Schlampen, Sex und Sozialismus

Wer Kinder im pubertären oder vorpubertären Alter hat, muss sich damit auseinandersetzen, dass die Kinder selbstständig werden, und dass sie zum Leidwesen der besorgten Eltern ihre Selbständigkeit meist in den Bereichen anfangen, die man gerne noch ein wenig hinausgeschoben hätte: Selbstfindung und Selbstinszenierung, Freundschaften und Beziehungen, und natürlich Sex.

Und als wäre das nicht alles schon schwierig genug, sehen sich die Eltern von heute auch noch mit ganz neuen Dimensionen sexualisierter Medien konfrontiert: Youporn hat man zwar selbst vielleicht noch nie angesehen, weiß aber schon, dass die Kinder und Jugendlichen ihre „Informationen“ über Liebe und Sex vor allem von dort beziehen. Davon kriegen sie natürlich einen Hau. Und den leben sie dann mit den anderen hypersexualisierten Halbwüchsigen auf Facebook aus. Stimmt doch, oder?

Wenn man die FAZ vom 30. Januar liest, wird man in diesen Ängsten bestätigt. Und man bekommt gleich kostenlos noch ein paar dazu. Plus Schuldgefühle, denn dort wird auch diagnostiziert, woran das alles liegt: gestörte Bindung zu den Eltern nämlich.

Der Autor, Martin Voigt, Doktorand an der LMU München, ist ein alter Bekannter. Vor einem guten Jahr schrieb Dr. Mutti schon einmal über seine Forschungsergebnisse bzw. deren Wiedergabe in der Süddeutschen Zeitung. Voigt erforscht „Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media“ und plauderte damals ein wenig von seinen von Facebook gezogenen Daten, die vor allem aus gegenseitigen Pinnwandeinträgen junger Mädchen bestanden. Schon damals fiel auf, dass von möglichst objektiver Beschreibung der Daten, wie man sie von einem Soziologen erwarten würde, nicht viel zu merken war. Statt dessen gab es eine Menge wertender Klassifizierungen sowie allerlei unbewiesene Vermutungen über die „eigentlichen“ Absichten der so Erforschten (oder sollte man sagen: Belauschten?).

Nun hat Voigt es damit in die FAZ geschafft. Aber die gute, alte FAZ wäre ja nicht, was sie ist, wenn ihr ein bisschen Anrüchigkeit und ein bisschen Kulturverfall ausreichte. Mehr Sex muss es sein, härter und versauter, und außerdem braucht man Schuldige. Nicht nur das böse Internet, das wäre zu einfach. Echte Personen! Die werden auch gefunden: Die Eltern. Und auch die Ganztagesschulen. Natürlich!

Zunächst leitet Voigt aus einigen schlüpfrig klingenden Facebookeinträgen ab, dass die Mädchen von heute in einer „sexualisierten Alltagsrealität“ leben. Das scheint Voigt besonders zu empören, da es sich doch um Mädchen handelt (von Jungen weiß er nichts, denn die werden nicht untersucht):

Unbekümmert sprechen Mädchen von ihren „Titten“ oder ihrem „Arsch“ und vom „Ficken“, „Vögeln“ oder „Sex haben“. Mit neuer Selbstverständlichkeit verwenden sie das alte, von Männern gebrauchte Vokabular für Körperselbstbild und sexuelle Intimität.

Nun ja, nun könnte man hier sicher kritisieren, dass dieser Diskurs ÜBER Mädchen und Frauen seit Jahrzehnten, wahrscheinlich seit Jahrhunderten geführt wird und dass dies selbstverständlich Auswirkungen auf deren Selbstbild hat. Aber darum geht es Voigt nicht. Er scheint vielmehr zu glauben, dass solch ein Diskurs, wird er von Mädchen selbst geführt oder werden entsprechende Begriffe von ihnen für sich selbst reklamiert, nur Ausdruck einer zutiefst gestörten Seele sein können. Ab dort wird es psychoanalytisch – ganz klassisch, nämlich ohne empirische Grundlage. So fabuliert Voigt vor sich hin:

