Girls – the force is strong with them

Nachdem die Mädchen-Überraschungseier-Affäre letzte Woche auf Twitter und in der Blogwelt (etwa hier und hier) erheblich Fahrt aufgenommen hat, schien mir eine genauere Betrachtung der Frage nach Mädchen- und Jungenspielzeug noch einmal angebracht. Relativ klar scheint, dass Kinder einem erheblichen Druck ausgesetzt sind, sich den kulturellen Stereotypen unterzuordnen, die mit ihrem biologischen Geschlecht verbunden sind. Also: Ein „richtiger“ Junge ist körperlich aktiv und sportlich bis hin zur „Wildheit“, bewegt sich draußen gern mit anderen Jungen, interessiert sich für Fahrzeuge und Technik, weint nicht usw. Ein „richtiges“ Mädchen dagegen spielt gern mit ihren Freundinnen drinnen, ist eine gute „Puppenmutti“, malt und bastelt gern, zieht sich gern „schön“ (also stereotyp weiblich) an und ist sehr empfindsam bis empfindlich. Meistens wird verbissen darüber gestritten, woher diese Unterschiede kommen: Biologie oder Sozialisation, nature oder nurture? Aber: Was, wenn es diese so klaren Unterschiede gar nicht gibt?

In einem Artikel in der New York Times über sogenannte „fluid-gender children“, also Kinder, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen wollen, fand ich eine eher nebenbei hingeworfene Bemerkung über „Tomboys“ – also Mädchen, die sich wie Jungen verhalten:

A 1998 study in the academic journal Sex Roles suggests just how ordinary it has become for girls to exist in the middle space: it found that 46 percent of senior citizens, 69 percent of baby boomers and 77 percent of Gen-X women reported having been tomboys.

(Grob übersetzt: Eine Studie von 1998 in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Sex Roles“ deutet an, wie normal es für Mädchen geworden ist, sich in der Mitte zu bewegen: Es wurde herausgefunden, dass 46% älterer Frauen, 69% der Baby-Boomers und 77% der Frauen der Generation X angaben, dass sie selbst Tomboys waren.“)

An dieser Stelle kann man sich bereits fragen, ob es überhaupt angebracht ist, von außergewöhnlichem Verhalten – also „Jungenverhalten“ bei Mädchen zu sprechen, wenn seit Jahrzehnten eine klare Mehrheit der Mädchen eben dieses Verhalten zeigt. Die Zahlen sprechen eher dafür, genau dies als den Normalfall zu betrachten.

Ich habe mir daher die eigentliche Studie deshalb noch einmal genauer angesehen. Befragt wurden insgesamt 466 Frauen aus dem mittleren Westen und der Westküste der USA. 271 von ihnen gehörten der „Generation X“ an, in dieser Studie bedeutet dies, dass sie nach 1972 geboren wurden. Außerdem wurden 118 der Mütter dieser jungen Frauen befragt, die der „Baby Boomers“-Generation zuzuordnen sind, genauer gesagt zwischen 1946 und 1964 geboren wurden, sowie 132 ihrer Großmütter („senior citizens“), die vor 1934 geboren worden waren.
Alle Teilnehmer beantworteten die Frage, ob sie sich selbst als ehemaliger „Tomboy“ beschreiben würden (Antwortmöglichkeiten waren hier nur „ja“ oder „nein“ und in welchem Außmaß (Antwortmöglichkeiten „meistens“, „teilweise“, „manchmal“ oder „nie“).

Lässt man die Generationenunterschiede einmal außen vor, gaben durchschnittlich 67%, also etwa zwei Drittel aller befragten Frauen an, in ihrer Kindheit ein „Tomboy“ gewesen zu sein! Der größte Teil sagte, dass dies „teilweise“ der Fall gewesen sei.

Außerdem wurden die ehemaligen Tomboys gefragt, was denn ihr „Jungenverhalten“ ausgemacht hätte: Die allermeisten – mehr als drei Viertel – gaben sportliche Aktivitäten mit Football, Baseball und Angeln an der Spitze, sowie Bäumeklettern und Kampf- und Kriegsspiele draußen an.  Immerhin mehr als die Hälfte berichtet außerdem, mit „Jungenspielzeug“, also zum Beispiel Spielzeugautos gespielt zu haben. Diese Angaben unterscheiden sich zwischen den Generationen fast überhaupt nicht. Etwas weniger als die Hälfte der jungen Frauen sagten, dass ihre Freunde vorwiegend Jungen waren (aber nur etwa ein Viertel der älteren Frauen), ein Drittel der Jungen Frauen sagte außerdem, sie hätten typische Jungenverhaltensweisen gezeigt, z.B. Fluchen, oder Jungenkleidung bevorzugt. 7% der jungen und 15% der älteren Befragten berichteten außerdem, dass sie männliche Parts in Rollenspielen übernommen hätten: “I was Luke Skywalker instead of Princess Leia when we played Star Wars.”

