Benjamin Blümchen schützt den Castor

Als mein Ältester noch im Vorlese- und Hörspielalter war, hatte ich die beiden einzigen Benjamin-Blümchen-Bücher, die auf irgendeinem Weg in unseren Haushalt gelangt waren, schnell auf ein hohes Regalbrett entsorgt. Zu nervig, die grauenvollen Dialoge („Eine Schla- Schla- Schlange! – Nein, das ist doch nur ein Rüssel!“), die endlosen Alliterationen (Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg), die vielsagenden Namen (Zoodirektor „Tierlieb“ und Reporterin Karla „Kolumna“) sowie die lautmalerischen Preziosen (Tööö-rööö!) dauernd vorzulesen. Aber kürzlich musste ich erfahren, dass ich meinem Sohn unwissentlich einen viel größeren Dienst erwiesen habe: Ich habe ihn davor bewahrt, „links der politischen Mitte“ sozialisiert zu werden!

Denn die Hörspiele von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg hätten häufig explizit politische Inhalte zum Thema, erfuhr ich aus einem Artikel in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung). Nun war mir selber das gar nicht so aufgefallen – ich erinnere mich lediglich verschwommen an irgendeine Feuerlöschaktion mit Hilfe des Elefantenrüssels – aber ich hatte meinen Input ja auch auf ein Mindestmaß beschränkt. Deshalb las ich den Artikel in der APuZ interessiert weiter. Der Autor des Artikels analysiert diverse Episoden von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen und zeigt sehr überzeugend, dass sich ein Erzählmuster häufig wiederholt. In diesem besteht ein Konflikt zwischen Staat (personifiziert in den Figuren des Bürgermeisters sowie der Polizei) und Wirtschaftsvertretern (in Gestalt des Immobilienlöwen Herrn Schmeichler sowie Akteuren wie z.B. Ulrich Umsatz) auf der einen, und der Bevölkerung und den Hörspielhelden Benjamin oder Bibi auf der anderen Seite. Der Konflikt wird oft gelöst, indem die Helden zusammen mit der Bevölkerung und mit Hilfe der Presse in Person von Karla Kolumna einen gewissen Druck aufbauen, der ihre Gegenspieler dazu zwingt, ihre Eigeninteressen nicht ganz so schamlos durchzusetzen und stattdessen stärker im Interesse des Gemeinwohls zu handeln – z.B. indem die Umwelt geschützt wird.

Dadurch könnten die Geschichten durchaus prägend wirken:

Da in den Geschichten sehr oft ein politischer Bezug hergestellt wird, auch wenn dieser nicht zwingend notwendig erscheint, bestimmte politische Inhalte (Umweltprobleme) immer wieder thematisiert werden und die von den Hörspielheldinnen und Helden sowie deren Freunden vertretenen politischen Positionen relativ eindeutig einem politischen Spektrum zugeordnet werden können, ist anzunehmen, dass die von den Blümchen- bzw. Blocksberg-Hörspielen bewirkten politischen Sozialisationsprozesse zum Teil durchaus beabsichtigt sind. Somit ist davon auszugehen, dass sie – neben latenten politischen Sozialisationsprozessen – auch manifeste politische Sozialisationsprozesse bewirken.

So weit, so gut, nur mit der Stoßrichtung dieser politischen Bildungsprozesse ist der Autor nicht zufrieden. Denn:

Die „richtigen“ politischen Positionen bzw. Verhaltensweisen sind ökologisch, postmaterialistisch, basisdemokratisch, kritisch, zivilcouragiert, pazifistisch, sozial, antikapitalistisch, egalitär, tendenziell anarchisch bzw. antistaatlich, antihierarchisch, antiautoritär und antikonservativ; mit anderen Worten: „links“ der politischen Mitte (linksliberal bis linksalternativ).

Der Autor führt mehrere Geschichten an, um seinen Punkt zu beweisen: So wird in einer durch die Presse und Demonstranten der Bau einer Verbindungsstraße verhindert, die dazu dienen sollte, dass der Bürgermeister seine Tante Rosamunde schneller besuchen kann. Oder der Bürgermeister will die Stadtkasse füllen und deshalb das alte Zunfthaus nicht zu einem Museum umwandeln, sondern es lieber für viel Geld dem Immobilienhändler Schmeichler verkaufen. Oder Benjamin will ein geerbtes Schloss kostenlos Arbeitslosen zur Verfügung stellen, während Herr Schmeichler überteuerte und marode Hochhauswohnungen vermietet. Oder Bibi will für den Mitschüler Issam Geld sammeln, damit dieser mit auf die Klassenfahrt fahren kann, während der Bürgermeister der Meinung ist, dass dies nicht notwendig sei, weil sich nun einmal nicht jeder alles leisten könne und auch er selbst in diesem Jahr nur viermal in die Karibik fliegen konnte.

Und so ist in den Geschichten der Bürgermeister „grundsätzlich nicht am Wohl der Bürger, sondern nur an dem von ihm definierten Wohl der Stadt, vor allem aber an seinem eigenen Wohl interessiert“, die Polizisten „tun blind ihre Pflicht und haben nicht selten eine regelrechte Freude am Verhaften“ und den Wirtschaftsvertretern ist gemeinsam, dass „ihnen Geld sehr viel bedeutet und ihnen beinahe jeder Weg recht ist, um an Geld zu kommen“.

Tja, unglaublich, hat man so etwas schon gehört! Geradezu absurd, diese Charakterisierungen! Der Autor schließt mit den Worten:

Trotz des großen Erfolgs der Hörspiele von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg ist insgesamt festzustellen, dass diese die Entwicklung politisch mündiger Bürgerinnen und Bürger kaum fördern, wenn nicht sogar behindern.

Warum Geschichten, in denen geld- und machtgierige Menschen durch das gemeinsame Agieren der Bevölkerung auf friedliche Weise dazu gezwungen werden, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln, nicht dazu geeignet sein sollen, politisch mündige Bürger/innen hervorzubringen, wird nicht erklärt. Klar ist, dass dem Autor irgendwie ausgewogenere und realistischere Narrative vorschweben – so sollen Vertreter der Politik und Wirtschaft nicht nur negativ dargestellt werden, und die Helden Bibi und Benjamin sollten nicht ausschließlich auf Seiten der Bürger agieren.

Ausgewogen und realistisch ist immer gut. Deshalb habe ich mir Gedanken gemacht, wie die Geschichten dann in etwa aussehen könnten. Hier ein paar erste Ideen:

Zum Beispiel: Benjamin Blümchen unterstützt das Vorhaben des Bürgermeisters, einen Großflughafen zu bauen. Kleinere Schwierigkeiten beim Brandschutz werden überwunden, indem Benjamin persönlich zum Löschen etwaiger Brände mit seinem Rüssel abgestellt wird. Der Flughafen kann so noch billiger als geplant fertig gebaut werden und alle sind glücklich, sogar die skeptischen Bürger, denen angesichts der durch den Flughafen und die angelockten Investoren florierenden Wirtschaft auch der Fluglärm egal ist.

