Henrinklusionichtmöglichenrinklusw.

Die Diskussion um Für und Wider der Inklusion findet in Bildungsinstitutionen und -behörden schon seit Jahren statt, aber seit einigen Wochen hat sie es verstärkt in die Medien geschafft, denn seit Anfang April hat sie einen Namen: Henri. Henri ist der baden-württembergische Junge, der wegen seines Down-Syndroms und den damit einhergehenden Lernschwierigkeiten nicht zusammen mit seinen Freunden aus der Grundschule auf das Gymnasium wechseln soll, was aber seine Eltern aus sozialen Gründen befürworten. Am Fall Henri wird das ganze Dilemma des Inklusionskonzepts (oder vielleicht das Dilemma eines mehrgliedrigen Schulsystems??) deutlich.

Und so ordnen sich Inklusionsgegner/innen und -verteidigerinnen in zwei Lager: Letztere bestehen darauf, dass Inklusion Chancengleichheit und Teilhabe bedeute. Insofern sei Inklusion gut für alle, die Gesellschaft profitiere von einem offenen, toleranten Miteinander, indem soziale Zusammenhänge gestärkt werden. Die Gegner/innen erwidern, dass Chancengleichheit so nicht gegeben sei. Individuelle Förderung sei besser und überhaupt nur möglich, wenn segregiert – also „starke“ und „schwache“ Schüler/innen möglichst frühzeitig getrennt würden. Denn sonst würden schwache Schüler unter Überforderung und starke Schüler unter Unterforderung leiden. Sozialer Ausschluss wäre vorprogrammiert, wenn behinderte Kinder unter nichtbehinderten sitzen. Und natürlich hat diese Gruppe auch den Vorwurf der Sozialromantik für die anderen übrig, oder warnt sogar davor, Kinder „auf dem Altar der Inklusion zu opfern„, wie etwa Josef Kraus, der Vorsitzende des deutschen Lehrerverbandes.

Aber alle sind sich eigentlich einig: Chancengleichheit ist gut, und die wird nur durch individuelle Förderung erreicht. Sogar der von mir in diesem Blog immer wieder gewürdigte Harald Martenstein sorgt sich um die Gleichbehandlung von behinderten Kindern – die müsse nämlich gerade durch besondere Beschulung erreicht werden, denn: „Wenn wir alle in den gleichen großen Topf werfen, dann kommt dabei am Ende nicht Gerechtigkeit heraus!“ (Das sagt übrigens derselbe Harald Martenstein, der Behindertenparkplätze nicht gut findet, weil Behinderte doch so behandelt werden sollen wie andere Menschen auch. Vielleicht aber auch, weil er selbst dabei „benachteiligt“ wird. Behindertenschulen findet er dagegen offensichtlich in Ordnung, weil er selbst dort ja gar nicht hinmöchte.)

Wenn sich doch aber alle irgendwie einig sind, warum nur steht die Debatte offensichtlich still? Vielleicht, weil man sich immer und immer wieder den gleichen Narrativen unterwirft. Davon gibt es zwei:

Das erste geht so:
Irgendwo in Hintergrimmelshausen gibt es ein lernbehindertes Kind. Zum Beispiel hat es das Down-Syndrom. Es ist ein liebes Kind, aber mit massiven kognitiven Einschränkungen, so dass es den normalen Stoff selbst der Schule nur mit sehr viel Mühe, deutlich langsamer, manchmal auch gar nicht bewältigen kann. Es sitzt zwischen lauter „normalen“ Schüler/innen, die in ihrem Lernfortschritt längst viel weiter sind. Die Lehrkraft muss den Lehrplan durchziehen, deshalb ist im Unterricht oft die Rede von Dingen, die das behinderte Kind gar nicht verstehen kann. Es kommt nicht mit, egal, wie es sich müht, und es spürt in jedem Moment, dass es nicht dazugehört. Die offensichtliche Lösung sollen sich die Leser/innen solcher Geschichten, wie sie etwa von ebenjenem Josef Kraus erzählt wird, der selber Onkel eines jungen Mannes mit Down-Syndrom ist, oder die Leser/innen der Gegen-Petition von Raphael Fritz gegen die Aufnahme von Henri auf ein Gymnasium, selbst denken: Förderschule! Das ist für dieses Kind das beste. Dort kann es endlich individuell und auf seine Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnitten gefördert werden, und es fühlt sich auch nicht mehr ausgeschlossen, wenn es nicht zwischen lauter leistungsstärkeren Kindern sitzt. Absolut plausibel.

