Biologismus 101

Gestern beglückte uns Harald Martenstein in der Zeit mit einem weiteren Artikel über die Frage, ob geschlechtsspezifisches Verhalten angeboren oder anerzogen sei. Tatsächlich hatte ich anfangs überhaupt nicht bemerkt, dass der Artikel von Martenstein ist, denn er war zwar nicht gut, aber weit über dem Niveau seiner üblichen wirren Clownerei und klang eigentlich recht Mainstream: Ein bisschen Lächerlichmachen von Genderstudies im Allgemeinen und den diese vertretenden Professorinnen im Besonderen, Zitieren von ein paar systematisch den eigenen Standpunkt bestätigenden Studien, durchmischt mit den üblichen Alltagsbeobachtungen und ein bisschen Spekulation darüber, was die Evolution sich bei dem Ganzen so „gedacht“ hat. Und gerade weil das eine so immer wiederkehrende und wenig originelle Mischung ist, hat sie vielleicht einmal eine Antwort verdient.

(Diese Antwort ist allerdings nicht für die, die nicht mehr nachdenken wollen und alles schon ganz genau wissen, sondern für die, die sich noch Fragen stellen. Zum Beispiel Eltern, die ihre kleinen Jungen und Mädchen „richtig“ großziehen wollen und sich fragen, ob Jungen und Mädchen eigentlich wirklich unterschiedliche Erziehung und Angebote brauchen. Oder ob deren Lebens- und Berufsweg tatsächlich so vorgezeichnet ist, wie Biologisten behaupten. Und wem man in der Frage eigentlich trauen soll. Seinen eigenen Erfahrungen? Genderprofessorinnen? Martenstein?)

Da den Genderprofessorinnen ja immer und immer wieder von Leuten wie Martenstein „Unwissenschaftlichkeit“ vorgeworfen wird, muss man sich schon fragen, wie dem wissenschaftlich so hervorragenden Martenstein die simpelsten Grundlagen psychologischen Experimentierens entfallen konnten, die man auf den ersten 20 Seiten einer Einführung für Erstsemester nachlesen kann. Es gibt nämlich ein paar einfache wissenschaftlich-methodische Fakten, die man sich beim Lesen solcher immer wieder erscheinender Artikel klarmachen kann und sollte.

Der allererste ist der folgende: Wann immer Studien zitiert werden, die einen Unterschied zwischen dem Verhalten, den Vorlieben, der Wahrnehmung und dem Denken von Frauen und Männern nachweisen: Alle, und ich wiederhole, ALLE, Studien, die mit erwachsenen Frauen und Männern durchgeführt wurden, können unmöglich zeigen, dass dieser Unterschied biologisch bedingt ist. Warum? Weil es bei dieser Art von Studien nicht möglich ist, zu zeigen, was genau die Ursache der Unterschiede ist: Biologie oder Gesellschaft. In der Wissenschaft spricht man hier von „konfundierten“ Faktoren – also im Test „vermischten“ Faktoren. Denn erwachsene Menschen und selbst etwas ältere Kinder haben ja bereits einen jahrelangen Sozialisationsprozess durchlaufen, der ihnen geschlechtsspezifisches Verhalten vorgemacht und nahegelegt hat. Es wäre theoretisch möglich, dass den Unterschieden auch biologische Ursachen zugrunde liegen, aber das kann man auf diese Weise schlicht nicht nachweisen.

Wollte man den Nachweis doch erbringen, müsste die Biologie klar als sogenannte „unabhängige Variable“ identifzierbar sein – also das, was der Versuchsleiter oder die Versuchsleiterin kontrolliert variiert. Das Variieren dieses Faktors – in diesem Fall biologisches Geschlecht – müsste unabhängig von dem anderen, nämlich Sozialisation, geschehen – diese müsste „stabil gehalten“ werden. Das ist bei psychologischen und soziologischen Experimenten aber genau die Schwierigkeit, denn woher sollen Versuchspersonen kommen, deren Sozialisation exakt dieselbe ist? Der Faktor „Sozialisation“ ist viel zu komplex, um zwei Personen mit „derselben“ zu finden. Nicht einmal Geschwister, nicht einmal Zwillinge haben exakt dieselbe Sozialisation, denn sie werden in ihren Familien wahrscheinlich zwar ähnlich, aber nicht gleich behandelt – was ja auch das Beispiel eineiiger Zwillinge zeigt, die sich zu durchaus unterschiedlichen Menschen entwickeln.

Deshalb ist es im Prinzip nur möglich, mit Versuchspersonen zu arbeiten, die überhaupt noch keine Sozialisation erfahren haben. Da diese aber nun leider mit der Geburt beginnt (und vielleicht sogar vor der Geburt), bleibt bestenfalls eine mögliche Gruppe, nämlich Neugeborene. Alle anderen Studien können Sie im Grunde sofort vergessen, wenn Sie Ihnen als Beweis für die biologische Determiniertheit von Geschlechterrollen präsentiert werden.
Mit Neugeborenen könnte man also testen, inwiefern der Faktor „biologisches Geschlecht“ (unabhängige Variable) sich auf das Verhalten auswirkt (abhängige Variable). Die in diesem Fall als „Störvariable“ bezeichnete Sozialisation würde stabil gehalten bzw. abwesend sein. Nur gibt es leider mit Neugeborenen ein anderes Problem: Deren Verhalten – also dass, was als abhängige Variable gemessen werden soll – ist noch recht eingeschränkt. Die immer so plakativ vorgebrachten „weiblichen“ Verhaltensweisen – Blumen und lange Gespräche mögen, gerne Kindergärtnerin werden wollen, kommunikativ und anschmiegsam sein usw. und auch die angeblich typisch „männlichen“ Verhaltensweisen – Autos und Sex mögen, gerne Ingenieur werden wollen, einzelgängerisch und aggressiv sein usw. – gibt es bei Babys nicht. Allenfalls könnte man sagen, dass Babys im Allgemeinen anschmiegsam sind und dies auf aggressive Weise einfordern. Nur leider trifft das auf neugeborene Jungen und Mädchen gleichermaßen zu.

Man ist also in Studien mit Neugeborenen gezwungen, mit sehr eingeschränkten Verhaltensweise als abhängiger Variable zu arbeiten. Das wiederum ist ein Problem der Operationalisierung, das bedeutet: Das, was gemessen wird, ist nicht das, was eigentlich gemessen werden SOLL (in diesem Fall: Verhalten in der Gesellschaft, also etwa Vorlieben bei der Berufswahl), sondern das, was gemessen werden KANN. Ein Teil der wissenschaftlichen Arbeit bei psychologischen Versuchen ist immer, eine möglichst gute und plausible Lösung für die Operationalisierung zu finden. Im Fall der Versuche, die sich auf Geschlecht beziehen und Neugeborene als Versuchspersonen verwenden, ist der Weg von dem, was gemessen werden kann und dem, was man messen will, naturgemäß eher weit und daher natürlich fehleranfällig.

Trotzdem wird es immer wieder einmal versucht. Manche Versuche zeigen auch tatsächlich statistisch signifikante Ergebnisse. Bevor man aber zu laut über den wissenschaftlichen Beweis der biologisch bedingten Geschlechterrollen jubelt, sollte man daher erstens überlegen, sollte man dann noch einmal kritisch auf das Experiment sehen. Denn Operationalisierung ist nicht das einzige, was falsch laufen kann. Von der Art, das Experiment durchzuführen und dabei eventuell neue Störvariablen einzuführen, der Art zu messen bis hin zur statistischen Auswertung kann vieles das Ergebnis beeinflussen. Joachim „Quantenwelt“ Schulz hat letzteres zum Beispiel schon einmal sehr eindrücklich für eine Studie über den Zusammenhang von Hormonen und Berufswahl gezeigt.

Damit schnurrt die Liste der wissenschaftlichen Studien, die einen eindeutigen Einfluss von biologischem Geschlecht auf das Verhalten zeigen, zusammen auf eine kleine Handvoll, die man überhaupt nur ernsthaft diskutieren muss. Erst recht kann man „Untersuchungen“, wie den des norwegischen Comedians Harald Eia, der festgestellt hat, dass in Norwegen, wo die Gleichstellung der Geschlechter recht fortgeschritten ist, Frauen trotzdem lieber „Frauenberufe“ ergreifen, in diesem Zusammenhang getrost ignorieren. Und natürlich noch mehr die zahlreichen Anekdoten über dieses oder jenes Mädchen, das Autos in Puppenwagen gelegt und Jungen, die mit Haarbürsten Gewehr gespielt haben – denn die sind eben nur mehr oder weniger lustige Anekdoten, die einfach nicht verallgemeinerbar sind.
Und was ist mit der vielbeschworenen Evolution, die doch für einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gesorgt haben müsse? Nicht alle Diskutanten sind hier von echtem Wissen so unberührt wie Martenstein, der meint: „Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln?“
Das ist offensichtlicher Unsinn, denn Männer und Frauen haben sich ja nicht unabhängig voneinander entwickelt oder gehören unterschiedlichen Spezies an. Aber auch der größte Teil der immer wieder hervorgekramten sogenannten evolutionspsychologischen „Fakten“ halten keinerlei wissenschaftlichen Standards stand. Etwa: Männer können nichts im Kühlschrank finden, weil sie früher bei der Jagd auf Tiere einen Weitblick entwickelt haben und deshalb im kleinen Kühlschrank nicht zurechtkommen. Wissenschaftlich ist dies nicht stichhaltig, weil dem offensichtlich ein sehr eingeschränktes, wenn nicht gar falsches Wissen über das Verhaltensspektrum unserer Vorfahren zugrunde liegt.

Dürfen denn aber überhaupt nur Menschen, die Wissenschaftler sind, etwas über Geschlecht und Geschlechterrollen sagen und alle anderen sollen die Klappe halten? Manchmal bin ich geneigt zu denken, dass das tatsächlich besser wäre. Andererseits ist die Welt voller interessanter kleiner Geschehnisse und Beobachtungen, so dass es schade wäre, diese zu ignorieren. Und gerade Eltern beobachten ihre Kinder so genau, wie Menschen sonst selten andere Menschen beobachten. Deshalb denke ich doch, dass auch das interessant sein kann. Oder auch einfach nur lustig, unterhaltsam oder anrührend.

Was ich aber allen Eltern, die aus dem Verhalten ihrer eigenen Kinder etwas schließen wollen, raten kann, ist dies: Erstens, ihre Kinder sind keine Versuchspersonen, sondern Einzelfälle. Deshalb taugen sie nur sehr bedingt dafür, allgemeine Aussagen zu machen. Dafür kennen Sie aber Ihre Kinder wie kein Experimentator seine Versuchspersonen kennt, deshalb, zweitens: Beobachten Sie Ihre Kinder, aber beobachten Sie sie wirklich genau, und zwar so wie sie sind, nicht wie Sie finden, dass sie sein sollten. Jedes Elternteil von einem „echten Kerl“ oder einer „typischen kleinen Prinzessin“, von denen sie endlose Geschichten über Fußball- und Autoleidenschaft oder Schuhversessenheit und Frisurendramen zu erzählen haben: Überlegen Sie doch einmal GANZ GENAU, sehen Sie ganz genau hin: Hat der echte Kerl nicht auch merkwürdige kleine Macken, was die Farbe seiner Unterhosen angeht? Oder ist er nicht derjenige, der es mehr genießt, mit Mama zu kuscheln und zu plaudern als seine Schwester? Und hat die Prinzessin nicht gerade todesmutig ihren Bruder gegen Spielplatzrowdys verteidigt? Oder sich energisch Schaum in Gesicht geschmiert, um sich zu „rasieren“? Wer bastelt akribischer, wer kommt dreckiger vom Spielplatz, wer übernimmt Initiative, wer lässt sich gerne bedienen? Und wenn Sie die Antworten haben, überlegen Sie noch einmal ganz genau: Was könnte das eigentlich heißen? Ist akribisches Basteln eigentlich weiblich (Kindergartenerzieherin/Grundschullehrerin) oder männlich (Ingenieur/Mechatroniker)? Ist gestalterisches Talent weiblich (Modedesignerin) oder männlich (Architekt/Grafiker)? Energisch sein (Krankenschwester/Lehrerin oder Manager)? Denn viele der angeblich wissenschaftlichen Tatsachen kann man tatsächlich auch mit gezielten Alltagsbeobachtungen zumindest in Frage stellen. Aber nur, wenn man auf die richtige, nämlich die eigentlich wissenschaftliche, Art Fragen stellt und beobachtet: So, dass sie die eigenen Meinungen und Vorannahmen widerlegen könnten.

