Tomboy and Drag Princess

Im letzten Blogbeitrag wurde gezeigt, dass typische Mädchen (die Mehrheit) sich gar nicht wie „typische Mädchen“ (das Stereotyp) verhalten. Bisher fehlt in der Diskussion jedoch noch ein Blick auf „untypische“ Jungen: Denn natürlich wirkt auch auf diese ein starker Druck, sich stereotypisiert männlich zu verhalten.

Der schon im letzten Blogbeitrag erwähnte Artikel im New York Times Magazine hatte den Titel: „What’s so bad about a boy who wants to wear a dress?“ (Was ist so schlimm an einem Jungen, der ein Kleid tragen will?) Darin geht es um solche Kinder und ihre Eltern – und das Ganze liest sich, als wäre ein Junge, der sich nicht in seine Jungenrolle einfügen will, mindestens so schlimm wie eine körperliche oder geistige Behinderung. Von der Umwelt belacht und ausgestoßen, von wohlmeinenden Ärzten untersucht, stellt sich sofort die Frage, ob diese Jungen homosexuell, transsexuell oder beides sind – selbst wenn die Zeit bis zur Geschlechtsreife noch Jahre beträgt. Eltern suchen im Internet – natürlich anonym – nach Antworten, Lösungen und Leidensgenoss*innen.

Jungen dürfen also offensichtlich noch viel weniger aus der ihnen zugedachten Rolle ausbrechen. So lange ihr Verhalten nicht ganz eindeutig als „weiblich“ markiert ist, passiert wahrscheinlich auch nicht viel: Weinende Jungen werden wahrscheinlicher seltener, kürzer und weniger liebevoll getröstet, häufiger mit einem Hinweis auf Stärke abgetan. Aber wenn ein Junge gerne mit Puppen und Puppenwagen spielen, oder gar sich ein Kleid anziehen und sich schminken oder die Nägel lackieren möchte, ist in den meisten Fällen Schluss: An dieser Stelle scheinen sich die meisten Leute einig, zu sein, dass dies krankhaftes und therapiebedürftiges Verhalten ist.

Damit ist der Stereotypisierungsdruck stärker als bei Mädchen. Denn wenn Mädchen sich „wie Jungen“ verhalten, indem sie als männlich angesehene Sportarten betreiben, draußen spielen und sich schmutzig machen, Hosen und T-Shirts anziehen, die weder rosa noch lila sind, fluchen, spucken, sich „männlich“ bewegen – was mehr als zwei Drittel aller Mädchen auch tun – dann wird ihnen vielleicht vorgeworfen, sich nicht wie ein nettes, typisches Mädchen zu verhalten. Vielleicht wird mit ihnen geschimpft oder sie werden ermutigt, doch auch mal etwas Mädchenhaftes zu machen oder anzuziehen. Viel mehr passiert jedoch in den meisten Fällen nicht – die wenigsten Mädchen würden deshalb beim Psychiater landen oder eine Hormontherapie angeboten bekommen.

Warum ist das so? Zu dieser Frage wird in dem New York Times Magazine-Artikel Diane Ehrensaft zitiert, eine Psychologin der University of California in San Francisco:

That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

(grob übersetzt: „Das ist, weil Mädchen an Status gewinnen, wenn sie sich in das männliche Gebiet begeben, während Jungen durch den leisesten Hauch von Weiblichkeit abgewertet werden. Ein Mann zu sein, beinhaltet in unserer Gesellschaft viel mehr Privilegien. Wenn sich ein Junge wie ein Mädchen verhält, rüttelt das an unbewussten grundlegenden Überzeugungen, denn warum sollte jemand dem minderwertigen Geschlecht angehören wollen?“)

Entsprechend zeigen tatsächlich auch nur zwischen 2 und 7% aller Jungen stereotyp weibliches Verhalten – denn während das umgekehrt bei Mädchen zumindest unbewusst als „verständlich“ eingeordnet wird, werden Jungen fast automatisch als psychisch gestört eingestuft. Der Druck ist also dort deutlich höher, sich dem dem eigenen biologischen Geschlecht zugeordneten Stereotyp zu beugen. Außerdem scheint der Anreiz zu geschlechteruntypischem Verhalten deutlich geringer, denn typisches „Mädchenverhalten“ wird eben schlechter bewertet und weniger anerkannt (und macht, ganz unter uns, oft auch weniger Spaß). Insofern muss ein Junge schon sehr starke emotionale Gründe haben, sich entsprechend zu verhalten.