Die vulgäre Sprache und die Banalisierung der Sexualität können ein Symptom für seelische Verletzungen sein. Das Schamgefühl wird verletzt, wenn emotionale Probleme entstehen, in denen die Bindung zu oder zwischen den Eltern gestört wird. Kinder, die sich in der Liebe geborgen fühlen, die ihre Eltern füreinander empfinden, haben in der Regel ein gesundes Schamgefühl. Verlieren sie diese Geborgenheit, spiegelt sich ihre innere Blöße auch im Verhalten wider. Wenn Eltern sich immerzu streiten oder scheiden lassen, trifft dies Kinder in ihrem Selbstwertgefühl. Sie stellen sich unbewusst selber in Frage: Bin ich das Ergebnis einer großen Lüge? Bin ich schuld? Wenn Kinder mitbekommen, dass der Vater Pornos guckt oder die alleinerziehende Mutter wechselnde Liebhaber hat, verlieren sie den Respekt für ihre Eltern und lieben sie dennoch. Ihnen obliegt es, die Enttäuschung ihrer Eltern zu kompensieren und sich in ihrer Kränkung neu zu orientieren.

Aha, die Scheidungskinder sind es also. Oder auch die armen Butzeln mit einem Vater, der Pornos konsumiert, oder – schlimmer noch – einer alleinerziehenden Mutter mit wechselnden Liebhabern. Solcherlei Schlampentum muss natürlich auf die Töchter abfärben.

Aber selbst wenn die Eltern gar keine eigene Sexualität leben – allein das Fehlen einer ständig anwesenden Elternperson kann schon ins Verderben führen. Gehen die Kinder etwa auf eine Ganztagsschule, droht schon von dort der Sittenverfall. So wird der Psychologe Gordon Neufeld – übrigens ein Vertreter der ‚attachment theory‚ – bemüht, um zu beweisen

wie sich ganztags kollektivierte Kinder an Gleichaltrigen orientieren und die Bindung zu ihren Eltern dabei Schaden nimmt.

Und dann passiert es:

Wenn sich psychosoziale Entwicklungsschritte primär unter Gleichaltrigen vollziehen, ist die vertikale Kulturvermittlung unterbrochen, und das Triebhafte verliert seine Zügel.

Mit anderen Worten: Kümmert sich die Mutter nicht Tag und Nacht um ihr Kind, wird es eben von verdorbenen Gleichaltrigen sozialisiert, zu denen dann eine krankhafte Bindung entsteht. Natürlich keine echte Beziehung, sondern nur eine sexuelle. Und das führt dann zu Beziehungsunfähigkeit – vor allem der Mädchen, die dann nicht zu braven Hausfrauen, monogamen Bettgefährtinnen und Müttern heranwachsen, sondern ihrerseits wieder zu liederlichen Frauenspersonen, die ihr eigenes Leben führen und über ihre Beziehungen selbst bestimmen. Voigt hebt warnend den Zeigefinger:

Junge Frauen, die nach eigenem Gutdünken gelebt haben, halten das souveräne Beenden intimer Beziehungen für soziale Kompetenz.

Kommt jemandem diese ganze Tirade irgendwie bekannt vor? Gar nicht so neu, so 2000er, so Internet? Dann wird der/die Leser/in nicht überrascht sein, dass gleich noch eine andere Gesellschaftskritik hinterhergeschoben wird. Denn das alles ist nicht nur widerwärtiger Sexkram – nein, es ist fast schon Sozialismus! Und so zitiert Voigt dann auch folgerichtig einen Artikel des Erziehungswissenschaftlers Hans-Jochen Gamm aus den 70er Jahren:

Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen, und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kinderliebe zu den Eltern gründlich zu beseitigen.

In der FAZ ist man damit weitgehend wieder da, wo man hinmöchte: In den 70ern, allerdings auch dort schon mit einem wachsamen Auge auf verwerfliche sexuelle Freiheit und sozialistische Umtriebe. Denn dass man eigentlich die 50er besser findet, das möchte man dann doch nicht so laut sagen. Wichtig ist vor allem, neuere Forschung nicht zu berücksichtigen, wie etwa die, die gestern in der Süddeutschen Zeitung wiedergegeben wurde: Zum Beispiel die Ergebnisse der letzten Studie zur Jugendsexualität der Bundeszentrale für Politische Bildung, die so deutlich gegen das Bild einer hypersexualisierten, beziehungsunfähigen Jugend spricht. Oder die Arbeiten von Silja Mathiesen und Gunter Schmidt, die zeigen, dass der Konsum von Pornos unter Kindern und Jugendlichen längst nicht so gang und gäbe ist, wie oft behauptet wird – vor allem die Mädchen interessieren sich weniger dafür.