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95 Kommentare

  1. henning · · Antwort

    Ja, aber…
    Die Grundthese Martensteins ist doch, dass in der Genderforschung dogmatisch behauptet wird, es gebe keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dass sowohl dies als auch das Gegenteil schwierig zu beweisen ist, geschenkt.
    Aber wird die Genderforschung der am Ende Deines Artikels aufgestellt Forderung gerecht? Oder hat sie, wie Martenstein behauptet, als Grundthese ein Dogma und hinterfragt dieses nicht wissenschaftlich?

    1. @Henning

      Da dort biologische Erklärungen vollständig ausgeschlosen werden, meines Wissens nach auch für Homosexualität, Transsexualität und diverse andere Sonderfälle wie CAH; CAIS, “5a-reductase-2 deficiency” (5a-RD-2), Gendervarianz, AIG, und der Forschungsstand außerhalb der feministischen Begründungen etwa der Medizin und der Biologie nicht dargestellt wird genügen sie diesen Anforderungen aus meiner Sicht nicht.

  2. Du schreibst:

    „Es wäre theoretisch möglich, dass den Unterschieden auch biologische Ursachen zugrunde liegen, aber das kann man auf diese Weise schlicht nicht nachweisen.

    Wollte man den Nachweis doch erbringen, müsste die Biologie klar als sogenannte “unabhängige Variable” identifzierbar sein – also das, was der Versuchsleiter oder die Versuchsleiterin kontrolliert variiert. Das Variieren dieses Faktors – in diesem Fall biologisches Geschlecht – müsste unabhängig von dem anderen, nämlich Sozialisation, geschehen – diese müsste “stabil gehalten” werden. “

    Das ist so nicht korrekt. Das Konstanthalten des Faktors ist lediglich eine Möglichkeit, ihn zu kontrollieren. Das ist in diesem Falle in der Tat nicht wirklich praktikabel. In einer Prüfung zur psychologischen Methodenlehre würde ich dich jedoch fragen: „Kennen Sie noch weitere Möglichkeiten, den Faktor Sozialisation zu kontrollieren?“. Und ich würde hier für eine gute Note eine Antwort erwarten, die von „Nein“ abweicht. Denn es gibt noch eine weitere. Sie nennt sich Randomisierung. Wenn ich zwei Zufallsstichproben von Männern und Frauen habe, kann ich davon ausgehen, dass der Faktor Sozialisation ebenfalls zufällig verteilt ist. Unterschiede, die ich zwischen diesen zwei Stichproben finde, sind also, wenn ich bei der Randomisierung keine Fehler gemacht habe, auf das biologische Geschlecht zurückführbar.

    1. Sie würden von mir für Ihren Einwand einen Punkt für korrektes Wissen und Fachbegriffe bekommen und wieder Punktabzug, weil Sie nicht verstanden haben, dass Randomisierung in diesem Fall nicht dazu führt, dass der Faktor „Sozialisation“ konstant gehalten wird. Denn die Sozialisation auf eine bestimmte Geschlechterrolle hin ist ja in der Bevölkerung nicht zufällig verteilt, sondern Mädchen werden zu Mädchen/Frauen sozialisiert und Jungen zu Jungen/Männern. Eine randomisierte Stichprobe von Männern und eine randomisierte von Frauen, die ich miteinander vergleiche, sind immer noch zwei Gruppen, die sich sowohl in ihrem biologischen als auch in ihrem sozialen Geschlecht systematisch unterscheiden. Und wenn ich als Unterschied zwischen den beiden Gruppen herausfinde, dass in der einen der Anteil von Geschminkten und Brigitte-Lesenden größer ist als in der anderen ist dieser Unterschied nicht biologisch bedingt.

      1. Ich sprach auch nicht von konstant halten, sondern von kontrollieren. Der Einwand einer möglichen Konfundierung ist in der Tat richtig, macht es aber nicht prinzipiell unmöglich, das biologische Geschlecht sauber vom sozialen Geschlecht zu trennen. Indem man gleichzeitig eine Befragung aller Teilnehmer mit einem standardisierten Fragebogen zur geschlechtsspezifischen Sozialisation durchführt, kann man den Einfluss dieses Faktors kontrollieren und rausrechnen. Den Punktabzug muss ich Ihnen also leider streitig machen.

  3. lieberanonym · · Antwort

    Ich gehöre all zu oft zu den mehr oder manchmal auch weniger Verwirrten wenn es ums Gender-Thema geht und lass mich hin und wieder auch sehr leicht von solchen Martensteins umgarnen… ein Dankeschön gibts deshalb von mir für den klaren und gut lesbaren Text, der einfach mal (halb) nüchtern die Datenlage (der einen Seite) zusammenfasst.

    Wenn ich (für mich persönlich) einen Artikelwunsch anbringen darf, dann wünschte ich mir in ähnlich klarer und einfacher Sprache eine Aufklärung darüber, in wie fern sich die Gender-Hypothese, mit dem politischen Ziel der Umformung der Gesellschaft, von den Behauptungen des Marxismus/Kommunismus unterscheidet. Vielleicht geht es auch nur mir so, aber ich sehe sehr starke Parallelen – die Hypothesen sind in beiden Fällen ziemlich schlüssig – belegen oder verwerfen lassen sich beide Behauptungen aber erst nach der Umsetzung (und hier geht es sogar noch weiter: Im Text oben werden die bis anhin am weitesten gediehenen Umsetzungen als irrelevant abgetan – ebenso könnte man auch sagen, dass Leninismus oder Stalinismus keineswegs relevant wären um über die Tragfähigkeit des Marxismus an sich zu urteilen).

  4. @Alex: „Wenn ich zwei Zufallsstichproben von Männern und Frauen habe, kann ich davon ausgehen, dass der Faktor Sozialisation ebenfalls zufällig verteilt ist. “

    Verstehe ich nicht. Setzt das nicht voraus, dass alle sozialisations-detals gleichmaessig ueber die geschlechter verteilt sind? Wenn 90% der maenner nach klassich maennlichen rollenbilder sozialisert sind und entsprechend 90% der frauen klassich weiblich, und wenn ich (natuerlich) diesse zahl 90 nicht kenne, was bringt mir dann die zufaellige auswahl meiner versuchspersonen? Das einzige was sich dabei dann „raus-randomisiert“ sind doch die unterschiede in der sozialisation jeweils _innerhalb_ der beiden gruppen.

    1. Wie oben schon gesagt, der Einwand ist richtig. Auch die Lösung habe ich genannt. Man messe mit einem standardisierten Fragebogen gleichzeitig den Grad an geschlechtsspezifischer Sozialisation.

      1. Oh, den „grad an geschlechtsspezifischer Sozialisation“. Wie misst man den? Ich bin zum Beispiel als Junge großgeworden. Ist der Grad bei mir dann eins?

      2. Es gibt Fragebögen, die abfragen, inwieweit jemand geschlechterrollenspezifisch sozialisiert wurde.

      3. Und dann was? Eine einzelne Zahl draus machen? Ich fürchte, dass solch eine Kennzahl bei einem so vielfältigen Phänomen wie Sozialisation nicht dazu geeignet sein wird, die Sozialisation einfach herauszurechnen, wie Sie uns nahelegen. Kennen Sie eine Arbeit, in der das Erfolgreich gemacht wurde?

      4. Tja, das ist nun mal ein Ansatz der wissenschaftlichen Psychologie, um psychologische Phänomene zu messen und mit Kennzahlen auszudrücken, wobei es nicht eine Kennzahl für ein Phänomen sein muss, sondern auch mehrere Kennzahlen sein können. Das kann man kritisieren, was phänomenologisch und eher qualitativ ausgerichtete Psychologen auch tun. Aber methodisch gibt es gute Gründe, das so zu machen, wenn man es richtig macht, weil die Objektivierbarkeit solcher Messungen viel besser ist als bei qualitativen Phänomenbeschreibungen. Die Gütekriterien eines solchen Fragebogens müssen dafür vor allem stimmen. Ich habe keine Studien in Sachen Genderforschung parat. Aber mir geht es hier auch um das grundlegende methodische Vorgehen, das möglich ist, um sich der Frage wissenschaftlich zu nähern.

      5. Nein, mir geht es schon sehr konkret um Genderforschung. Wie Kennzahlen grundsätzlich funktionieren, ist mir bekannt. Aber ob es für genau die hier angesprochenen Phänomene eine gute Kennzahl gibt, und wie gut die Erprob ist, würde mich ehrlich interessieren. Wenn das so einfach ist, wie Sie nahelegen, sollte sich doch eine gute Studie dazu auftreiben lassen.

      6. Ich habe leider keinen Zugriff mehr auf die einschlägigen Datenbanken, um Studien zu recherchieren. Aber ich schau mal.

  5. @henning: Grundsätzlich ist mir „die Genderforschung“ sowieso ein bisschen zu generalisierend. Es gibt Genderforscher/innen, die im Prinzip Philosoph/innen oder Literaturwissenschaftler/innen sind. Diese haben wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht sehr viel Ahnung von Biologie und Sozialwissenschaften (ob sie WENIGER Ahnung haben als Martenstein, lasse ich mal dahingestellt). Aber diese interessieren sich auch gar nicht für Mittelwertsunterschiede im Verhalten der zwei Gruppen, sie interessieren sich für die soziale und mediale Konstruktion von Geschlecht – und die gibt es. Wahrscheinlich gehen viele von ihnen bis zum Beweis des Gegenteils vernünftigerweise davon aus, dass die beobachteten Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen nicht biologisch, sondern sozial bedingt sind. Insofern ist es nicht ganz auf den Punkt, diese Leute mit Biologie zu konfrontieren. Vielleicht sind manche auch dogmatisch, so etwas gibt es immer und überall. Das müsste man im Einzelfall genauer angucken. Wenn jemand kategorisch behauptet, dass es keinen biologischen Unterschied geben KANN, dann wäre das sicher dogmatisch. Wenn man aber als Nullhypothese davon ausgeht, dass die beobachtbaren Unterschiede durch Sozialisation entstehen, ist das zunächst vernünftig (wie der geschätzte Kollege Joachim „Quantenwelt“ Schulz hier erklärt hat: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/quantenwelt/ber-den-tellerrand/2012-09-12/nurture-als-nullhypothese

    Und übrigens ist es nicht so besonders schwer, den Einfluss von Sozialisation nachzuweisen, denn das biologische Geschlecht kann man recht einfach konstant halten. Entsprechende Studien gibt es.

    1. Wenn jemand von ’sozialer Konstruktion‘ spricht, dann meint er genau damit, das etwas nicht ’natürlich‘ sei und so oder so nicht hätte sein müssen.
      Wenn diese Leute von sozialer Konstruktion sprechen, meinen sie eben nicht irgendwelche Sozialisationseinflüße, denn, das es diese gibt, sollte wohl jedem klar sein.
      Wenn also von sozialer Konstruktion gesprochen wird, bezeichnet dieser Begriff damit ausschließlich Tatsachen, die von der Mehrheit der Bevölkerung als ’natürlich‘ empfunden werden, es aber nicht sind.
      Darunter fällt nun auch das Geschlecht, und eventuelle damit zusammenhängende Unterschiede im Verhalten. Sozial Kostruktivisten tun also genau das, was sie Biologisten vorwerfen, nur umgekehrt: Sie halten soziale Faktoren für absolut und biologische Erklärungsversuche für überflüßig.

      MfG.

  6. Martenstein ist mir nicht bekannt, ich habe aber öfters Diskussionen zwischen Genderwissenschaftlern und Wissenschaftlern aus z.B. dem Feld Biologie gesehen, sowie zwischen deren Anhängern auf unterschiedlichen Kenntnisebenen. (Zum größten Teil in meiner schwedischen Heimat.)

    Hierbei gibt ein fast durchgehende Tendenz, dass die Genderseite die Biologie fast ausschliessen wollen, insbesondere wenn Politik und das Thema „equal opportunity“ vs. „equal outcome“ in Spiel ist, während die Einschätzung, dass es ein Gemisch von sowohl Umwelt als auch Gene und Biologie ist, unteren den angeblichen „Biologisten“ zu finden ist. Typische, ja fast durchgehende, Schwächen der Genderseite inkludieren die Unwille oder Unfähigkeit alternative Erklärungen in Betracht zu ziehen (nicht auf diesem Themengebiet beschränkt, sondern auch, z.B. wenn es um „Patriarchat“ geht), sowie eine starke Tendenz, die Daten zu interpretieren, damit sie mit der Theorie stimmen. (Wo gute Wissenschaftler unerwartete oder „unbequeme“ Daten zur Vereinlassung nehmen, die Theorie zu prüfen.)

