Gendersalat, Schleim und Pünktlichkeit

D..a..r..f  n..i..ch..t  Ü..b..e..r..r..a..sch..u..ng…s…..ei…er…. Ach, was solls. Denn eigentlich wollte ich ja sowieso noch einmal alle Gegenargumente gegen den Überraschungsei-Protest aufgreifen, auflisten und fein säuberlich zusammenfassen. Nur hat es jetzt leider schon jemand gemacht. Und zwar völlig ironiefrei der Harald Martenstein in der ZEIT. Und nun muss ich nur noch seine Punkte einmal durchgehen, denn er bringt tatsächlich jedes einzelne abgedroschene, hundertmal widerlegte Argument. Also los:

Eine Kulturwissenschaftlerin hat mir erklärt, dass noch im 19. Jahrhundert die Farbe Rosa für die Kleidung von Knaben verwendet wurde und die Farbe Blau für Mädchen. Das ist alles nur Kultur, sagte die Kulturwissenschaftlerin. Wenn sich die Gesellschaft morgen darüber kulturell verständigt, dass Grün die Mädchenfarbe ist und Gelb die Bübchenfarbe, und wenn sich alle daran halten, dann ziehen die Mädchen sich übermorgen lindgrüne Trachtenjanker an.

So weit richtig – das hat ja auch nicht Harald Martenstein gesagt, sondern eine Person, die etwas weiß. Nun aber zu Martensteins Schlussfolgerung:

Und überübermorgen gibt es dann Proteste dagegen. Proteste sind auch Kultur.

Ja, diese Abgeklärtheit, die der Kulturkritiker Herr Martenstein zur Schau trägt. Leider hat er nicht verstanden, dass Feminist*innen und andere denkende Menschen, die die rosa Überraschungseier „nur für Mädchen“ ablehnen, nichts gegen die Farbe haben. Hätte man nachgelesen (z.B. hier und hier), wüsste man das. Es geht nämlich eigentlich darum, die damit verbundenen Geschlechterklischees zu kritisieren. Und deshalb wäre Gender-Apartheid tatsächlich auch in gelb und grün falsch und kritisierenswert – nicht weil sich Feminist*innen mal über dies, mal über das aufregen, sondern über das Immergleiche in verschiedenen Formen.

Also, weiter, Herr Martenstein:

Jeder, der mal Jungen und Mädchen hat aufwachsen sehen, weiß, dass sie irgendwann anfangen, sich auf extrem klischeehafte Weise wie Jungen und Mädchen aufzuführen.

Der Pädagoge Martenstein berichtet aus langjähriger Erfahrung. Er hat sogar eine nie gehörte Anekdote parat:

Als mein Sohn klein war, hat meine Oma ihm oft Puppen geschenkt. Er wollte aber mit Autos spielen.

Gähähn. Komisch, nicht, dass der Sohn von Vater Martenstein so eingeschränkte Interessen hat, bei diesem vielseitigen Vater. Angeboren, kann man nichts machen. Oder, wie einige Leute nicht müde werden zu betonen, eben durch Sozialisation entstanden. Aber daran glaubt Herr Martenstein nicht:

Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie. Die Verschwörungstheorie lautet, dass all diese Verhaltensweisen auf unbewusste Manipulation durch die Erwachsenen zurückzuführen sind.

Der gläubige Herr Martenstein glaubt wie alle Gläubigen, dass ihr Glaube irgendwie wichtig genug sei, um ihn gegen das Wissen der Wissenschaftler zu halten. Dieses Wissen besagt aber nun mal, dass Sozialisation wirkt – nicht nur im Bereich Geschlecht, sondern in Bezug auf alle kulturell geprägten Rollenerwartungen. Aber könnten nun gerade Geschlechterrollen nicht angeboren sein, eine Laune der Natur oder vielleicht evolutionärer Zwang?

Wenn man der Natur ihren Lauf lässt, kommen am Ende verschiedene Geschlechter heraus, die sich, trotz vieler Gemeinsamkeiten, in ein paar Punkten unterschiedlich verhalten.

Ja, nur dass niemand weiß, was passiert, wenn man „der Natur ihren Lauf lässt“. Denn geschlechtsneutrale Erziehung gibt es in unserer Gesellschaft nicht. Und jeder Versuch, damit wenigstens mal anzufangen, stößt auf wütende Proteste, so wie etwa dieser Kindergarten in Schweden. Und hätte Herr Martenstein eine Aufmerksamkeitsspanne, die über drei Absätze seines eigenen Textes reicht, wäre ihm ja vielleicht der Widerspruch zum ersten Absatz, der kulturell geprägte Farbkodierung erklärt, aufgefallen.