Das zweite geht so:
Irgendwo in Vordergrimmelshausen gibt es eine Schule mit einer ganz normalen Klasse. Voller lieber, normaler Kinder. Nur ein Kind fällt völlig aus der Reihe: Es stört den Unterricht, es ist aggressiv, es beißt, schlägt und spuckt, es beschimpft die Lehrer/innen, es drangsaliert die anderen Kinder. Kurz, es macht den normalen Unterricht unmöglich. Die offensichtliche Lösung darf sich der/die Leser/in solcher Geschichten, wie sie etwa hier in der FAZ erzählt wird, selbst denken: Förderschule! Das ist für alle das beste. Dann müssen die normalen Kinder nicht mehr leiden und können vernünftig lernen. Absolut plausibel.

Wir schlussfolgern also: Förderschulen sind gut, absolut notwendig und gut für alle. Sie garantieren individuelle Förderung (sagt ja schon der Name) und damit Chancengleichheit.

An dieser Stelle würde ich allerdings gerne einen Artikel über Klassen und Lehrer/innen an Förderschulen lesen. Wie um alles in der Welt schaffen es denn diese Teufelskerle und -weiber, mehrere (!) lernbehinderte Schüler/innen individuell zu fördern, wenn sie vielleicht gleichzeitig auch ein verhaltensauffälliges Kind in der Klasse haben? Oder vielleicht sogar zwei, es ist ja schließlich eine Förderschule. Vielleicht auch noch körperbehinderte Kinder? Selbst in einer sehr kleinen Klasse – brauchte man nicht so oder so mindestens eine Lehrkraft, die sich ausschließlich um ein verhaltensauffälliges Kind kümmert? Und abgesehen von den Lehrkräften: Wie gelingt es denn hier, dass sich das Kind mit Down-Syndrom, das sehr viel Mühe in selbst kleine Lernfortschritte steckt, zugehörig fühlt? Warum sollte es sich mehr zugehörig fühlen, wenn es neben Kindern sitzt, die vielleicht auch größeres kognitives Potential haben, aber wegen sozialer und Verhaltensschwierigkeiten nichts lernen?

Wirklich gerne läse ich einen solchen Artikel. Denn dann müssten sich die Leser/innen mal eine andere Lösung selbst denken. Vielleicht wäre die Reaktion darauf ja die, dass eine Förderschule für alle, die aus irgendeinem Grund aus dem Schema der „Normal“-Schule herausfallen, doch nicht so ideal ist. Sondern nur eine bequeme Lösung, wenn man die Förderschule selbst sich gar nicht mehr so genau ansieht. Deshalb scheint mir – wenn Segregation in homogene Lerngruppen das Erfolgsrezept für individuelle Förderung und Chancengleichheit sein soll – die Förderschule keineswegs als eine echte Lösung. Denn dort bleibt zunächst der individuelle Rest – lernbehindert, geistig behindert, körperbehindert, verhaltensauffällig – heterogener kann man sich eine Lerngruppe kaum ausdenken. Dass diese Lösung immer noch als Endpunkt in der Debatte genannt wird, ist nur plausibel, wenn dann dieser „Rest“, die Förderschule, aus dem Blickfeld ist. Nur dann scheint alles in Ordnung.

Wie aber soll denn so eine Förderschule nun funktionieren? Eine offensichtliche Antwort gäbe es natürlich auch hier: Differenziertes Förderschulwesen! Im Idealfall also eine eigene Förderschule für jede „Problemgruppe“. So ist es auch eigentlich einmal gedacht gewesen, aber das ist bei weitem nicht die bundesdeutsche Realität. Viele Sonderschultypen gibt es in vielen Bundesländern gar nicht. Dann vielleicht eine Förderschule mit jeweils einer eigenen Klasse für jeden Problembereich? Immer noch organisatorisch schwierig und auch nicht gerade kostengünstig – z.B. muss auch in einer bevölkerungsärmeren Gegend trotzdem eine Schule bereitgestellt werden, die Kinder müssen teilweise von weit her herangefahren werden, nur um dann in einer Schule zu sitzen, wo sie mit den Kindern der anderen Klassen gar nichts zu tun haben (können) – wie es zum Beispiel der Fall ist bei vielen Förderschulen für Hör- und Sehbehinderte, die genau jene beiden Gruppen in ein Schulhaus steckt, die aufgrund ihrer Behinderung miteinander gar nicht kommunizieren können. Jeweils eine große Förderschule mit Internat, in der eine einzelne Behindertengruppe aus ganz Deuschland beschult wird? Hart für Eltern und fragwürdig für Kinder, die dann in vielen Fällen aus dem familiären Umfeld gerissen würden. Konsequenterweise vielleicht doch lokale Förderschulen mit ganz eigenen, individuellen Lerngruppen, die in weniger dicht bevölkerten Gebieten vielleicht oft aus genau einem Kind bestehen würden? Aber wenn am Ende bei dieser Lösung sowieso für fast jeden Einzelfall ein/e Pädagoge/in bereitgestellt werden muss, warum müssen die dann auch noch ein eigenes Schulhaus mit der nötigen Infrastruktur – Hausmeister/in, Sekretär/in, Schulleiter/in usw. haben?