    Im Sonstigen besteht die langen Auslegungen oben aus mehr Rhetorik als Argumente, und hat nicht viel Überzeugungskraft. Vorallem ist die Geringschätzung für Ursachenforschung zum „Vorteil“ der Biologie nicht realistisch und zeigt auf ein eher schlechtes Verständnis von Wissenschaft und wissenschaftlicher Methodik. Ggf. ist sogar den häufigen postmodernistischen Fehler zu unterstellen: Weil man nicht völlige Sicherheit erreichen kann, hat die Wissenschaft keinen Sinn. (Falsch, weil man immer noch aussagen machen kann wie „vielleicht“, „wahrscheinlich“, oder „fast sicher“). Dass die Biologie einen starken Einfluss hat, ist im Grunde sichergestellt, wäre sogar fast unvermeidlich aus evolutionären Gründen. Seriös diskutieren lässt sich nur „wie stark“.

    1. Es gibt von mir aus keinen starken „Unwillen oder Unfähigkeit alternative Erklärungen in Betracht zu ziehen“ – die alternative Erklärung für Verhaltensunterschiede wären biologisch bedingte Unterschiede, und diese lassen sich aus den erklärten Gründen nicht so einfach nachweisen. Die Wirkung von Sozialisation lässt sich aus methodischen Gründen deutlich leichter bewerkstelligen und das ist dementsprechend auch geschehen. Insofern haben wir einen nachgewiesenen Einfluss und einen weiteren möglichen, der kaum bzw. gar nicht nachgewiesen ist. Der nachgewiesene Einfluss kann im Prinzip einen sehr großen Teil der beobachteten Variation erklären. In so einem Fall geht man in der Wissenschaft zunächst nur von dem aus, was eindeutig gezeigt werden konnte. Eine „Mischung“ zu postulieren, klingt alltagstheoretisch vielleicht ausgewogen und vernünftig, aber man müsste trotzdem nachweisen, welcher Teil der „Mischung“ rein biologisch determiniert ist. Womit wir wieder bei den methodischen Problemen wären.

      1. Sebastian · ·

        „Der nachgewiesene Einfluss kann im Prinzip einen sehr großen Teil der beobachteten Variation erklären.“

        Ok. „Sehr groß“ ist vllt. etwas zu groß, aber ok, egal.

        Unabhängig von der Formulierung aber ist hier genau das Problem erkennbar. Wir können nicht alles damit beschreiben. Ist dies akzeptiert bleibt die Frage, ob sich die Wissenschaft damit abfinden kann, dass wir fast alles erklären können. Wenn wir immer so vorgegangen wäre, hätten wir bspw. den Neptun nicht entdeckt, oder viel später (nur um mal ein kleines Bsp zu bringen).

        Aber nehmen wir an, uns ist egal, ob wir den Neptun kennen, weil nützt uns grad primär nicht. Daraus entsteht jedoch das größere Problem: Wir treffen falsche Entscheidungen auf Basis eines gut gepflegten Halbwissens. Bleiben wir beim fiktiven Beispiel: Wir senden also ein Raumschiff um den nächsten Stern zu erreichen. Wir berechnen eine passable Flugbahn und geben Gas. Dann kommt der Neptun vorbei, mit seiner nicht unerheblichen Schwerkraft, verändert die Flugbahn und das wars mit der Mission.

        Wenn also nur der Verdacht besteht, wir wissen etwas nicht genau, dann sollten wir aktiv daran arbeiten. Das ist nicht nur „alltagstheoretisch vielleicht ausgewogen und vernünftig“. Das ist notwendig. Egal wie schwierig es ist.

        Denn die Konsequenzen einer einseitigen Forschung will niemand wirklich (außer der Forscher der einseitigen Forschung). Wie gesagt, ich warte auf die Arbeiten, die zeigen, dass die Biologie einen Einfluss hat.

        Mal kurz auf die Informatik geschaut. Es gibt hier viele unterschiedlich gelagerte Studiengänge. Der Frauenanteil in der klassischen Informatik (kein Design, Medien.. etc.) ist konstant um die 10%. Das liegt nicht daran, dass Frauen es nicht können, ganz im Gegenteil. Aber ich sehe nicht, dass dieser Anteil auf 50% ansteigen wird, wenn die Sozialisierung „post gender“ verläuft. (Es sei denn, alle Informatiker werden 600% besser bezahlt als alle anderen Berufen. Dann sind die monetären Anreize den persönlichen überwiegend).

      2. Sie sehen es vielleicht nicht, Fakt ist aber, dass in anderen Ländern der Anteil der Informatikstudierenden anders verteilt ist, z.B. in Armenien, Indien, Malysia, Saudi-Arabien, Mauritius und Israel, wo der Anteil der Frauen in Informatik-Studiengängen deutlich höher ist (ganz grob: zwischen 32 und 71%, genaueres finden Sie in dieser Studie: http://robles.callutheran.edu/~mklassen/doc/ICEE2011.pdf). Das weist darauf hin, dass es nicht biologische, sondern gesellschaftliche Faktoren sind, die diese Trends bestimmen. Und Sie sagen es ja selbst: „(Es sei denn, alle Informatiker werden 600% besser bezahlt als alle anderen Berufen. Dann sind die monetären Anreize den persönlichen überwiegend).“ Das heißt also, gesellschaftliche und politische Faktoren können steuernd eingreifen. Das hat mit Biologie nichts zu tun.

        Den Anteil biologischer Determiniertheit von Verhaltensweisen zu finden, trotz der methodischen Schwierigkeiten, halte ich für rein wissenschaftlich durchaus interessant. Aber darum geht es nicht in dem von mir besprochenen Artikel – da geht es um Alltag und gesellschaftliche Fragen, wie auch sonst meistens in der Diskussion.

      3. Vorerst die Bemerkung, dass mein Kommentaranfang vorallem den typischen Ablauf/Inhalte dieser Debatten beschreiben sollte. Eine Konkretisierung auf spezifischen Ihnen war nicht impliziert, ausser in soweit es darum ging, den Begriff „Biologismus“ abzuwenden, der in meiner Erfahrung so gut wie immer ein Strawman ist—sei es als bewusster Rhetorik oder weil Behauptungen aus z.B. feministischen Texten ohne kritisches Denken und Prüfen als Wahrheiten übernommen worden sind.

        Was die Wirkung der Biologie angeht sind sie aber definitiv zu negativ:

        Erstens gibt es viel zu viele Quellen, die auf biologische Wirkungen deuten, mit einem Sicherheitsgrad, der durchaus vergleichbar ist mit dem der Aussagen aus Studien zur Sozialation. Z.B. gibt es unterschiede in dem Verhalten von selbst Kleinkindern, z.B. gibt es physische Unterschiede in Gehirnstrukturen, die Unterschiede im Verhalten fast unvermeindlichen machen (genauso wie evolutionäre Überlegungen), z.B. gibt es den Katastrofenfall http://en.wikipedia.org/wiki/David_Reimer .

        Zum zweiten: Wenn wir annähmen, es könnte keine biologische Nachweise geliefert werden, dann gilt dies in beiden Richtungen. Nämlich könnten biologische Unterschiede nicht ausgeschlossen werden (ausser höchstens bei sehr spezifischen Eigenschaften/Verhalten). Laut Ockham würde es aber auch den „Biologieverleugner“ obliegen, den Negativbeweis zu liefern, nicht umgekehrt—denn mit einem Blick auf sowohl die Evolution als auch physische Gehirnunterschiede als auch physische Unterschiede im Allgemeinen, muss die Defaulthypothese sein, dass ein Teil der Verhaltensunterschiede biologisch begründet sind.
        Alles anderes wäre ein extremer Zufall, die nicht als vernünftige Grundannahme durchgehen kann.

        Zudem mussen wir in dem Vergleich Sozialisation–Biologie im Kopfe haben, dass es Sozialisation bestehende biologische Unterschiede zum Teil unterdrücken oder schwächen kann—nicht nur vergrössern oder erschaffen. Als Analogie: Menschen werden typischerweise mit zwei Beinen geboren. Wer aber im späteren Leben auf eine Landmine tritt, kann im Anschluss ein oder zwei Beine weniger haben.

    2. Lieber Herr Eriksson, ich werde nicht auf Kommentare antworten, die deutlich machen, dass Sie weder die Antworten auf andere Kommentare gelesen haben (Stichwort Nullhypothese) noch sich in irgendeiner Weise damit auseinandergesetzt haben, was ich zu Ihren Argumenten – teilweise DIREKT dazu bereits geschrieben habe (Stichwort Bruce Reimer – Sie können ja einfach mal suchen). Ich will gerne auf Gegenargumente eingehen, aber sicher nicht bei jedem einzelnen Kommentator aufs Neue. Wenn die Debatte weiterführen soll, dann müssen Sie bereits ausführlich erläuterte Argumente zur Kenntnis nehmen. Ich werde gegebenenfalls auch neue Kommentare nicht freischalten, wenn nicht irgendein argumentativer Fortschritt in Bezug auf meinen Artikel und die darin genannten Argumente erfolgt. Das zu beurteilen behalte ich mir in meinem Blog vor.

  7. Rene Halm · · Antwort

    Hallo jgoschler,

    zunächst einmal: Ich bin sicher auch selbst in meiner Meinung voreingenommen und gehe von der Grundhaltung aus: Sowohl gesellschaftliche als auch biologische Einflüsse prägen geschlechterspezifisches Verhalten. Aber nun – gerne schaue ich mir die hier vorgetragene Position an und schaue ob ich diese für argumentativ sinnvoll halte.

    Nun ist es wie ich meine wohl richtig argumentiert, dass Experimente bei älteren Menschen immer auch die gesellschaftlichen Einflüsse auf deren Verhalten wirken. Allerdings – will man den biologischen Einfluss darauf bestreiten – so stellen sich mir gleich mehrere Fragen:
    1. Wie ist es zu erklären, dass Frauen körperlich in zahlreichen Disziplinen im Schnitt weniger leistungsfähig sind als Männer (bsp. Laufen, Kugelstoßen …) und in andereren vielleicht auch besser? Wie kann dies mit gesellschaftlichen Prägungen erklärt werden?
    2. Was ist mit dem Einfluss von Hormonen? Diese haben doch wenn mich nicht alles täuscht einen nachweisbaren Einfluss auf das Verhalten (wie sich doch durch z.B. Hormonspritzen leicht nachweisen lassen dürfte).
    3. Was sagen denn die Studien über Kleinkinder, die ja noch sehr wenig sozialisiert wurden? Nehmen die Jungs lieber das Feuerwehrauto oder die Puppe? Martenstein führt an, die Jungs würden eher zum Feuerwehrauto greifen. Sie führen in der Richtung an, es handele sich lediglich um nicht verallgemeinerbare Anekdoten. Sind diese Studien nicht handfest? Falls sie es nicht sein sollten, warum (der Faktor Sozialisation wurde weitgehend ausgeschlossen)
    Und haben Sie etwas besseres zu bieten, das einen Nachweis einer definitiv nicht-biologischen Prägung bringt?

    Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie kurz zu den 3 aufgeworfenen Fragen ihre Positionen darlegen könnten.

    Liebe Grüße,
    Rene Halm

    1. Lieber René,

      zu Ihren Fragen:

      1. Wie ist es zu erklären, dass Frauen körperlich in zahlreichen Disziplinen im Schnitt weniger leistungsfähig sind als Männer (bsp. Laufen, Kugelstoßen …) und in andereren vielleicht auch besser? Wie kann dies mit gesellschaftlichen Prägungen erklärt werden?

      Tatsächlich gibt es einige interessante Überlegungen, wie selbst Unterschiede in rein körperlichen Fähigkeiten auch gesellschaftlich erzeugt oder wenigstens verstärkt werden können, z.B. durch unterschiedliche Ermutigung zu unterschiedlichen Sportarten ab der Kindheit, die Beschränkung von körperlicher Betätigung von Mädchen insgesamt (u.a. durch unpraktische Kleidung und Verhaltensvorschriften wie „nicht dreckig machen“). Ich persönlich denke, dass sich die Körper von Männern und Frauen ab der Pubertät stärker in unterschiedliche Richtungen entwickeln und dass dies höchstwahrscheinlich zumindest einen Teil der Unterschiede im Sport erklären könnte. Aber um solche Unterschiede geht es weder in dem von mir besprochenen Artikel, noch in dem größten Teil der Genderdebatten. Dort hebt man vor allem auf Interessen, Denkweisen, Vorlieben u.ä ab.