Aber weiter. Ist die ganze Aufregung nicht doch fehlgeleitet? Sind angeborene Unterschiede nicht etwas unglaublich Schönes?

Ich frage mich, was daran schlecht sein soll und wieso man es ändern will. Ein Einheitsgender, die Mauen oder die Fränner oder wie immer das dann heißt, so was wäre doch total langweilig.

Richtig – eine Kategorie von Menschen – langweilig, zwei Kategorien von Menschen – hochspannend! Individualität, also etwa sieben Milliarden verschiedene Menschen – ach nee, das ist wieder zu viel, da müsste man sich merken, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Zwei ist besser, zwei ist gut, zwei Arten Menschen, zwei Farben, das kann man sich gut merken. Aber es geht noch tiefer in die Trickkiste der Gender-Apologeten:

Bei den Schnecken gibt es das Gegenteil ja bereits, Schnecken haben alle ein Einheitsgeschlecht. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich dagegen kämpfen, dass die Schnecke in unserer Gesellschaft das neue Rollenmodell wird. Rumschleimen, Salat essen, überall zu spät kommen…

Der Naturforscher Martenstein, hier hat er alle vor ihm in diesem Sinne kommentierenden übertroffen. Mit Urmenschen und Affen gab es ja schon viele Argumente, aber Schnecken! Gut, damit kennen sich eben nur Experten wie der Schneckenforscher Martenstein aus. Und gut, dass er uns warnt, denn der Auflösung von Geschlechterrollen folgt Unpünktlichkeit auf dem Fuße. Denn diese Verhaltensweisen zeigen Schnecken nicht etwa, weil sie die Uhr nicht so gut lesen können, nein, es liegt am Einheitsgeschlecht!

Und zum Schluss wirds nochmal persönlich. Auch SEINE Oma hat dem Enkel Martenstein Puppen gegeben. Und seht, was daraus geworden ist:

ein Typ, der nicht daran glaubt, dass man mithilfe von Erziehung Menschen in andere Menschen verwandeln kann, mehr noch, ein Typ, der genau dies gut findet.

Wahnsinn. Trotz der Puppen jemand, der daran glaubt, dass uns alles vorherbestimmt ist. Wer hätte das gedacht! Erziehung und Sozialisation sind völlig egal. Denn im Genom von DNA-Behälter Martenstein war von Anfang an festgelegt: Kulturkritiker; Pädagoge; Gläubiger; Schneckenforscher – Mann, der weiß, was für andere, insbesondere Frauen, gut ist.

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17 Kommentare

  1. Hätte ich das hier doch vor dem Martenstein-Stück gelesen, hätte mir der Morgenkaffee heute besser geschmeckt. Naja … diese nachgeschickte Polemik ist jedenfalls ein Genuss. Ich möchte noch auf ein Zitat vom Puppen spielenden (und dadurch bedauerlicherweise fehlgeleiteten) Martenstein hinweisen: „Einen nicht unwesentlichen Teil meiner Kindheit habe ich folglich damit verbracht, Puppen an- und auszuziehen. Das hat Spaß gemacht, auch wenn ich dadurch falsche Vorstellungen von der weiblichen Anatomie bekommen habe. Puppen sind in dieser Hinsicht ein bisschen unrealistisch, was Jungen, die mit Puppen spielen, leider nicht immer gleich wissen.“ Ich denke, das braucht keinen Zusatzkommentar.

  2. Ja. Genau. Habe den Artikel auch gelesen und mich unfassbar geärgert und bin aber über morgendliche Verzweiflung nicht hinausgekommen. Schön, wenn jemand das alles fein säuberlich auseinandernimmt, das tut gut!

  3. Ach, der Martenstein drückt mal wieder auf seine ewig gleichen Knöpfchen. Hab die Kolumne im Magazin heute früh absichtlich überblättert, weil ich so eine leise Ahnung hatte, was da wohl drinstehen mag… Danke fürs kompetente Auseinandernehmen an dieser Stelle, sehr gerne gelesen! Evt. als Replik auch an die Zeit schicken?

