Ferreros pädagogischer Auftrag

Die Aufregung um die Mädchen-Überraschungseier ist inzwischen etwas abgeflaut. Viele Leute haben ganz ähnlich wie ich hier im entsprechenden Blog-Artikel eine Reaktion zwischen Erstaunen, Befremden und Ärger gezeigt. Die Unbelehrbaren blieben unbelehrbar und wiederholten immer wieder ihre altbekannte schlüssige Argumentationskette – doch nicht so schlimm, hat doch keine Auswirkungen, Mädchen sind nun mal.

Heute nun erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel zum Thema. Eigentlich zu spät, um noch großartig besprochen zu werden: Zwar bringt Dr. Stevie Schmiedel, Mitarbeiterin im Zentrum für Frauen-, Geschlechter- und Queerforschung der Universität Hamburg und Mitbegründerin von Pinkstinks.de, die wichtigsten Dinge noch einmal knackig auf den Punkt. Aber das eigentliche Sahnestück hat die Autorin des Artikels mit einem Marktforscher aufgetan, der für Ferrero arbeitet und der nach der lächerlichen Begründung auf der Ferrero-Homepage „Mädchen lassen sich heutzutage nicht mehr nur in eine Schublade stecken“ jetzt mit einem neuen Brüller aufwartet. Denn der widerspricht der Ferrero-Schubladen-Aussage – und zeigt, dass es noch schlimmer geht. Folgendermaßen wird Axel Dammler, Marktforscher bei „Iconkids&Youth“ in der SZ wiedergegeben:

Hinter dem rosa Spielzeug stecke aber dennoch ein klares Ziel: Es gehe darum, das Interesse der Kinder auf Dinge zu lenken, mit denen sie sich sonst nicht beschäftigen würden. Ähnlich sei es mit „Lego Friends“, einem Bausatz mit lila Klötzchen, die Mädchen zum Bauen animieren sollen. Mädchen hätten nun mal ein „Puppen-Gen“ und würden sich sonst nicht mit solchen Sachen befassen. Wenn man aber ihre Vorliebe für rosa nutze, um sie dann für etwas zu begeistern, was sie sonst ignorieren würden, sei das doch eine gute Sache.

(Süddeutsche Zeitung vom 21. August 2012)

Selbst wenn man diese edle Zielsetzung, die hinter den rosa Eiern mit den „Pornoelfen„, wie sie inzwischen genannt werden, mal ernst nähme: Es würde so nicht funktionieren. Wir wissen inzwischen, dass man mit gegenderter Werbung in Form aufgemotzter Damen Mädchen nicht mehr, sondern weniger für Wissenschaft und Technik interessiert. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Prämisse einfach nicht stimmt? Denn nicht nur gibt es trotz nie erlahmender Bemühungen, genetisch festgelegte Präferenzen für kulturell etablierte Geschlechterrollen zu entdecken, bisher einfach nichts Überzeugendes (hierzu siehe etwa den Affenmädchen-Blogpost von mir, die Rezension von Cordelia Fine im Quantenwelt-Blog und natürlich deutlich umfassender Cordelia Fines Buch „The Gender Delusion“). Es gibt außerdem Forschung, die zeigt, dass das angeblich angeborene Mädchen-Verhalten und die Mädchen-Interessen nicht nur nicht angeboren sind, sondern dass sie zu einem großen Teil nicht existieren – denn mehr als zwei Drittel aller Frauen beschreiben sich selbst als ehemalige Tomboys.

Man muss also Mädchen nicht austricksen, damit sie auch mal basteln, bauen, puzzeln oder etwas werfen. Sie tun es von allein. Vielmehr bedarf es massiver kultureller Prägung, sie auf die Rolle des typischen Mädchens und der typischen Frau zu trimmen. Einen Teil dieser Prägung hat Ferrero jetzt mit übernommen. Und, wie wir jetzt wissen, keineswegs so absurd arglos und verdreht, wie noch die ursprüngliche Webseite uns glauben machen wollte. Denn Axel Dammler spricht aus, was viele und offensichtlich auch die Verantwortlichen von Ferrero denken: Mädchen sind inaktive, alberne Geschöpfe, die interessante Dinge ignorieren würden, wenn, ja wenn nicht Ferrero pädagogisch wertvolles Spielzeug unter den rosa gefärbten Tand mischen würde.

„Auch wenn die Unternehmen bewusst genderspezifische Produkte anbieten, sollte man nicht immer gleich die ideologische Keule herausholen“,

sagt Dammler noch. Ich glaube, man sollte sie doch herausholen. Schnell.

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5 Kommentare

  1. Die Pinkifizierung von allem und jedem *ist* die ideologische Keule, ihr Vollspaten.

  2. Und mit „ihr“ meine ich Ferrero, falls das nicht klar war.

  3. Himmel, was für ein Sch***! Puppen-Gen???!!!
    Sofort eine Keule und zwar eine große!!!

  4. Er sagte Puppen-Gen. Puppen-Gen. Ich meine… „Mädchen haben nunmal ein Puppengen“… was zum…! Wie ekelhaft kann man den sein? Und dann noch schnell nen Tritt in Richtung derer, die immer gleich die ideologische Keule ausholen…. Wen er da meint kann man leicht erraten.

  5. Das allertraurigste ist meiner Meinung nach, dass es wahrscheinlich auch noch funktioniert und die Verkaufszahlen den Werbefuzzis recht geben werden.

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