrechten Ganges glaubt, keine langen Zwischenstadien. Erst aufrechter Gang, dann bessere körperliche Anpassung (Füße etc.)

      Immer, wenn jemand mit unserer tollen Kultur ankommt und das als Unterschied zu vielen Affen sehen will, diagnostiziere ich schweren Eurozentrismus und wenig Selbstbewusstsein, sollte die eigene Art halt auch nur eine Tierart sein (was all den anderen komplexen und einzigartigen Lebensformen Unrecht tut).
      Es gibt oder gab oft herablassend als „Steinzeitvölker“ bezeichnete Menschen in den warmen und fruchtbaren Regionen, wo nackig das neue Schwarz ist, das Essen überall wächst und Werkzeugverfeinerung zwar ein interessanter Sport, aber nicht wirklich lebensnotwendig ist. (Böse Menschen haben diese Menschen als „niedere Stufe“ betrachtet, weil sie durch günstige Bedingungen weniger Überlebensdruck hatten. Neidgesellschaft sage ich nur :D)
      Sie reden und haben Schöpfungsmythen und bestimmte Weisen, Dinge zu machen, die das Individuum mehr oder weniger in die Gesellschaft integrieren (Rituale). Kultur halt.
      Es gibt genug Schimpansenkolonien sowohl in Versuchsstationen als auch in freier Wildbahn, die völlig funktionsfreie, nachweislich erlernte Verhaltensweisen haben, zB Klatschen oder Handhalten beim Groomen (Rituale). Kultur halt.

      Die Stärke der Ausprägung ist der Unterschied, den ich sehe, aber diese Stärke der Kultur ist kumuliert tradiert. Eins wird gemacht, das andere wird gemacht, beides wird weitergegeben, verändert sich und ist die Basis für andere Dinge. Ich denke, das kann jeder, der nicht glaubt, dass die heutige Welt vom Himmel gefallen ist, gedanklich nachvollziehen.
      Es ist in unserer und nicht nur in unserer Biologie, es IST eine unserer angeborenen Verhaltensweisen, eine Neigung zur Kultur zu haben, die die Art und Weise, wie wir die Befriedigung unserer Triebe erreichen, modifiziert.
      Beispiel: Mensch will Sex haben. Mensch lebt im traditionellen bäuerlichen Bayern, wo offene Affektionszeigung zwischen Unverheirateten verpönt ist. Mensch hat von seiner oder ihrer Umgebung gelernt, dass heimliches „Probelieben“ OK ist und gibt pot. LiebhaberIn Interessesignal. Ist mensch eine junge Frau, wird sie ihr Obergeschossfenster offen und die Leiter in der Nähe lassen. Ist mensch ein junger Mann, wird er heut nacht, wenn ihre Eltern (so tun als ob sie) schlafen, die Leiter hochgehen.
      Anderes Beispiel: Bürgertum 1870. Mensch will Sex haben. Als junger Mann geht man zur Prostituierten oder zu den Angestellten. Als junge Frau wird einem nicht mal gesagt, was Sex oder dieses monatliche Bluten ist.
      Oder: Mensch will heute Sex haben. Mensch geht in die Disko, die per stiller Übereinkunft für junge Leute zum Treffpunkt ohne Aufsicht von Autoritäten geworden ist und balzt per Tanz, und schönen Worten, sexuelle Anbahnung ist weniger das Problem.
      Übrigens geben Schimpansen den Schimpansinnen, die sie mögen, nach der Jagd mehr Fleischbrocken und in Europa und Amerika gibts diese „Mann muss Frau bei Date/Anbahnungversuch Drink spendieren“-Verhaltensnormen…Hehehe.

      Zeitungen zitieren Studien nicht nur, sie deuten sie aus und mir stehen dabei regelmäßig die Haare zu Berge, weil diese Ausdeutungen über das annehmbare Maß an Übertragung rausgehen. Da wird aus einem „Die machen das so. Und da gibt es Ähnliches auch bei Menschen“ ein „Das gehört so“. Darauf hast du ja auch reagiert. Aber das ist, ehrlich gesagt, das Problem der Medien und der Leser, dass sie das sonst ned sensationell genug finden.