      2. Was ist mit dem Einfluss von Hormonen? Diese haben doch wenn mich nicht alles täuscht einen nachweisbaren Einfluss auf das Verhalten (wie sich doch durch z.B. Hormonspritzen leicht nachweisen lassen dürfte).

      Hormone haben einen Einfluss auf das Verhalten, aber 1. ist es sehr schwierig, einen Zusammenhang zwischen Hormonen und sehr komplexen Verhaltensweisen (wie etwa die Berufswahl) herzustellen. Stellt man z.B. einen Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggressivität her, ist nicht klar, inwieweit sich das in komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhängen auswirken soll: Hilft einem mehr Testosteron z.B., ein guter Ingenieur („typischer Männerberuf“) zu werden? 2. Hormonkonzentrationen sind sehr variabel und kein binär ausgeprägtes Merkmal, deshalb ist die Frage, ob das eine gute Erklärung für eine binäre Unterteilung ist. Ich schließe einen möglichen Einfluss keineswegs aus, aber sinnvoller wäre dann wahrscheinlich, diesen individuell zu testen und nicht unbedingt zwischen Gruppen.

      3. Was sagen denn die Studien über Kleinkinder, die ja noch sehr wenig sozialisiert wurden? Nehmen die Jungs lieber das Feuerwehrauto oder die Puppe? Martenstein führt an, die Jungs würden eher zum Feuerwehrauto greifen. Sie führen in der Richtung an, es handele sich lediglich um nicht verallgemeinerbare Anekdoten. Sind diese Studien nicht handfest? Falls sie es nicht sein sollten, warum (der Faktor Sozialisation wurde weitgehend ausgeschlossen)

      Zunächst ist selbst bei Kleinkindern das methodische Problem vorhanden, dass die Sozialisation schon eingesetzt hat. Aber natürlich sollte der Einfluss zu diesem Zeitpunkt geringer sein als später. Studien weisen darauf hin, dass die Verhaltensunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Kleinkindern tatsächlich nicht so groß sind wie oft behauptet. Ich habe dazu bereits schon einmal etwas geschrieben: https://drmutti.wordpress.com/2012/08/13/girls-the-force-is-strong-with-them/
      Viel besser und ausführlicher ist Cordelia Fines Buch „Delusions of Gender“, dort finden Sie eine große Menge an Studien beschrieben und evaluiert, die diese Frage behandeln. (Das beantwortet auch Ihre letzte Frage, ob ich noch etwas besseres zu bieten habe – ich selbst nicht, die Wissenschaft schon.)

      1. „Ich schließe einen möglichen Einfluss keineswegs aus, aber sinnvoller wäre dann wahrscheinlich, diesen individuell zu testen und nicht unbedingt zwischen Gruppen.“

        Warum? Wenn Hormone einen Einfluss haben und die Unterschiede zwischen den Gruppen in diesem Bereich enorm sind (Was der Fall ist, die Hormone unterscheiden sich stark zwischen den Geschlechtern), dann stellen sich hier doch gerade Gruppenunterschiede heraus?

        Ein einfaches Beispiel wäre der Sexualtrieb, der stark testosteronabhängig ist und insoweit bereits viele Unterschiede im Sexualverhalten erklärt.

      2. Rene Halm · ·

        Vielen Dank für Ihre Antworten!

        zu Frage 1: Ein gesellschaftlicher Einfluss auf die Wahl der Sportarten von Kindern z.B. erscheint natürlich vorhanden.
        Nun – wenn wir aber herausstellen, dass die körperliche Fähigkeit von Männern und Frauen unterschiedlich ist (wie Sie anführen zumindest ab der Pubertät), wäre es dann nicht auch logisch anzunehmen, dass sich die verschiedenen Fähigkeiten auf die Interessen übertragen (was ich gut kann, das mache ich auch gerne)? Wären damit die unterschiedlichen Interessen nicht natürlich (d.h. nicht gesellschaftlich) bedingt?

        Zu 2:

        „Hilft einem mehr Testosteron z.B., ein guter Ingenieur (“typischer Männerberuf”) zu werden?“

        Meine Zeit des Bio-LKs ist zwar nun leider schon ein paar Jahre her – aber lässt sich eine Testosteronproduktion/menge nicht messen? Könnte man nicht einfach bei typischen Männerberufen wie einem Ingenieur, Schmied oder Handwerker die Testosteronproduktion messen und sie mit dem Durchschnittswert unter den Männern vergleichen (statistisch sauber natürlich)? So hätte man doch ein klares Ergebnis.

        Liebe Grüße,
        Rene Halm

      3. Lieber René,
        Ihre Einwände sind berechtigt: Natürlich kann ein vorhandenes (biologisches) Talent die Berufswahl beeinflussen. Aber sowohl „Talent“ als auch „Berufsentscheidung“ sind sehr komplex, d.h. Sie haben bei der Operationalisierung wieder das Problem, was genau als Maß zu nehmen ist. Die Beschaffenheit der Muskeln spielt in unserer Gesellschaft dabei eher selten eine Rolle. Wenn es also nicht gerade um Kugelstoßer o.ä. geht, wird es deutlich komplizierter. Zumal es beim Kugelstoßen wieder kein Problem ist, weil es ja dort durch die Unterteilung in Männer und Frauen sowieso eine natürliche Quote gibt und die Männer nur mit Männern und die Frauen nur mit Frauen konkurrieren.
        Die Idee, Testosteron einfach bei Personen in Männer- und Frauenberufen zu messen, ist nicht uninteressant. Man müsste dann allerdings nicht Männer und Frauen vergleichen, sondern eben Personen in „Männerberufen“ und Personen in „Frauenberufen“.

      4. Rene Halm · ·

        Okay, ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Antworten!

        Liebe Grüße

  8. danke schön! Das ist sehr deutlich & nachvollziehbar. Und spricht mir aus der Seele.

  9. Für alle tatsächlichen und potentiellen Kommentatoren, die mir vorwerfen, ich würde einen biologischen Einfluss „abstreiten“ oder als unmöglich darstellen, noch einmal ganz deutlich: Das tue ich nicht. Ich weise nur daraufhin, dass sich dieser nur sehr schwer nachweisen lässt. Deshalb muss ich auch keinen Beweis liefern, dass biologische Faktoren keinen Einfluss auf das Verhalten haben: Erstens, da ich das nicht behauptet habe, und zweitens, da ja das Thema meines Beitrags ist, dass sich dieser methodisch sauber fast nicht beweisen lässt.

    1. Ich habe Ihnen oben nachgewiesen – auch unter Berücksichtigung Ihres Einwands, dass es bei einer Randomisierung zu einem Geschlechts-Bias bezüglich der Sozialisation kommt – dass das gar nicht so schwer ist. Auf meinen Einwand, die geschlechsspezifische Sozialisierung mittels eines standardisierten Fragebogens zu erheben und als Variable bei der Auswertung rauszurechnen, sind Sie leider nicht mehr eingegangen. Ich hätte schon gern gewusst, ob sie auch das für kein ausreichendes Vorgehen halten und warum.

      Übrigens übersehen Sie einen Punkt. Biologisch bedingte Unterschiede, etwa Unterschiede in der Hirnfunktionalität, müssen nicht angeboren sein. Sie können auch ansozialisiert sein. Daher ist Ihre Aussage „Alle, und ich wiederhole, ALLE, Studien, die mit erwachsenen Frauen und Männern durchgeführt wurden, können unmöglich zeigen, dass dieser Unterschied biologisch bedingt ist. “ auch ganz grundsätzlich nicht korrekt. Um das nachzuweisen reichen physiologische Messungen, etwa bildgebende Verfahren oder EEG, um biologische Unterschiede zu ermitteln. Ob diese biologischen Unterschiede ansozialisiert oder angeboren sind, ist lediglich der zweite Schritt, der dann aber die Ursachen für die biologischen Unterschiede untersucht und nicht die Ursache für den Unterschied im Denken und Handeln.

      1. Ich wollte abwarten, bis Sie wieder Zugriff auf die „einschlägigen Datenbanken“ haben und uns eine Studie nennen, bei der mittels eines Fragebogens der Faktor „Sozialisation“ sauber bestimmt wurde, bevor ich weiter antworte.

      2. Sie merken aber schon, dass ich hier rein methodisch argumentiere? Dass sich ein solcher Test selbst dann konstruieren ließe, wenn er nicht existieren würde, ist schon klar, oder? Leider bin ich nicht mehr in der komfortablen Lage, an einer Universität zu arbeiten und freien Zugriff auf Fachdatenbanken zu haben. Aber damit Sie auch inhaltlich zufriedengestellt sind: Es gibt zahlreiche Tests. Da wäre z. B. die GRO-Skala, wobei GRO für die normative Geschlechtsrollenorientierung steht. Die Gütekriterien der Skala sind gut, wie Sie auf http://zfs-online.ub.uni-bielefeld.de/index.php/zfs/article/viewFile/2392/1929 nachlesen können. In dem Artikel werden auch weitere einschlägige Skalen genannt.

      3. Ianeira · ·

        Die GRO-Skala ist nicht dazu geeingleit, eine geschlechtsspezifische Sozialotation zu bestimmen und war es auch nicht, als sie 1980 noch aktuell war. Sie misst, inwieweit ein konservatives Geschlechterbild vorliegt. Eine solche Meinung ist nicht geschlechtsabhängig. Ein Mann, der der Meinung ist, dass Frauen genau so viel verdienen sollten wie Männer,wäre ansonsten weiblich(er) sozialisiert. Die normative Geschlechtsrollenorientierung bezieht sich in dieser Studie nur auf sehr wenige Aspekte der tatsächlichen Sozialisation. Zudem wird ermittelt, was die Menschen für richtig halten, und nicht, was ihnen tatsächlich widerfahren ist und wonach sie handeln. Das Wissen und das Handeln stehen ja bekanntlich weit außeinander, da eine Reflektierte Experimentensituation wie das Ausfüllen eines Fragebogens eine ganz andere ist, als Handeln im Alltag.

      4. Dann nehmen wir eben die Neuentwicklung NGRO von Athenstaedt von 2000, s. http://books.google.de/books?id=gRbxRKIk4fIC&pg=PA155&lpg=PA155&dq=NGRO+Skala+Athenstaedt&source=bl&ots=vBCTE0jgSW&sig=me5I1_TFkhqSjE5HCW6gv1-B6zM&hl=de&sa=X&ei=_6C0Ub2NENPV4QSXnYBg&ved=0CDAQ6AEwAQ#v=onepage&q=NGRO%20Skala%20Athenstaedt&f=false. Und Frau Athenstaedt hat Geschlechtsunterschiede gefunden. Ich halte die normative Geschlechtsorientierung, die ja ansozialisiert ist, genau für das Maß, das wir suchen.

      5. gern gelesen · ·

        „die geschlechsspezifische Sozialisierung mittels eines standardisierten Fragebogens zu erheben“

        Das ist bereits eine unsaubere Methode.

      6. Schön, dass Sie das behaupten. Können Sie es auch begründen?

      7. gern gelesen · ·

        Selbstverständlich kann ich das begründen.

  10. […] Ich mag nicht bohren. Aber das mit den Mädchen und Buben. Dazu stelle ich mir Fragen. […]

  11. […] Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Harald Martenstein ist sich dessen nicht sicher und argumentiert in der ZEIT entsprechend. Mal ein lesenswerter, schlauerer Text von Martenstein. Findet auch Dr. Mutti, und schreibt über den BIOLOGISMUS 101. […]

  12. „Wollte man den Nachweis doch erbringen, müsste die Biologie klar als sogenannte “unabhängige Variable” identifzierbar sein – also das, was der Versuchsleiter oder die Versuchsleiterin kontrolliert variiert.“

    Aus meiner Sicht kein überzeugendes Argument. Damit könnte man sonst auch sämtliche Medikamententests außer Kraft setzen: Es gibt ja keine gleichen Menschen, warum sollte dann nicht beim einen ein Placeboeffekt aufgrund seiner Lebensgeschichte anders ausfallen?

    Man kann Hormone messen und dabei Gemeinsamkeiten feststellen, man kann Hormone geben und den Effekt gegenüber einer Kontrollgruppe vergleichen, man kann Frauen in verschiedenen Stadien ihres Zyklus testen, man kann andere Personengruppen nehmen, man kann vergleichende Tierstudien machen.
    Ich habe hier mal ein paar Fälle aufgelistet, die ich interessant finde.
    http://allesevolution.wordpress.com/2013/05/08/ubersicht-biologische-begrundungen-zu-geschlechterunterschieden/

    Im übrigen müßte man das Argument ja auch umkehren können: Kein ein Mensch hat haargenau die gleichen Gene und die gleichen pränatalen und postnatalen Hormone. Damit könnten alle Effekte, die angeblich aufgrund seiner Sozialisation auftreten auch Ergebnis genau dieser feinen Unterschiede sein.