Oder: Bibi Blocksberg rettet eine vom Bürgermeister initiierte Aktion, nach der kein Kindergarten gebaut werden soll, sondern Müttern Geld gezahlt werden soll, wenn sie ihre Kinder zu Hause betreuen. Die störrischen Bürgerinnen wollen kein Geld, sondern lieber einen Kindergarten, aber nachdem Bibi Tausende bereits ausgefüllte Anträge ins Bürgermeisteramt gehext hat, bleiben die Mütter nun doch zu Hause. Alle sind glücklich und die Mütter sehen ein, dass nur ein bisschen Geld und Reproduktionsarbeit doch besser sind als ein richtiger Beruf mit einem echten Gehalt.

Oder vielleicht so: Benjamin Blümchen vertreibt durch Verspritzen von Wasser aufmüpfige Bürger/innen von der Bahnstrecke, auf der Atommüll in ein vorläufiges Endlager gebracht werden soll. So sparen die Betreiber der Atomkraftwerke Geld, was sie natürlich umgehend an die Verbraucher weitergeben. Alle sind glücklich und die Protestierer sehen ein, dass sie am besten still sind und hinnehmen, was Betreiber von Atomkraftwerken für sie geplant haben, weil das für alle besser ist.

Weitere Folgen könnten sich darum drehen, wie ein historischer Stadtteil abgerissen werden soll, um Bürohochhäuser zu errichten – Benjamin Blümchen hilft der Polizei bei der Räumung des durch unvernünftige Bürger besetzten Geländes; wie am Fluss ein großes Konzerthaus entstehen soll, das die Baufirma mit Hilfe von Bibi Blocksberg unter Hinnahme empfindlicher finanzieller Einbußen im geplanten Zeitrahmen fertigstellt, nur damit die nörglerischen Bürger sich an der Musik erfreuen können; oder wie Benjamin Blümchen Karla Kolumna zum Schweigen bringt, die über den Bürgermeister berichten will, der sich von Herrn Schmeichler und Ulrich Umsatz in deren Ferienhäuser einladen und zinsgünstige Kredite geben lässt, und verhindert so knapp einen Rücktritt des Bürgermeisters und rettet damit gleichzeitig dessen Ehe.

Tööröö! Mit solchen Geschichten müsste es eigentlich möglich sein, die kommenden Generationen zu „mündigen Bürgerinnen und Bürgern“ zu sozialisieren. Hex-hex!

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32 Kommentare

  1. Was soll man denn von einem CSU Mitglied schon anderes erwarten?

  2. Wer den genannten Artikel (oder auch nur die Abschließende Bewertung) unvoreingenommen liest, wird ihm hoffentlich zustimmen, unabhängig von der politischen Einstellung. Dem Autor geht es vor allem darum, dass Geschichten wie Benjamin Blümchen eine schwarz-weiße Version der Realität zeigen: Politiker und Polizisten sind doof, Bürger und Journalisten sind gut. Und ein solch simples Denken ist für mündige Bürger tatsächlich nicht sinnvoll.

    Die meisten Politiker und Polizisten in Deutschland machen einen guten Job, ebenso wie die meisten Journalisten, Bankangestellten und Vermieter. Ich hoffe, dass spannende Kindergeschichten auch auf Basis eines ausgewogenen und realistischen Weltbildes erzählt werden können.

    1. Die meisten Politiker und Polizisten in Deutschland machen einen guten Job, ebenso wie die meisten Journalisten, Bankangestellten und Vermieter. Ich hoffe, dass spannende Kindergeschichten auch auf Basis eines ausgewogenen und realistischen Weltbildes erzählt werden können.

      Ich sehe das aus einem anderen Blickwinkel.
      Es geht gar nicht darum, das ‚die Meisten‘ einen guten Job machen sondern darum, dass einige es halt nicht tun, sie aber in der Regel von ihrer entsprechenden Gruppe mit Rückendeckung rechnen können. Wie oft hören wir im Zusammenhang mit politischem Klüngel, Korruption und Polizeigewalt von ‚Einzelfällen‘ ?
      Diese Gruppen agieren aus Machtpositionen heraus und sperren sich mit großer Ausdauer gegen Vorhaben die das saktionieren dieser ‚Einzelfälle‘ erleichtern soll.
      Da bleibt dann im Zweifel nichts anderes übrig, als sich zusammen zu schließen und als Gruppe das voran zu bringen, was Einzelpersonen dem Machtgefälle wegen nicht leisten können.

      Und da halte ich es für legitim schon Kindern zu vermitteln, dass wir als Gruppe auch Dinge bewegen können, wenn wir keine Politiker, Industrielle oder Immobilienhändler sind.

      1. Finde ich alles richtig. Das Problem ist nur, dass bei Benjamin & Co. anscheinend *alle* Politiker, Polizisten etc. dumm & gemein sind. Kurz gesagt: in Wirklichkeit bauen *wenige* Politiker und Unternehmer Mist, in den Geschichten *alle*. Das erzeugt ein ganz falsches Bild und ist im Grunde antidemokratisch.

      2. Ganz ehrlich: Wie häufig liest man denn auf der anderen Seite in den Medien undifferenzierte, schlechte Texte von Journalisten? Oder hört von Medienunternehmen, deren Anliegen alles andere als selbstlos ist? Theoretisch müsste der Autor damit auch Karla Kolumna deutlich anders darstellen, unter den Journalisten dürfte es nich bedeutend weniger schwarze Schafe geben als unter Politikern oder Polizisten.
        Ähnliches gilt für Bürger: Wie viele Leute gehen auf Demonstrationen, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich tun? Ich habe es bei der Demo gegen ACTA erlebt: Vielfach konnten Demonstranten weder sagen, wofür die Abkürzung steht noch etwas über die Inhalte sagen. Wenn aber jemand auf die Straße geht, weil da „irgendein Vertrag ist, der irgendwie die Menschenrechte beschneidet“, ist das kein Ausdruck von politischer Mündigkeit, sondern unverantwortlich.

        Das Schwarz-Weiß-Bild von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg ist auch deswegen problematisch, weil die Akteure willkürlich eingeteilt werden. Es ist angebracht, auch Journalisten und bürgerschaftliches Engagement kritisch zu hinterfragen und diese Dinge nicht automatisch unreflektiert als gut einzuordnen.