Aber wer braucht schon diesen neumodischen Forschungskram. Bei der FAZ setzt man mehr auf altbewährte Methoden, wenn auch zuweilen mit modernen Mitteln: zum Beispiel durch die Ritzen in der Umkleidekabine schielen – oder sich eben zu Forschungszwecken in einen Facebook-Freundeskreis einschleichen – und dann schockiert berichten, dass die Mädchen sich dort ganz ungeniert auszögen. Ein Skandal!

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16 Kommentare

  1. Das habe ich auch fassungslos gelesen. Die „alleinerziehende Mutter mit den wechselnden Liebhabern“ hat es mir dabei besonders angetan. Erstens ist das so weitab von der Lebensrealität der alleinerziehenden Frauen, und zweitens bin ich sowas von sicher, dass es viel verstörender ist, in erkalteter Liebe oder gar Hass zusammengebliebene Ehepaare als Eltern zu haben als eine Mutter, die es wagt, nicht gleich beim erstbesten neuen Partner zu bleiben, dass es mich beim Lesen schüttelte.

    Danke für diesen Beitrag.

  2. Wo kämen wir denn da hin wenn die Weiber plötzlich gerne vögeln und dann auch noch sagen wann und mit wem?! Sodom und Gomorrah!

  3. Ich bin sauer. Über den Artikel, den Inhalt etc. pp., klar. Mindestens genauso aber über die Tatsache, dass der Herr von der LMU für diese Art von Forschung (inkl. Rekonstruktion von Intentionen….? Wie bitte?) offenbar seinen Dr. erhalten wird. Während eine sehr gute Freundin von mir seit 4,5 Jahren selbstkritisch und selbstzweifelnd Fragebögen und Interviews analysiert. Und am Ende steht derselbe Grad auf dem Papier. Argh!

  4. giliell · · Antwort

    OMG, Frauen, auch noch junge, benutzen Wörter von denen Männer, auch noch alte, glauben, sie hätten ein Copyright drauf. Fetch the smelling salt!!!

    Da zeigt sich die nackte Angst vor der weiblichen Sexualität. Wie soll mann die Weiber denn domestizieren wenn er sie nicht mehr mit ihrer eigenen Sexualität beschämen lassen???

  5. giliell · · Antwort

    Ich lenk mich hier übrigens gerade vom büffeln für eine Klausur ab: Bildungswissenschaftliche Grundlagen. Empirische Forschung und so. Ist in der Soziologie sicher nicht anders. Der Vergleich zwischen FAZ Artikel und meinem Vorlesungsskript sagt: Durchgefallen!

  6. cherrychild · · Antwort

    Einfach unglaublich was studierte Personen so von sich geben. Ich bin im Osten des Landes groß geworden. War behütet in der Kita bis 17:00 Uhr und im Schulalter am Nachmittag mit meinen Freunden im Dorf unterwegs. Meine Eltern waren selbstständig und somit war gemeinsame Zeit in unserer sechsköpfigen Familie ein hohes Gut. Hat es mir geschadet, diese “ ganztags kollektivierte“ Kindheit – NEIN. Ich bin seit 11 Jahren verheiratet, berufstätig und Mutter zweier Kinder. Die erleben das gleiche „Schicksal“ – Kita und Hort. Haben bisher aber keinen erkennbaren Schaden. Elternliebe misst sich nicht an gemeinsam verbrachter Zeit. Und wir sind froh über diese Betreuung, denn anders wäre ein angemessenes Leben hier nicht möglich. „Sex haben“ wird den Kindern laut Lehrplan in der vierten Klasse nahe gebracht. Wenn unsere Tochter später einmal denkt sie muss vögelnd und Tittenbehaftet durch die Lande ziehen, muss sie das Echo vertragen… Und auf dem Lande weht ab und an ein rauer Wind.