    Dann wäre gar nichts mehr rauszufinden

    1. Lieber Christian, doch, denn „Lebensgeschichte“ lässt sich durchaus randomisieren. Bei jedem medizinischen Experiment müsste man strikt darauf achten, dass sich die Versuchs- und die Kontrollgruppe nicht SYSTEMATISCH in ihrer „Lebensgeschichte“ unterscheiden (wie es bei Männern und Frauen eben der Fall ist). Man dürfte natürlich nicht eine Versuchsgruppe wählen, die z.B. der christlich geprägten deutschen Mittelschicht angehört und diese mit einer Kontrollgruppe vergleichen, die ausschließlich aus buddhistischen Mönchen aus Tibet besteht.

      1. Müßte man dann nicht ebenso empfindlich darauf achten, dass man keine genetischen oder hormonellen Besonderheiten in der Gruppe hat? Jemand mit zB niedrigen Testosteronstand oder unempfindlichen Hormonrezeptoren könnte die Ergebnisse dann ja ebenso verfälschen?

        Und um die Wirkung bestimmter Hormone festzustellen kann man ja auch deren Wirkung jeweils innerhalb der Geschlechter vergleichen um die Sozialisiation zu umgehen. Zudem eben die Sondergruppen:
        Menschen mit claocal exstropy beispielsweise sind ja beständige David Raimer Fälle. CAH Frauen überwinden ihre weibliche Sozialisiation ebenso wie Transsexuelle.
        Imprinting deutet ebenfalls auf Unterschiede hin. Aber auch die Hormonbehandlungen von Transsexuellen oder Doping etc zeigt die Wirkung von Hormonen bei ansonsten gleicher Sozialisation. Alternating gender incongruity (AGI) und Gendervarianz deuten ebenfalls auf biologische Faktoren hin, zumal auch hier eine Vererbbarkeit vorliegt.

      2. gern gelesen · ·

        Burneschas überwinden ihre Geschlechtsrolle ebenfalls. Ganz ohne biologische Besonderheiten.

        http://www.stern.de/panorama/frauen-in-albanien-das-leben-hat-sie-zu-maennern-gemacht-660047.html

    2. @ Christian: Ich würde ja fragen, ob Sie wirklich methodisch so unbewandert sind, wie sie in diesem Kommentar tun — wenn ich nicht bereits wüsste, dass Sie es sind. Selbstverständlich kann in einem Medikamententest der Placeboeffekt bei einer Versuchsperson aufgrund der Lebensgeschichte völlig anders ausfallen — deshalb testet man Gruppen von Versuchspersonen und sucht nach Mittelwertsunterschieden zwischen der behandelten Gruppe und der Kontrollgruppe: Es ist unwahrscheinlich, dass ALLE Mitglieder der behandelten Gruppe eine auf den Placeboeffekt gleich wirkende Lebensgeschichte haben. Bei der Forschung an Geschlechtsunterschieden ist das anders: dort sind Sozialisationseffekte und biologisches Geschlecht miteinander verschränkt: Alle biologischen Frauen teilen bestimmte Sozialisationserfahrungen und alle biologischen Männer teilen bestimmte Sozialisationserfahrungen. Jeder beobachtete Effekt könnte also auf Sozialisation und/oder Biologie zurückzuführen sein. Da wir aber WISSEN, dass Sozialisation einen Einfluss hat, können wir mögliche biologische Effekte nie belegen. Biologistische und/oder evolutionspsychologische Theorien zu Geschlechterunterschieden sind also prinzipiell nicht beweisbar (egal, ob sie existieren, oder nicht) und damit ebenso wenig wissenschaftlich, wie Kreationismus oder Astrologie.

      1. @A.S

        Wenn jetzt aber die bestimmten Eigenschaften innerhalb der Gruppe Frau mit bestimmten Hormonständen steigt, wie etwa bestimmte Arten des räumlichen Denkens oder der Risikiobereitschaft und dies bei Männern innerhalb der Gruppe Männer sich entsprechend fortsetzt, warum soll man dann nicht den Schluss ziehen können, dass die Sozialisation nicht der wesentliche Faktor ist?
        Wenn beispielsweise F-M-Transsexuelle auch eher rough and tumble Play zeigen, ebenso wie CAH-Mädchen, warum soll man dann nicht vermuten können, dass es ihre Hormone sind?

        Wenn bestimmte Verhalten mit der Stärke der Hormonrezeptoren steigen oder fallen, warum sollte man dann innerhalb der Gruppe keine Zuordnung zu der Wirksamkeit der Hormone vornehmen können, weil die Sozialisiationserfahrungen innerhalb dieser Gruppen gleich sind?

        „Da wir aber WISSEN, dass Sozialisation einen Einfluss hat“

        Aus welcher Studie wissen wir das denn? Wie grenzt du es innerhalb dieser Studien zu biologischen Einflüssen ab?

      2. @Christian:
        Dass Sozialisation Einfluss hat, wissen wir nicht aus einer Studie, sondern aus zahllosen Untersuchungen. Ich würde dir raten, dir mal ein einführendes Buch zur Sozialisationsforschung zu besorgen. Sozialisation beeinflusst nicht nur Genderrollen, sondern so ziemlich alle bereiche des menschliochen Zusammenlebens. Dadurch lässt sie sich auch unabhängig vom Geschlecht untersuchen,
        Und wenn du Biologie mehr traust als Sozialwissenschaften, dann sieh dir doch einmal Verhaltensbiologie an, da findest du, dass viele Elemente der Sozialisation nicht nur bei Menschen, sondern bei so ziemlich allen Säugetieren und Vögeln und bei vielen Reptilien vorkommen.

  13. Fragebögen, egal wie gut konstruiert, können Sozialisation schon deshalb nicht messen, weil Sozialisation keine Eigenschaft des Individuums sondern eine Eigenschaft des Umfelds ist. Am Individuum zeigen sich nur die Effekte der Sozialisation auf die Persönlichkeit. Die kann ich herausrechnen, allerdings rechne ich damit gleichzeitig mögliche biologische Effekte auf die Persönlichkeit heraus, denn falls es solche biologischen Effekte gibt, sind diese ja mit Sozialisierungseffekten verschränkt. Wir stehen also vor eben dem Problem, das der Originalbeitrag darstellt.

    1. Das stimmt nicht. Schon die Grundannahme ist falsch. Psychologische Fragebögen messen immer die Auswirkungen eines Phänomens auf die Person. Und nein, damit rechnet man nicht biologische Fatoren mit raus. Die Verschränkung gibt es in der Tat. Es gibt aber auch statistische Verfahren, solche Verschränkungen aufzulösen und einen Faktor zu isolieren.

      1. gern gelesen · ·

        „Psychologische Fragebögen messen immer die Auswirkungen eines Phänomens auf die Person.“

        Fragebögen generieren Selbstaussagen.

  14. […] die wir beschreiben könnten. Nur: Erstens vermischen sie sich ständig mit sozialen Faktoren, wie Juliane Goschler in ihrer brillanten Replik auf Martenstein gezeigt hat. Und zweitens ist die Verwendung der Begriffe »Frau« und »Mann« eine soziale. Bevor wir […]

  15. Der Artikel macht die Runde, und ich freue mich, dass ich dieses Blog gefunden habe! Martenstein ist so einer, der ein kritisches Argument abtut, weil es aus einem klar identifizierbaren politischen Lager kommt, verkennt aber dabei, dass er auch gewisse Lehren aus seiner eigenen kulturellen Erziehung verinnerlicht hat. Der Artikel wäre viel besser gewesen, wenn er tatsächlich ein Argument gegen Dogmatismus gewesen wäre. Das ist er aber nicht, oder er weicht von der Richtung ab. Stattdessen bietet er nur Strohmänner. Vieles wird vereinfacht, und die internen Debatten in der Genderforschung werden ausgeblendet. Eigentlich wirkt der ganze Artikel anachronistisch. Was Martinstein eigentlich kritisieren will, sind die Exzesse der sogenannten Wissenschaftskriege der 80er und 90er. Das ist aber jetzt Vergangenheit, und auch damals wollte die Presse von den differenzierteren Stellungnahmen meistens nichts wissen. Martenstein blendet sie auch aus. Sein Umgang mit Prozentzahlen beweist die englische Redensart: figures never lie, but liars figure. Er benutzt also Statistiken auf eine solche Weise, die die feministische Kritik an die empirischen Wissenschaften veranlasst haben.

    Ist es bloß mein persönlicher Eindruck, dass die Gender-Forschung besonders heftigen Angriffen ausgesetzt ist? Die Kulturwissenschaften als solche werden oft diskutiert, wenn es um Kürzungen am Hochschulwesen geht, aber vielzuoft hat man die Gender Studies im Visier.

  16. Dummerjan · · Antwort

    „“konfundierten” Faktoren – also im Test “vermischten” Faktoren.“
    Nein, das bedeutet es explizit nicht – es bedeutet „verschmutzte“ Faktoren und wird so nicht in der „Wissenschaft“, sondern in der Epidemiologie verwendet um in retrospektiven Studien (d.h. Studien die rückblickend, z.B. durch Befragungen) bei der Auswertung mittels Regressionsansätzen Einflußgrößen zu beschreiben, bei denen die zufälligen Einflüßte nicht unabhängig von den Eiinflußfaktoren sind. Dies führt zu einer statistischen Verzerrung der Verteilungen und daher sind bestimmte Standardverfahren in der Auswertung nicht mehr korrekt.

    Dies Präzisierung ist notwendig, da daraus unmittelbar folgt, dass in experimentellen Studien mit korrektem Studiendesign in aller Regel kein „confounding“ vorliegt. Darüberhinaus hängt die Beurteilung ob ein Einflußfaktor „confounded“ ist, vom Verfahren ab. Eintypischer Behelf ins solchen Situationen sind Analysen mit simultanen Gleicheungn, bei denen der „zirkuläre“ Zusammenhang zwischen Einflußgröße und Zielgröße (und umgekehrt – daher zirkulär) explizit modelliert wird, alternativ wird ein „statistischer Zwilling“ gebildet, der den ursprünglichen Effekt isoliert. Diese Verfahren haben unter umständen sogar besssere Eigenschaften als Standardverfahren. Man findet diese Ansätze unter dem Stichwort Statitische Programmevaluation oder matching-Verfahren.

    Langer Rede kurzer Sinn – eine allgemeine Behauptung „Es wäre theoretisch möglich, dass den Unterschieden auch biologische Ursachen zugrunde liegen, aber das kann man auf diese Weise schlicht nicht nachweisen.“ ist nicht riichtig – mit dem richtigen Studiendesign und dem richtigen Verfahren lassen sich durchaus diese Effekte isolieren.

    Leider unterschlagen Sie auch, daß dieselben Argumente, die gegen eine Nachweisbarkeit von biologischen Einflußfaktoren sprechen, genauso gegen eine Nachweisbarkeit von sozialen Faktoren sprechen!
    Aus einer Nichtnachweisbarkeit biologischer Faktoren, kann man nicht auf die Determiniertheit durch soziale Faktoren schließen.

    Sondern es bleibt unbestimmt.

    Woraus natürlich ein möglicher Agendapunkt der Genderforschung abzuleiten wäre, nämlcih diese Unbestimmtheit aufzulösen. Diesbezüglich ist mir jedoch kein Genderlehrstuhl in Deutschland bekannt, der diesbezüglich Veröffentlichungen nachzuweisen hätte.
    Die biologistische Fraktion ist in dieser Hinsicht nach meiner Beobachtung deutlich weiter.

    Und wie es schent ist die Praxis auch biologistisch verfangen. Anders wären die aktuellen Arbeitsstättenrichtlinien z.B. in Hinblick auf das Heben schwerer Lasten kaum zu erklären.

    1. Lieber Herr Dummerjan,

      1. selbstverständlich können auch in Experimenten Faktoren konfundiert sein. Es ist dann eben kein besonders gutes Experiment. Dass es das nur in der Epidemiologie geben soll, ist falsch.

