Wir fürchten das Internet sooo sehaaaa

Martin Voigt ist Doktorand an der LMU München in den Fachbereichen Soziologie und germanistische Linguistik. Sein Forschungsprojekt: Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media. Als teilnehmender Beobachter treibt er sich auf sozialen Netzwerken herum und untersucht Gästebucheinträge auf wiederkehrende sprachliche Muster. Das ist interessant, denn wenn man als ältere Person über zwanzig nicht selbst mit Teenagern im Netz interagiert, bekommt man solche Texte eher selten zu sehen – sie sind nämlich vor allem dazu da, damit andere Mitglieder der Peer Group, zum Beispiel der Schulklasse, und zwar ausschließlich diese, sie sehen.

Die Forschung Voigts (wie etwa in diesem Forschungsaufsatz dargelegt) beschreibt zum Beispiel zum Teil verfestigte Formeln, die für die Kommunikation zwischen Freundinnen im Netz fast schon obligatorisch sind, etwa so:

ich liebe dich ❤ ich liebe dich!! x3 ichliebedich!! beste ❤

(S. 24)

Außerdem zeigt sich eine sprachliche Varietät, die sich an gesprochener Sprache orientiert und gleichzeitig durch kreativen, aber systematischen Umgang mit Schreibweisen charakterisiert ist, zum Beispiel so:

ich will das du weist das ich immer für dich da bin eqal was is und eqal wo.!! denn du bist mir säär wichtiq und ich will dich nie mehr verlieren..!

(S. 26)

In dem entsprechenden Aufsatz spekuliert Voigt auch über die Gründe für diese Form der halb-öffentlichen Freundschaftsinszenierung:

Das Ziel ist es, innerhalb der Community zusammen mit der/den besten Freundin/nen vor allem durch zahlreiche Einträge in die Gästebücher einen Bereich ihrer Freundschaft sichtbar abzugrenzen. Damit folgen sie unmittelbar ihrem Bedürfnis nach Anerkennung und Zuneigung, welches in einer altershomogenen Schülergruppe nicht immer bedingungslos gewährleistet werden kann, da soziale Reife und respektvolles Verständnis füreinander in den ersten Jahren der Adoleszenz noch nicht voll ausgeprägt sind.

(S. 9-10)

Spannend nicht nur für Kultur- und Sozialwissenschaftler, sondern auch für Eltern. Wer will nicht einen kleinen Einblick in das Sozialleben der Tochter haben? In dieses Interesse mischt sich bei Eltern natürlich auch immer ein bisschen Sorge um den Umgang und die Entwicklung der pubertierenden Kinder. Wer selber solche Sorgen hat, dem sei von der Lektüre des Artikels über Voigts Forschung im Münchner Regionalteil der Süddeutschen Zeitung vom 30.11.2012 abgeraten. Denn dort wird aus den vorläufigen Ergebnissen Voigts ein Sumpf von Schlüpfrigkeiten, in dem sich unsere Teenagermädchen bewegen.

In der SZ wird etwa aus nicht der Orthographienorm entsprechenden Schreibweisen ein „Niedlichkeitstrick“, deshalb schrieben Mädchen zum Beispiel „sehaaa“ statt „sehr“. „Pubertierende Mädchen stilisieren ihre Freundschaft auf Plattformen wie Facebook zur Liebesbeziehung“, wird Voigt weiter zitiert. Aber auch das ist natürlich noch nicht skandalös genug. Sex, Sex muss her! Und so wird aus Schwärmerei und Intimität zwischen Freundinnen ein Spiel mit Homoerotik: „Die Schulmädchen spielen absichtlich mit homoerotischen Klischees“, sagt Voigt dort, und schränkt immerhin selber ein, dass es sich nicht zwangsläufig um lesbische Neigungen handeln müsse. Aber ein gutes Argument dafür, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Spiel mit Klischees handelt, bleibt er auch schuldig. Und die nachfolgende Erklärung, das alles sei eine kalkulierte Anmache für die Männerwelt – „Ein bisschen auf lesbische Freundinnen tun und man macht sich für Jungs gleich interessanter“ – klingt endgültig so, als müsste Voigt das Verhalten der Mädchen um jeden Preis in sein eigenes Wertesystem und ihm verständliche Verhaltensmuster pressen, wo alles Tun und Lassen von Mädchen und Frauen sich eigentlich nur um Jungen und Männer dreht. Und so etwas sollte einem Sozialforscher eigentlich nicht unterlaufen. Die SZ macht mit dem Schlusssatz des Artikels das Bild komplett:

Die symbiotische Schulmädchenfreundschaft endet in der Regel, wenn sich eines der Mädchen in einen Jungen verliebt. Kommt das andere Geschlecht ins Spiel, hat die allerbeste Freundin ausgedient.