  7. „Junge Frauen, die nach eigenem Gutdünken gelebt haben, halten das souveräne Beenden intimer Beziehungen für soziale Kompetenz.“

    Eine Schande ist das! Frauen, die selbstständig leben, beenden aktiv Beziehungen, die ihnen nicht gut tun. Liederliches Weibsvolk!

  8. „Zunächst leitet Voigt aus einigen schlüpfrig klingenden Facebookeinträgen ab, dass die Mädchen von heute in einer “sexualisierten Alltagsrealität” leben. “

    Mädchen von heute …

    Vielleicht sollte ich ihm zur geistigen Erbauung mal ein paar historische Quellen raus suchen. Aber er hat eine Meinung, die will er sicherlich nicht mit Fakten gestört haben

  9. […] Schlampen, Sex und Sozialismus | Dr. Mutti – Und dann passiert es: "Wenn sich psychosoziale Entwicklungsschritte primär unter Gleichaltrigen vollziehen, ist die vertikale Kulturvermittlung unterbrochen, und das Triebhafte verliert seine Zügel." […]

  10. FrauEnde40 · · Antwort

    Ich hätte gedacht, der Artikel in der FAZ ist von einem Autor so Mitte 50. Er ist erst 27? Wenn meine Tochter eines Tages einen Kerl mit solchen Ansichten mitbringt, würde ich sie rausschmeißen!

  11. „Ein gesundes Schamgefühl“ ist als Äußerung eines Soziologen absolut bodenlos.

    Soziologisch betrachtet sanktioniert Scham in zwei Richtungen:
    1. als inneres Verbot Statusansprüche überhaupt noch zu erheben,
    2. als Selbstverurteilung gescheiterter Statusansprüche und -erwartungen im Verlauf der eigenen Biographie (Sighard Neckel).

    Es ist also eine höchst bezeichnende Selbstkundgabe eines Soziologen, (Scham)Spielregeln wertend als ‚gesund‘ zu klassifizieren und in diesem Sinne als Wissenschaftler selbst sanktionierend aktiv zu werden. Auch spannend, dass ihn (bislang) kein wissenschaftlicher Betreuer oder Kollege ihn dabei zurückpfeift und mal zurück ins Grundstudium schickt.

  12. […] Schlampen, Sex und Sozialismus […]

  13. …einfach mal ein gutes altes Buch, händisch, lesen:
    Coleman: Tavistock – Auftrag: Manipulation; Fischer-Verlag, so um die 20 Euronen.
    Psychoanalyse -> der paranoide Siggi -> Sabbatäer…
    Herzliche Grüße

  14. […] Dr. Mutti wie immer in prägnanten Worten, diesmal über einen Jammerartikel in der FAZ, in dem ein Soziologe darüber lamentiert, wie junge Mädchen heutzutage miteinander kommunizieren: “Unbekümmert sprechen Mädchen von ihren „Titten“ oder ihrem „Arsch“ und vom „Ficken“, „Vögeln“ oder „Sex haben“.” Autsch, autsch, autsch! Hier der ganze Artikel von Dr. Mutti: Schlampen, Sex und Sozialismus. […]

  15. Ich bin froh, dass unsere Jugend noch schockieren kann! Und selbst wen ich meinen Jungs am Esstisch verbieten werde, vulgäre Ausdrücke zu verwenden, werde ich innerlich glücklich sein, dass sie sich ganz normal abgrenzen wie wir es auch getan haben.

    Danke für diesen herrlichen Beitrag! Bin gerade ganz glücklich darüber…

    Minusch

  16. […] Dr. Mutti wie immer in prägnanten Worten, diesmal über einen Jammerartikel in der FAZ, in dem ein Soziologe darüber lamentiert, wie junge Mädchen heutzutage miteinander kommunizieren: “Unbekümmert sprechen Mädchen von ihren „Titten“ oder ihrem „Arsch“ und vom „Ficken“, „Vögeln“ oder „Sex haben“.” Autsch, autsch, autsch! Hier der ganze Artikel von Dr. Mutti: Schlampen, Sex und Sozialismus. […]

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