Einbildungsland I: Bildung fängt in der Familie an

Der folgende Beitrag ist der erste Teil einer Serie, in der ich mich mit Glaubensgrundsätzen befassen werde, die unser Bildungssystem prägen und es zu dem machen, was es ist: Ein unreformierbares Gebilde, das immer und immer wieder existierende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Ungerechtigkeiten reproduziert. Die Beiträge dieser Serie gehen auf einen Vortrag zurück, den ich auf der Open-Mind-Konferenz 2013 (#om13) gehalten habe.

 

Der erste der Glaubensgrundsätze, mit dem ich mich hier näher beschäftigen werde, ist die Idee, dass Bildung in der Familie anfange. So liest man z.B. im Regierungsprogramm der CDU/CSU:

Bildung fängt zu Hause an, bei den Kleinsten: Mutter und Vater beginnen, was Kita, Schule, Betrieb und Hochschule fortsetzen.

Die FDP – Gott hab sie selig – verkündete auf ihrem Parteitag 2011:

Die Familie ist […] der erste, am längsten und stärksten wirkende Bildungsort von Kindern […].

sowie

Gute Bildung fordert starke Eltern.

Aber auch die Grünen streichen die herausragende Rolle der Familie hervor:

Bildung beginnt in der Familie.

Ausformuliert werden diese Schlagworte oft dahingehend, dass eine Zusammenarbeit von Familien und Bildungseinrichtungen wichtig und unerlässlich sei, dass, wenn in der Familie nicht der „Grundstein“ gelegt würde, auch die Bildungseinrichtungen nichts ausrichten könnten.

Nun ist das ja alles nicht falsch. Natürlich lernen Kinder viele Dinge von ihren Eltern, Geschwistern und sonstigen familiären Bezugspersonen. Natürlich bringen Eltern und Geschwister Kindern lebenswichtige Sachen bei – Kinder lernen zu Hause laufen, sprechen, essen, sich anziehen, sie bekommen Input verschiedenster Art. Und natürlich ist es eine der schönsten – wenn auch oft anstrengendsten – Aufgaben, einem Kind die Welt zu zeigen und zu erklären. Also sind sich ja alle einig! Wunderbar, nicht? Gleichzeitig macht das jedoch auch etwas misstrauisch: Denn wenn sich (fast) alle Parteien über etwas einig sind, dann handelt es sich meistens entweder um inhaltsleere Gemeinplätze oder um scheinbare Konsensbehauptungen, mit denen man sich um notwendige Veränderungen – und damit Arbeit und Entscheidungen – herumdrücken will. Und tatsächlich, ist es nicht eine banale Selbstverständlichkeit, dass Eltern Kindern Dinge beibringen?

Was hat diese Selbstverständlichkeit in Regierungs- und Wahlprogrammen, auf Parteitagen und in Gesetzesanträgen zu suchen? Ist es leeres Politikerblabla, seichte Wohlfühlrhetorik? Zum Teil vielleicht schon. Denn es klingt ja nur zu plausibel. Aber der andere Teil ist meines Erachtens ein Verschieben der Verantwortlichkeiten – und wie immer, vom Öffentlichen ins Private. In diesem Fall von Politik und Bildungssystem auf die Eltern.

In kaum einem anderen Bereich wird derart stark auf diesen Glaubensgrundsatz aufgebaut. Dabei wäre er in anderen Bereichen ebenso banal und deshalb wahr. Aber liest man in gesundheitspolitischen Programmen ständig den Satz „Gesundheit fängt in der Familie an“? Wird unser politisches System mit „Demokratie fängt in der Familie an“ eingeführt? Beruft man sich in unserem Rechtssystem und der Justiz auf „Regeln und Strafen fangen in der Familie an“? Und plädiert der Innenminister für sicherheitspolitische Maßnahmen mit „Sicherheit fängt in der Familie an“? Eher nicht. Das zeigt, dass es im Falle des Bildungssystems eine besonders eklatante Auslagerung der Verantwortlichkeiten – in diesem Fall auf Eltern – gibt.