Hier wird sehr deutlich, dass tatsächlich ein beträchtlicher Teil aller Mädchen sich zumindest nicht ausschließlich wie stereotype Mädchen verhalten – und das trotz der gesellschaftlichen Normvorstellungen. Das „Jungenverhalten“ – oder sollten wir es vielleicht lieber als „normales Kinderverhalten bezeichnen? – wurde im Übrigen in den meisten Fällen ungefähr im Alter zwischen 12 und 13 Jahren abgelegt, also mit dem Einsetzen der Pubertät. Die meisten gaben Gruppendruck und wachsendes Interesse an Jungen (als Sexualpartner, nicht als Spielkameraden) als Grund für diese Veränderung an.

Es stellen sich bei der Studie einige Fragen, die diese selbst leider nicht beantworten kann, so zum Beispiel, ob die Norm, innerhalb der das eigene Verhalten eingeschätzt wird, die Norm von 1998 (dem Jahr der Studie) oder die Norm während der Kindheit der Befragten war. Weiterhin ist schwierig zu bewerten, ob und wieviele der Befragten ihr von ihnen als normabweichend wahrgenommenes Verhalten lieber verschwiegen oder sogar verdrängten. Daher sind vor allem die zwischen den Generationen festegestellten Unterschiede sicher mit Vorsicht zu behandeln. Aber selbst bei Berücksichtigung dieser methodischen Probleme bleibt der stabile Befund, dass die angebliche Norm eigentlich nur auf eine Minderheit zutrifft. Daher ist die Diskussion über die Herkunft der Unterschiede der Realität teilweise einen Schritt voraus (oder hinterher), denn die Unterschiede sind zumindest bei Kindern vor der Pubertät in dieser Schärfe überhaupt nicht vorhanden.

Insofern hatte Ferrero durchaus recht mit der Einschätzung, dass Mädchen sich nicht in eine Schublade stecken lassen – nur ist dies erstens keineswegs ein neues Phänomen, und zweitens ist die Schlussfolgerung, man brauche daher extra Mädchen-Spielzeug, natürlich falsch. Extra für Mädchen angefertigtes Spielzeug ist im Prinzip überflüssig. Seine Existenz ist aber ein weiterer Faktor, der Druck in Richtung stereotypes Verhalten ausüben kann. Warum dies schlecht ist, erklärt sich übrigens nicht nur dadurch, dass man damit individuelle Präferenzen einzelner Menschen unterdrückt, dies also der eigentliche „Gleichmacher“ ist – die Studie selber erwähnt außerdem, dass die ehemaligen „Tomboys“ erfolgreicher und selbstbewusster in ihrem späteren Leben waren und auch als ältere Menschen sich stärker sportlich betätigten. Also: Nicht-stereotypes Verhalten ist zumindest für Mädchen und Frauen einfach gesünder.

Literatur:
Betsy Levonian Morgan (1998), A Three Generational Study of Tomboy Behavior. In Sex Roles 39/9-10, 787-800 (http://www.springerlink.com/content/u0w0475121k6v058/)

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12 Kommentare

  1. Der logische Kurzschluss der Marketingabteilung Ferreros sorgt bei mir seit deinem ersten Beitrag für herzliches Lachen: ‚Mädchen lassen sich nicht in Schubladen stecken – also machen wir eine Mädchenschublade auf.‘

  2. In diesem Zusammenhang schön: Die Weise, in der sich RedakteurINNEN(!) in Frauenzeitschriften dazu hinablassen, der gemeinsamen Tochter von Brad Pitt und Angelina Jolie aufgrund ihrer offensichtlichen Tomboy-haftigkeit zu unterstellen, sie wolle mit diesem „bemitleidendswerten“ Verhalten die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich ziehen. Diese kümmerten sich angeblich mehr um die gemeinsamen Söhne, weswegen sich die Tochter „verzweifelt“ „wie ein Junge“ präsentiere. Disclaimer: Ich lese die Dinger wirklich nicht. Habe aber leider eine Kollegin, die den Inhalt dieser Seuchenheftchen gerne in Kaffeepausen für Smalltalk nutzt.

  3. ich glaube, dass Kinder deutlich geprägter auf die Welt kommen – der Älteste von mir nahm noch die Nagelbürste als Autoersatz und schob sie brumbrum über den Fußboden, die Tochter stolperte über Autos und würdigte sie keines Blickes – vielleicht ja auch, weil dieses Gebiet schon besetzt war…?

