Kitaplatzbetrug? Dr. Mutti loggt sich ein

In der gestrigen „log in“-Sendung auf ZDFinfo mit dem Thema „Werden Eltern um ihren Kita-Platz betrogen?“ (in voller Länge hier anzusehen) war auch Dr. Mutti zugegen – als Publikumsgast als die Stimme der Realität und arbeitende Mutter. Natürlich nur an einigen ausgewählten Stellen, denn die eigentliche Bühne hatten Thomas Jarzombek, CDU, Mitglied des Familienausschusses im Bundestag, als Vertreter der Regierung und jemand, der mal Kita-Plätze für alle schaffen wollte und Stefan Strauss, Vorsitzender des Bunds für Jungunternehmer, als Vertreter der Wirtschaft, der mal einen Betriebskindergarten aufmachen wollte. Ihnen gegenüber stand Simone Schmollack, Mutter und taz-Redakteurin. Gerne wäre man ihr öfter zur Seite gesprungen, während sie versuchte, gegen die beiden mit sich recht zufriedenen Herren zu argumentieren und immer wieder darauf hinzuweisen, dass 220.000 Kita-Plätze fehlen und daran auch das Betreuungsgeld nichts ändern wird. Alle jene, denen die Diskussion gestern nicht weit genug ging, bekommen also hier und heute die ergänzenden Antworten von Dr. Mutti in voller Länge.

Jarzombek musste als Regierungsvertreter zunächst natürlich auch das Betreuungsgeld verteidigen. Wie soll so etwas aber überhaupt glaubwürdig verteidigt werden? Jarzombek setzte darauf, das Betreuungsgeld als „Entlastung“ für finanziell schwächere Familien zu verkaufen. Zwar hätte es keine „Lenkungswirkung“, aber für manche Familien wären 100 Euro doch „eine verdammte Menge Geld“, das bei der Frage, ob man überhaupt in den Urlaub fahren könne oder „statt eines Gebrauchtwagens ein zehn Jahre altes Auto“ hätte, entscheidend sein könne. Nun sehen vielleicht manche den Unterschied zwischen einem Gebrauchtwagen und einem zehn Jahre alten Auto nicht so deutlich wie Herr Jarzombek. Noch merkwürdiger war jedoch, dass kurz nachdem dem Betreuungsgeld von Herrn Jarzombek jegliche Lenkungswirkung abgesprochen wurde, von ihm selbst orakelt wurde, dass diese 100 Euro „Entlastung“ einen Anreiz schaffen könnten, Kinder zu bekommen. Leser denken sich bitte Dr. Muttis Aufschrei: Niemand gibt also seinen Job auf, um Betreuungsgeld zu erhalten, aber die Aussicht auf 100 Euro im Monat für zwei Jahre könnte die Geburtenrate anheben? Skeptisches Augenbrauenhochziehen bitte ebenfalls dazudenken.

Als nächstes war Herr Jarzombek gefordert, die aktuelle Lage zu rechtfertigen. Nicht sehr überraschend lobte er zunächst die bereits von der CDU-Regierung erbrachten Leistungen, die die von der SPD-Regierung hinterlassene Kita-Wüste in eine blühende Kita-Landschaft mit warmen Kindergeld-Regenschauern verwandelt hätte. Sicher, einiges fehle noch, naja, das käme noch, Schritt für Schritt, irgendwann, in ein paar Jahren sicher. Auf kritische Nachfragen bestritt er außerdem die Verantwortung der Regierung für die FEHLENDEN Plätze: Das sei ja gar nicht Aufgabe des Bundes, sondern der Kommunen, Frau Schröder könne ja schließlich nicht nach Mönchengladbach fahren und Grundstücke aussuchen, wo dann Kindergärten gebaut würden oder in die Schulen gehen und Schülerinnen dazu zwingen, Erzieherin zu werden. Außerdem würde man ja, wo es nur ginge, durch Bauvorschriften am Kita-Bau gehindert. Auch hier bitte die großen fragenden Augen Dr. Muttis imaginieren: Die Bundesregierung kann also nichts machen, obwohl sie es doch so sehr versucht? Warum noch einmal nicht? Unnachgiebige Behörden halten die unermüdliche Regierung in ihren Bauvorhaben auf? Ach nein, das sollen ja die Kommunen machen. Es ist schon interessant, wie das Land auf einmal von Kommunen und Behörden regiert wird, immer wenn es um uneingelöste Versprechen der Regierung geht.