Tatsächlich ist dies allgemein gelebte Praxis – nicht nur in der Politik, sondern auch ganz alltäglich in der Schule. Sei es über für Kinder unbewältigbare Hausaufgaben, sei es über die Erwartung, hinter dem Schulstoff zurückbleibenden Kindern Nachhilfeunterricht zu bezahlen, sei es über die Idee, nur gebildete, engagierte Eltern könnten Kindern durch das Gymnasium helfen – immer wieder stößt man auf eine substanzielle Einbindung der Eltern in die Schulbildung der Kinder.

Wird dies kritisiert, reagieren viele Lehrer/innen oder Verantwortliche im Bildungssystem gereizt: Die Schule solle wohl den Eltern alles abnehmen. Die Eltern seien nur bequem und wollten die Verantwortung für die Kinder abgeben. Und so weiter. Natürlich kann man Lehrer/innen verstehen, die sich ein gutes Verhältnis zu den Eltern wünschen. Die nicht ganz alleingelassen werden wollen. Die sich vorstellen, dass Kinder Bildung nicht nur während der Vormittage in der Schule präsentiert bekommen, sondern rund um die Uhr, mal mehr, mehr weniger nebenbei, mal stärker formalisiert, mal lebenspraktischer. Das ist eine schöne Vorstellung, und wahrscheinlich gar nicht einmal so selten. Problematisch wird es, wenn diese Vorstellung von „Zusammenarbeit“ aber am Ende nur durch eine Seite bewertet wird, nämlich durch die Schule.

Denn am Ende zählt für gute Noten, ein vorzeigbares Zeugnis, eine Empfehlung für einen Schultyp oder das Ergebnis einer Prüfung, und damit letztendlich für weitere Bildungs- und Berufschancen immer nur, ob der Schulstoff beherrscht wird. Ob jemand von den Eltern, Geschwistern und sonstigen Verwandten Türkisch gelernt, alles übers Angeln erfahren, eine Grundausbildung in Kochen genossen, Einblicke in die Kunst des Fotografierens, oder einfach umfassende Diskussionen über das Leben und die Menschen mitbekommen hat, zählt zwar für die Entwicklung eines Menschen als Persönlichkeit. Für den Schulerfolg aber zählt es wenig.

Damit ist klar, dass im Prinzip nur Eltern, die schulrelevanten Stoff beherrschen und vermitteln können – oder jemanden bezahlen können, der das kann, Kindern wirklich dauerhaft „helfen“ können. Damit ist auch klar, welche Kinder von vornherein benachteiligt sind: Kinder, deren Eltern arm sind, Kinder, deren Eltern keine Zeit haben, Kinder, deren Eltern mit dem deutschen Bildungssystem und dessen Inhalten nicht vertraut sind, Kinder, deren Eltern die Schulsprache vielleicht nur eingeschränkt beherrschen, Kinder, die gar keine Eltern haben.

Und richtig, genau das ist es ja, was die vergleichenden Studien immer wieder zeigen: Der Bildungserfolg in Deutschland hängt überdurchschnittlich stark von der sozialen Herkunft ab. Wann genau die Idee aufkam, es eine absurde Idee wäre, dass die Schule, und zwar die Schule allein, für Bildung zuständig sei, ist schwer nachzuvollziehen. Klar ist, dass es noch vor hundert Jahren eine Selbstverständlichkeit war, dass die soziale Herkunft auch über den weiteren Lebensweg entscheidet. Diesen Weg hat das Bildungssystem in Deutschland nie verlassen. Deshalb haben wir auch heute noch ein zutiefst ungerechtes Bildungssystem. Das ist für sich genommen schon tragisch. Aber selbst wenn man Gerechtigkeit und Chancengleichheit für keine besonders zu schützenden Werte hält, sollte man das System kritisch betrachten, denn es ist in seiner Ungerechtigkeit noch nicht einmal effizient: Während ein großer Teil aller Kinder ihr Potential gar nicht ausschöpfen kann und wird, sind noch nicht einmal die privilegierten Schüler/innen herausragend gut gebildet.