Falls die verängstigten Eltern dadurch noch nicht endgültig in Panik versetzt worden sind, wird das Ganze mit dem Titel „Wenn Schulmädchen zu Lolitas werden“ versehen. Und: „Eltern und Lehrer bestätigen den […] Kulturwandel“, ergänzt die SZ. „Kulturwandel!“, schreit das Feuilleton also mal wieder. „Kulturverfall!“, ergänzen einige der Kommentatoren. Noch ordentlich Anrüchigkeit in Form lesbischer Neckerei dazu – fertig ist die Gesellschaftsanalyse zum Wochenende.

Aber hat das irgendetwas mit dem zu tun, was da wirklich im Netz passiert? Müssen sich Eltern, Lehrer und die Gesellschaft Sorgen machen um Teenager-Mädchen? Sind dort völlig unbekannte, vielleicht bedenkliche oder sogar gefährliche soziale Dynamiken zu beobachten?

Sicher ist das Internet eine der größten gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte. Neue Kommunikationsformen sind entstanden, neue Textsorten, neue personelle Vernetzungen. Damit einher gehen natürlicherweise neue Arten von persönlichen Beziehungen, neue Möglichkeiten und Chancen, neue Gefahren. Die Frage ist, wieso hinter den neuen sprachlichen und medialen Formen der Freundschaftsinszenierung eigentlich ein grundlegender kultureller Wandel stecken sollte. Immerhin sind Mädchen- und Frauenfreundschaften nichts Neues, auch nicht romantische Schwärmerei für die Freundin, ebenso nicht der überschwängliche schriftliche Austausch und auch nicht das Öffentlichmachen der Freundschaftsbeziehungen zum Zwecke der Identitätsbildung und Inszenierung nach Außen. Das Genre der „Mädchenliteratur“ sowie eine Reihe von Briefromanen zeigen genau dies seit Jahrhunderten. Selbst im Wikipedia-Eintrag zum Thema Freundschaft ist folgendes zu lesen:

So ist der Freundschaftsbegriff in Deutschland und Frankreich z.B. vom literarischen Freundschaftskult des 18. Jahrhunderts geprägt, der den Übergang von der Zwangsbindung ans Geburtsmilieu zur freien Wahl des sozialen Umfelds (Freunde, Sexualpartner) nach dem Prinzip der „Seelenverwandtschaft“ markiert. Bei Personen, die räumlich voneinander getrennt leben mussten, war hier das wechselseitige Schreiben von Briefen ein wichtiges Mittel zur Pflege von Freundschaft.

(Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Freundschaft)

Natürlich haben soziale Netzwerke einige Eigenschaften, die neu sind: Die Möglichkeit, eine selbst gewählte Öffentlichkeit für den Austausch zwischen den Freundinnen zu schaffen, die Unmittelbarkeit und die Permanenz der schriftlichen Äußerungen. Um aber tatsächlich einen „Kulturwandel“ im Bereich des Konzepts von Freundschaft konstatieren zu können, müsste deutlich mehr gezeigt werden, als ein paar originelle sprachliche Formeln und ein neues Medium, in dem diese ausgetauscht werden. Aber diese Form des Misstrauens und der existenziellen Angst gegenüber neuen Medien ist gerade bei Zeitungen ja fast schon Pflicht.

Und damit hat sich nicht nur bei Mädchenfreundschaften, sondern auch in der Rezeption solcher Phänomene nichts wesentliches geändert:

1. Ältere Menschen finden das, was Jugendliche machen, sagen oder schreiben albern, oberflächlich oder dumm. Und trotz aller Verächtlichkeit, mit der man das Treiben der manchmal nur unwesentlich Jüngeren betrachtet, sieht man in deren Handeln schon die Vorboten des drohenden Kultur- und Sprachverfalls. Nicht neu.
2. Freundschaften zwischen Mädchen und Frauen werden abgewertet als Klatsch, Tratsch und Intrigengespinst, unwesentlich und vergänglich. Auch dieses Motiv ist seit Jahrhunderten bekannt. Ebenso wie die Idee, dass liebevoller Umgang zwischen Mädchen und Frauen vor allem den Zweck hätte, die männliche Phantasie anzuregen – und wenn dieser Zweck erreicht sei, wenn also eine der beiden Freundinnnen einen männliche Partner gefunden hätte, würde die „Freundschaft“ – die natürlich keine „echte“ sei – sofort aufgekündigt. Auch altbekannt.