Wäre es also nicht besser, wenn wir diese Kinder mit jeweils eigenen Sonderpädagog/innen in die schon existierenden, „normalen“ Schulen eingliedern? Gäbe doch vielleicht auch noch ein paar gute Nebeneffekte, zum Beispiel, dass verhaltensauffällige Kinder nicht immer nur andere verhaltensauffällige Kinder sehen würden. Oder lernschwache Kinder nur andere lernschwache Kinder. Und „normale“ nur andere „normale“. Vielleicht könnten ja die Leistungsschwächeren sich sogar die Leistungsstärkeren zum Vorbild nehmen? Oder vielleicht, wenn man Glück hätte, würden die Kinder, denen alles leicht fällt, etwas daraus lernen, wenn sie sehen, wie man auch als jemand mit schwierigen Startbedingungen trotzdem durch Fleiß und Willen kleine Fortschritte erzielen kann, vielleicht sogar ein bisschen über sich hinauswachsen. Eine prima Idee! Sie hat sogar einen Namen: Inklusion. Aber wir erinnern uns: das geht ja nicht.

Entschuldigt, in meinem Kopf dreht sich alles.

 

Nachtrag: Erst jetzt sehe ich, dass auch Herr Fleischhauer sich vor wenigen Tagen im Spiegel zu dieser Debatte geäußert hat. Und welche Überraschung: Er schafft es sogar, BEIDE Narrative gleichzeitig zu bringen. Ein wahrhaft ausgewogener Beitrag also.

Nachtrag Nummer 2: Habe eben außerdem erfahren dürfen, dass es Menschen gibt, die außerhalb dieser Narrative denken können. Leider schreiben die nicht im Feuilleton, sondern nur in ihrem Blog. Das dafür aber ganz hervorragend.

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14 Kommentare

  1. Ich muss es immer wieder sagen: Ein Schulsystem, das explizit auf Selektion setzt, kann Inklusion nicht leisten. diese beiden Konzepten stehen im Gegensatz zueinander. Wer auf einem mehrgliedrigen System besteht, das noch dazu die späte bürgerliche Antwort auf feudalistische Strukturen darstellt, meint nicht Inklusion, wenn er behinderte/verhaltensauffällige* Kinder in Normschulen bringt, sondern Behindertenquote. Damit erkaufen sich Politiker ein sauberes Gewissen.

    Geholfen ist mit dieser Methode ‚Inklusion‘ weder den Kindern, die besonderes Augenmerk benötigen, noch denen, die sich möglicherweise sogar verarscht vorkommen, weil willkürlich Noten für de facto nicht erbrachte Leistungen gegeben werden [müssen]. Das ist Streichelzoo auf sozialer Leiter. Um das zu verändern, bräuchte es auch mehr Geld, aber längst nicht so viel, wie immer gemeint, da, wie du andeutest, umgeschichtet werden könnte. Was jetzt in die Sonderschulen fliesst, gehört zusammen mit den dortigen Lehrern in ein System der integrierten Gesamtschule.

    Die Auflösung des deutschen Sonderweges für weiterführende Schulen werde ich allerdings kaum mehr erleben. Auch wenn die Hauptschule kaum noch atmet, lebt die Realschule sicher noch ein paar Dekaden länger als ich.

    *Nebenbei festgehalten: Auffälliges Verhalten ist ein soziales Phänomen, kein individual-medizinisches. Aber das führte jetzt zu einem anderen Rant.