Deshalb sollte man an dieser Stelle einsehen, dass das Abschieben der Verantwortung auf Eltern und Familie aus keiner Perspektive ein guter Weg ist. Ob die Eltern nun zu dumm oder zu faul sind, oder ob sie die an sie implizit gestellten Forderungen überhaupt nicht bewältigen könnten, selbst wenn sie klug, fleißig und mit genügend Zeit ausgestattet wären, ist eigentlich egal. Statt dessen sollten wir einfach aufhören, die Familie als Bildungsfaktor zu beschwören und statt dessen die Bildung durch öffentliche und staatliche Institutionen zu verbessern.

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6 Kommentare

  1. Danke! Endlich eine Mutter, die es wie ich als Zumutung empfindet, dass die Verantwortung für den Bildungserfolg der Kinder auf die Eltern abgewälzt wird! Leider haben die meisten Eltern diese Verantwortung sehr bereitwillig angenommen und halten es für selbstverständlich, dass sie die Nachmittage mit ihren Kindern über den Hausaufgaben verbringen (so sie es denn können) oder eben Nachhilfe bezahlen. Auf die Idee, dem Lehrer zu sagen, dass es SEINE Aufgabe ist, den Kindern den Stoff so beizubringen, dass ALLE in der Klasse mitkommen,
    kommt leider keiner. Würden alle Eltern so reagieren, könnten die Lehrer gar nicht anders, als sich zu überlegen, wie sie die ganze Klasse mitnehmen. Aber Solidarität unter Eltern wird wohl ein ewiger Traum bleiben…

  2. Klare Worte. Danke dafür!

  3. Christiane · · Antwort

    Ich habe den Artikel sehr gerne gelesen, nicht nur, weil ich inhaltlich übereinstimme, sondern, weil die Verschiebung der Verantwortung vom öffentlichen ins Private, was eine enorme Belastung der Familien und damit nicht zuletzt der (berufstätigen) Mütter bedeutet, klar macht. Ich wünschte auch, das würden mehr Eltern erkennen …. Danke für den Artikel.
    Bin auf die nächsten Glaubensgrundsätze gespannt 🙂

  4. Frau Kenter, ganz so einfach ist es leider nicht. Die Schule sieht ja vor, dass sich Schüler zu Hause auf den Unterricht vorbereiten. Wenn sie das nicht tun, werden sie massive Schwierigkeiten kriegen. Viele tun das aber nicht, und viele haben auch zuhause keine Eltern, die mit ihnen lernen könnten. Der Lehrer liefert also einen Teil des „Bildungsinputs“, aber Üben und Festigen soll zu Hause passieren – das ist vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, aber die momentane Situation. Wenn man möchte, dass das Lernen ganz in die Schule verlagert wird, dann muss man das System anders aufsetzen, z. B. mehr Stunden rein zum Üben einplanen, mehr differenzierte Lerngruppen schaffen, weniger Lerninhalte im Lehrplan usw.

  5. Mutter dreier Kinder · · Antwort

    Entschuldigung, aber was müssen Eltern denn dann noch leisten, wenn der Staat sie komplett pampert? Mit 8 Wochen Kind in die Kita abschieben, damit man nach den Mutterschutz wieder arbeiten gehen kann. Im besten Fall mit einem Jahr. Danach in die OGS und sich darüber beschweren, dass die Kinder um 16 Uhr wieder zur Last werden. Warum nicht gleich ins Internat?

    Das Bildungssystem in Deutschland verbesserungswürdig – keine Frage. Aber es sind unsere KInder. Und es ist unsere Aufgabe sie zu erziehen und nicht die des Staates.