    2. @ Christopher Sahnwaldt: Dass es dem Autor des Artikels nur um die etwas naiv-unterkomplexe stereotype Darstellung geht, ist insofern nicht richtig, als mehrmals explizit in dem Artikel die Rede davon ist, dass die „Guten“ in den Geschichten politisch „links“ zu verorten sind (einige Stellen habe ich bereits zitiert) und genau das kritisiert wird.

      1. Ich weiß. Darum schrieb ich ja auch „vor allem“, nicht „nur“.

        Dass der Autor sich auch darüber ärgert, dass die Hörspiele nur „linke“ Werte propagieren, ist verständlich, aber meiner Meinung nach ist sein Hauptanliegen ein anderes. Die „Abschließende Bewertung“ macht das deutlich.

        Im Übrigen bin ich in den 1970ern durch Hörspiele und Lieder „sozialisiert“ worden, die noch weiter links lagen als die hier angesprochenen, und im Rückblick muss ich sagen: das war nicht gut. Ich bin mit der Meinung aufgewachsen, alle CDU-Wähler seien dumm und egoistisch. Und das stimmt einfach nicht. Ich wähle meistens die Grünen, aber ich weiß, dass auch CDU-Wähler intelligente und nette Menschen sind. Ich war in Gorleben, um den Castor zu blockieren, und dort (und in vielen anderen Situationen) habe ich erlebt, dass die *meisten* Polizisten einen guten Job machen und keine dumpfen Schlägertypen sind. Ich hasse Polizeigewalt, aber wenn Hörspiele *alle* Polizisten als Idioten darstellen, finde ich das falsch.

    3. Das ist doch blödsinn, wenn mensch sich etwas in eine brange einarbeitet oder ein thema fortwährend verfolgt, sich den lobbyismus im bundestag anschaut, mal nachforscht, wer gesetze schreibt und formuliert, sich mit dem laut rechtsspruch normalem polizeiverhalten und -vorgehen, den metoden und der orientierung des verfassungsschutzes, dem mietspiegel, der aufteilung des kapitals und sozialer güter, dem umweltschutz, investorenvorgehen oder beliebig anderen themen befasst, fühlt sich doch in neustadt wohl, einer stadt, in der es figuren gibt, die wiederstand leisten, hinterfragen, aufdecken, streiten, mobilisieren und sich nicht den mund verbieten lassen, den hörerinnen und hörern wird hier ans herz gelegt etwas zu bewegen, ihnen wird vorgemacht, dass sie keine unmündigen bürgerinnen und bürger werden müssen und die umwelt, die uns alle umgibt beschützen sollten, da diese doch den größten einfluss auf unsere lebensumstände und unser wohlbefinden hat.
      In unserer realität kann es doch nicht reflektiert sein, was hier steht, in welcher welt leben sie?
      Dem herrn professor der philosophie aus passau, muss ich in einem punkt recht geben, die presse wird hier als das dargestellt, das sie sein sollte, denn journalismus hat den auftrag objektiv zu berichten, allgemein zu informieren, aufzudecken und alle standpunkte darzustellen. Das ist heute definitiv nicht (mehr) der fall. Denn durch die privatisierung, monopolisierung und konzentrierung der medien, im besitz von wenigen, den wohlhabensten familien deutschlands, sind diese interessenvertreter einer winzigen minderheit, der fast alles gehört und die definitiv nicht die interessen der allgemeinheit vertreten! Medien haben heute die hebel der meinungsbildung in der hand, denn ist der ruf erst ruiniert… und so ist noch jede*r politiker*in irgendwann dazu übergegangen sich wärend ihrer*seiner laufbahn auf die seite der wirtschaft zu schlagen und nebenbei gute ideen, die sie einmal vertreten haben so sehr zu verstümmeln, dass sie nur symbolische wirkung haben und viel als pseudoargument und irreführende richtige wegsmarke hergeben, wie die lächerliche frauenquote oder die kaputte mietbremse..
      Kindergeschichten werden nuneinmal etwas vereinfacht und arbeiten mit magie und utopien, wie sprechenden elefanten, hexen und mädchen, die so stark sind, dass sie ihre pferde hoch heben können. Das mit der vereinfachung finde ich persönlich in vielen kindergeschichten übertrieben, die magie bisweilen verwirrend, aber bei den kindergeschichten aus neustadt finde ich es ok. Vieleicht könnte es mal eine wahl geben, bei der parlamentarische oppositionspersonen vorgestellt werden, was die vertreter*innen der wirtschaft angeht, so werden mittelständler sowohl als positiv und auch als negativ dargestellt. Gerade bei den ganzen berufserfahrungen, die benjamin blümchen macht reagieren die mittelständischen unternehmer*innen sehr verschieden und oft positiv und aufgeschlossen gegenüber alternativen problemlösungsvorschlägen. In diesem punkt finde ich die kritik wirklich nicht angebracht und die darstellung auch objektiv, denn welche*r großindustrienne*r setzt sich denn selbstlos und nicht proffitorientiert für die belange von menschen und umwelt ein? Darum sind sie doch großindustriell und machen so hohe gewinne, wären sie fair, wären sie nicht so reich, denn, wenn es so viel profit gibt, werden entweder die angestellten nicht angemessen entlohnt, oder die produkte und der service zu einem wucherpreis angeboten, logisch, oder??? Also wirklich,..
      Da finde ich bibi und benjamin schon ausführlicher und fassettenreicher, als den schulunterricht an den mittelstufen von realschulen!..

      1. Mein kommentar bezieht sich auf das erste kommentar von Christopher Sahnwaldt. Dass er beim blockieren von castortranzporten auf korekte polizisten getroffen ist verwundert mich sehr, ich habe bislang jedesmal, wenn ich mein bürgerinnenrecht wahrnahm die polizei als unnötigen aggressator erlebt und immer gewusst, warum ich mich auf die straße begebe!!!

  3. Nach dem (zugegebenermaßen losen) Überfliegen des Artikels konnte ich dem Autor keinesfalls zustimmen. Das könnte aber natürlich an meiner Sozialisation durch Benjamin-Blümchen-Cassetten liegen, von denen ich in meiner Kindheit genau drei Stück besaß. Ich habe schon immer geahnt, dass mich der wiederholte Konsum der Hörspiele, gebannt vor dem Cassettenrecorder auf dem Teppich liegend, in Wahrheit zur linken Socke erzogen hat.

    Durch Benjamin Blümchen für die Verwertung im Kapitalismus verloren – nicht die schlechteste Variante, um ehrlich zu sein.