  2. Inklusion: Der politisch korrekte Plan der Altruisten, die Gesellschaft auf den niedrigsten gemeinsamen Nenner zu drücken. Opfer, Loser und Minderheiten sind die neuen Helden. Talentierte, Erfolgreiche und Produktive die Freaks.
    Einem Benachteiligten oder Behinderten ist sicher nicht geholfen, wenn ein Einheitsbrei der Mittelmäßigkeit keine neuen Technologien/Medikamente hervorbringt um ihnen zu helfen. Oder wenn Talente und Visionäre verkümmern, die Stiftungen und Projekte hätten erstellen können.
    Glaubt man wirklich, dass eine Gesellschaft „sozialer“ wird, wenn man Ehrgeiz und Wettbewerb als asozial abstempelt?

  3. Leider, leider äußern sich Eltern die bewusst ihre Kinder an einem Förderzentrum beschulen lassen nicht mehr öffentlich, aufgrund der ganzen Debatte. Dabei wäre es dringend nötig, auch solche Eltern zu hören und zu lesen, damit alle begreifen, was gute Inklusion an Regelschulen ausmachen muss, damit diese Eltern ihre Kinder gerne dort hinschicken würden.
    Oder so:)

  4. fujolan · · Antwort

    Danke dir.
    Dieser unsinnig aufgebaute Gegensatz zwischen Inklusion und Individualförderung, der nur dazu dient, zu segregieren, der regt mich einfach auf – und du hast den schön aufgeschlüsselt.

    Ich stimme nicht mit politgirl überein. Ich kenne mehrere Eltern, die sich bewusst für Förderzentren entschieden haben.
    Die Motive für Förderzentrum:
    # Unfähigkeit der Regelschule sich auf das Kind einzustellen.
    # Bei der Sekundarstufe ist für das behinderte Kind keine Hortbetreuung möglich, es wäre damit ab 13h „privat“ also zuhause betreut & das überfordert die Eltern, nicht zuletzt wegen Berufstätigkeit.
    # Die Räumlichkeiten sind an die Bedürfnisse der zu fördernden Kinder angepasst
    # Der Lehrer-Kind-Schlüssel ist an die Bedürfnisse der zu fördernden Kinder angepasst
    # Individualförderung ist dort möglich

    Aber verdammtnochmal alle sagen „Inklusion heisst bzw. hieße theoretisch, die Räumlichkeiten, die Betreuung, die Individualförderung an ALLE Schüler anzupassen, nicht nur an die Pseudo-Funktionierenden“

    Es ist doch verdammtnochmal systemisch gewollt, dass Inklusion scheitert, wenn in der Übergangszeit von Förderschulen mit Individualförderung zu Inklusion an Regelschulen die Mittel fehlen.
    Jeder normale Mensch kann sich an 5 Fingern ausrechnen, dass in der Übergangszeit MINDESTENS doppelt so viele Mittel (aka Ressourcen aka Geld) gebraucht werden, weil Förderzentren und Regelbeschulung parallel angepasst werden müssen (aufgebaut bzw. abgebaut).

    Wer nicht das Geld in die Hand nimmt, um gute Inklusion zu fördern – und damit meine ich INKLUSION MIT INDIVIDUALFÖRDERUNG – der setzt aufs Scheitern.

  5. @fujolan Lies meinen Beitrag nochmal durch: Mir ist kein öffentliches Statement in welcher Form auch immer in den letzten Monaten aufgefallen, in dem diese Eltern sich zu Wort gemeldet hätten.

  6. Danke. Wirklich danke. Wir leben nebenan, in HD, und seit der Debatte in Walldorf dreht sich nicht nur bei Dir alles.
    Um noch eines oben drauf zu werfen, auf den ganzen Haufen voll Irrsinn, der da in den letzten Wochen vorbeizieht: Wir haben zum ersten Mal seit weiß ich nicht in BaWü eine grün-rote Regierung, in dieser Reihenfolge. Im Bildungsplan ist sie vor kurzem durch ein paar homophobe Spinner empfindlich gestoppt worden. Die Richtlinien zu „echter“ Inklusion, wie ich es als Laie mal nennen möchte, sind in der Erklärung der Landesregierung verankert. Es ist die gottverdammte Pflicht dieser Regierung, den Schulen sowohl die Mittel für eine Sonderpädagogin zur Verfügung zu stellen, als auch sich mit Aufklärung und Gesprächen um den massiven und vollkommen ambivalenten Widerstand der Eltern und Lehrer zu kümmern.

    Aus einem weiteren Blickwinkel: vor kurzem haben wir den Elternwillen als die letzte Instanz für die Schulwahl verabschiedet. Nun haben nicht mehr die Lehrerinnen das letzte Wort. Wenn alle Menschen (und Kinder) die gleichen Rechte haben, mit welchem Recht wird dann Henri von den Lehrern zweier Schulen abgelehnt? Wir haben die Mittel, wir haben die Regierung, wir haben den Bildungs- und Integrationsplan. Was wir offenbar nicht haben, sind die Eier, zu unserem eigenen Wort zu stehen.