      „Die Evidenz ist also tatsächlich doch nicht so viel mehr als eine interessante Anekdote.“
      Mehrere Anekdoten. Inwiefern wäre das dadurch insignifikant? Ein sporadisch auftretendes Verhalten ist weswegen genau weniger existent? Nur weil ich mich nur alle 3 Monate ins Koma saufe, bin ich nicht alkoholabhängig? 😉
      Oder um bei Schimpansen zu bleiben: Man beobachtet nicht ständig, aber sporadisch, wie Männer Mitglieder anderer bzw. abgespaltener Gruppen im Pulk töten. Das gehört also nicht zu ihrem üblichen Verhalten?
      Man könnte genauso gut sagen, europäische Menschen gehören zu keiner kriegsführenden Spezies, weil das nur alle paar Jahrzehnte (also viel, viel seltener) auftritt.
      Schimpansenkinder sind meistens an der haarigen Brust ihrer Mama. Solange sie recht klein sind, ist das der beste Schutz vor Übergiffen. Sie sind dadurch recht schwer zu beobachten. Wenn sie halt nur ab und zu unten sind und Hände und Kopf freihaben, entwertet das keinesfalls irgendwas.
      Zur Erinnerung: Nur westliche (mittlerweile zum Glück nicht mehr nur die) Menschenkinder hatten soooo viel Spielzeit über so lange Zeit in der neueren Zeit. Den größten Teil der Menschheitsgeschichte dürften sie sehr früh, so ab 6, 7, zum Lebenserhalt der Familie beigetragen haben. Mit Ausnahmen – sehr begüterte Familien hatten Spielzeuge, da werden auch nur die wenigsten Kinder gespielt haben.
      (Ich frage mich aber zuweilen, ob die Venusstatuetten so eine Art neolithischer Barbie waren. Kinderspiel würde erklären, warum man sie so oft ins Feuer geschmissen hat…Aber neiiiin, es muss ja alles ein heiliges Rituaaal sein.)
      Mit Stöcken spielen die Kinder vieler Tierarten, wenns nix anderes gibt.

      Was das ach so mysteriöse Wunder „biologische Grundlage“ angeht, frage ich mich dann aber auch, ob der Autor des Süddeutsche-Artikels zu warm hatte.
      Ist das echt so ein großes Rätsel?
      Das wunderschön komprimierte Fachwort dafür ist BIOL – „Bonding- and Identification-based Oberservational Learning“.
      Aber ansonsten ist es ein Alltagsphänomen, das einfach jeder kennt:
      Kinder lernen von respektierten Idenfitikationsfiguren, wie man sich verhält und welche Techniken man wie anwendet. Es hat schon einen Grund, warum Akademiker Akademiker zeugen, auch da, wo Studium leistbar oder gratis ist. Dass Kinder Vorbilder nehmen und von ihnen lernen, DAS ist angeborenes Verhalten, nicht WAS sie lernen.

      Beispiele:
      Kind schaut großem, respektierten Geschwisterkind bei was zu und fragt irgendwann, ob es mitmachen kann oder probiert es alleine. Deswegen zeichnet meine kleine Schwester genauso begeistert wie die große 😉
      Oder: Schimpansenkind schaut Mama beim (vom Menschen spontan nicht imitierbaren, weil spezifische Technik erfordernden) Nüsseknacken zu und nimmt irgendwann Stein in die Hand und kloppt ungeschickt auf Nüsse ein. (Mama korrigiert das BTW aktiv.)
      Oder: Kind hört Papa dabei zu, wie er über eine Frau abwertend und schlecht redet und übernimmt die Vorurteile und verhält sich ebenso abwertend, vielleicht sogar sich selbst gegenüber. Das Problem mit sexistischen Witzen!
      Oder: Kind schaut Mama dabei zu, wie sie einkaufen geht und spielt das mit anderen Kindern nach. (Machen beide Geschlechter oder ich bin unter komischen Kindern aufgewachsen. Oder war das zu anekdotisch?)
      Oder: Kind schaut Fernsehserie, in der ein schöner junger Mann alle Probleme löst, Mädchen sind nur Beiwerk und müssen gerettet werden. Oder eine andere, in der spaghettiförmige Mädchen den ganzen Tag in pastellfarbener Umgebung Tee trinken und Kuchen essen, aber weder zunehmen noch dauernd Pipi müssen. Oder eine, in der die Helden erfolgreiche Helden sind, weil sie eine Menge zufällig IRL kaufbare Accesoires benutzen.
      Die Anlage; Drang und Vorraussetzungen zur Kultur ist angeboren, nicht die Kultur selbst.

