Norbert allein zu Haus

Ab morgen findet in Berlin die Global Home Education Conference (GHEC) statt, die Zusammenkunft der Homeschooling-Befürworter und Gegner der allgemeinen Schulpflicht. Nun finden ja ständig Kongresse und Zusammenkünfte irgendwelcher Vereinigungen statt, und auch die Homeschooling-Bewegung ist letztlich nichts Neues. Interessant ist aber, dass die oft als religiöse Fanatiker und Spinner abgetanen Homeschooler offizielle Unterstützung von etablierten Politikern der Regierungsparteien bekommt, zum Beispiel von dem als Referent auftretenden Patrick Meinhardt, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, oder auch Norbert Blüm, ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Soziales.

Blüm hat ein Grußwort für den Kongress verfasst. Dort zieht er über das deutsche Schulsystem und im Prinzip auch über den deutschen Staat her, dessen Entwicklung, so zitiert ihn der SPIEGEL, zu einer Gesellschaft vergleichbar „mit einer wohltemperierten und -versorgten Legehennenbatterie“ führen könnte. Die „totale Vereinnahmung durch den Schulbetrieb“ habe „imperialistische Züge“ angenommen. Er sei „gegen die Monopolisierung der Erziehung durch den Staat und die faktische Abschaffung von Elternschaft“ und gegen die Übergabe der „letzten Überbleibsel der Familie an Wissenschaft, Wirtschaft und Staat“. Whoa. Bei allem Respekt für den Freiheitskampf des Norbert Blüm, dessen Partei ja seit jeher für die Akzeptanz und Förderung alternativer Familien- und Lebensentwürfe und gegen Bevormundung des Bürgers durch den Staat steht: Klingt das nicht fast ein klitzekleines bisschen staatsfeindlich?

Natürlich aber werden diese Aussagen durch persönliche Anekdötchen und Behauptungen geschmückt und gewinnen so etwas Unschuldiges. So berichtet Blüm über seine eigene Lernbiographie: „Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt. … Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen.“ Nun ja, das erklärt vielleicht einiges über die Fähigkeit, Machtpolitik auch ohne viel Wissen über Inhalte zu betreiben, die für eine Karriere in der CDU sicher hilfreich ist. Aber was, wenn man gar nicht will, dass sein Kind CDU-Politiker wird?

Natürlich kann man, auch ganz im Ernst und ironiefrei, die Nachteile eines staatlichen verpflichtenden Schulsystems diskutieren. Aber dies passiert in den entsprechenden Foren und Seiten der Homeschooler (z.B. hier), vor deren Karren Norbert Blüm sich hier spannen lässt, vor allem auf eine Art und Weise: Einem Zerrbild des deutschen Schulsystems, in dem alle an unterschiedlichen Stellen existenten oder auch nur potentiellen Probleme zusammengeworfen werden, wird ein Idealbild einer heilen Familie gegenübergestellt, in der nicht nur die Eltern über die notwendige Zeit und die Kompetenzen verfügen, den gesamten Schulstoff und noch viel mehr zu vermitteln, sondern in der es auch keine Hierarchien, keinen Zwang, keine „Gängelung“ gibt. Statt dessen frei entscheidende Kinder, die alles freiwillig machen und aus sich selbst heraus entwickeln und trotz Heimschule viele Freunde und verschiedene Bezugspersonen haben. Wie dieser „Vergleich“ dann ausfällt, ist sicher von vornherein klar. Die Gefahr ist an dieser Stelle groß, sich in einer Diskussion über die Realitätsnähe einer solchen Darstellung von Homeschooling-Familien zu verlieren – sicher gibt es für jeden einzelnen Punkt immer eine Anekdote, die „belegt„, dass es das alles geben kann.