  7. Seit 2005 gibt es mit dem Gleichstellungsgesetz das Recht für Kinder auf Beschulung in einer normalen Schule, keiner Sonderschule. Da die Umsetzung Sache der Länder ist, wird dies dann auch unterschiedlich gehandhabt. Sinnvoll ist es in jedem Fall, dann diesen Kindern eine Schulassistenz an die Seite zu stellen, wie natürlich auch im Fall von Henri. Hier in Hamburg übernimmt die Schulassistenz nicht nur die Betreuung in fachlichen Fragen, sondern auch im sozialen Bereich. Natürlich kostet eine solche Betreuungsperson Geld, doch in einer Sonderschule wären auch mehrere Lehrer für wenige Schüler zuständig.

  8. Liebe Frau Dr. Mutti, d’accord.

    Ich möchte allerdings zum Satz „das Kind mit Down-Syndrom, das sehr viel Mühe in selbst kleine Lernfortschritte steckt“ exemplarisch die Namen Pablo Pineda, Aya Iwamoto und Sujeet Desai anmerken und einen Link der Uni Hamburg zu Irrtümern über Trisomie 21 anbieten.

    Viele Grüße
    Nora

    Pablo Pineda:
    http://www.welt.de/gesundheit/article3901173/Europas-erster-Lehrer-mit-Downsyndrom.html

    Aya Iwamoto:
    http://www.mct.ne.jp/users/ayaiwamo7/Personal%20History.htm
    (Hier auch ihre Rede bei der 3. Asia Pacific Down’s Syndrome Conference)

    Sujeet Desai:
    http://www.sujeet.com/

    Hier noch was Allgemeineres:
    http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/557528/Downsyndrom_Behindert-und-begabt

    Und hier “Irrtümer über Trisomie 21”: http://www.ask.uni-hamburg.de/irrtuemer.html

    Auf dem 6. World Down Syndrom Congress 1997 in Madrid forderte Pablo Pineta

    “Teilt die Menschen nicht in zwei Gruppen ein, die Normalen und die Anormalen. Wir sind genauso gleich und verschieden wie ihr.”

    Auf dem 8. World Down Syndrom Congress 2004 in Singapore hielt Aya Iwamoto wieder eine Rede:

    http://beineinu.org/chizuk/inspirational-articles/90-my-dream-came-true

    http://www.mct.ne.jp/users/ayaiwamo7/My%20speech%20in%20Singapole.htm

  9. Danke für deinen tollen Post! Meine Tochter (zufällig auch mit Down Syndrom) geht in eine Regelschule und ist dort relativ gut aufgehoben (es geht immer noch besser…). Denn es gibt sie, die Integration auf dem Weg zur Inklusion. Aber eben auf dem Weg… Und ein Weg besteht aus kleinen Schritten. Wenn wir uns aber vor dem Weg fürchten und deshalb nie losgehen, werden wir das Ziel nie erreichen. Wann werden wir Eltern verstehen, dass wir eigentlich das Gleiche wollen? Nämlich das Beste für unsere Kinder, individuelle Förderung und (hoffentlich) gute Menschen aus ihnen zu machen. Wenn endlich alle an einem Strang ziehen, kann es für alle besser werden: auch für die Hochbegabten, die Verhaltensauffälligen oder auch einfach nur die stillen Kinder, die ja auch gerade immer ins Feld geführt werden, weil sie auch nicht aufs Gymnasium kommen.
    Zur Zeit zerfleischen sich alle gegenseitig und am Ende bewegt sich nichts…

  10. […] Henrinklusionichtmöglichenrinklusw.: […]

  11. […] Die große Anzahl von schlechten und bösen Texte zum Thema Inklusion zeigt immer wieder, wie beschränkt die Geister insbesonderer deren sind, die ungefragt ihren vermeintlich großen Intellekt präsentieren. Empfehlen kann ich aber immerhin zwei wirklich gute, unaufgeregte und kluge Texte: Jawl: Inklusion und Dr. Mutti: Henrinklusionichtmöglichenrinklusw. […]