      2. Effekte rechnerisch zu isolieren ist eine Möglichkeit verschiedener statistischer Verfahren, das ist richtig. Aber um das zu können, müssen bestimmte Eigenschaften bei den Daten gegeben sein, denn ein statistisches Verfahren kann auch nicht zaubern. Das ist bei den von Martenstein genannten Versuchen nicht der Fall und ist auch allgemein bei Experimenten und Studien dieser Art schwer denkbar. Wenn Sie dazu wirklich konkrete Ideen haben und diese auch umsetzen können, könnten Sie wissenschaftlich Furore machen. Ich würde Ihnen im Fall einer Veröffentlichung einer solchen Studie zum Zusammenhang von biologischem Geschlecht und komplexen Verhalten gern einen Blogartikel widmen.

      3. Dass die von mir aufgeführten Argumente gegen eine Nachweisbarkeit von Sozialisation sprechen, ist falsch und es ist in den Kommentaren bereits mehrfach erläutert worden, warum.

      4. Regeln zum Heben schwerer Lasten in Arbeitsstättenrichtlinien wären m.E. auch nicht besonders gut, wenn sie das ungeprüft allen Männern zumuten und ungeprüft allen Frauen nicht (das einzige Argument dafür wäre vielleicht zu verhindern, dass eine möglicherweise schwangere Person schwere Lasten hebt). Aber es ist hier auch irrelevant, denn es geht in dem Artikel von Martenstein nicht um körperliche Unterschiede.

      1. Dummerjan · ·

        „denn es geht in dem Artikel von Martenstein nicht um körperliche Unterschiede.“

        Ich lese das anders:
        Zitat Martenstein: „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.“

        und

        Und noch einmal
        Zitat Martenstein:“ „Ich fahre zu Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni. In einem Interview hat sie mal gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen.“
        .
        In beiden Fällen wird aus meiner Sicht auf Anatomie bzw. körperliche Leistungsfähigkeit abgestellt. Damit sollte die o.angeführte Aussage über den Artikel von Herrn Martenstein explizit widerlegt sein.

        „1. selbstverständlich können auch in Experimenten Faktoren konfundiert sein. Es ist dann eben kein besonders gutes Experiment. Dass es das nur in der Epidemiologie geben soll, ist falsch.“

        Das kann man nicht ad hoc behaupten, weil davon abhängt welche Fragestelltung mit welchem Verfahren aus welchen Daten durch welches Design beantwortet wurde. Also von vielen wenns.

        „Das ist bei den von Martenstein genannten Versuchen nicht der Fall und ist auch allgemein bei Experimenten und Studien dieser Art schwer denkbar. “
        Ich paraphrasiere das so: Der unterschiedliche Wortschatzerwerb bei Mädchen und Jungen kann nicht auf genetisch oder sozial isolierte Faktoren zurückgeführt werden, Die unterschiedlichen Speicherorte emotionaler Ereignisse bei Frauen und Männern kann nicht auf isoliert genetische oder sozial isolierte Faktoren zurückgeführt werden. Gleiches bei Fahrkartenautomaten?
        Für diese Fälle erlaube ich mir doch erhebliche Zweifel.

        Nichtdestotrotz empfinde ich . nicht ohne Bedauuern – eine vertiefte Diskussion zu entsprechenden Studien als relativ nutzlos, weil wie gesagt, die Genderlehrstühle weitestgehend unempirisch Aussagen über die Wirklichkeit treffen.

  17. undergroundnoises · · Antwort

    Ich mag ja unwissend und unwissenschaftlich sein aber die Genderforschung, so wie ich sie mitbekomme, bemüht sich, biologische Unterschiede wegzudiskutieren. Das halte ich für sehr gewagt.
    Dass es aus meiner Sicht nicht zu übersehende Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, muss ja nicht unbedingt heißen, dass diesen bestimmte Eigenschaften zugewiesen werden und dieses „Normverhalten“ dann durch die Sozialisation zementiert wird. Das sind aus meiner Sicht zwei verschiedene Dinge, die hier – wie in der gesamten Diskussion – unzulässig vermischt werden.

    Persönlich halte ich es auch für wichtig, mal darüber nachzudenken, was man bei den Heranwachsenden anrichtet, wenn man ihnen die Sicherheit – Geschlecht ist nun mal eine der ersten Eigenschaften, über die wir uns definieren – nimmt. Das soll natürlich nicht heißen, dass man ein Kind in eine der bekannten Rollen pressen muss. Vielmehr wäre wohl Toleranz wichtig, dass man z.B. eine Jungen, der einen Rock tragen will, nicht erklärt, dass das nicht geht. Da sehe ich eher die Aufgabe der Genderforschung, den Menschen zu vermitteln, dass die Geschlechtsidentitäten nicht so eindeutig sind und Spielraum für jede Art von „Abweichung“ vorhanden ist. So wie es jetzt ist, kann ich als Mann nur empfinden, dass Männer die schlechteren Menschen sind und eigentlich abgeschafft gehören. Als alter Verschwörungstheoretiker könnte ich das auch so interpretieren: Die Genderforschung ist ein weitere Mittel zur Atomisierung der Gesellschaft. Wir sollen nur noch die Unterschiede sehen, immer das eine gegen das andere abwägen, anstatt unsere Gemeinsamkeiten zu entdecken. Schöne neue Welt…

    1. Aus Ihrem zweiten Absatz scheint mir herauszuscheinen, dass Sie Sozialisation für etwas schlechtes, unnatürliches halten. Ist ihnen bewusst, dass Sozialisation ein ganz natürlicher Prozess ist, in dem sich ein Individuum in einer gesellaschftlichen Struktur einfügt und dabei selbst prägend aktiv wird? Moderne Sozialisationsforschung geht schon lange nicht mehr davon aus, dass Individuen in ein Normverhalten hineingepresst werden. Es ist ein wechselseitiger Prozess mit aktiven/bewussten und eher passiven und unbewussten anteilen. Sozialisation ist nicht unnatürlich oder ein unvermeidliches Übel. Sozialisation ist ein Prozess, der für das Zusammenleben sozialer Wesen ganz natürlich und unverzichtbar ist.

  18. […] Antwort von “Dr. Mutti” – hier finde ich die Kommentare besonders […]

  19. Ich habe den Eindruck, dass Martenstein im Wesentlichen diese evtl. bekannte Reportage reproduziert, in der auch einige Genderforscher\innen zu Wort kommen, bei denen man den Eindruck hat, sie wollten sich gar keine Fragen mehr stellen: http://www.youtube.com/watch?v=p5LRdW8xw70

    Das Problem ist doch mal wieder, dass diejenigen, die am lautesten schreien und die die extremsten Positionen vertreten, anscheinend die öffentliche Debatte bestimmen und zur gegenseitigen Vergrätzung beitragen, und gemäßigte Stimmen kaum zu hören sind. Auch daher danke für den Post und Deine Kommentare!

    1. Das ist ja auch die Absicht von Reportagen, wie diese. Es geht nicht darum, ein ausgeglichenes Bild des momentanen Forschungsstands zu präsentieren. Eine Reportage, wie diese ist erfolgreich, wenn sie polarisiert, und ein Comedian macht sich bekannt, indem er andere der Lächerlichkeit preisgibt.

      Was mich besonders verstört, ist dass einige Leute aufgrund solcher Reportagen gleich die ganze Genderforschung abschaffen wollen. Das ist in etwa so plausibel, wie die ganze Physik abschaffen zu wollen, weil ein paar Außenseiter irgendwelche unhaltbaren Viele-Welten-Theorien vertreten.

  20. Hier kann man am Lehrstück erleben, wie Derailing funktioniert. Kaum einer diskutiert über den Artikel resp. seinen Inhalt, viele dafür über andere Themen, die ihnen offenbar am Herzen liegen.
    Spannend, spannend!

  21. Alex82 · · Antwort

    Liebe Frau Goschler,

    der Martensteinartikel hat auch mich auf diesen Blog geführt – erfrischend hohe argumentative Qualität, Gratulation schonmal dafür!
    Ich teile Ihren methodologischen Einwand, dass Studien, die die Existenz geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Erwachsenen nachweisen, i.d.R. keine Rückschlüsse bezüglich ihrer Verursachung durch nature vs. nurture-Faktoren zulassen.
    Insofern sehe ich, dass die von Martenstein erwähnten Studien zur Erinnerung emotionaler Ereignisse (Canli), dem Warteverhalten vor Tests (Campell), schulischen Leistungen, „extremen Verhaltens und obsessiver Fixierung“, sowie zur Berufswahl (Pinker, Kimura) irrelevant sind.
    In Bezug auf die Zwillingsstudie zum Wortschatz von Zweijährigen (Plomin), der Spielzeugwahl von Babys (Diseth), und der Gesichter vs. Technik Präferenz von Neugeborenen (Baron-Cohen) verweisen Sie auf Fine, Morgan, methodische Probleme, und die nicht vergleichbar höhere Komplexität geschlechtspezifischen Erwachsenenverhaltens – fair enough (obwohl mich eine Mini-Fine-Exegese hier sehr interessiert hätte).
    Bleibt die Frage was Sie mit den international vergleichenden Studien zu Berufswahl von Lippa machen? (http://psych.fullerton.edu/rlippa/abstracts_2009.htm, v.a. no3 „in press“) Warum schwanken die Ergebnisse nicht nach kulturellem Kontext? Würden Sie denn sagen, dass die geschlechtsspezifische Sozialisation trotz aller sonstigen kulturellen Unterschiede relativ konstant ist und Nationalität daher ein schlechter Proxy? Gibt es denn ländervergleichende Studien zu geschlechtsspezifischer Sozialisation?

    Viele Grüsse,
    Alex

    1. Lieber Alex,
      ich denke, dass Lippas Studien interessant sind, aber in Bezug auf die Unterscheidung der wirkenden Einflussgrößen genau die genannten Probleme hat. (Abgesehen von den Problemen von Fragebogenstudien und Selbstbeschreibungen, bei denen natürlicherweise Stereotype und Erwartungen sehr stark mitwirken.) Was die Studien zeigen, ist m.E. in jedem Fall, dass Geschlecht bessere Vorhersagen über (selbstzugeschriebene) Persönlichkeitsmerkmale macht als Nationalität. Woran das liegt – Biologie oder Sozialisation – können die Studien aber nicht zeigen. Entweder, Nationalität (und damit zumindest ein Teil der Sozialisation) hat nur einen geringeren Einfluss als das biologische Geschlecht (so interpretiert Lippa seine Ergebnisse) ODER geschlechtsspezifische Sozialisation ist in den untersuchten Nationen stärker als sonstige kulturelle Eigenheiten. Zweiteres ist ebenfalls eine absolut legitime Interpretation der Ergebnisse und würde ja auch mit Alltagserfahrungen zur Rolle der Frau in den allermeisten menschlichen Kulturen übereinstimmen. (Im zweiten Fall wäre die Tatsache, dass geschlechtsspezifische Sozialisation kulturunabhängig so einen starken Einfluss hat, vielleicht selber noch das stärkste Argument für einen eventuell zugrunde liegenden biologischen Faktor. Aber das ist Spekulation – wissenschaftlich interessant, aber schwer zu belegen. Für eine Rechtfertigung bzw. Fortsetzung bestehender Ungleichheiten in der Gesellschaft wäre aber beides aus verschiedenen Gründen sowieso nicht besonders gut geeignet.)

  22. gern gelesen · · Antwort

    Ein lesenswerter Artikel zu Baron-Cohn:

    http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/97753.html

  23. Wie Ihr ja so geschaetzter Bloggerkollege ganz richtig schreibt, waere die Nullhypothese, dass Nature zur Erklaerung der Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht noetig ist, dadurch zu ueberpruefen, dass diese Unterschiede mit sich angleichendem Nurturing gegen Null gehen sollte. Eben das genaue Gegenteil wurde in dem Film von Eia dargelegt: in den skandinavischen Laendern sind die Unterschiede in der Job-Praeferenz groesser als in den sehr patriarchalischen Gesellschaften z.B. des Nahen Ostens. Diese Studie haben Sie ja ebenfalls als irrelevant verworfen, mir ist allerdings nicht klar, warum.
    Weiterhin sagen Sie, dass es umgekehrt eine Vielzahl an Studien gaebe, die den reinen Einfluss der Sozialisation beweisen wuerden, weil ja das Geschlecht als Variable leicht festzuhalten sei. Wenn ich aber das Geschlecht nicht variiere, also nur rein maennliche oder rein weibliche Gruppen betrachte, kann ich doch den Einfluss der GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN Sozialisierung nicht herausfinden?

    1. @Chris:
      Ihr erster Einwand geht davon aus, dass es in Skandinavien keine Geschlechterrollen-Bilder gibt, oder dass diese deutlich schwächer ausgeprägt sind, als in vergleichbaren Gesellschaften. Das ist aber nicht der Fall, wie man sogar im Film von Eia gut erkennen kann.

