Es ist nichts, ich rede mit mir selbst

Gestern, am 11. Januar – zwei Tage nach Dr. Muttis Blogpost FAZettelt, der sich mit der FAZ-internen „Diskussion“ über die Probleme junger Familien in Deutschland beschäftigte – erschien nun noch ein weiterer Artikel zum Thema Kinderkriegen in der FAZ, diesmal von den Autor/innen Florentine Fritzen und Tobias Rösmann. Der drängende Anlass: Es musste nun wirklich mal gesagt werden, dass die sich ewig beklagenden Frauen, die „seitenweise die Zeitungen vollnörgeln“, jetzt endlich, endlich! ruhig sein sollen. Ja, richtig. Wir erinnern uns: Antonia Baum hatte am 6. Januar – in der FAZ, übrigens – gesagt, dass das Kinderkriegen heutzutage ja so ein furchteinflößendes Projekt sei. In den Tagen darauf erschienen verschiedene Artikel von drei Herren, die uns erklärten, wie es nun wirklich sei mit den jungen Eltern und ihren Problemen. Unter anderem erfuhr man, dass alles keineswegs so schlimm sei, wie die verwirrten Frauen dächten. Vor allem nicht, wenn sie sich auf altbewährte Tugenden besännen. Und heute nun endlich wird den Frauen unter dem Titel „Ruhe, ihr Jammer-Frauen!“ der Mund verboten.

Liebe geneigte Leser/innenschaft: Wer noch nicht die Nase voll hat davon, sich über die FAZ Gedanken zu machen, der/die darf hier

 

seine/ihre Kritik und Analyse einfügen. Mir ist es zu langweilig geworden.