  12. Seute Deern · · Antwort

    Ich bin integrativ gesamtbeschult worden, von daher geht das Thema irgendwie an mir vorbei. Zumindest in der 5/6 war Inklusion der Schulalltag – der eine lernte schneller, der andere lernte langsamer, der eine weil er wollte, der andere weil er konnte. An jeden wurden die Erwartungen spezifisch angepasst, jeder wurde gefordert wo er Stärken zeigte und jeder wurde gefördert, wo er Schwächen aufwies. Im Zweifel lernten wir vom linken Nachbarn oder durch unterstützende Förderangebote. Erst ab der 7 wurden uns schulische Stärken und Schwächen in den Hauptfächern (Englisch, Mathe, Deutsch, Naturwissenschaften) langsam aufgezeigt (mal abgesehen davon, dass uns natürlich vorher auch bewusst war, wem das Lernen leichter fiel) und wir wurden klassenübergreifend in Leistungsgruppen gebündelt. An jede Leistungsgruppe wurden gruppenspezifische Ansprüche gestellt, die erreicht werden konnten. Die Übergänge waren fließend, die Kurse lagen zeitgleich, so dass man sich auch Halbjahresweise in der anderen Leistungsstufe (natürlich unter Einbeziehung der Lehrer) versuchen konnte. Und auch wer (Teil)Leistungen nicht erreichte, hatte nichts zu befürchten. Noten gab es eh nicht und wer nicht gerade das Abitur anstrebte, wurde auch verstärkt individuell gefördert, statt dazu genögtigt, ein gesetztes Klassenziel zu erreichen.
    Meine erste richtige Note bekam ich wieder in der 9. Klasse, als es um die Erteilung der ersten Abgangszeugnisse ging. So habe ich in meiner Schullaufbahn mit Menschen zusammen gelernt, die heute Altenpfleger sind, wie auch mit Kindergärtnern, Lehrern, Ärzten, Ingenieuren und Managern. In späteren Jahren hat es an unserer Schule Klassen gegeben, die sich zumindest teilweise schon aus dem Kindergarten kannten – aus dem integrativen Kindergarten durch die i-Klasse der Grundschule bis zum Schulabschluss. Mit den unterschiedlichsten Stärken und Schwächen, mit oder ohne Behinderung. Perfekt? Sicherlich nicht. Besser geht immer. Aber zumindest so, dass von 27 Schülern keiner ohne Schulabschluss abgegangen ist, alle mindestens den regulären Hauptschulabschluss erreicht haben und mindestens 10 von uns die allgemeine Hochschulreife plus nochmal einer ganzen Reihe, die entweder die Fachhochschulreife oder auf anderen Schulen das Fachabitur erworben haben. Und auch so, dass einige, die mit einer Sonderschulempfehlung (so hieß das halt damals) eingeschult wurden, am Ende ihren Realschulabschluss in der Tasche hatten.

    ABER und da stimme ich ganz klar zu, die Schule, die Schulform, das ganze Schulleben war genau auf diese Integration/Inklusion abgestimmt – sicherlich nicht fehlerfrei in ihrer Umsetzung, aber selbst im Vergleich zu heute, müssen sich die Möglichkeiten, die mir vor 20/25 Jahren geboten worden sind, sicherlich nicht verstecken.
    In seiner Grundausrichtung setzt das aktuelle deutsche Schulsystem aber auf die Leistungsselektion. Wer ’nur‘ nicht laufen kann, kann im Zweifel auch gerne irgendwie im regulären Schulalltag mit untergebracht werden, das ging irgendwie auch vor 20 Jahren schon, sicherlich nicht immer perfekt, sicherlich nicht immer fehlerfrei, aber oft war irgendwo ein Weg, wenn nur der gemeinsame Wille da war. Wer nur Teilleistungsschwächen hat (und sei es ’nur‘ Legasthenie), hat es direkt viel schwerer – Sport nicht zu benoten, das lässt man sich ja noch gefallen, aber die Rechtschreibung nicht zu bewerten? Oder gar in Mathe andere Maßstäbe zu setzen? Ohwei. Eine Sinneseinschränkung? Eine schwere Lernbehinderung? Ohoh. Und manchmal reicht schon eine Diagnose, damit die Schwierigkeiten sich plötzlich unüberwindbar auftürmen.