      1. Chris · ·

        Na also wenn die Geschlechterrollen in Skandinavien, das seit Jahren als Vorbild für vorbildliche Gleichstellung präsentiert wird, immer noch genauso ausgeprägt sind wie in Pakistan o.ä., dann können wir’s gleich bleiben lassen… Sie müssen doch zugeben, dass es da signifikante Unterschiede gibt?

      2. Gleichstellungspolitik ist nicht dasselbe, wie Auflösung von Geschlechterrollen.

        Die Geschlechterrollen von Skandinavien und Pakistan sind vermutlich unterschiedlich, aber das bedeutet nicht, dass es in Skandinavien keine Berufe gibt, die als typisch weiblich oder typisch männlich gelten. Ich kenne mich in Pakistan nicht aus und kann daher leider keine Vergleiche treffen. Aber in Schweden habe ich gelebt und nicht den Eindruck gewonnen, es gäbe dort eine Post-Gender-Gesellschaft, in der keine Vorstellungen von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ mehr existieren.

        Die vorbildliche Gleichstellungspolitik in Schweden macht sich vor allem durch gute Kinderbetreuung bemerkbar, die es beiden Elternteilen ermöglicht zu arbeiten. Auch die Beteiligung des Vaters an Elternzeit und Erziehung allgemein scheint mir in Schweden stärker akzeptiert zu sein als in Deutschland. Aber auch dort wird Erziehungstätigkeit immer noch mehr von Frauen als von Männern wahrgenommen und es gibt noch immer einen Gender-Pay-Gap und Menschen, die das für biologisch vorgesehen halten.

    2. @Chris:
      Und zu ihrem zweiten Absatz: Das ist nunmal bewährtes wissenschaftliches Vorgehen. So machen wir es in den Naturwissenschaften (ich bin Physiker) auch. Wenn sich mehrere Effekte überlagern, versuchen wir, diese einzeln zu verstehen. Nehmen Sie einmal die Flugbahn eines geworfenen Steins: Da spielt die Schwerkraft mit, der Luftwiderstand und die Anfangsbedingungen. Man kann alle diese Einflüsse einzeln untersuchen: Fallversuche im Vakuum, Luftwiderstandsversuche im Windkanal. Auch hier könnten Sie fragen: Woher wissen wir denn, dass die Schwerkraft in Luft genauso funktioniert, wie im Vakuum? Wie wissen wir, dass ein Stein unter Gravitationseinfluss denselben WIndwiderstand hat, wie ohne? Nun, es ist eine plausible Annahme und wir kommen mit ihr auf brauchbare Ergebnisse.

      Übertragen wir das auf die Soziologie, so lassen sich ebenfalls Elemente der Sozialisation und ihre Wirkmechanismen unabhängig von Geschlechterrollen untersuchen. Wenn das Umfeld einer Person, ihre Eltern, ihre Peergroup, ihre Vorbilder, Einfluss auf das nicht-geschlechtsspezifische Verhalten haben, warum sollte der Einfluss auf das geschlechtsspezifische Verhalten ohne besonderen Grund deutlich geringer sein? Warum sollten die Menschen ausgerechnet in diesem Bereich ihres Sozialverhaltens nicht lern- und anpassungsfähig sein?

      1. Chris · ·

        Ich weiss, ich bin selber Physiker, und Sie zitieren mich sogar in mehreren Ihrer Artikel (ist jetzt unfair, aber so ist das Leben ;-)).
        Ich sage ja nicht, dass das Umfeld gar keinen Einfluss hat, aber andersrum gesehen: aus z.B. Studien über getrennt aufwachsende Zwillinge ist eindeutig belegt, dass „die Gene“ eben auch einen starken Einfluss auf das nicht-geschlechtsspezifische Verhalten haben. Warum sollte der Einfluss der Gene gerade auf das geschlechtsspezifische Verhalten (was ja quasi ihr, der Gene, ureigenes Gebiet ist) deutlich geringer sein?

      2. Ich zitiere unfair? Das ist mir neu 🙂

        Wo genau behaupte ich denn, dass Gene keinen Einfluss haben können? Wir wissen nur nicht, wie groß dieser ist und in welche Richtig er geht. Vielleicht sind Mädchen ja genetisch für Mathematik besser begabt und das wird durch die bekannten soziologischen Mechanismen überkompensiert. Wer weiß?
        Mein Punkt ist, dass wir vermutete genetische Unterschiede nicht zum Maßstab machen können. Erstens, weil wir sie nicht von gesellschaftlichen trennen können, und zweitens, weil das ohnehin ein naturalistischer Fehlschluss wäre.

      3. Chris · ·

        Naja, ich hab da was von Nullhypothese gelesen… und solange die nicht widerlegt ist, müssten Sie ja eigentlich eine 50-Prozent-Frauenquote für Physikprofessuren fordern. Alles andere wäre inkonsequent. Nun gut, dabei will ich es dann auch belassen.

    3. @Chris: Dazu kommt noch die Möglichkeit, etwas trickreichere Experimentdesigns zu verwenden und dadurch direktere Nachweise zu erzielen. Wenn z.B. in einem Test auf einem stereotyp „männlichen“ oder „weiblichen“ Gebiet (also z.B. Mathematik vs. Sprache) die Tatsache, ob gleichzeitig das Geschlecht abgefragt wird, einen signifikanten Einfluss auf das Verhalten und Ergebnis jeweils einer Gruppe (Männer oder Frauen oder beide, aber in unterschiedliche Richtungen) hat, können wir davon ausgehen, dass durch Sozialisation erzeugte Stereotype wirken. Biologisches Geschlecht ist dann an der Stelle als Einflussgröße ausgeschlossen.

      1. Chris · ·

        Damit hat man dann gezeigt, dass Sozialisation einen Einfluss haben kann (vorausgesetzt die Studie hat ausnahmsweise nicht all die von Ihnen angeführten möglichen Mängel, wovon ich jetzt mal ausgehe). Das will ich auch gar nicht abstreiten, ich frage mich nur, wieso die Biologie so gar keinen Einfluss haben soll. Es gibt übrigens sehr interessante Studien zu Homosexuellen, die zeigen, dass z.B. homosexuelle Männer ebenfalls ein bisschen schlechter sind, was räumliches Vorstellungsvermögen angeht. Da scheidet die geschlechtsspezifische Sozialisierung ja auch aus, möchte ich meinen.
        Darüber hinaus gibt es ja durchaus sehr viele Bereiche, in denen Frauen besser abschneiden als Männer… praktisch der gesamte sprachliche Komplex. Wie erklären Sie das durch Sozialisation? Ich kann mich nicht erinnern, dass mir jemals gesagt wurde: „Red nicht so viel und so kompliziert, das ist unmännlich“. Klar kann man sagen, Mädchen reden halt im Mittel mehr miteinander und sind dadurch quasi geübter, aber da haben wir doch ein klassisches Henne & Ei – Problem?

      2. Henne-Ei-Problem ist ja nur eine andere Art auszudrücken, dass man die beiden möglichen Einflussfaktoren empirisch schwer trennen kann.
        Im Übrigen ist „Sozialisation“ viel, viel mehr als dass jemand einem Kind explizit SAGT, was es tun und lassen soll. (Dass das oft auch nur geringen Einfluss hat, wissen Eltern, Lehrer_innen und Erzieher_innen zur Gennüge.) Da gibt es die Wirkung von subtilen Er- und Entmutigungen, unterschiedliche Angebote, Vorbilder, Rollenstereotype in den Medien und vieles mehr. Und tatsächlich GIBT es sogar den Fall, dass man Männern und Jungen nahelegt, nicht so viel zu reden (sondern vielmehr zu handeln), weil es unmännlich ist: In der deutschen Kultur zum Beispiel manifestiert sich das in Sprichwörtern und Redensarten wie „Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch“.

      3. Ianeira · ·

        Werbung, ist immer ain guter Spiegel für Stereotype. Diese Werbung ( http://www.youtube.com/watch?v=EPYDmZxb32M ) spielt ja eindeuting darauf an, dass Männer wenig reden und der Ton ist nur wenig ironisch. Der Fakt/ das Stereotyp an sich wird nicht in Frage gestellt. Gleichzeitig wird dargestellt, dass der Ausdruck von Emotionen (der Schrei des Barkeepers) als etwas unnormales („Typisch Erstbesteller“) dargestellt. Es ist also unmännlich. Die schreibenden Frauen waren aber in den anderen Spots Normalität (http://www.youtube.com/watch?v=qtcSU5s00Bs ). Ganz nebenbei ruft die Frau sofort nach ihrem Mann, statt das Problem mit der Internetverbindung erstmal selbst beheben zu wollen. Für die Handlung der Werbung ist ihr Hilferuf nicht notwendig.

        Schaut ein Kind diese Werbung, bekommt es einen Haufen geschlechtsspezifische Verhaltensweisen vorgesetzt. Ein oder zwei solche Spots wären kein Problem, aber nahezu jede Werbung Zeit Stereotype: Waschmittel wird zu 90% mit Frauen beworben, Make Up Werbungen drücken aus, dass nur das Äußere für eine Frau zählt, wobei Männer-Kosmetik aussagt, dass man mit dieser Creme mit einem Motorad über Autos springen kann. So werden Passik-Dekorative und Aktive Rollen auf Geschlechter festgelegt.
        Dazu kommt, dass kaum Filme weibliche Hauptrollen haben (mal abgesehen von Romanzen, die ja direkt für Frauen produziert werden).
        Girl Hate (http://youtu.be/1t0UvvYs3AE) wird als komödiantisches Mittel gebraucht und suggeriert, dass Freundschaften unter Frauen oberflächlich sind.

        So nur einige Beispiele, die ein Kind in einer Stunde fernsehn aufnehmen könnte. Ohne gegenbeispiele in den Medien und im sozialen Umfeld kann das prägen. Meist spielt das soziale Umfeld ja auch noch in die selbe Richtung.
        Hierzu ein Exkurs zum Sprechen mit kleinen Mädchen: http://latinafatale.com/2011/07/21/how-to-talk-to-little-girls/

  24. Und hier NOCH EINMAL für alle tatsächlich und potentiellen Kommentatoren: ICH SAGE NICHT, dass Biologie keinerlei Einfluss auf Verhalten haben kann oder soll. Wenn Sie immer noch diesem falschen Eindruck unterliegen, lesen Sie bitte nochmals den Beitrag und die Kommentare.

  25. […] hat mal wieder einen schönen Artikel über Biologismus 101 geschrieben, in dem sie zusammenfasst, warum es schwer ist, Unterschiede im Verhalten von Männern […]

  26. Mir ist das auch zu generalisierend. Eine Frau, die sich eher männlich verhält, ist doch immer noch eine Frau. (Anders als eine Frau, die sich transsexuell biologisch als Mann fühlt und z.B. die Brüste nicht ertragen kann).
    Ich – weiblich – müsste mich doch nicht als Mann definieren, nur weil ich in Mathe gut bin, Bohrmaschine bedienen kann und nicht gerne bügle.
    Und ich denke, es ging bei dem Martenstein-Artikel nicht so sehr um die Genderforschung an sich.

  27. […] Martenstein schrieb mal wieder furchtbares – dieses Mal über Gender Studies. Dr. Mutti nimmt den Text auseinander und bietet ein “Biologismus 101“. […]

  28. […] Dr. Mutti las den Text von Harald Martenstein in der Zeit, in dem Theorien zu Geschlechtersozialisation und die Gender Studies insgesamt mal wieder lächerlich gemacht werden und befand: Martenstein schreibt nur biologistischen Quatsch. Auf dem Blog Daran geht die Welt zu Grunde resümiert Anni, dass Martenstein einfach schlechten Journalismus betreibt. […]

  29. Vielleicht darf ich hier einen Link zum Thema platzieren: http://maxkeiler.wordpress.com/2013/06/24/gender-leute/

  30. ReVolte · · Antwort

    „Nicht einmal Geschwister, nicht einmal Zwillinge haben exakt dieselbe Sozialisation, denn sie werden in ihren Familien wahrscheinlich zwar ähnlich, aber nicht gleich behandelt – was ja auch das Beispiel eineiiger Zwillinge zeigt, die sich zu durchaus unterschiedlichen Menschen entwickeln.“

    Die Zwillingsstudien von Dr. Tom Bouchard (University of Minnesota, USA) aus dem Jahre 1990 ergaben, dass getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge ebenso viele Übereinstimmungen aufweisen wie jene, die gemeinsam groß wurden.