  4. […] Benjamin Blümchen schützt den Castor: […]

  5. […] Dr. Mutti: Benjamin Blümchen schützt den Castor (via +Sebastian […]

  6. […] Die linksuntergrundterrorist_innen des tages — wenn man einem offenbar tollen, im sinne der herrschenden meinung ideologiefreien und jeder propaganda fernstehenden text der “bundeszentrale für politische bildung” glauben soll — sind bibi blocksberg und benjamin blümchen, die gnadenlos die falsche und viel zu linke ideologie in die…. […]

  7. […] Ben­ja­min Blüm­chen schützt den Cas­tor | Dr. Mutti — Dr. Mutti über Kin­der­hör­spiele, Rol­len, Poli­tik und so weiter […]

  8. sehr informativ! Allerdings auch sehr interessant, womit man sich in der Bundeszentrale so von Zeit zu Zeit beschäftigen muss…

  9. Einfach göttlich dieser Text! Ein Dank an die Autorin! Ich kenne all die Folgen von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg auswendig und habe sie als Kind geliebt. Ich habe viele Geschichten noch im Kopf und bin beim Lesen der neuen, antianarchistischen Folgen 😉 deshalb nicht mehr aus dem Lachen rausgekommen.
    Ich muss mich meinem Vorredner anschließen…ich finde es auch höchst verwunderlich, womit sich Politikwisschenschaftler so den lieben langen Tag beschäftigen. Andererseits auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der gute Herr Dr. Strohmeier der CSU angehört und noch dazu für die Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet.
    Unabhängig von meiner früheren Liebe zu den Geschichten von Bibi und Benjamin finde ich die Untersuchungsergebnisse des Autors…sagen wir mal…idiotisch. Sinn und Zweck der Hörspiele ist es (wie Frau Kolumna schon ganz richtig bemerkt hat), Kinder dazu zu ermutigen, Dinge und Sachverhalte zu hinterfragen. Oder bin ich vllt. durch die permanente Beschallung in der Kindheit schon so „links der politischen Mitte“, dass ich nicht mehr klar denken kann? OMG 😀

  10. […] Dr. Mutti schreibt über die Einschätzung der Bundeszentrale für politische Bildung, Benjamin Blümchen würde aus Kindern Linksradikale machen. […]

  11. Danke an Christopher Sahnwaldt für seinen differenzierten Kommentar, dem ich mich nur anschließen kann.
    Ich schätze den Bund für Politische Bildung an sich sehr und erlebe ihn als Institution, die um Ausgewogenheit bemüht ist. Denen geht es nicht darum, auf die Linke/n zu dreschen.

    Es ist egal, ob links oder rechts, ich lehne es ab, wenn eine Richtung die Lufthoheit über den Kinderzimmer hat. Es führt doch zu Scheuklappen, wenn nur eine Seite der Geschichte präsentiert wird – egal, ob das jetzt „Trotzkopfs Braut- und Ehejahre“ mit dem heil-patriarchalischen Familienbild ist, oder eben „Staat dumm und ausbeuterisch – Bürger gut“. Die gesunde Mischung machts! Mal darf ein systemkritischer Bürger der „Gute“ sein, mal ein Bürgermeister oder, man höre und staune, ein Immobilienmakler! Oder ein Fleischesser! Oder eine Frau, die ihre Kinder zuhause erzieht! Alles ein bisschen verdächtig hierzulande…

    Deutschlands Bürger erlebe ich (als Ausländerin) als eher staatskritisch (und auch demokratiekritisch), aber nicht, weil sie so wahnsinnig viel Einblick in die komplexen Strukturen und Verflechtungen von Staat, Politik und Wirtschaft hätten. Nein. Da fehlt unglaublich viel Wissen, aber es gibt eine Art konsensualen Aberglauben, dass Politik und Wirtschaft „schlecht“ seien, und sowieso alle nur drauf aus, uns Bürger zu verraten und abzuzocken. Das halte ich für problematisch! Keiner kann einen Staat lenken oder die Arbeit von Politikern einschätzen, wenn er oder sie statt fundiertem Wissen über Politik und Wirtschaft nur über weitergmunkelte Binsenweisheiten, Halbwissen, Ängste und Wut verfügt. Schlimmstenfalls schreien die Leute dann irgendwann aus Überdruss und Überforderung wieder nach einem starken Mann, der alles richtet, statt sich auf das mühsame Alltagsgeschäft einzulassen.

    1. Das ist aber arg bedauerlich, liebe mom, dass Sie „die“ deutschen Bürger für so unwissend und leichtgläubig halten. Haben Sie mit allen deutschen Bürgern, die Staat und Wirtschaft kritisch gegenüber stehen, gesprochen und so herausgefunden, wie viel fundiertes Wissen hinter Meinungen steckt? Oder haben Sie lediglich die Kommentarspalten bei Spiegel Online oder diversen Lokalgazetten gelesen? Ich finde, da sind Sie mit Ihrem Urteil schnell bei der Hand.

      Davon mal ganz abgesehen denke ich nach wie vor nicht, dass Benjamin Blümchen und die in seinen Geschichten angeblich propagierten Feindbilder die Lufthoheit in irgendwelchen Kinderzimmern haben. In meinen Augen gehört noch einiges mehr dazu, ein Kind zu prägen, als allein der Konsum von Hörspielen – die Haltung der Eltern beispielsweise, die Erfahrung des Kindes, wie viel seine eigene Meinung und seine Gefühle in der Familie zählen und wie wirksam es sich im Alltag erlebt und nicht zuletzt wohl auch sein Charakter.

      Ein Kinderhörspiel verantwortlich zu machen für die schleichende Durchsetzung „linker“ Einstellungen im Kind, für sein ganzes späteres Leben, das zeugt meines Erachtens von Halbwissen, Ängsten und Wut des Studienverfassers und von einer gehörigen Prise Paranoia. Denn es gibt auch unter den Konservativen offenbar eine Art konsensualen Aberglauben, dass sich entgegen aller erzieherischen Bemühungen Kinder von den Bestrebungen „linker“ Kräfte so mir nichts, Dir nichts infiltrieren lassen. Quatsch, wenn Sie mich fragen. Aber Sie fragen mich vermutlich nicht.

    2. Davon abgesehen ist es – ganz im Sinne der konservativen Vorstellung vom freien Markt – jedem frei gestellt, Kinderhörbucher, -romane und -filme zu produzieren, die ein „ausgewogeneres“ Bild vermitteln. Ebenso wie es allen Eltern – in selbigem, oben genanntem Sinne – frei gestellt ist, diese für ihre Kinder zu kaufen. Allerdings würde ich bezweifeln, dass sich die meisten für Stücke entscheiden würden, die eher rechte „Werte“ einbeziehen. In eine Perspektive für Kinder übersetzt – jenseits politischer Sachzwangphrasen -, merkt man doch recht schnell, wie schäbig Positionen sind, die auf das Abschieben von Menschen, die Zerstörung von Gemeingut und Umwelt, die Bereicherung an anderen Existenzen oder einfach nur Untertanengeist zumindest hinauslaufen.