  6. J. Czudai · · Antwort

    Keine Frage: Unser Bildungssystem reproduziert soziale Ungleichheiten – und daran sind durchaus auch Lehrer beteiligt, beispielsweise jene, die (mal bewusst, mal unbewusst) Kinder mit Migrationshintergrund schlechter bewerten und ihnen weniger häufig eine Gymnasialempfehlung geben. Leider machen Sie es sich aber zu einfach, wenn Sie sich ansonsten im üblichen Schwarz-Weiß und wohlfeiler Lehrerschelte ergehen.

    Selbstverständlich ist es ungerecht, dass Akademiker ihren Kindern bei den Hausaufgaben besser helfen können als Unterschichtseltern – und die Schule muss ihren Beitrag leisten, dies auszugleichen – beispielsweise durch die Abschaffung des ‚Turb-Abiturs‘ sowie des Instruments ‚Hausaufgaben‘, aber auch mit der flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen. Gegen letzteres wehren sich aber viele Eltern (!), da sie darin einen Eingriff des Staates in ihre Rechte sehen. Genausowenig wie Lehrer sind nämlich Eltern so etwas wie eine ‚homogene Masse‘, die alle gleich handeln und die gleichen Interessen haben. Gerade die akademisch gebildete Mittel- und Oberschicht hat nämlich viel zu verlieren, wenn die Institution Schule soziale Ungleichheiten stärker ausgleichen würde – weshalb sie beispielsweise das althergebrachte Konzept ‚Gymnasium‘ und das gegliederte Schulsystem vehement verteidigen, damit ihre Lieblinge nach der Grundschule endlich nicht mehr mit Migranten und Unterschichtskindern zu tun haben müssen.

    Viel wichtiger als das Büffeln von Lateinvokabeln oder das „Präsentieren von Bildung rund um die Uhr“ wäre allerdings, dass alle (!) Eltern dazu beitragen, die Voraussetzungen für gelingende Lernprozesse zu schaffen – und dazu würde es reichen, wenn sie beispielsweise

    – ihren Kindern ein gesundes Frühstück böten, damit diese nicht bereits unterzuckert zum Unterricht kommen,
    – dafür sorgten, dass Kinder pünktlich zum Unterrichtsbeginn in der Schule sind,
    – sie ihre Kinder nicht auch dann gegenüber Lehrern verteidigten, wenn sie nachweislich ständig das Lernen ihrer Mitschüler stören, diese schikanieren oder gar schlagen,
    – gerade in diesem Zusammenhang keine bedingungslose Loyalität gegenüber ihren Kindern an den Tag legten, sondern berechtigte Erziehungsmaßnahmen von Lehrern mit vertreten,
    – ihre Kinder nicht bereits im Kleinkindalter vor den Fernseher setzten und sie später Regeln zum Medien- und speziell Internetkonsum schaffen und durchsetzen würden, um die völlige Überflutung von Kindergehirnen zu verhindern, die schulischen Lernprozessen im Wege stehen
    – und aufhörten, eventuell existierende eigene schlechte Erfahrungen mit der Institution Schule auf die Schule und Lehrer ihrer Kinder projizieren.

    Das hat übrigens alles überhaupt nichts nichts mit Bildung, also „schulrelevantem Stoff“ zu tun, es nennt sich „Erziehung“, zur Erinnerung: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ (Art. 6 Abs. 2 [1] GG)

    Die Parteien sind sich deshalb darüber einig, dass Erziehung vorrangig in der Familie stattfinden soll (und damit der Grundstein für gelingende schulische Bildung dort gelegt wird), weil dies aus guten Gründen ein fundamentales Prinzip unserer staatlichen Ordnung ist – und nicht, weil sie sich parteiübergreifend verschworen haben, um sich vor der Verantwortung, vor „Arbeit und Entscheidungen“ zu drücken – tut mir leid, aber damit machen Sie es sich sehr einfach. Es gibt ja durchaus unterschiedliche bildungsplitische Konzepte – Sie müssen sich nur mit diesen befassen, sich entsprechend engagieren und die richtigen Parteien wählen.

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