      Das Problem, was es mmn. auch in unserer Kultur immer noch zu lösen gilt, ist, dass die Angehörigen einer Kultur sehr intolerant Abweichungen gegenüber sind. Das dürfte daran liegen, dass Kultur ein Gruppenzusammengehörigkeitsmerkmal ist und ist eine Ausprägung von Xenophobie. Bonobos, Schimpansen und Menschen sind fast die Einzigen, die so dermaßen aggressiv auf „falsches“ Aussehen oder Verhalten reagieren. (In anderen sozialen Tiergruppen ist das nur ein Problem, wenn man eine fixe Aufgabe und das dieser schaden würde.)
      Ein Bonobomännchen, das versucht, ein Weibchen zu dominieren, kriegt Gruppenkeile von allen Weibchen.
      Ein Schimpansenmännchen, das diesen ganzen Machokram nicht mitmacht, kann sich allerhöchstens gaaaaanz heimlich mit den von den Dominanteren überwachten Weibchen paaren, sicher nicht an fruchtbaren Tagen – wird schwierig, diese Tendenz, soweit vererbbar, zu vererben. Immerhin wirds sicher nicht getötet oder kastriert, so wie das ehemaligen Chefs oder Anwärtern passiert.

      Das alles baut einen gewissen Druck auf, sich einer bestimmten Rolle gemäß zu verhalten bzw. wird dafür sorgen, dass sich Individuen, die diese Rolle füllen, eher fortpflanzen. Will sagen, bei aller Verhaltensflexibilität macht es Sinn, wenn sich weibliche und männliche Schimpansen beim Lernen von Verhalten eher an Mitgliedern des eigenen Geschlechts orientieren, weil so eine Tendenz evolutionäre Vorteile innerhalb der bereits bestehenden geschlechtsdimorphischen Gruppe bringt.
      Ich sehe keinen Grund, der dagegen spräche, dass eine Tendenz zur identifikatorischen Orientierung am eigenen Geschlecht nicht schon vor der Trennung der Entwicklungslinien von Schimpansen und Hominiden genetisch verankert gewesen wäre und beim Menschen mitgetragen würde. Es gibt keinen evolutionären Nachteil, eher Vorteile.
      Vielleicht ist der versteckte Eisprung von Menschenfrauen ja eine Art Ausgleich dafür, der erlaubt nämlich, dass auch atypische Männchen zum Zug kommen und würde größere genetische Vielfalt auch bei verhaltensbeeinflussenden Genen zulassen.

      Ich sehe die Studie ja eigentlich als Untermauerung für die Wichtigkeit von BIOL.

  2. sofias mint · · Antwort

    schöner artikel. sexismus präzise debunked. B)

  3. […] DrMutti schreibt über Kinder und Geschlechtssterotype, “Affenmädchen” und abstruse wissenschaftliche […]

  4. Fritzi · · Antwort

    danke für dein Fazit! ich kann auch kein Rosa mehr sehen. Grüße, von einer aus der „rosa Mamawelt“ genervten Mutter

  5. Sehr schön und wie treffend! Ich weiß nicht, wie oft ich diese Diskussion mit einigen Freundinnen schon geführt habe. Seit diese Kinder haben, ist alle Gendertheorie widerlegt. Es zählt nur noch die eigene Erfahrung mit dem Nachwuchs, der aus der „geschlechtsneutralen“ Erziehung ausscherte. Da kann man sich die Zähne dran ausbeißen.

  6. […] ich nicht, untersucht werden kann ja immer nur der sozialisiert werdende Mensch (oder Affe, siehe Dr. Mutti). Das Ausarten in ein RosahellblauLillifeeundBaggergedöns mit daran geknüpften Charakteren hat […]

  7. Hach ja. · · Antwort

    Mein absoluter Liebling in meiner persönlichen Sammlung abstruser Ist-wohl-doch alles-Biologie-Studien ist eine in der satirisch anmutenden Serie „Geist und Gehirn“ zitierte, die der Moderator wie folgt beschreibt: Affen im Zoo beobachtet. Männliche Affenjungen spielen mit Bällen und Autos, weibliche mit Töpfen und Puppen. Also doch angeboren. Ha!

    Und das meinte der ernst. Als würde es nicht die Absurdität solcher Vergleiche unterstreichen. Aber lieber unterstellen wir evolutionär bedingte, angeborene Affinität zu Töpfen und Autos je nach Geschlecht, auch wenn die Art um die es geht diese Gegenstände und deren Nutzen gar nicht kennt, als dass wir auf so verunsichernde Dinge wie Sozialisation zurückgreifen und uns nachher eingestehen müssen, dass vielleicht doch nicht alles so klar, schön und deutlich ist, wie der Biologismus uns das glauben machen will.

  8. […] Geschlechterrollen zu entdecken, bisher einfach nichts Überzeugendes (hierzu siehe etwa den Affenmädchen-Blogpost von mir, die Rezension von Cordelia Fine im Quantenwelt-Blog und natürlich deutlich umfassender […]

  9. Ich finde, man sollte Kinder nicht unterschätzen. Übrigens ebenso wenig, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse überschätzen sollte. Eigentlich bewegen wir uns noch immer in einer „Weiß man nicht so genau“-Welt. Jedenfalls bezweifle ich sehr, dass Mädchen des Spiezeugskonzern-Marketings wegen zu massenhaft oberflächlichen, rosaliebenden und magersüchtigen Frauen heranwachsen, denn sie sind kritischer, als man allgemein denkt.