      Zum anderen hat es m.E. durchaus seinen Grund, dass die Kinderliteratur eher links geprägt ist: Pädagogik ist im wesentlichen ein direktes soziales Feld. Und für das interessiert sich der konservative Geist in der Regel nicht, auch wenn er abstrakt vorgibt, dass die Resultate seiner Politik – vorwiegend über Marktmechanismen (ideale Allokation, Trickle-Down, Wettbewerbsfähigkeit, bla, bla) – indirekt der Gesellschaft zugutekommen. Nicht um konkretes bürgerschaftliches und soziales Engagement, um Solidarität und Verantwortungsbewusstsein, geht es da – klar, man kann, wie neuerdings, auch Unternehmen zu bürgerschaftlichem Engagement verklären -, sondern um einen ganz vulgär, ja dreist definiterten kategorischen Imperativ: Bereichert euch – zum Wohle aller!

      Kindern einen Sinn für Widerspruch gegen Autoritäten zu vermitteln, kann niemals schaden. Und das funktioniert nun mal nicht, mit einer trögen Realistik, die Verständnis für die Autoritäten zu erzeugen versucht. Im höheren Alter, können sich die so Sozialisierten immer noch davon lösen. Andersrum – im Falle von zum Untertanengeist oder zumindest Gleichgültigkeit (das Resultat „ausgewogener“ Darstellung) Erzogenen – bezweifle ich das eher. Gesellschaft ist und bleibt ein Konfliktfeld mit unterschiedlichen Interessen, und Demokratie lebt auch davon, Konflikte auszutragen. Volle Mündigkeit setzt daher voraus, in diesem Feld Position zu beziehen.

      1. @Timo

        Sie verkörpern diesen problematischen Konsens ganz gut, von dem ich gesprochen habe. Der „Markt“ will, wie Sie das auszudrücken belieben, nichts als Menschen abschieben, Gemeingut zerstören und die Umwelt auch noch dazu, andere ausbeuten usw. – und wir sind die „Guten“, weil wir das alles und den bösen, bösen Markt so richtig anprangern. Das ist mir viel zu undifferenziert, und auf der Basis lässt sich keine ehrliche Bestandsaufnahme machen, aber auch nicht abwägen, welche Veränderungen an Stellschrauben im System welche Folgen nach sich ziehen. Das ist aber eine Grundvoraussetzung, und meines Erachtens nach bremst sich die Linke selbst aus, wenn sie nicht von diesem Niveau runterkommt. Ich glaube aber, das führt hier zu weit. Lieber noch mal zur Kinderliteratur!

        Klar, jeder kann ausgewogene Kinderliteratur produzieren. Tatsache ist aber, dass Autoren eben für einen Markt schreiben und viele von ihnen schon so im Hinterkopf haben, was sich verkauft. Anscheinend hierzulande eher die Benjamin-Blümchen-Schiene, oder auch scheinbar völlig apolitisches Zeugs (Prinzessin Lillifee!!!). Wenn aber politisch, dann war das zumindest vor 10-15 Jahren schick, sich irgendwie links zu positionieren. Ich hab mal auf der Uni zu amerikanischer Kinderliteratur gearbeitet, da ist das völlig anders, alles sehr viel weniger Protestkultur und sehr viel mehr „American Dream“, gerne auch mit einer massiven Prise Konservativismus garniert. D. h. die Literatur lässt meines Erachtens schon Rückschlüsse auf Mainstream- Haltungen der Leser zu – und die können eher konservativ oder eher links sein, je nach Land oder auch Zeit, lesen Sie doch mal Kinderliteratur aus der Kaiserzeit. Gruselig. Kinderliteratur ist also mitnichten eher links geprägt, gerade im 19. Jh. war Kinderliteratur Träger konservativer Auffassungen. Struwelpeter, anyone?

        Pädagogik ist zur Zeit in Deutschland tatsächlich in der Hauptsache links, ja, und das bedauere ich sehr, einfach wieder wegen der Unausgewogenheit. Es ist bedauerlich, wenn Schüler im Lauf von langen 8-12 Schuljahren in erster Linie Wirtschaftswissen (und das ist letztlich wichtiges Weltwissen) von Leuten vermittelt wird, die dem problematischen Grundkonsens (s. oben) anhängen und wirklich wenig konkrete Ahnung haben. Es ist z. B. schade und auch dumm, wenn im Geschichtsunterricht die Industrialisierung grundsätzlich als Feld des Elends und der Ausbeutung charakterisiert wird und kein Mensch positive Aspekte (Kreativität! Erfindergeist! Unternemergeist!) oder Prozesse (Gesetzgebung gegen Kinderarbeit!) beleuchtet. Ironischerweise profitieren wir ja im Alltag ständig von der Industrialisierung, ich jedenfalls verbringe meine Tage nicht damit, auf meinem kleinen Feld Subsistenzwirtschaft zu betreiben und abends mein einziges Arbeitsgewand zu flicken.
        Natürlich sollen Lehrer auch nicht wirtschaftshörig sein – und zum Beispiel nicht kritiklos Handreichungen von Unternehmen verwenden. Die Gefahr ist aber gering, wenn ich mich so umsehe. Aber sie sollen Fakten und Zusammenhänge tatsächlich kennen und erklären können – abseits jeglicher Ideologie. Aber das ist natürlich schwieriger, als sich ein paar Schlagworte zurechtzulegen, die man dann im Ernstfall unters Volk wirft.

        Viele Kinder und Jugendliche haben hierzulande meiner Erfahrung übrigens nach einen recht ausgeprägten Widerspruchsgeist gegen Autoritäten, und einen recht ausgeprägten Sinn fürs eigene Ego. Mehr davon muss meines Erachtens nicht unbedingt sein, ein bisschen mehr Rücksichtnahme und das Bewußtsein, dass so etwas wie ein Kollektiv auch existiert, würde nicht schaden. Aber da treffen sich wahrscheinlich linke und konservative Positionen, die ja beide gerne möchten, dass sich Menschen zum Wohle der Gesellschaft verhalten – wie immer dieses Wohl dann auch definiert ist.