  4. Ich bin auch ein Tomboy gewesen und es war einfach eine tolle Zeit.

  5. @freudefinder: Diese Anekdoten sind lustig, helfen aber nicht sehr viel weiter, denn es sind eben nur Anekdoten. Anekdoten sind aus zwei Gründen wissenschaftlich (fast) nie relevant:

    Erstens: Es können mehrere Variablen vorliegen. Was einzelne Kinder interessiert und was nicht, kann an vielen verschiedenen Faktoren/Variablen liegen, keineswegs nur am Geschlecht, denn die Kinder unterscheiden sich ja nicht ausschließlich im Geschlecht – genau diese Situation bräuchte man aber, wenn man aus dem Vergleich zweier Kinder etwas schließen will. Deshalb betrachten wissenschaftliche Studien eben immer große Mengen von Daten, in der Hoffnung, dass sich individuelle Faktoren in der Masse ausgleichen. Und offensichtlich tun sie das auch, denn die wissenschaftlichen Studien dieser Art zeigen an keiner Stelle, dass biologisches Geschlecht eine zuverlässige Vorhersage zu Interessen macht.
    Zweitens: Der nicht-neutrale Blickpunkt des Beobachters, der bestimmte Unterschiede dort sieht, wo er sie erwartet.

    In der Diskussion um geschlechtsspezifische Prägungen ist außerdem relevant, dass Kinder nun einmal nicht geschlechtsneutral sozialisiert werden – nach der Geburt beobachtete Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen können durchaus systematisch sein, diese können aber eben durch systematische Sozialisation entstanden sein und nicht durch genetische Prägung.

    Und deshalb ist auch Glauben (der auf der Grundlage von Anekdoten und Einzelbeobachtungen entsteht) nicht wissenschaftlich relevant.

  6. Nachtrag: Eine Anekdote ist in genau einem Fall wissenschaftliche relevant, nämlich dann, wenn man eine universelle Hypothese widerlegen will. Eine universelle Hypothese wäre z.B. „Alle Schwäne sind weiß.“ Eine einzige davon abweichende Beobachtung (Sichtung eines schwarzen Schwans) widerlegt diese Hypothese. Beoachtungen von einzelnen weißen Schwänen tragen zu der Hypothesenüberprüfung nichts bei.
    In der Diskussion um Geschlechter werden aber selten ernstgemeine universelle Hypothesen aufgestellt („Kein Mädchen spielt gern Fußball“ oder „Alle Jungen interessieren sich für Technik“). Diese wären sehr leicht zu widerlegen. Statt dessen werden Tendenzen behauptet. Solche Behauptungen sind aber nur statistisch zu belegen.

  7. @freudefinder: Und noch ein Nachtrag: Ihre Vermutung „vielleicht, weil das Gebiet schon besetzt war“, ist eine durchaus interessante Hypothese – und sie zeigt, dass es viele Gründe für Unterschiede geben kann, die mit dem Geschlecht entweder nichts zu tun haben, oder durch andere Dinge bedingt sind.

  8. […] letzten Blogbeitrag wurde gezeigt, dass typische Mädchen (die Mehrheit) sich gar nicht wie “typische […]

  9. […] Mutti zeigt erst, dass sich die meisten Mädchen gar nicht wie “typische Mädchen” verhalten und zeigt dann, warum der Stereotypisierungsdruck für Jungen noch stärker ist. […]

  10. […] Selbst wenn man diese edle Zielsetzung, die hinter den rosa Eiern mit den “Pornoelfen“, wie sie inzwischen genannt werden, mal ernst nähme: Es würde so nicht funktionieren. Wir wissen inzwischen, dass man mit gegenderter Werbung in Form aufgemotzter Damen Mädchen nicht mehr, sondern weniger für Wissenschaft und Technik interessiert. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Prämisse einfach nicht stimmt? Denn nicht nur gibt es trotz nie erlahmender Bemühungen, genetisch festgelegte Präferenzen für kulturell etablierte Geschlechterrollen zu entdecken, bisher einfach nichts Überzeugendes (hierzu siehe etwa den Affenmädchen-Blogpost von mir, die Rezension von Cordelia Fine im Quantenwelt-Blog und natürlich deutlich umfassender Cordelia Fines Buch “The Gender Delusion”). Es gibt außerdem Forschung, die zeigt, dass das angeblich angeborene Mädchen-Verhalten und die Mädchen-Interessen nicht nur nicht angeboren sind, sondern dass sie zu einem großen Teil nicht existieren – denn mehr als zwei Drittel aller Frauen beschreiben sich selbst als ehemalige Tomboys. […]

  11. Hanne_Luise · · Antwort

    „Relativ klar scheint, dass Kinder einem erheblichen Druck ausgesetzt sind, sich den kulturellen Stereotypen unterzuordnen“

    Solche passiven Formulierung verniedlichen Ursache und Wirkung. Der Druck, von dem du sprichst, ist keine Naturgewalt. Er kommt nicht von irgendwo her.
    Der Druck wird ausgeübt. Von Erwachsenen.

  12. […] die Bloggerin Dr.Mutti sehr schön darstellt, ist es nicht ungewöhnlich, dass Mädchen aus den ihnen zugeschriebenen Rollen ausbrechen und es kommt auch vor, dass Jungs das tun. Dieses Ausbrechen aus Geschlechterrollen ist nur deshalb […]

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