Daher bleibt nur das Fazit für Eltern, Lehrer und Kulturpessimisten: Wieder abregen. Sexskandal und Kulturwandel fällt bis auf weiteres aus.

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9 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Artikel! Genau ins Schwarze!

  2. Wieder bestätigt sich meine These, dass Eltern und Lehrer keine Ahnung haben. Was genau bestätigen die da eigentlich, dass sie selbst nicht so waren? Vermutlich. Bereits als am WE den Anreißer las, dachte ich, ‚genau wie bei uns damals‘. Ist natürlich keine valide Empirie, aber ich kann mich gut dran erinnern, dass strukturell genau dasselbe zwischen den Mädels ablief – natürlich nicht für alle Welt aufgeSCHRIEBEN wie heute, so dass jeder Horst sich das mal statistifizieren kann.

    Ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass meine Nichten, denen bisher der Umgang auf sozialen Sites nicht erlaubt ist, genau dieselben Verhaltensweisen zeigen. Natürlich würde Facebook ihnen erlauben, auch außerhalb ihrer dörflichen oder schulischen Gemeinschaft …

    Möglicherweise sind Studien über das Internet schlicht zu einfach, sie sollten erst ab Habilitation erlaubt sein und nur im Zusammenhang mit Kontrollgruppen außerhalb FB, Twitter etc.

  3. Es ist immer wieder erstaunlich, wie selbsternannte „Experten“, für die das Medium, über das sie schreiben, eigentlich fremd ist (sonst hätten sie wohl kaum das dringende Bedürfnis, riesige Abhandlungen zu schreiben, um es zu verstehen), irgendwelche Klischees hineininterpretieren wollen. Dass die Schwächen in der Rechtschreibung eventuell auch einfach an mangelnder Schulbildung liegen könnten, oder sogar am fehlerhaften Ausbildungssystem (die Tochter eines Kollegen durfte in der ersten Klasse zunächst alles wie gesprochen schreiben), scheint völlig abwegig für den Verfasser der „Studie“. – Vorausgesetzt, dass sie von der Zeitung richtig wiedergegeben wurde.
    Wie weit her es mit der Rechtschreibung und Grammatik bei der jungen Generation ist, sieht man auf allen schriftlichen Zeugnissen dieser, nicht nur bei „Freundinnen im Internet“. Das hat meines Erachtens leider überhaupt nichts mit einer Art „vertraulichen Code“ zu tun.
    Und kleine Mädchen sind auch in meiner Jugend schon Hand in Hand durch die Stadt gelaufen, ohne gleich lesbisch oder „zwangsläufig“ zu sein.
    Aber man kennt das ja: „Internet ist pöööse!!!“

    1. Der Forschungsartikel von Voigt zeigt schon, dass einige der Schreibweisen keine „Fehler“ sind, dazu sind sie zu systematisch und an Stellen, die nicht zu „Fehlern“ einladen. Aber auch dann „versaut“ das Internet nicht die Sprache oder Kommunikation, es eröffnet nur andere Möglichkeiten, derer man sich bedienen kann oder auch nicht.

    2. Kritik an der Orthographiekompetenz der „jüngeren Generation“ (relationales Konzept, meint für die meisten diejenigen, die 15-20 Jahre jünger sind, als man selbst ist) gibt es so lange, wie es die genormte Rechtschreibung gibt — seit etwas über 100 Jahren. Das Schlimme ist für diejenigen, die sich auf solch ein Konzept wie die „jüngere Generation“ stützen, dass eben diese gefühlt zahlenmäßig immer größer wird, weil man selbst altert und zu einer gefühlt immer kleiner werdenden Gruppe gehört, die die Werte des Abendlandes tradiert. Doch man kann all jene beruhigen. Der demographische Wandel zeigt uns, dass die selbsternannten Erhalterinnen und Bewahrer der (orthographischen) Werte zahlenmäßig immer mehr werden, während die vermeintlich zunehmend kulturell Verwahrlosenden bald kaum noch ins Gewicht fallen werden — man sitzt hier also nur vermeintlich einem Paradoxon auf, es ist nämlich keines.