    Aber (und da sehe ich bei „Henrinklusionichtmöglichenrinklusw.“ das Problem) tut man einem Kind einen Gefallen, wenn man es in seinem sozialen Umfeld lässt, aber eigentlich weiß, dass die Schule den bestehenden Förderbedarf nicht leisten kann (oder nicht leisten will – ganz egal, denn am Ende läuft es aufs Gleiche raus)? Und wo setzt man die Grenze? Muss denn „inklusion“ zwingend heißen, dass jedes Kind aufs Gymnasium muss? Muss man nicht schauen, wo ein Kind möglichst gut ausgebildet wird, für seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, statt ihm zwingend das soziale Umfeld erhalten zu wollen? Ein Gymnasiallehrer wird ja schon kaum zum reinen Unterrichten ausgebildet, wo soll er dann gelernt haben, ein Kind mit einer Einschränkung irgendeiner Art in eine viel zu große Klasse zu inkludieren? Und wie soll er das machen, wenn er schon genug Probleme hat, die Leistungsspanne in einer regulären Gymnasialklasse unter einen Hut zu bringen? Am Ende macht er es falsch, wie er es macht – schenkt er den schwächeren Schülern zu viel Aufmerksamkeit (fördern), schenkt er den starken Schülern nicht genug (fordern). Schenkt er den starken Schülern zu viel Aufmerksamkeit, hängt er die schwachen Schüler ab. Am Ende hat man einen nicht gut genug für dieses System ausgebildeten Pädagogen, der einen Unterricht auf drei Schulniveaus in einer einzelnen Klasse fahren soll.
    Das kann nicht funktionieren. Das ist ein Problem des mehrgliedrigen Schulsystems. Das ist aber auch ein Problem der Lehrerausbildung (und auch die aktuellen Schritte zu mehr Praxis sind da in meinen Augen nicht genug). Und am Ende ist es wieder alles ein Problem des fehlenden Geldes im Bildungssystem und der Angst vor (zu großer) Veränderung. Und ganz am Ende dann doch irgendwie auch so gewollt.

    Statt das bestehende Schulsystem zur einer Inklusion zu zwingen, die es in der derzeitigen Ausrichtung nicht leisten kann (zu alte Gebäude, zu große Klassen, zu wenig Personal – nicht einmal zwingend zu wenig Fachlehrer, andererseits die je nach Fach und Gegend natürlich auch. aber zu wenig Sozialarbeiter, zu wenig Förderpersonal, zu wenig Ergotherapeuten, zu wenig Sozialassistenten, zu wenig Sonderpädagogen, zu wenig Geld…), wäre es nötig, das Schulsystem zu reformieren. Statt G8, um die Leistungselite noch früher an die Universitäten zu bekommen, lieber schauen, wie sich ein ganzheitliches (oh, das klingt jetzt esoterischer als es soll, sorry) Bildungssystem für alle schaffen lässt.

    Es funktioniert doch schon. Es funktioniert in anderen Länder (mal gut, mal weniger gut, cf. ’no child left behind‘), es funktioniert an Modellschulen, es funktioniert sogar an ganz langweiligen Gesamtschulen die nicht einfach nur in sozialen Brennpunkten aufgestellt worden sind, um die Hauptschulen abzuschaffen. Sicherlich, ausbaufähig ist immer alles. Aber prinzipiell ist ein grundlegendes Umdenken erforderlich und wie genau das aussehen soll… wie du schon sagst, in meinem Kopf dreht sich alles.

    Und was ist eigentlich danach? Mit dem Ende der Schullaufbahn, endet dann nämlich auch plötzlich die Inklusion. Die wenigsten Lernbehinderten werden am Ende an einer Universität enden. Wo setzt man die Grenze? Das lernbehinderte Kind, das am Gymnasium in seinem sozialen Umfeld bleiben darf, wird dieses in der Regel spätestens mit dem Schulabschluss verlieren. Wenn alle seine Freunde vom Gymnasium Medizin studieren, wird die Uni es nämlich nicht aufgrund ihrer sozialen Ader mit aufnehmen. Pablo Pineda, Aya Iwamoto, Sujeet Desai, Hans-Eugen Schulze, Julian Hadschieff – das sind Ausnahmen! Selbst mit rein körperlichen Behinderungen stößt man auf der Karriereleiter oft ja schon früh an seine Grenzen. Für Körperbehinderte mit 24/7 Assistenzbedarf lohnt sich Karriere (finanziell) ja häufig nicht einmal, selbst wenn sie sie machen könnten. Und einen Arbeitgeber zu finden, der alleine schon Interesse daran hat, diese Möglichkeit überhaupt zu schaffen, ist häufig nicht einfach. Ich kenne zahlreiche Studierte mit Behinderung, von denen es nur wenige geschafft haben, in ihrem Bereich Fuß zu fassen, aber viele, die sich (fachfremd) durchhangeln, sich unter Wert verkaufen mussten oder trotz guter Examensnoten Sozialleistungen beziehen, weil sie niemand einstellen möchte (weil sie körperlich keine 60 Stunden arbeiten können oder weil man nicht für einen Mitarbeiter rollstuhlgerechte Toiletten schaffen will). Der schöne Satz „schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt“ ist doch in den meisten Fällen reine Augenwischerei, der Arbeitgeber, der einem anderen Bewerber eine bessere Eigung bescheinigen will, kann dies doch immer.