    Ich selbst konnte an meinen eineiigen Zwillingen folgendes exemplarisches Verhalten beobachten: Beide Jungs sollten im Alter von etwa 3 Jahren die Farbe für eine jeweils zu kaufende Hose selbst auswählen. Zur Wahl stand rot, grün und blau. Der Erste sprach: rot. Der Zweite ebenso: rot, besann sich jedoch plötzlich eines besseren und wählte blau, was mich erstaunte, denn er bevorzugte für gewöhnlich immer rot. Befragt, warum er blau wählte, liess er wissen, dass er nicht die gleiche Hose tragen wolle, wie sein Bruder. Die Mutter und ich haben nie Partnerlook praktiziert, dem auch nicht entgegen gewirkt. Die Jungs hatten zumeist die Wahl. Und es stellte sich immer wieder heraus, dass die persönliche Besonderheit, die Einzigartigkeit der Person so wichtig war, dass die Abgrenzung mehr Stellenwert hatte, als die persönliche Vorliebe.

    Die Wahl für die blaue Hose kann insofern durchaus als kulturell bedingt klassifiziert werden. Nämlich als Folge einer Kultur des Individualismus. Die sich hier anschließende Frage: in wie weit verhindert Kultur das Ausleben genetisch bedingter Neigungen? wird auf diese Weise recht anschaulich beantwortet.

    Der Genderismus leistet aktuell seinen diesbzgl. kulturellen Beitrag. Wohin dieser wohl führen mag? Vermutlich in den Ameisenstaat. 😉

  31. […] Sätze sind herablassend und ignorant: Es gab und gibt viel sachliche Kritik an Ihrem Text. Zum Beispiel hier. Aber statt sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, ziehen Sie sich zurück und spielen von Ihrem […]

  32. Artikel-Zitat: „Deshalb ist es im Prinzip nur möglich, mit Versuchspersonen zu arbeiten, die überhaupt noch keine Sozialisation erfahren haben. Da diese aber nun leider mit der Geburt beginnt (und vielleicht sogar vor der Geburt), bleibt bestenfalls eine mögliche Gruppe, nämlich Neugeborene. Alle anderen Studien können Sie im Grunde sofort vergessen, wenn Sie Ihnen als Beweis für die biologische Determiniertheit von Geschlechterrollen präsentiert werden.“

    Erinnert mich an den Solipsismus, der ebenfalls grundsätzlich nicht bewiesen oder widerlegt werden kann. Und das wiederum führt zwangsläufig zu der Schlussfolgerung dass alles angebliche Wissen nur Glaube sein kann (Wenn ich die Existenz der Aussenwelt nicht beweisen kann, dann ist alles Wissen dieser Aussenwelt ebenfalls nicht beweisbar, jedes Wissen daher nur Glaube).

    Aber, Frau Goschler, erweisen Sie sich mit Ihrer Argumentation nicht einen Bärendienst?
    Sie manöverieren eine der zentralen Thesen der Gender Studies, dass Geschlecht nur konstruiert sein soll, in die gleiche Position wie den Solipsismus, also weder beweisbar noch wiederlegbar. Sie machen damit aus einer wissenschaftlichen Diskussion eine rein Philosophische, die Frage nach der Konstruktion der Geschlechter unbeantwortbar (wie fast alle grossen Fragen der Philosopie).

    Für mich drängt sich da die Frage auf: Sind Gender-Studies wirklich Wissenschaft oder doch nur Philosopie (und damit Ideologie)?

    1. @Michael,
      Sie sehen aber schon, dass SIe genau das Gegenteil, von dem kommentieren, was Frau Goschler geschrieben hat: In dem Zitat führt sie aus, dass sich mit statistischen Erhebungen eine rein biologische Determiniertheit nur beweisen lässt, wenn man Einflüsse der Sozialisation ausschließen kann. Diese These ist es, die nicht so einfach beweisbar ist.

      Die These, dass Geschlechterrollen in der Gesellschaft (neben anderen Rollen) großen Einfluss auf die Sozialisation und das Verhalten von Menschen haben, lässt sich mit verschiedenen Methoden der Psychologie und Sozialwissenschaften recht gut belegen. Diese Geschlechterrollen sind es, mit denen sich ein großer Teil der Genderstudies beschäftigen. Übrigens, wie Frau Goschler anmerkte, unter anderem auf Gebieten, in denen Biologie ohnehin keine entscheidende Rolle spielt, wie in den Literaturwissenschaften.

  33. […] Satz [Lesetipp Biologismus auf: Dr. Mutti] erklärt, warum die Frau, das Buch und die mediale Verbreitung ihrer Proklamation ernst genommen […]

  34. […] immer auch Bezug auf körperliche Merkmale. Auch die Bloggerin Dr. Mutti weist darauf hin, dass die Trennung dieser Einflussgrößen auf gesellschaftliche Prozesse experimentell schwer zugänglich […]

  35. Hallo zusammen!
    Der Artikel ist ja schon etwas her, aber ich bin jetzt erst drauf gestoßen, da mich das Thema schon länger beschäftigt und ich zu den Leuten gehöre, die durchaus verwirrt sind, wenn es um die Geschlechter-Fragen geht.

    Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich wirklich verstehe, was konkret mit „Konstruktion“ gemeint wird, wenn es um das biologische Geschlecht geht.
    Was ich bisher gelesen habe, kreiste immer mehr um den Begriff und weniger um die Biologie selbst.

    Wenn ich als „humanoides Säugetier mit Brüsten und einer Vagina“ geboren werde, dann unterscheidet sich mein Körper von dem eines „humanoiden Säugetieres mit einem Penis“.
    In meinen Augen sind das schon gewichtigere Unterscheidungen als Haarfarbe oder Körpergröße – um auf Butler anzuspielen.
    Dass diese Unterschiede natürlich nicht automatisch an bestimmte Verhaltensweisen geknüpft sind, kann man ja sehr gut sehen, wie ich finde.

    Diese o.g. Unterscheidung hat einfach etwas mit der Fortpflanzungsfähigkeit unserer Spezies zu tun, oder?
    Es gibt Körper, die Samen produzieren und solche, die Eizellen produzieren und die Nachkommen austragen und gebären.
    Ein bisschen „binär“ erscheint mir das schon, jedenfalls auf dieser Ebene.
    Und ja, es gibt Körper, die beides nicht tun (oder tun können), oder die es abgeschwächt tun oder die keine eindeutig ausgeformten Fortpflanzungsorgane haben.
    Ist das Konsens, oder fängt auch hier schon die Konstruktion an?

    Was aus dieser Beschreibung eben nicht folgern muss, sind festgelegte und rein biologisch determinierte Verhaltensweisen/Neigungen/Eignungen.
    Das ist in meinen Augen dann auch die Konstruktion – schon die Benennung und das „Einsortieren“ der Unterschiede ist eine Konstruktion.
    Klar sind Begriff wie „Mann“ oder „Frau“ im Grunde willkürlich und nur zwei von vielen Möglichkeiten.

    „Binär“ bzw. ist nach meinem laienhaften Verständnis eigentlich nur die Sache mit der Fortpflanzung – das wäre nach meiner Vorstellung das biologische Geschlecht.
    Bitte klärt mich auf, wenn ich da etwas revolutionäres verschlafen habe!
    Und ja, ich weiss dass es die sexuelle Fortpflanzung nicht immer gab und sie vielleicht auch irgendwann wieder verschwinden wird.
    Und wir können dank Technologie heute auch biologische Schranken umgehen und uns auch dann fortpflanzen, wenn es das „biologische Geschlecht“ nicht „erlaubt“.
    Damit ist es aber immer noch nicht „weg“ oder „dekonstruiert“.

    Allerdings, und das ist vielleicht auch das entscheidende:
    Unsere Partnerkonstellationen und unser individuelles Gefühl unserem biologisch gegebenen Körper/Geschlecht gegenüber ist variabel und nicht fix.

    Das war möglicherweise schon immer so, aber es war verdeckt durch gesellschaftliche Normen und Verhaltenserwartungen und bekommt erst durch diese Debatten die entsprechende Aufmerksamkeit?
    Vielleicht verliert deshalb auch der „Begriff“ des biologischen Geschlechts langfristig seine Relevanz?
    Aber das wäre für mich noch immer eine Dekonstruktion des Begriffs des biologischen Geschlechts. Es ist damit nicht selbst dekonstruiert.

    Aber wie gesagt – das ist meine laienhafte Vorstellung, und ich lasse mich gerne aufklären!

  36. Dummerjan · · Antwort

    Ist es schlimm, wenn ich Dich der intelektuellenm Unredlichkeit zeihe?

    Wieso? Naja:
    „Erst recht kann man “Untersuchungen”, wie den des norwegischen Comedians (und Soziologen – warum läßt DU das weg? Könnte zuviel Glaubwürdigkeit verleihen?) Harald Eia, der festgestellt hat, dass in Norwegen, wo die Gleichstellung der Geschlechter recht fortgeschritten ist, Frauen trotzdem lieber “Frauenberufe” ergreifen, in diesem Zusammenhang getrost ignorieren. “
    Harald Eia hat ja keine wissenschaftliche Untersuchung gemacht. Er hat eine Theorie genommen und ein gegenbeispiel gebracht: EIn Gegenbeispiel reicht um eine Theorie zu wiederlegen – hingegen reichen belibig viele Beispiele nicht aus um eine Theorie zu bestätigen.

    Und selbstverständlich kann man kausal Biologie oder Gesellschaft unterscheiden –
    wenn ein Merkmal durch etwas verursacht, was bei männlichen Personen auftritt bei weiblichen aber nicht (Testosteronspiegel im Blut von neugeborenen) und man findet entsprechend Merkmale (verzögerter Spracherwerb) dann ist dies ein kausaler biologischer Nachweis.

    http://www.derwesten.de/agenturmeldungen/testosteron-im-mutterleib-beeinflusst-spracherwerb-id6284537.html

    Oder etwas nicht?

    Nebenbei – verschmutzte Variablen kann man prinzipiell immer über die Schätzung eines Simultanen Gleichungssystems in unverschmutzte (unconfounded) auflösen.
    Manchmal reichen sogar hierarhische Verfahren wie propensity score matching um das zu erreichen.

    Hier mal ein schönes Buch dazu:
    http://www.amazon.de/Microeconometric-Evaluation-Policies-Economics-Mathematical/dp/3540287078/ref=sr_1_10?ie=UTF8&qid=1393348789&sr=8-10&keywords=propensity+score+matching

    Was auf dem Arbeitsmarkt geht – Fähigkeiten und soziales Umfeld zu trennen sollte doch auch bei der Trennung von Biologie und Umwelt gehen.

    1. Hach je.
      Nein, man kann nicht „mit einem Gegenbeispiel eine Theorie widerlegen“. Man kann mit einem Gegenbeispiel eine universelle Hypothese widerlegen. Weder ist die Annahme, dass viele (Mittelwerts-)Unterschiede zwischen Geschlechtern durch soziale Faktoren erklärt werden können, eine universelle Hypothese, noch ist Eias Dokumentation ein Gegenbeispiel zu einer solchen. An der Stelle können wir, denke ich, auch aufhören über statistische Verfahren und Rafinessen zu reden, die für diese Diskussion keine Rolle spielen – denn Sie haben einige grundlegende Dinge über Datentypen, Hypothesen, und andere Grundlagen empirischen Forschens nicht verstanden – ganz zu schweigen vom Unterschied zwischen Korrelationen und Kausalität.

      Und warum ich Harald Eia nicht als „Soziologen“ bezeichne: Er hat Soziologie studiert. Aber er forscht nicht und arbeitet nicht als Soziologe, er publiziert keine soziologischen Untersuchungen. Und vor allem ist die vielzitierte Dokumentation keine soziologische Arbeit, wie Sie ja selbst feststellen. Ich bezeichne Harald Martenstein deshalb auch nicht als Germanisten. Oder Stephen King als Anglisten, Thomas Gottschalk als Lehrer oder Papst Franziskus als Chemietechniker.

  37. […] von Dr.Mutti gibt’s einen Beitrag, der noch wichtige Punkte zu diesem Thema […]

  38. […] “Reinlesen” empfehle ich die Texte “Biologismus 101” sowie “Nicht für Geld und gute Worte” von Dr. Mutti und “Gender, […]

  39. […] zur „geschlechtergerechten Sprache„.  Was war passiert? In einem Artikel auf dem Blog „Dr. Mutti“  hatte die Blogbetrieberin, die Hamburger Linguistin Juliane Goschler, in einem Artikel nur eine […]

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