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2 Kommentare

  1. FAZ – für mich nicht mehr! Ende!

  2. mindthegap · · Antwort

    Als geneigte Leserin dieses Blogs habe ich mir die Zeit genommen, diesen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu kommentieren ((http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kinder-kriegen-wir-brauchen-einen-familismus-12780410.html):
    Larissa Boehning fragt sich in ihrem Artikel „Wir brauchen einen Familismus!“, der seit dem 05.02.2014 online auf faz.net zu lesen ist, für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, warum deutsche Frauen keine Kinder bekommen:
    „Woher kommt die tiefe Verunsicherung, die Panik von uns gut ausgebildeten Frauen, dass ich mein selbstbestimmtes Leben, meine Freiheit verlieren könnte, wenn ich ein Kind bekomme?“
    Boehnings Artikel richtet sich an die gut ausgebildeten Frauen Deutschlands, die berufstätig und finanziell unabhängig sind. Ihr Artikel richtet sich nicht an weniger gut ausgebildete Frauen, die nicht die besten Chancen auf hoch bezahlte Jobs haben, die, wenn sie für Kinder sorgen müssen – im Fall von Trennung gar alleine – das Risiko der Armut und Abhängigkeit von Sozialhilfe vor Augen haben. Auch Männer finden in Boehnings Artikel lediglich als diejenigen Erwähnung die von der „Kinderfrage“ weniger unter Druck gesetzt werden, was zumindest auf Boehnings Art, sozialen Druck zu thematisieren, zutrifft. So verkürzt sich ihr Artikel auf eine Ebene, in der Frauen als Vertreterinnen einer bestimmten Bildungselite und gut verdienden Schicht angesprochen werden, denen also anstelle existentieller Sorgen, andere Gründe für die Kinderlosigkeit vorgehalten werden können.
    Für Boehning ist Kinderkriegen eine „Emanzipation ins Erwachsenwerden hinein“.
    Jede Frau, die keine „Lust“ auf Kinderkriegen und Familienleben hat, wird von Boehning implizit als unreif (weil noch nicht erwachsen geworden) und wörtlich als ängstlich bezeichnet. Die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, (die für Boehning keine selbstbestimmte, sondern lediglich irrational angstgesteuerte Abwehr sein kann), wird von ihr in einem Anfall von naturalistischem Sexismus als „Flucht aus der Weiblichkeit“ betrachtet. Denn „wir“ absichtlich kinderlosen Frauen, „wir schneiden uns von einem großen Teil unserer Weiblichkeit ab.“ Dass jenen Frauen, die unfreiwillig kinderlos bleiben, von Boehning mit ihrer strikten Kopplung von Weiblichkeit und Fortpflanzung ebenso die Weiblichkeit abgesprochen oder zumindest großteilig „abgeschnitten“ wird, (ganz zu schweigen von jenen Menschen, die sich unabhängig von äußerlichen Geschlechtszuschreibungen als Frauen definieren wollen), bleibt, wie Vieles in ihrem Artikel, unbedacht.
    Als Gründe für die Kinderlosigkeit von „uns gut ausgebildeten Frauen“ zählt Boehning Ängste auf. Statt die „Ängste“ von „uns Frauen“ vor dem Kinderkriegen, mit tatsächlichen, strukturellen Problemen wie dem Fehlen von Krippenplätzen, dem Risiko in eine finanzielle Abhängigkeit zu geraten oder als Alleinerziehende (sie spricht wirklich nur von Frauen) der Gefahr der Armut ausgesetzt zu sein, in Verbindung zu bringen (einfach mal die Statistiken der Bundeszentrale für politische Bildung lesen http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61791/armut-von-familien), wird in Boehnings Artikel die Entscheidung für oder gegen Kinder zu einer Frage des persönlichen Wollens und der Fähigkeit, erwachsen zu werden.
    Die realen, präsenten und keineswegs kindlichen Sorgen von Frauen (und Männern) im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit der finanziellen und verantwortungsvollen Absicherung von Kindern, wird von ihr wenig ernst genommen. Zwar benennt sie diese als „Angstverstärker“, allerdings unter der Überschrift „Überbleibsel vor-vergangener Zeiten“ und grenzt sie von böse emanzipatorisch klingenden „Gegenwartszutaten“ wie „Ausindividualisierung und Versingelung unserer Gesellschaft“ ab.
    Boehning lässt die Frage, ob eine Frau sich in einer Familie als diejenige wiederfinden will, die unentgeltlich die Fürsorgetätigkeit erledigt und sich gleichzeitig in die Abhängigkeit von dem alleinverdienenden Ehemann stellt (dieser wird von Boehning als „Dinosaurier-Dad“ bezeichnet, der für manche Frauen die „Aura einer sicheren Bank, quasi einer Sparkasse“ ha-be), als ängstliches und zugleich egoistisches Beharren auf Selbstbestimmtheit erscheinen. Weder zeigt sie alternative Lebensmodelle auf noch ist sie fähig die Fürsorgetätigkeit, die viele Mütter (und auch einige Väter, was Boehning immer noch nicht für erwähnenswert erachtet) für ihre Kinder übernahmen und übernehmen, als eine wertvolle Arbeit zu markieren, die keineswegs nur „unzufrieden“ machen kann und nicht zwangsläufig damit einhergehen muss, „hinter“ den „eigenen Talenten zurückgeblieben“ zu sein.