Weiter gings im lustigen Dem-eigentlichen-Thema-Ausweichen mit einer Anregung eines Chat-Teilnehmers namens Waldemar Schwarzer: „Das Kind in die Kita abzuschieben, damit Mama wieder voll arbeiten kann, das ist keine Familienpolitik, das ist Arbeitsplatzpolitik.“ Hach, der Waldemar, er sorgt sich um das Wohl der Kinder und Frauen. Ich gehe mal davon aus, dass Waldemar selbst zu jedem Zeitpunkt seines Lebens selbst darüber entscheiden konnte, ob er voll arbeiten geht oder nicht. Leser dürfen raten, wie oft er sich selbst für einen Teilzeitstelle oder sogar für eine hundertprozentige Betreuung eines Kindes entschieden hat. Dr. Mutti jedenfalls ruft ihm zu: „Nur Mut, Waldemar. Sag deinem Chef, dass du drei Jahre aussteigst und danach nur noch Teilzeit von 9 bis 14 Uhr arbeitest. Dein Kind wird dir immer dankbar sein, dass es nicht in eine Kita mit anderen Kindern und allerhand Aktivitäten abgeschoben wurde, sondern all die Jahre allein mit dir verbringen durfte, während du die Wäsche und das Essen machtest. Auch dafür, dass du deshalb auf einen weiteren beruflichen Aufstieg mit den entsprechenden finanziellen Konsequenzen verzichtet hast, wird es dir immer danken. Mama schafft ja genug zum Leben heran. Auch wenn sie später von dir gelangweilt sein wird, weil du nur noch über das wegen Zahnens übermäßig sabbernde Kind, die steigenden Kosten für Windeln und die Väter, die du auf dem Spielplatz und in der Krabbelgruppe kennengelernt hast, redest, sie dich schließlich für einen arbeitenden Mann verlassen wird und du mit deinem niedrigen Gehalt allein auskommen müssen wirst: Es lohnt sich!“

Nach allerhand Dönekes, den dann noch Herr Strauss in seiner Funktion als Jungunternehmer und Fast-mal-Betriebskindergarten-Eröffner erzählen durfte, kam dann der – in meinen Augen – Höhepunkt der Sendung: Die Antwort Jarzombeks auf die Frage, wie er denn gerne seine eigenen Kinder betreuen lassen würde: „Das würde die Mutter entscheiden.“ Aha, mit solchem Kinderkram gibt man sich also in der eigenen Familie gar nicht ab! Das darf die Frau entscheiden! Nur in der Bundespolitik mag Herr Jarzombek mit darüber bestimmen, wie, wo und wieviele Kinder betreut werden. Mein Vorschlag an dieser Stelle: Bitte überlassen Sie das doch auch gleich Ihrer Frau.

Und damit tschüss aus Berlin!

Advertisements

5 Kommentare

  1. Die Mischung aus Selbstzufriedenheit und Abschieben der Verantwortung kann ich mir sehr gut vorstellen. Und womit hat sich der Jungunternehmer für die Sendung qualifiziert?
    Der letzte Absatz umschreibt das Elend mit den Plätzen und den Gedanken von Politkern über Lebensentwürfe junger Menschen ganz vortrefflich. Danke fürs dahin gehen, wos wehtut.

  2. cloudette · · Antwort

    Eine Entlastung für finanziell schwache Familien? Äh, wie war das mit Hartz 4? Hab ich was verpasst? Da ist ja soweit ich weiß keine Auszahlung geplant, sondern riestern und so, also keine Entscheidung zw. Gebrauchtwagen und ….äh dem 10 Jahre alten Wagen? Das ist ja alles völlig abstrus. Angefangen mit der Besetzung: Ein „Experte“ und eine Mutter (achja, und Redakteurin), die „sehr sehr wütend“ ist. Die Mamas als die Betroffenen, die „Männer“ als die Unternehmer. Ein Sack Zement, so typisch. Sehr schön, wie das selbstzufriedene Gesicht des CDUlers bei den abschließenden 90 % Zustimmung der Zuschauenden zur Position von Frau Schmollack dann doch etwas entgleiste.
    (Ich konnte mir das nicht komplett anschauen, ein Glück kann man in der Mediathek vorspulen und dein Bericht triffts ja ganz gut. Danke dafür.)

  3. Herr Jarzombek ist ja eine echte Knalltüte. Aber von wegen Kinderkram, er traut sich einfach nicht, in Entscheidungen sein Kind betreffend auch ein Wörtchen mitzureden. Fragt sich nur, wie er diesen Kompetenzmangel kompensiert – die Antwort können wir wahrscheinlich in der Aufzeichnung der Sendung sehen.

    Danke für den Bericht!

  4. mimi_palermo · · Antwort

    Du liebe Güte. – Und dann gibt es überall Frauen, die tatsächlich glauben, Feminismus sei überholt. Das Gegenteil ist der Fall. Fast möchte man Herrn Jarzombek danken, dass er das so vorbildlich illustriert.

  5. […] KITAPLATZBETRUG? DR. MUTTI LOGGT SICH EIN Dr. Mutti kommentiert die ZDF “log in”-Sendung zur Kita-Betreuung. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: