Beschnittenes Kindeswohl

Heute erschien in der Berliner Zeitung die „Kolumne Kindeswohl“ – ein Fall für Dr. Mutti, dachte ich mir noch vor dem Lesen des Artikels. Nach dem Lesen war ich jedoch leicht schockiert. Nicht nur von dem Fall, von dem dort berichtet wurde, sondern vor allem auch von der Polemik der Autorin.

So geht es los:

Nicht nur in Köln entscheiden Gerichte im Sinne des Kindeswohls, wie vor einigen Wochen in Sachen Beschneidung jüdischer und muslimischer Knaben. Auch das Dresdener Oberlandesgericht hat dazu ein Urteil gesprochen: Tanja Privenau muss dem Vater ihrer Kinder das Umgangsrecht gewähren.

Die Autorin Anetta Kahane berichtet von einem Urteil des Dresdener Oberlandesgericht, das befand, dass ein bekannter Neonazi, der sowohl seine Kinder als auch seine Ex-Frau mehrfach geschlagen und bedroht, sogar deren Ermordung angekündigt habe, trotzdem Umgangsrecht mit seinen Kindern haben dürfe und müsse. Warum und wie es zu diesem Urteil gekommen ist, wie das Gericht die Entscheidung begründet und weitere sich aufdrängende Fragen werden in dem Artikel nicht weiter behandelt. Statt dessen wird eine kühne Parallele gezogen: Das Dresdener Oberlandesgericht fälle eine Entscheidung, die einem Neonazi zugute komme, daher sei dieses nazifreundlich – und das Kölner Oberlandesgericht traf eine Entscheidung gegen Beschneidung, die unter anderem Juden betrifft, sei also damit im Prinzip antisemitisch und somit ebenfalls nazifreundlich. Und diese beiden Nazi-Gerichte, so etwa die Argumentation der Autorin, handelten beide – natürlich nur vorgeblich – im Namen des Kindeswohls.

Egal, wie man zu dem Beschneidungsurteil steht und wie man zu seiner Position kommt: Die Kölner Richter als Nazi-Befürworter zu diffamieren, halte ich für eine Ungeheuerlichkeit am Rande der Verleumdung. Das Urteil der Kölner Richter wurde damit begründet, dass das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit über das Recht der Eltern zur freien Religionsausübung zu stellen ist. Völlig unklar ist mir bisher, wie das Dresdener Oberlandesgericht zu seinem Urteil gekommen ist. Wenn die Richter dort Kenntnis von der Gewalttätigkeit des Mannes gegenüber der Frau und den Kindern hatten, dann kann ich es zumindest nicht nachvollziehen. Es scheint auch nicht der üblichen Praxis der Jugendämter und Gerichte zu entsprechen, die zwar das Umgangsrecht beider Eltern hochhalten. Aber Gewalt, Kriminalität oder Drogenmissbrauch eines Elternteils führen normalerweise zu einer Einschränkung dieses Rechts.

Was aber soll diese angebliche Parallele? Es scheint sich doch um völlig widersprüchliche Urteile zu handeln: Im ersten (Kölner) Fall wird das Recht der Eltern mit Hinweis auf die körperliche Unversehrtheit und das Kindeswohl EINGESCHRÄNKT, im anderen (Dresdener) Fall wird das Recht des Vaters NICHT EINGESCHRÄNKT, obwohl die körperliche Unversehrtheit der Kinder in Gefahr zu sein scheint. Die Logik der Autorin ist hingegen:  Wer einem Neonazi das Umgangsrecht zuspricht, ist ein Nazi. Wer gegen Beschneidung ist, ist auch ein Nazi. Somit sind die beiden Urteile nur zwei Beispiele für Nazi-Urteile im Namen des Kindeswohls.

Diese Logik ist äußerst merkwürdig. Warum sind Beschneidungsgegner automatisch Nazis? Weil das Urteil unter anderem auch religiöse Juden betrifft? Und wer deren Rechte einschränken will, der ist ein Nazi? Ich kann mich nicht erinnern, dass die Nationalsozialisten im Dritten Reich sich dadurch ausgezeichnet hätten, gegen Beschneidungen von Jungen vorzugehen. Wäre dies der Hauptpunkt auf ihrer Agenda gewesen, sähe die Welt heute sicher anders aus. Statt dessen haben die Nationalsozialisten Menschen ungeachtet ihrer religiösen Überzeugung als der „Rasse“ der Juden angehörig kategorisiert, wenn ihre Eltern oder Großeltern Juden waren. Diese Menschen wurden zuerst sämtlicher Grundrechte beraubt, enteignet, brutal verfolgt und schließlich ermordet. Ob einer dieser Menschen praktizierender, religiöser Jude war oder nicht, ob er oder sie Atheist oder sogar zum Christentum konvertiert war, war dabei völlig egal. Wie diese Ideologie auch nur in die Nähe eines Urteils gerückt werden kann, das körperliche Unversehrtheit von Kindern schützen will, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber selbst wenn Nazis „gegen Beschneidungen“ wären und nicht Rassisten, die ein Rasse der Juden propagieren, wäre man nicht automatisch ein Nazi, nur weil man ebenfalls gegen Beschneidung argumentiert. Sonst wären auch alle Vegetarier Nazis, denn Adolf Hitler aß bekanntlich kein Fleisch.

Sicher, Kahane will irgendwie auch darauf hinweisen, dass „die Deutschen“ sich zu wenig kritisch mit Nazis und rechtem Gedankengut auseinandersetzen – damit hat sie an vielen Stellen sicher Recht. Aber die Schlussfolgerungen und Zusammenhänge sind leider einfach abstrus:

In Deutschland wachsen viele Kinder in modernen Nazifamilien auf, geprügelt oder auch nicht. Sie bleiben gewiss unbeschnitten, doch unbeschadet sind sie nicht.

Lieber beschnitten als vom Vater geschlagen? Mag sein, aber warum soll man sich denn zwischen den beiden Dingen entscheiden müssen? Was schnell deutlich wird, wenn man sich den Artikel genauer ansieht, ist folgendes: Um Kindeswohl geht es der Autorin sicher auch nicht. Sonst würde sie nicht den Fall einer Frau, die ihre Kinder schützen will, als rhetorisches Instrument benutzen, um gegen ein davon völlig unabhängiges Gerichtsurteil zu polemisieren. Und damit gehört Anetta Kahane meines Erachtens zur leider allzu großen Gruppe derjenigen, der Kinder und deren Rechte völlig egal sind, wenn es um ideologische Fragen geht.

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4 Kommentare

  1. Seid ihr eigentlich wirklich alle so schmerzfrei, dass Euch nicht ganz manchmal etwas übel wird, ob der plötzlichen deutschen Sorgen um des jüdischen Knaben Vorhaut?

    http://schwarzoderweiss.wordpress.com/2012/07/16/ffifteen-days-of-fame/

  2. Hier noch einmal ein sehr schlüssiger Blogartikel mit dem schönen Titel „Es geht um nicht um Religion, es geht um die Kinder“ zum Problem der Beschneidung direkt: http://evidentist.wordpress.com/2012/08/10/es-geht-nicht-um-religion-es-geht-um-die-kinder/

  3. Dummerjan · · Antwort

    „Es scheint sich doch um völlig widersprüchliche Urteile zu handeln: Im ersten (Kölner) Fall wird das Recht der Eltern mit Hinweis auf die körperliche Unversehrtheit und das Kindeswohl EINGESCHRÄNKT, im anderen (Dresdener) Fall wird das Recht des Vaters NICHT EINGESCHRÄNKT, obwohl die körperliche Unversehrtheit der Kinder in Gefahr zu sein scheint“ Sie habens dort stehen: DAs eine ist zwingend, das letztere nur ein bestimtes Risiko, welches zudem noch durch andere Maßnahmen beeinflußbar ist.
    . „

  4. […] auch thematisch ein kühner Bogen geschlagen: Über den Missbrauch des Begriffes des Kindeswohls (mal wieder). Denn diejenigen, die das Kindeswohl angeblich hochielten, täten dies natürlich nur als Vorwand: […]

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