  12. @Sturmrau
    Ich habe weder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit noch auf Vollständigkeit erhoben, sondern gesagt: „So erlebe ich die Deutschen“, und zwar im Gespräch und im Alltag. Internetforen habe ich hier nicht mitgemeint, da wird ja eher eine gewisse Bissigkeit gepflegt – allerdings auch oft weit entfernt von jeder sachlich fundierten Diskussion. Aber deshalb ist es ja ein Internetforum und keine Fachkonferenz. Mein Eindruck mag auch daher stammen, dass ich mich eher in der „Mitte“ der deutschen Gesellschaft herumtreibe und wenig Kontakt zu den politischen Randpositionen habe. Ich weiß nicht, ob dort anders gesprochen wird. Ich halte die Deutschen, mit denen ich zu tun habe, nicht unbedingt für „unwissend und leichtgläubig“, wie Sie das ausdrücken. Sonst würden sie ja jedem glauben, der ihnen irgendetwas verspricht. Das tun sie aber nicht. Sie glauben z. B. einer Frau Merkel nicht, dass es keine Alternativen zur „Eurorettung“ gibt. Was ich aber sehr bedaure, ist, das sie von einem seltsamen Konsens ausgehen, der ihre Weltsicht prägt. Diesen Konsens habe ich oben beschrieben und finde ihn nach wie vor sehr problematisch. Niemand kann doch eine ehrliche Bestandsaufnahme machen oder eine effektive Reformpolitik, wenn er ein System nicht umfassend kennt und beschreiben kann.

    Was den Rest Ihres Kommentars betrifft, da sind wir uns vermutlich einig, Sie, ich, und der Autor des Benjamin-Blümchen-Artikels. Zur politischen Sozialisation gehört wesentlich mehr als Hörspiele, die geht bis ins Erwachsenenalter usw. Schreibt der Mann ja sehr schön. Niemand wird Leninist, nur weil er mit drei Jahre eine Benjamin-Blümchen-CD dauerhört. Trotzdem spricht er sich gegen eine zu große Einseitigkeit aus, ich auch, Sie wahrscheinlich auch. Einem Mädchen würden Sie wahrscheinlich nicht 5 Jahre Berieselung mit Prinzessin Lillifee zumuten, sondern darauf achten, dass mal eine Pippi Langstrumpf im Hörspielkanon auftaucht – nur, um zu zeigen, dass nicht alle Mädels ständig rosa Prinzessinnen sein müssen. Das kann man doch mit Benjamin Blümchen auch so halten – Mo bis Do Benjamin Blümchen und dann, was weiß ich, Freitag bis Sonntag „Unsere kleine Farm“ in der Originalfassung. Auf dass sich der Horizont des Kindes schön breit entwickeln möge!

    1. Stimmt, mom, Sie haben geschrieben, Sie erlebten die Deutschen als staats- und demokratiekritisch, aber die vermeintlichen Gründe dafür, die nehmen Sie als gesetzt an: Fehlendes Wissen, Aberglauben, Ahnungslosigkeit. Und basierend darauf nehmen Sie gar an, irgendwann könnten genau diese Leute nach einem „starken Mann“ schreien. Da geistert doch so manches Klischee über „die“ Deutschen durch Ihre ganz subjektiven Eindrücke.

      Ich will’s jetzt nicht zerfasern, denn das wäre ja nicht wirklich konstruktiv für diese Diskussion, aber mich interessiert schon, was Sie für eine „ehrliche“ Bestandsaufnahme halten. In Ihrer Antwort auf Timos Kommentar schrieben Sie, dass auch in den Schulen eher „linke“ Positionen gelehrt werden, vor allem in Wirtschaftsdingen – woher nehmen Sie diese Auffassung? Wer das Elend, das im Verlauf der Industriellen Revolution entstand, beschreibt und Schülern nah bringt, ist zwangsläufig links? Wäre es nicht eher eine „unehrliche Bestandsaufnahme“, dieses Elend auszuklammern? Ich selbst kenne aus meiner Schulzeit übrigens keine so einseitigen Darstellungen, und auch während meines Geschichtsstudiums sind mir an der Uni keine solchen einseitigen Positionen begegnet – und da studierten Lehramtler und Magister gemeinsam. Was ist denn mit Lehrplänen? Werden die nicht von der Politik geprüft und abgesegnet? Aber vielleicht sind Sie ja auch in einem völlig „links“ regierten Bundesland ansässig, in dem Alt-68er sich ganz nach Belieben an Schülern austoben dürfen.

      Wie Sie auf die Idee kommen, die Schulen seien weitgehend frei von wirtschaftlicher Einflussnahme, das frage ich mich aber schon. Inzwischen ist es kein Geheimnis, dass insbesondere die Lebensmittelindustrie sich mit „gesponserten“ Lehrmitteln, Süßigkeitenautomaten usw. an die Schulen durchschlägt, um schon früh Kundenbindung zu betreiben. Da braucht es gar keine wirtschaftsverbundenen Lehrer, um das Heil, das uns durch unsere industrialisierte Welt zuteil wird, zu predigen. Es reicht, wenn selbige stumpf oder faul genug sind, ihre Stunden unter Verwendung solcher Gratis-Geschenke zu gestalten, anstatt sich hinzusetzen und sich Gedanken zu machen.

      Der ach so „freie“ Markt befördert nicht das eigene Denken, weil das auch gar nicht sein erklärtes Ziel ist. Das Ziel der Wirtschaft ist Gewinnmaximierung. Über die reine Verbesserung der Lebensumstände sind wir doch schon ewig hinaus. Sonst wäre es wohl auch kaum nötig, stets neue Bedürfnisse in den Menschen zu wecken und die Kinder als Zielgruppen eigens zu beackern. Man muss nicht „links“ sein, um das zu erkennen, sondern lediglich mal mit offenen Augen zwischen Supermarktregalen entlang gehen.

      Bevor ich diesen bemerkenswerten Artikel hier las, wäre ich übrigens überhaupt nicht auf die Idee gekommen, Benjamin Blümchen für politisch zu halten. Ich hielt die Hörspiele einfach für – noch nicht einmal besonders aufregende, spannende – Kindergeschichten.