  13. @seute deern: Problem gut umrissen, finde ich.
    Aus eigener, wenngleich bescheidener Erfahrung würde ich unterstreichen, dass der Haken an der Sache bereits das dreigliedrige, leistungsbezogene Schulsystem ist (und das ist auch der einzige Punkt, an dem ich wirklich mitreden kann). Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen lassen sich verhältnismäßig leicht darin integrieren, das bedeutet für Schule und Lehrer einen vertretbaren zusätzlichen Aufwand (Räumlichkeiten, Organisation, Leistungsausgleiche, Zeitbedarf, Fortbildungen, didaktische Mittel etc.). Ich kenne nur wenige Lehrer, die sich dem verschließen.

    Nur dann: Ein durchschnittlicher Vollzeit-Gymnasiallehrer mit Hauptfach hat ca. eine 50-Stunden-Woche. An einer Inklusionsschule für Körperbehinderte sind es aufgrund des genannten Zusatzaufwandes geschätzt 1-2 Stunden mehr pro Woche, aufs Jahr gerechnet; das geht. Kommen dann geistig beeinträchtigte, lernbehinderte oder verhaltensauffällige Schüler dazu, ist die Kapazitätsgrenze im Regelfall überschritten – und dann leiden wirklich alle Beteiligten. Im bestehenden System geht Inklusion also nur selektiv (was für eine Ironie). Wenn wir das anders wollen, braucht es wirklich pro Klasse, vielleicht pro „behindertem“ Schüler eine sonderpädagogische Kraft. Und die gibt es nicht!

    Deswegen mag ich eigentlich zu diesem Thema eigentlich gar nichts mehr lesen – für dieses Blog habe ich eine Ausnahme gemacht. Die Diskussion wird extrem normativ und emotionalisierend geführt, von beiden Seiten, und das mag ich nicht mehr hören. Was mir zu kurz kommt, ist die Bereitschaft zu pragmatischen Lösungen, die langfristig zum (sicherlich illusionären) Ziel haben, dass jedes Kind (und damit meine ich auch die vielen „normalen“) die Schule bekommt, die seinen ganz individuellen Anlagen so gut wie möglich entgegenkommt. Ein Traum…

    1. Natürlich haben Sie Recht mit Ihrer Bemerkung, dass Inklusion auch zusätzliche Lehrkräfte und Sonderpädagogen in den jetzigen „Regelklassen“ bzw. „Regelschulen“ erfordert. Meine Idee wäre auch nicht, dass das einfach die jetzigen Lehrkräfte zusätzlich übernehmen. Aber die politische und mediale Diskussion wird aus m.E. offensichtlichen Gründen so geführt, dass man zuerst und vor allem anderen die absolute Unmöglichkeit von Inklusion behauptet – unter anderem mit dem Argument, dass die „normalen“ Lehrkräfte das nicht leisten können. Die Schlussfolgerung ist, dass man das mit der Inklusion doch lassen solle. Der Vorteil: Dann braucht man sich auch keine Gedanken mehr darum zu machen, wie und woher man Sonderpädagog/innen einsetzen sollte und müsste. Das ist aber eine zirkuläre Argumentation. Darauf zielte mein Beitrag ab.

      Denn wenn man umgekehrt denkt, stellt sich alles ganz anders dar: Inklusion soll passieren – was wird dafür gebraucht – wie wird es finanziert. Dass es unmöglich oder „ein Traum“ sein soll, je nach Bedarf Sonderpädagog/innen einzusetzen, sehe ich nicht ein. Wenn die Bundesregierung sich entschließt, an Kriegseinsätzen im Ausland teilzunehmen, steht auch immer dieser Beschluss am Anfang und nicht das Argument „Aber das können die normalen Bundeswehrmitarbeiter/innen doch gar nicht leisten, lassen wir das doch lieber“. Statt dessen wird entschieden und dann wird geguckt, wo man die Soldat/innen herbekommt (gerne auch mit finanziellen Anreizen). Warum sollte das im Bildungsbereich nicht funktionieren? Da bin ich für alle pragmatischen Lösungen offen.

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