      Auch wenn man nicht so fatalistisch argumentieren möchte: Dass man Menschen nach der Schulausbildung mit mangelhafter Rechtschreibkompetenz entlässt, ist unzweifelhaft seit der Einführung der genormten Rechtschreibung der Fall.

  4. Was mir noch einfällt (bin ansonsten völlig d’accord mit Dr. Mutti):
    sprachliche Vielfalt, Varietät ist etwas ganz Wunderbares und vielleicht ist’s Manchem/r nicht so klar, aber bei der schriftlichen Kommunikation via Twitter/Facebook, whatever…sehen wir das Gegenüber nicht und können es nicht hören.
    Was liegt näher, als unseren geschriebenen Worten Klang, Mimik zu geben…und genau das passiert (auch bei unseren Jugendlichen).
    So ist auch ein „sehaaa“ statt orthographisch korrektem „sehr“ vielleicht einfach ein Mittel, dem Wort mehr Leben einzuhauchen, Klang, Mimik, Timbre sozusagen.
    Ich selbst mache das ständig, …wenn auch ein bisschen anders.
    Es gibt eben nicht nur Smileys, Emoticons. Das ist eine gute Nachricht, auch was die Ausdrucksfähigkeit, die Kreativität unserer Youngsters angeht.

    Und was die ewige Angst der letzten Generation angeht, die kommende sei mittenmang im Verfall von Sitte/Sprache, Kultur…das ist ein ewig wiederkehrender Prozess, also schon gar nix Neues oder Bedeutsames.
    Erstaunlich daran nur, dass die immer wieder Verängstigten nicht das immer wiederkehrende Muster ihrer Angst, Furcht erkennen und also mit derselben Seriosität meinen, jetzt aber wirklich…verfalle und verrohe sie, die Sprache, die Kultur…
    Ja nee, iss klar, mit einem realitätsnahen Blick in die eigene Jugend und auf den damals drohenden Zeigefinger der Elterngeneration wäre das Muster aufgedeckt und man könnte sich wieder entspannt zurücklehnen und
    s i e e i n f a c h m a c h e n l a s s e n, …die Jungen.
    Nicht im Schreckgespenst der ewiggleichen Generationsablösungsfurcht verharren, sondern im Vertrauen auf die Entwicklung vergangener Generationen (und somit: sich selbst) bauen darauf, dass sie schon nicht untergeht: die Sprache, die Kultur…sondern sich einfach, wie eh und je: wandelt, ja.
    Das hat sie schon immer getan und wer sich mal Texte im Original anschaut von vor…xy-Jahren, der wird feststellen, dass auch der eigene Sprachgebrauch sich gewandelt hat. So what?
    Daran ist (könnte man sagen) nichts schlecht und nichts gut. Es IST einfach. So.
    Aber dann könnte man sich gar nicht aufregen und schon gar nicht solch reißerische Artikel und Studien verfassen (s.o.), n’est-ce-pas?

    Was mir übrigens (und das schon lange) auf den Keks geht ist die direkte Verbindung von Wandel im Sinne: negativer Wandel.
    Warum wird Wandel, Veränderung (z.B. von Sprache) so durchgehend angst- und furchtbesetzt gesehen, genauso wie Fremdes.
    Es muss eine Art Urangst dahinterstecken und ich finde diese betrüblich.
    Wandel ist etwas Fruchtbares, Fremdes kann man als Bereicherung sehen, jedenfalls dann, wenn man die eigenen Ängste mal ein wenig hinterfragt und sie womöglich dahinkippt, wo sie hingehören: auf den Müll.

  5. Das aller Lustigste an dieser Geschichte ist doch, dass die Autorin Beate Wild auf Twitter in Duckface-Foto hat. Wenn das Absicht ist, dann ziehe ich meinen Hut mit großem Respekt zur Selbstironie. 😉

  6. […] Jungmädchensprache im Internet […]

  7. […] Martin Voigt, Doktorand an der LMU München, ist ein alter Bekannter. Vor einem guten Jahr schrieb Dr. Mutti schon einmal über seine Forschungsergebnisse bzw. deren Wiedergabe in der […]

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