  13. Liebe Sturmfrau, ich habe hier wirklich nicht vor, die Deutschen unter Generalverdacht zu stellen. Ich habe Geschichte studiert und unterrichte das an einer deutschen Schule – dies zu meinem Hintergrund.
    Ich glaube nicht, dass „die Deutschen“ besonders anfällig sind für totalitäre Lösungen, sondern dass bestimmte Situationen und Mechanismen dazu führen können, dass totalitäre oder autoritäre Systeme als verlockend erscheinen – egal wo! Egal wann! Das Milgram-Experiment wird ja ad nauseam zitiert, trotzdem – es funktioniert überall! Milgram wollte ja zuerst damit nachweisen, dass „die Deutschen“ von Haus aus totalitär ticken, aber die verhielten sich nicht anders als Leute aus anderen Ländern. Fehlendes Wissen, Aberglauben und Ahnungslosigkeit machen auch nicht Halt an Ländergrenzen – ich kann aber schlecht eine Aussage über fehlendes Wissen, Aberglauben und Ahnungslosigkeit in, was weiß ich, Burundi, machen, denn dort lebe ich ja nicht. Meine eigenen Landsleute sind auch nicht so die Politikchecker. Was mich sehr besorgt macht, ist mein Eindruck, dass Leute überall in Europa wenig Ahnung haben, wie die EU, politische Systeme oder auch wirtschaftliche Systeme funktionieren, aber zur Sicherheit gern alle daran Beteiligten für korrupt und unfähig halten. Erinnert mich ein bisschen an die Endphase der Weimarer Republik – wo dann jemand kam und einfache Lösungen anbot. Und das ist dann für viele verlockend. (Probieren Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis aus, wie viele Leute erklären können, wie die Institutionen der EU zusammenarbeiten oder wie Gewaltenteilung in Deutschland konkret funktioniert. Vielleicht haben Sie wesentlich informiertere Bekannte als ich, aber ich zumindest fand den Mangel an reinem Faktenwissen schon erschütternd. Und da sind wir noch nicht mal bei Wirtschaft, die noch einen Tick komplexer ist und wo so viele ideologische Färbungen reinspielen.)

    Einfluss von Wirtschaft an Schulen – habe ich an keiner Schule erlebt, dass irgendjemand irgendwelche Materialien von Wirtschaftsunternehmen eingesetzt hätte, halt, bei der Sexualaufklärung reichen die Biolehrer Tampons rum, die dann von den Kindern gern in Einzelteile zerlegt und in die Nasenlöcher gestopft werden. Meiner Erfahrung nach ist es unter Lehrern eine Frage der Ehre, KEIN Material zu verwenden, das irgendwie auch nur den Verdacht erwecken könne, ein Wirtschaftsunternehmen würde es sponsern. (-> hier greift der problematische Konsens, dass Wirtschaftsunternehmen allesamt bäh sind.) Das hat aber meiner Meinung nach wenig mit den unsäglichen Süßwarenautomaten zu tun, die an Schulen aufgestellt werden – das würde ich sofort und mit Freuden unterbinden, wäre ich denn eine Schulleitung. Ist doch völliger Wahn, wenn sich die Kiddies um 10 vor 8 den ersten Softdrink reinschmeißen. Aber halt, das Unternehmen zwingt ja die Schule nicht, einen Automaten aufzustellen! Die Schule ruft bei der Automatenfirma an und bestellt einen Automaten! Die muss das nicht tun, die macht das freiwillig! Das halte ich also für ein individuelles Versagen der Schulleitung, meinetwegen auch der Ministerialbürokratien! In Österreich gab’s übrigens an Schulen ein Werbeverbot, das ist durchaus machbar!

    Linke Positionen an der Schule – unter meinen Kollegen gibt es von 120 vielleicht 10, die deutlich konservative Haltungen vertreten. In den Gesellschaftswissenschaften, aber auch unter den Wirtschaftslehrern herrscht auch dieser Konsens vor, von dem ich oben sprach. Das entspricht so ziemlich dem Bild an jeder Schule, an der ich gearbeitet habe. Kann man lange disutieren, warum das so ist, ich habe einige Ideen. Lehrpläne werden von einer Ministerialbürokratie abgesegnet. Schulbücher schreiben Leute, die Ministerien geben die frei (oft sitzen anscheinend Autoren in den Gremien, die dann über die Zulassung der Schulbücher abstimmen. Haha.), die Schule entscheidet dann, welche Bücher sie verwendet. Ich habe noch kein Geschichtsbuch verwendet, dem ich übertriebenen Liberalismus bescheinigen hätte können. Zu meinem Beispiel – ich finde es natürlich wichtig, das Elend der Industriearbeiterschaft zu beleuchten – klar, ist ja historisches Faktum. Dazu ist das Fach ja da. Aber: die Industrialisierung war nicht in erster Linie eine Maschine zur Produktion von Elend, sondern hat auch wichtige, positive Weichenstellungen ermöglicht. Sie war Aufstiegsmöglichkeit für viele! Der Lebensstandard ist, im Vergleich zu Agrargesellschaft, allgemein gestiegen, die Versorgung mit Gütern hat sich verbessert, und man kann auch darauf hinweisen, dass die Agrargesellschaft kein bukolisches Idyll war, sondern knochenharte Arbeitstage bedeutete, die denen in der Industrie um nichts nachstanden, aber unter Umständen nicht in einer Ernte resultierte, von der man leben konnte. Usw. usf. Ich hätte gerne eine ausgewogene Darstellung, Vorteile, Nachteile. Stärken, Schwächen. Das können wir uns abschauen, das sollten wir eher vermeiden.

    Ich hätte gerne ausgewogene Darstellungen allerorten, und dann einen gesellschaftlichen Konsens, Zeit zur Diskussion zu nehmen, wie wir’s denn gerne hätten, die Welt. Es hilft uns allen nichts, wenn Leute sich rein auf ihre linken oder rechten Scheuklappen verlassen – das wirtscsaftliche, gesellschaftliche und politische System ist zu komplex dazu!
    Vom „freien Markt“ und dem, was er tut, zu sprechen, das ist genauso, wie von „den Deutschen“ zu sprechen oder von „dem Faschismus“ oder „dem Kommunismus“, „den Juden“ und „den Freimaurern“ – der „freie Markt“ oder der „Markt“, das ist doch keine dunkle Macht, kein Monster, das von außen kommt und uns einen Süßigkeitenautomaten in die Schulen drückt. Der „Markt“, das sind alle Mitspieler, die irgendeine Entscheidung treffen – die Entscheidung, sich eine total dolle sexistische Werbekampagne für seinen Brötchengeber auszudenken, die Entscheidung, in einen Supermarkt einkaufen zu gehen, weil die mehr Auswahl (also mehr Produkte, als unbedingt nötig) haben, die Entscheidung, eine Firma nicht nach China zu verlagen, sondern nach Chemnitz, weil man sonst preislich nicht mehr mithalten kann. Die Leute, die diese Entscheidungen treffen, haben meist rational nachvollziehbare Gründe – und ich glaube, man muss sich dessen bewußt sein, dass wir nicht mit einer dunklen Macht der Willkür zu tun haben, sondern mit einzelnen Menschen, die Entscheidungen treffen.
    Ich glaube,dass es wichtig ist, so viel wie möglich zu WISSEN (statt zu glauben oder sich auf seine ideologischen Voreinstellungen zu verlassen), wie das System funktioniert. Ich muss WISSEN, wo ich stehe, welche Handlungsoptionen ich habe, was mein Gegenüber zum Handeln bewegt… ich muss WISSEN, welche Verflechtungen bestehen, was passiert, wenn ich an einem Faden des Knäuels ziehe und dass es keine einfachen Lösungen gibt, schon gar keine einfachen ideologischen Lösungen!