  4. Ja, also der Martenstein ist ein besonders hoffnungsloser Fall, der halt immer weiter schreiben darf, weil er oft auf persönlich-intim-witzig macht. Immerhin hat er mich mal darauf gebracht, dass diese ganze Natur-Schein-Argumentation dazu dient, Frauen das Fußballspielen zu verbieten, ‚weil sie das halt nicht so gut können, wie gebären‘. Die Wut darüber, dass er nicht gebären kann, war geradezu greifbar.

    Nun wieder: Eingeschlechtlichkeit wäre langweilig. Das ist die bekannte Technik, Argument durch Andeutung umso wirksamer zu machen. Nur ist es mal wieder überhaupt kein Argument. Das Geschlecht des Herrn Martensteins scheint auf dem Spiel zu stehen, seine Männlichkeit. Jetzt könnte ich untertellen, dass er den Fall seiner Männlichkeit so sehr fürchtet, weil er sich ihrer eigentlich nicht sicher ist. Aber der eigentliche Punkt sind doch: Schleim, Salat essen und zu spät kommen. Nun wäre es an Martenstein, zu überlegen, wofür all das bei ihm steht. Ich werde mir unterdessen eine Schneckenzucht zulegen.

  5. Danke, Danke, Danke. Ich hab bis jetzt ein oder zwei Handvoll Kolumnen von ihm gelesen und frage mich jedesmal, wie so etwas abgestanden Altväterliches (lässt sich alles auf früher war alles besser bzw. es ist gut so, wie es ist zusammenfassen) als Kolumne im Rahmen der Zeit erscheinen darf. Ist doch eher was für Hörzu oder das goldene Blatt oder so. Vllt. ist mein Bild der Zeit auch falsch.

  6. Ich kannte Herrn Martensteins Werke bisher noch nicht. Habe aber scheinbar auch nichts verpasst.

  7. Robotisme · · Antwort

    Anderes Thema, derselbe Ressentimartenstein: http://www.titanic-magazin.de/badl_1207.html#c15939

    buäh.

  8. Daaaaanke! Ich habe tränen gelacht! Würde martenstein das nicht ernst meinen, es wäre noch witziger!

  9. silberredner · · Antwort

    Reblogged this on Silber reden.

  10. Na, dann müsste Herr Martenstein ja an „Brave New World“ seine Freude haben. Dort werden die Menschen in gleich fünf Arten als Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- und Epsilon-Menschen gezüchtet und aufgezogen. Das sind genug, dass Herr Martenstein sich nicht langweilt, und man kann sie immer noch an einer Hand abzählen.

    Chancengleichheit ist sowas von Langweilig.

  11. Heiliger Bimbam · · Antwort

    vielleicht solltet ihr euch alle mal in der kommentarspalte der zeit zu wort melden, statt euch hier gegenseitig zu bestätigen, wie recht ihr habt, und den martensteins in der zeit die meinungshoheit zu überlassen.

    macht es! tut nicht weh.

  12. Vielen lieben Dank für diesen Blog. Wir haben uns nur ganz kurz gefasst, weil wir deine Energie dafür vor Wut nicht hatten. So eine neutrale Analyse macht sicherlich aber sehr viel mehr Sinn! Herzlich, Stevie für PINKSTINKS

  13. […] von Vor- und Grundschülerinnen vernachlässigenswert, wenn das nicht so gut passen würde. Zu rosafarbenen Überraschungseiern, zu “Science: It’s a girl thing!”, zu Lufthansas […]

  14. […] Die BlogschauHarald Martenstein kann mensch schon auch ignorieren. Dr. Mutti hat trotzdem einen Artikel von ihm über Geschlechter auseinandergenommen. Es geht um Überraschungseier, Klischees und auch um […]

  15. Danke für diesen Blog, liebe Dr. Mutti, v.a. für das Engagement; denn es ist ja auch irgendwie ermüdend, auf immergleiche Klischees zu reagieren …
    ich stimme in allem zu 🙂

  16. cachedmemories · · Antwort

    „So eine neutrale Analyse macht sicherlich aber sehr viel mehr Sinn!“

    Neutral? Das ja wohl n Witz?

  17. Elinor Haftel · · Antwort

    mist, eingentlich mochte ich martenstein bis jetzt ganz gerne. wirklich immer wieder erstaunlich, dass kluge, witzige und scharfsinnige menschen, wenn es mal um die themen gender und sexismus geht, total versagen. (oder unerträglich uninformiert und uninteressierten mist reden).
    mich frustrieren die immer viel mehr als diejenigen, die eh ungebildet über alles reden.

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