Entscheidend ist deshalb eine ganz andere Frage, nämlich die, welche Möglichkeiten beide Modelle – staatlich geführte bzw. kontrollierte Schule oder Homeschooling – strukturell bieten. Und an dieser Stelle sollte klar werden, dass strukturell nichts gegen die Existenz von Schulen spricht, an denen individuellen Lernvorlieben und – geschwindigkeiten gerecht wird. De facto ist dies zumindest Programm an Montessori-Schulen, aber auch beim jahrgangsübergreifenden Lernen in den ersten beiden Schuljahren, wie es an vielen staatlichen Grundschulen in Berlin seit Jahren passiert. Nichts verbietet Schulen, die Kreativität und das Eigeninteresse der Schüler zu fördern, Schüler als Persönlichkeiten ernst zu nehmen, freundschaftliches Miteinander zu fördern und Mobbing und Gruppenzwang zu bekämpfen.

Natürlich ist dies nicht überall tatsächlich der Fall – aber genausowenig ist jede Homeschooling-Familie eine Mischung aus Bullerbü und dem Hause Mozart (in dem die Kinder ja ebenfalls vor allem durch den Vater unterrichtet wurden). Eines aber ist strukturell in jedem Homeschooling-Modell angelegt: Das Fernhalten der Kinder von Alternativen und Andersartigkeit. Alternativen Lebens- und Familienmodellen, alternativen Religionen und Weltanschauungen, anderen Kulturen, anderer Herkunft, anderen Bildungshintergründen, anderen Interessen und Prioritäten. Statt dessen sind die Kinder rund um die Uhr den eigenen Eltern ausgesetzt – und so toll und vielfältig diese im Einzelfall auch sein mögen: Es sind eben nur zwei Personen. Und diese haben ohne Schulpflicht nahezu unbegrenzte Gewalt über das, womit ihre Kinder in Berührung kommen, was sie tun und denken dürfen und was nicht. Echte Freiheit sieht anders aus. Denn natürlich können Kinder nicht frei entscheiden, was sie wie lernen wollen – weder in der Schule mit ihren organisatorischen Zwängen, noch in einer Familie mit ihrer inhärent begrenzten Sicht auf die Dinge. Aber die Schule, mit ihrer strukturell angelegten Vielfalt und ihrer Vielzahl von dort mitredenden und entscheidenden Personen und Instanzen kann wenigstens kein hermetisch abgeriegeltes Terrain sein, in dem die Überzeugungen und Werte einer einzelnen Person oder eines Paares für das Kind zur einzigen Vorgabe werden.

Insofern geht Norbert Blüms Reden über sein Lernen außerhalb der Schule sowieso am eigentlichen Punkt vorbei. Denn Schule verhindert nicht, dass man von Eltern, Verwandten und Freunden lernt – denn Norbert Blüm ist ja zur Schule gegangen. Vor allem aber steht Schule genau für das, was Blüm hier als das eigentlich Wichtige propagiert: Vielfältige Einflüsse, auch mit Widersprüchen, und sicher auch mit Problemen. Eine „wohltemperierte und -versorgte Legehennenbatterie“? Totalitäre Strukturen sind wohl eher in Kleingruppen und Familien durchzusetzen.

Aber vielleicht ging es Herrn Blüm ja auch gar nicht wirklich um Freiheit. Vielleicht war ja auch einfach das Bild des Ehepaares, bei dem idealerweise die Frau nicht arbeitet, sondern vormittags im trauten Heim die Kinder beschult, zu schön. Da könnte man schon fast ein bisschen staatsfeindlich werden.

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7 Kommentare

  1. Ach, es gibt so viel, was für öffentliche Schulen und eine Schulpflicht spricht, z.B . zu lernen, mit anderen auskommen zu müssen, Kompromisse zu schließen, kurz, soziale Kompetenz erreichen. Das ist selbst in der guten alten Großfamilie schlicht nicht gegeben – höchstens auf dem Niveau ‚Heute Abend wird Papa dich dafür übers Knie legen‘ [für die Liebhaber großer Worte: autoritäres Patriarchat].

    Selbstverständlich gibt es noch andere schöne Nebeneffekte, die je nach Sichtweise zum Nutzen der Kinder sind oder der zukünftigen Gesellschaft. Die Schulpflicht war wesentliches Instrument, die Kinderarbeit zu besiegen, eine Aufgabe, die sie auch heute noch erfüllt. Schule – und vorher Kindergarten und Krippe – ermöglichen auch eine sanfte soziale Kontrolle, wie Nostalgiker sie gerne dörflichen Gemeinschaften unterstellen*. Statt regelmäßig Sozialarbeiter bei so genannten ‚Problemfamilien‘ vorbei zu schicken, erleben andere Kinder sowie Erzieher und Lehrer, wie sich Kinder und deren Familien entwickeln. Damit ist dann auch gleich die Stigmatisierung aufgehoben.