Tatsächlich gibt es also auch eine Art „Sexismus“ auch gegen einzelne Jungen und Männer – nämlich vor allem dann, wenn sie sich nicht stereotyp männlich verhalten. Dieser individuelle Sexismus ist jedoch durch einen strukturellen Sexismus unserer Gesellschaft bedingt, der stereotyp männliches höher bewertet als stereotyp weibliches. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum es eben Spielzeug (wie z.B. Überraschungseiern) und Kleidung „extra für Mädchen“ gibt, während das Spielzeug und die Kleidung für Jungen theoretisch auch von Mädchen benutzt werden können. Das alles weist jedoch nicht auf eine allgemeine Bevorzugung von Mädchen in unserer Gesellschaft hin – es ist eher das Gegenteil. „Typische“ Jungen sind eine Art Default-Mensch, von denen Mädchen und „untypische“ Jungen abweichen.

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13 Kommentare

  1. […] meisten Mädchen gar nicht wie “typische Mädchen” verhalten und zeigt dann, warum der Stereotypisierungsdruck für Jungen noch stärker ist. Denn dies sei “durch einen strukturellen Sexismus unserer Gesellschaft […]

  2. Hanne_Luise · · Antwort

    Hallo, 2 Fragen:
    Was genau ist dabei die Struktur. Kann man sie irgendwie konkretisieren und benennen?
    Strukturen in der Gesellschaft sind für mich z.B. die Judikative oder das Bildunssystem, also auf eine bestimmte Weise organisierte und geregelte Angelegenheiten, die das Individuum nicht umgehen kann. Beim Sexismus sehe ich allerdings keine solche organisierte Struktur. Und wenn es eine Struktur gibt (die ich momentan nicht sehe), welche Rolle spielen die Frauen dabei? Immerhin stellen sie ja mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

  3. Stuktur ist nicht das selbe wie Institution – Einrichtungen haben selber ne Stuktur. Eine Struktur ist eine innere Anordnung, ein Gefüge aus verschiedenen Teilen oder eine erhabene Musterung bei Textilien oder ähnlichen. (so sagt’s der gute alte Duden)
    hier ist eindeutig erstes gemeint.
    Die Gewaltenteilung ist keine Stuktur im eigentlichen Sinne, liegt aber der staatlichen Stuktur (Gefüge der Teile) zusammen. Der Staat ist aber auch nicht die Gesellschaft, sondern deren Ordnung und Institutionalisierung.
    Die Bahnen und Maßgaben die die Gesellschaft den Jungs und Mädels hier auferlegt um in das Muster und Bild zupassen ist die Stuktur die hier angeklagt oder zumindest hinterfragt wird.
    klingt von mir hier bisschen klugscheißerisch, aber ich hoffe ich konnte helfen

  4. Hanne_Luise · · Antwort

    Danke, Lokke. Ich wollte aber nicht wissen, was eine Struktur ist, sondern welche dieser Strukturen man dingfest kann, wer dafür verantwortlich und wer mitverantwortlich ist.

    1. das hab ich aber indirekt auch beantwortet, nämlich darin das diese frage so nicht zu stellen ist, da eine Struktur eben im Gegensatz zu Institution etc nicht ab oder einzugrenzen ist. Sie zurzieht alles und betrift alles, es geht um eine gesamt heit, keine aufzeigbaren schuldigen. Man muß bewußt machen und aufbrechen und dann kann sich die Strukturveränderung durch das ganze wie ein Sauerteig ziehen. ne abgrenzbar zu benennenden Schuldigen den man einfach „verhaften „kann gibt’s da nicht

  5. Hanne_Luise · · Antwort

    @Lokke, jetzt weichst du aus auf einen Schuldigen. Aber danach hab ich auch nicht gefragt, sondern nach Verantwortlichen. Das ist etwas anderes. Und welche Fragen zu stellen sind – ich bitte dich! – das entscheidest du doch nicht (für mich).
    Meine Fragen sind eindeutig und präzise formuliert. Wenn es Strukturen gibt, welche sind das? Was macht sie aus?
    Wenn man nicht mal sagen kann, um welche Strukturen es geht, dann kann man auch nichts aufbrechen oder Verändern.

    Da gibts doch nix misszuverstehen.

    1. danke jgoschler
      und hanne_louise es gibt tatsächlich fragen die man so nicht stellen kann bzw braucht – nämlich dann wen die Frage an der Sache vorbei geht. beispielsweise stellt sich nicht die Frage nach der Beschaffenheit der Hände von Gänseblümchen -da sie keine haben.
      somit ist es nicht jedem selbst überlassen welche Fragen sinnig zulässig sind, da die Natur der Dinge selbst Grenzen setzt.

  6. @Hanne_Luise: Wenn hier von „Strukturen“ die Rede ist, sind damit „soziale Strukturen“ oder auch „Strukturen sozialen Handelns“ gemeint. Das geht deutlich über wirtschaftliche, demographische oder rechtliche Institutionen hinaus, es gibt Konstellationsstrukturen, Erwartungsstrukturen und Verteilungsstrukturen, die eine Gesellschaft kennzeichnen. Erklären kann man diese Strukturen z.B. systemtheoretisch – und in einem System gibt es keine eindeutigen „Verantwortlichen“, sondern die Eigenschaften sind Eigenschaften des Systems. Das heißt nicht, dass das Handeln einzelner keine Wirkung hat, aber das gesellschaftliche Ergebnis ist nicht monokausal.
    Wenn es dich wirklich interessiert, lies eine Einführung in die Soziologie, das ist Stoff für die ersten Semester. Wenn dein Interesse so weit nicht reicht, google doch mal „Struktureller Sexismus“ oder lies den entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Lokke hat hier dankenswerterweise versucht, dir sehr kurz einige relativ unstrittige, weitbekannte Dinge zu erklären, aber tatsächlich ist eine Diskussion im Kommentarbereich nicht dazu geeignet, Grundwissen zu vermitteln.

  7. Und noch ein weiterführender Lesetipp für diejenigen, die die Verantwortung für Sexismus einer klar auszumachenden Instanz zuschreiben wollen: Anatol Stefanowitschs Beitrag „Ringen um Verständnis“ (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/kultur/2012-08-13/ringen-um-verstaendnis) erklärt, woher diese Idee kommt und warum sie falsch ist (Punkt 4 in seiner Aufzählung).

  8. […] ‘zu männliche’ Tochter schrieb. Ebenso wenden sich die Texte von Dr.Mutti (‘Tomboy and Drag Princess‘) und von Arlette Zappi in der Nido (‘Ein Traum aus rosa‘) gegen die starre […]

  9. „Mädchen die pfeifen und Hühner die kräh’n, denen soll man den Hals umdrehn.“
    So hieß es ständig, als ich ein Kind war, und so würde ich nie einen Mann finden. Ich wollte auf Bäume klettern, Fußball spielen und mit Matador spielen. Statt dessen erhielt ich zu Weihnachten eine Puppe, den heißersehnten Matadorbaukasten erhielt mein 4 Jahre jüngerer Bruder, der sich weder dafür interessierte noch damit etwas anfangen konnte. Am liebsten wäre ich in Tränen ausgebrochen, ich bedauere heute noch, dass ich es nicht getan habe.

  10. […] passt ein schon etwas älterer aber immernoch aktueller Blogartikel von Dr.Mutti mit einem Zitat der Psychologin Diane […]

  11. […] Artikel über die Ausgrenzung von Jungen durch Produkte “extra für Mädchen”  und zu Dr.Mutti über TomBoy und Drag Princess) Was hat das für Folgen für das Zusammenleben im […]

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