    Boehning wirft „uns Frauen“ regelrecht vor, in der angeblichen „Komfortzone“ der Kinderlosigkeit aus „unserer Weiblichkeit“ zu fliehen. Zwar zeigt sie, sich fast für diese (eigentlich wohl inakzeptable) Flucht aus „unseren“ offenbar ‚natürlich weiblichen‘ Pflichten entschuldigend, „unsere“ Ängste auf, doch nicht erst im Verweis auf die fehlenden weiblichen „Role Models“, die Kinder und Beruf gut vereinen, zeigt sich ein merkwürdig frauenfeindlicher Vorwurf. Angela Merkel ist für Böhning nämlich „keine mächtig-schöne Christine Lagarde“, sondern
    „Unsere erste Frau ist ein Neutrum. Kinderlos. Frau Merkel regiert mit größtmöglicher Anzugneutralität und minimalinvasiver Fraulichkeit. Das ist, was ein starkes weibliches Role Model in Deutschland ist. Und was – verrückterweise – Mutti genannt wird. Die Mutti ist in Deutschland eigentlich ein Mann.“
    Diese Art über Angela Merkel zu schreiben ist schlicht unverschämt. Weder hat Frau Merkel ein Vorbild für alle Frauen zu sein noch hat ihre Art und Weise ihrer Arbeit als Bundeskanzlerin nachzugehen, etwas mit der Pflicht zu tun eine gebärfreudige, mütterlich-feminine Weiblichkeit im Sinne Boehnings zu präsentieren. Sie als „Neutrum“ und schließlich als „Mann“ zu bezeichnen, weil sie Anzug trägt, kinderlos ist und nicht ständig irgendwie „invasiv fraulich“ auftritt (was auch immer das sein mag), ist fast schon grotesk rückschrittlich. Für Boehning sind anscheinend nur jene Frauen auch ‚weiblich‘, die einem normativen Schönheitsideal entsprechen, sich fortpflanzen und dabei in wenig beeindruckender Weise Beruf und Kinder vereinbaren (nicht so übrigens wie die siebenfache Mutter Ursula von der Leyen, die Boehning zufolge “irgendwie überirdische Kräfte besitzen muss, um das alles zu schaffen“ – vielleicht, liebe Frau Boehning, genügend Geld für eine Kinderbetreuung und einen Partner, der sich um die Familie kümmert?).
    Die erfolgreichsten Politikerinnen Deutschlands sind für Boehning als weibliches Mutterschafts-Role-Model ungeeignet. Wen wundert es, dass auch die „Generation von Feministinnen, die oft kinderlos geblieben sind“ gleichsam als Role Model für „uns Frauen“ ausscheiden?
    Boehning selbst hingegen, hält sich durchaus für eine vorbildliche Frau, versieht sie doch die Präsentation ihrer eigenen Erfahrungen mit Mann, Kindern, Chaos, Arbeit und „existentiellem Konflikt“ mit dem krönenden Abschluss, dass diese – ihre – Art zu leben „Erwachsenwerden“ bedeute.
    Die egoistisch-kindliche Eigenheit von „uns Frauen“, unsere Selbstbestimmtheit nicht aufgeben zu wollen (wer möchte übrigens eine Mutter, die sich als fremdbestimmt begreift?), ist Boehning zufolge also Hauptgrund für Nachwuchsmangel. Im appellhaften Schlussteil ihres Artikels wünscht sie sich, dass dieser „Angst“ und „Verunsicherung“ mit einem „neuen Feminismus“ begegnet werde, den sie „Familismus“ tauft, weil er beide Geschlechterperspektiven berücksichtigen sollte, was sie in ihrem Artikel jedoch nicht tut. Boehning weist sich so in durchaus überheblicher Weise als absolute Kennerin des heutigen Feminismus aus, den sie zu kritisieren und als ungenügend zu beurteilen weiß.
    Der heutige Feminismus setzt sich jedoch sehr viel reflektierter mit dem Thema Familie und Reproduktion sowie den dazugehörigen Lebensentwürfen und Rollenmodellen auseinander als Boehning dies zu leisten vermag. Dieser Feminismus ist ‚sogar‘ so weit, nicht ausschließlich Familien zu betrachten, die der heterosexuellen Norm entsprechen und bei der feministischen Analyse von Fragen des Kinderkriegens und der Familiengründung finden Männer nicht lediglich in Nebensätzen Erwähnung.
    Auf dem Teller, den Boehning serviert, liegen Beschuldigungen an Frauen, ihre Selbstbestimmtheit über ihre weiblichen Fortpflanzungspflichten zu stellen und der anmaßende Auf-ruf, doch endlich erwachsen zu werden. Am Tellerrand und darüber hinaus liegen unbeachtet politische und strukturelle Fragen, die es zu behandeln gilt, eh sie als angeblich schon vergangene Überbleibsel faulen und zu stinken anfangen. Diese Probleme sind wohlgemerkt komplizierter und lassen sich nicht mit einem wohlklingenden Verweis auf „eine der existentiellsten Erfahrungen – die Erfahrung, einem Kind ein Leben zu schenken“ abschließen. Kinderlos zu bleiben, soweit muss Boehning recht gegeben werden, sollte eine selbstbestimmte Entscheidung sein und nicht von Ängsten geleitet werden. Dabei sollten die Ängste allerdings nicht als egoistische, unreife Selbstbestimmtheitsansprüche dargestellt, sondern im Zusammenhang mit Schwierigkeiten der Sorgetätigkeit und gleichzeitigen finanziellen Sicherheit erörtert werden.
    Schade, dass Frau Boehning so wenig über feministische Arbeit weiß, sonst hätte sie diese Aspekte ernster genommen.

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