    Was die Damen und Herren Homeschooler dabei natürlich verlieren: den selbst gemachten Sonderstatus als Elite. Egal ob religiös motiviert oder pseudoreligös [um nicht zu sagen verschwörungstheoretisch].

    *Natürlich gab und gibt es in kleinen Gemeinden eine soziale Kontrolle, die allerdings dem Corpsgeist stärker verwandt ist. Ich zweifle allerdings daran, dass es sie in Großstädten nicht gab/gibt, denn auch hier bilden sich Nachbrschaftsgemeinschaften u.ä. aus.

  2. Dem Schulzwang mehr Freiheit als der Wahlfreiheit zuzusprechen, da gehört schon was dazu.
    Bekanntlich gehen ja auch alle Länder außer Deutschland, das den Schulzwang im Alleingang durchsetzt, völlig vor die Hunde, nicht wahr?

    1. Erstens ist die Frage nach Freiheit – gerade im Fall von Kindern – immer die Frage, WESSEN Freiheit es ist. Außerdem gibt es hier zwei Ebenen von „Freiheit“: Die Freiheit der Wahl der Schulform einerseits und die Freiheit der Wahl unterschiedlicher inhaltlicher Angebote/Denkformen/Ideen/Weltanschauungen.
      Meines Erachtens haben Kinder selbst so oder so keine echte Wahlfreiheit bei der Frage nach der Schulform, besonders nicht in den ersten Jahren. Daran ändert die Existenz von Homeschooling (wenn man dies als weitere „Schulform“ zuließe) auch nichts.
      Die zweite Art der „Freiheit“ ist subtiler, daher habe ich versucht, diese mit dem Begriff der Vielfalt zu fassen. Da bietet Schule einfach mehr – gezwungenermaßen, aus den genannten Gründen. Kinder sind in der Schule bestimmten Strukturen „ausgeliefert“, aber eben nicht nur einer Struktur, die von einer Person bestimmt werden kann. Es gibt eine Kontrolle der Autoritäten, es gibt Instanzen, die ein Kind vor Willkür beschützen können (z.B. die Eltern, aber auch andere Lehrer, Schulamt usw.). Und das Kind kommt in Berührung mit verschiedenen Ideen und Persönlichkeiten, zwischen denen es sich später – hoffentlich – frei entscheiden kann.

      Und abschließend: Dass ein LAND vor die Hunde geht, weil es Homeschooling gibt, habe ich nicht gesagt. In der Tat spräche die Evidenz dagegen. Einzelne Kinder aber könnten durchaus „vor die Hunde gehen“, wenn sie von der Welt ferngehalten werden.

  3. Joachim,

    sieht so eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik aus?

    „Schulzwang ist böse, weil Länder, in denen keiner herrscht, auch noch Strom und Wasser fließen.“?

  4. Was dieser Diskussion wirklich fehlt, ist die Sachlichkeit. Allerdings auf beiden Seiten.

    Es spricht einiges für die Schulpflicht, genauso viel spricht dagegen. Ich persönlich bin für eine Lockerung dieser Regelung, jedoch macht eine weitere Diskussion bei der derzeitig herrschenden emotionalen „Belastung“ des Themas aus meiner Sicht wenig Sinn, um eine vernünftige Lösung zu erarbeiten.

  5. passt bestens zu diesem seltsamen elaborat das er neulich in der ZEIT hatte: http://www.zeit.de/2012/42/Ehe-Familie-Karriere
    Mir fällt dazu nur ein: OMG.

  6. Viel schlimmer als den Artikel Blüms (ihm würde mal es vll noch nachsehen, er ist immerhin 77 und eine über 60jährige Mitgliedschaft in der CDU hat offenbar bleibende Schäden seelischer und geistiger Natur hinterlassen) finde ich die Kommentare dazu.

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