  10. […] Gähähn. Komisch, nicht, dass der Sohn von Vater Martenstein so eingeschränkte Interessen hat, bei diesem vielseitigen Vater. Angeboren, kann man nichts machen. Oder, wie einige Leute nicht müde werden zu betonen, eben durch Sozialisation entstanden. Aber daran glaubt Herr Martenstein nicht: Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie. Die Verschwörungstheorie lautet, dass all diese Verhaltensweisen auf unbewusste Manipulation durch die Erwachsenen zurückzuführen sind. […]

  11. Der Artikel ist super, nimmt er doch auf’s Korn, wie mit immer weider abstrusen Methoden versucht wird, männliche Privilegien zu sichern.
    Allerdings könnte sich ein mensch aus der feministischen Bloggerszene in einem Artikel näher mit der Formulierung „Der unbedingte Wille, irgendwelche biologischen Argumente für etablierten Sexismus in der Gesellschaft zu präsentieren.“ auseinandersetzen und vielleicht genauer beschreiben. Die Aussage ist zwar vollkommen richtig, allerdings enthält sie einen recht konfrontativen Vorwurf, der meiner privilegiert-männlichen Meinung nach wenig zur Reflexion sexistischer Publizist*innen beitragen kann (Konfrontation hat auch bei mir nur langsam gefruchtet).
    Oft geschehen solche Versuche den „etablieren Sexismus“ zu verteidigen entweder aus diffusen und gerade im Feuilleton unbewussten Gefühlen heraus, eigene Privilegien zu verlieren (u.a. die Definitionshoheit über bestimmte Begriffe zu verlieren, wovon Journalist*innen ja quasi leben). Dass diese Gefühle ebenfalls sexistisch sind, ist vielen dieser Sexist*innen nicht klar. Entweder fühlen sie sich von Äußerungen wie im Text angegriffen oder nicht angesprochen (ich war da lange mit eingeschlossen). Beides bringt leider nur wenige Fortschritte mit sich, auch wenn der Satz vollkommen richtig ist.
    Allerdings ist das nur meine privilegiert-männliche Sicht auf das Thema…

    Nun noch zu den Anekdoten selber: Ich halte es für grundsätzlich zu kurz gegriffen, Sozialisation immer wieder nur auf die elterliche Erziehung zurückzuführen, was leider gerne in der Erziehungsdebatte gemacht wird.
    Ich selber bin meiner Meinung nach von meinen Eltern geschlechterneutral erzogen worden. Frei nach dem Motto, erstmal die Spielzeuge, die wir geerbt haben, was väterliches Fußballspielen, die alten Puppen von Mama sowie eine Spielzeugküche einschloss, die meine Oma für uns geschreinert hat. Leider gibt es da aber noch gewisse gleichaltrige Menschen in der Nachbarschaft, im Kindergarten, in der Schule.
    Da ich dem allgemeinen Bild des „Jungen“ nicht entsprach und auch nich die ganzen coolen männlichen Spielsachen bekam, bin ich oft vom gemeinsamen Spiel mit den verschiedensten Sammelkarten etc. ausgeschlossen worden. Geschlechterneutrale Erziehung ist durchaus möglich, allerdings nehmen eben nicht nur (un)reflektiert-bürgerliche Eltern an den Sozialisationsprozessen teil – vor allem verlieren Eltern schnell die Deutungshoheit gegenüber den „coolen Kids“ von nebenan. Für mich jedenfalls war der Druck der Gleichaltrigen zu groß und hat mich zu dem gemacht was ich heute bin, ein privilegierte Mann, der nach langer Zeit erkannt hat, dass er eben auch ein Sexist ist.

  12. […] schon und Traditionen, die diese Vorstellungen aufrechterhalten. Wo wir übrigens wieder bei den Schimpansen wären bzw. biologistischen Erklärungsmustern zu unterschiedlichen Interessenfeldern. Erstens: […]

  13. […] Affenmädchen lieben – Stöcke. “Wann immer es um geschlechtsspezifisches Spielzeug und Spielverhalten geht, kann man die Sekunden zählen, bis jemand eine Anekdote präsentiert, in der ein Kind geschlechtsneutral erzogen werden sollte, dieses aber starrsinnig auf Spielzeug beharrte, das für das eigene (biologische) Geschlecht hergestellt war (….) oder jegliches Spielzeug geschlechtstypisch einsetzte (…).” […]

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