    Und diese offene Diskussion vermisse ich in Deutschland. Wahrscheinlich findet sie nirgends statt, so wie ich mir das vorstelle, möglicherweise ist das auch zu viel verlangt.

    Und Benjamin Blümchen fand ich als Kind einfach doof. Dieser nervige Elefant mit seinem Getröte. Kennen Sie „Kater Mikesch“? Das war unter den sprechenden Tieren echt ein Glanzpunkt. 🙂

    1. Ich stimme Ihnen dahingehend zu, dass es wichtig ist, zu wissen und dass es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme gibt. So weit, so gut. Darüber hinaus lässt sich vermutlich nur festhalten, dass wir unterschiedliche Positionen beziehen und unterschiedliche Blickwinkel haben. Der Witz dabei ist, dass ich mich selbst überhaupt nicht als „links“ wahrnehme. Ich habe meine Positionen bislang immer für recht individuell gehalten, auch wenn es Menschen gibt, die sie teilen. Und ja, mein Freundeskreis ist sehr informiert und könnte mir in der Tat die Beispiele, die Sie oben anführen, sauber und darüber hinaus auch ideologiefrei erklären. Die beiden Lehrer, die darunter sind, würde ich ebenfalls nicht politisch links verorten, dennoch habe ich von denen noch nie etwas über linke Tendenzen im Geschichtsunterricht gehört. Aber rein statistisch bin ich mit 2 zu 120 Ihnen gegenüber natürlich im Hintertreffen.

      Die Realität ist wohl immer so, wie man sie sieht. Sie sehen sie anders als ich. Große Überraschung. Diese Tatsache mildert nicht mein Staunen darüber, dass sich Benjamin Blümchen derart politisch interpretieren lässt – um zurück zum Thema zu kommen. Ich warte darauf, dass ein gestandener Sozialforscher als nächstes Enid Blytons „Fünf Freunde“ analysiert und darin die Aufforderung an Kinder entdeckt, sich Erwachsenen gegenüber bewusst ungehorsam zu verhalten oder sich gar bewusst in Gefahr zu begeben. Manchmal sind Abenteuergeschichten aber einfach Abenteuergeschichten, und so sehe ich einfach die Notwendigkeit auch nicht, Benjamin Blümchen auf derlei politische Tendenzen hin zu analysieren – es sei denn… Ja, es sei denn, man ist darauf aus, genau solche Tendenzen zu entdecken und eine unsichtbare Gefahr auszumachen, die sich in die Kinderzimmer schleicht und eine neue Generation von Kommunisten heranbildet. Ich übertreibe bewusst, aber ich erinnere mich, dass Sie von „Lufthoheit“ in den Kinderzimmern sprachen.

      Zurück zu den einfachen Lösungen: Wenn es konkret um Kinder geht, dann glaube ich nicht, dass man komplexe Zusammenhänge aus Wirtschaft und Politik wirklich schlüssig erklären kann. Das kommt in der Schule, zu einem Zeitpunkt, da es die Kinder verstandesmäßig erfassen können. Und das ist meines Erachtens auch vollkommen ausreichend. Kindergeschichten sind einfach. Der rote Faden von Gut und Böse zieht sich durch unglaublich viele Geschichten, da ist es ganz gleich, ob man Tolkien, Lindgren oder eben Benjamin Blümchen unter die Lupe nimmt.

      Noch ein kurzes Wort zum Markt. Dass der Markt als unsichtbare Macht so viel Raum in den Gedanken vieler Bürger einnimmt, verwundert mich nicht. Man hat dem Markt in der Vergangenheit eine unglaubliche Macht zugeschrieben, und insbesondere unsere Regierung. Der freie Markt solle das Gesundheitswesen bestimmen, die Märkte bestimmen, wie vertrauenswürdig der Euro noch ist – setzen Sie die Liste fort. Die regierenden Parteien meiden staatliche Regulatorien wie der Teufel das Weihwasser, weil sie fürchten, die Märkte zu vergraulen und die Vertreter der „freien“ Wirtschaft vor den Kopf zu stoßen. Es scheint nichts Wichtigeres zu geben. Ich habe mir in der letzten Zeit anhören müssen, dass der Beruf, den ich anstrebe, auf dem Arbeitsmarkt aber so überhaupt nicht gefragt sei. Wundert es Sie da wirklich, dass der Markt den meisten Menschen als diffuse, schwer zu greifende Macht erscheint und dass man vor dieser Macht Angst haben kann? Mich nicht. Für mich ist das lediglich eine Frage von Ursache und Wirkung. Und natürlich spielt auch eine Regierung, die den „freien Markt“ beinahe ständig über den grünen Klee lobt, dabei die entsprechende Rolle. Es nützt überhaupt nichts, wenn man den Skeptikern dann Nachhilfeunterricht verordnet und von ihnen erwartet, sich einfach mal auf den Hintern zu setzen und in ihrer knappen Freizeit Marktmechanismen zu studieren. Sie können spüren, dass die angeblich soziale Marktwirtschaft ihnen nicht gerecht wird, dazu brauchen sie keinen Erklärbären. Aber so lange sich im September nichts ändert, können Sie getrost davon ausgehen, dass weder die wirtschafts-, noch die von Ihnen gemutmaßten demokratiekritischen Kräfte ans Ruder gelangen.

      Am Rande: Ich habe irgendwie das ungute Gefühl, Benjamin Blümchen ufert hier irgendwie aus, und ich weiß nicht, ob das im Sinne der Blogbetreiberin ist. Deshalb werde ich mich jetzt einfach bis auf Weiteres mal zurücklehnen und mit dem Schreiben zurückhalten. Ich möchte nicht, dass das in eine private Diskussion zwischen Ihnen und mir ausartet.

  14. […] Benjamin Blümchen schützt den Castor […]

  15. […] Da laut eines Artikels in der “Zeit und Politikgeschichte” der Elefant Benjamin Blümchen und die Hexe Bibi Blocksberg linke Ökoanarchisten sind, hat Dr. Mutti gleich ein paar alternative BB-Geschichten geplottet, auf dasss sie in Zukunft “dazu geeignet seien, politisch mündige Bürger/innen hervorzubringen”: “Benjamin Blümchem schützt den Castor“. […]

  16. […] Da laut eines Artikels in der “Zeit und Politikgeschichte” der Elefant Benjamin Blümchen und die Hexe Bibi Blocksberg linke Ökoanarchisten sind, hat Dr. Mutti gleich ein paar alternative BB-Geschichten geplottet, auf dasss sie in Zukunft “dazu geeignet seien, politisch mündige Bürger/innen hervorzubringen”: “Benjamin Blümchem schützt den Castor“. […]

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