„Dann frogts hoit omoi!“ – CSU, Deutschpflicht und Wissenschaft

Seit vor wenigen Tagen die CSU den Vorschlag einer „Deutschpflicht zu Hause“ gemacht hat, wird auf den sozialen Medien und in der Presse Hohn und Spott über sie ausgegossen – offensichtlich sogar für die CSU zu viel, denn inzwischen hat sie ihre Forderung deutlich abgemildert.

Die Kritik in der Presse und im Netz fokussierte auf einige wichtige Punkte: Zum einen auf den Eingriff in die Selbstbestimmung und Privatsphäre. Deshalb gab es ernsthafte Empörung, weil es den Staat schlicht nichts angehe, was jemand bei sich zu Hause tut. Deshalb aber auch die unzähligen Witzeleien über die Formen einer Durchsetzung solcher Forderung – durch Abhören des Schlafzimmers? Zum anderen wurde der CSU berechtigterweise Bigotterie vorgeworfen – die weder etwas gegen Bairisch-Standarddeutsch-Zweisprachige hat, noch ähnliche Forderungen an Deutsche im Ausland richten, die auch dort privat deutsch sprechen – mit nicht zu knapp Witzen über Rentner auf Mallorca.

Wenig jedoch wurde darüber geredet, ob abseits der Diskussion um die Legitimität und Durchsetzbarkeit eine solche Forderung überhaupt irgendeinen Sinn macht – ob also, wenn nicht zahlreiche andere Dinge dagegen sprächen, es für die Kinder von Migrant/innen und deren erfolgreichen Erwerb des Deutschen überhaupt gut wäre, wenn ihre Eltern jetzt dazu übergingen, nicht mehr in ihrer Herkunftssprache mit ihnen zu sprechen. Ich darf an dieser Stelle einmal die wenig überraschende Antwort vorwegnehmen: Nein, das ist es nicht. Die Forderung, Migranten vorzuschreiben oder auch nur zu empfehlen, zu Hause – vor allem mit ihren Kindern – unbedingt Deutsch zu sprechen, ist nicht nur sinnlos, sie ist falsch und in gewisser Weise sogar gefährlich. Das sage ich als Sprachwissenschaftlerin, deren Spezialgebiet der Erwerb des Deutschen als Zweitsprache ist. Aber das sage nicht nur ich.

Denn etwas abseits vom medialen Scheinwerferlicht ist in den letzten Tagen auch im Kreis der Sprachwissenschaftler/innen, Sprach- und Entwicklungspsychologen etwas sehr Seltenes passiert: Alle waren sich einig.
Seit Montag dieser Woche entstanden an verschiedenen Stellen der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft zahlreiche Stellungnahmen, Presseerklärungen, Interviews und offene Briefe, die sich aus wissenschaftlicher Sicht klar gegen den CSU-Vorstoß äußern: So hat das Zentrum „Sprache, Variation und Migration“ der Universität Potsdam schon am Montag eine Pressemeldung herausgegeben. Kurz darauf folgte eine Stellungnahme von der Universität München. Dann warnte das mit den drei Berliner Universitäten assoziierte Zentrum für Sprachwissenschaft. Das von Sprachwissenschaftler/innen betriebene Sprachlog wartet seit heute mit einem Faktencheck auf. Und schließlich gibt es eine dezentrale Initiative, ausgehend von den Universitäten Zürich, Erfurt, Oldenburg und Lancaster, die eine Stellungnahme verfasst hat, die bis jetzt von mehr als vierzig Wissenschaftler/innen von mehr als dreißig Universitäten unterzeichnet wurde – ausnahmslos ausgewiesene Experten für kindlichen Spracherwerb, viele von ihnen Professor/innen und namhafte Autor/innen von Fachbüchern zu diesem Thema.

Das Interessante daran ist, dass in all diesen Erklärungen im Prinzip immer das Gleiche steht:

Erstens, dass es für die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind und damit auch für die emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes absolut unerlässlich ist, dass die Eltern mit dem Kind in einer Sprache sprechen, in der sie sich selbst voll und ganz „zu Hause“ fühlen. Das ist oder sind in den allermeisten Fällen die Sprache oder die Sprachen, die man selbst als erste Sprache von den eigenen Eltern gelernt hat. Denn nur in so einer Sprache kennt man die kleinen Sprach- und Lautspiele, die Reime und Lieder, die kleinen Neckereien und Koseworte, über die kleine Kinder in den ersten Lebensjahren unglaublich wertvollen sprachlichen Input – aber eben auch die Liebe und die Fürsorge der Eltern bekommen. Aber auch die Fähigkeit, ab und an angemessen zu schimpfen, zurechtzuweisen oder zu warnen, hat man vor allem in der eigenen Muttersprache. Darauf kann und sollte niemand verzichten.

Zweitens, dass es völlig sinnlos ist, Kinder stark eingeschränktem oder auch fehlerhaftem sprachlichen Input auszusetzen – was aber in vielen Fällen passieren würde, wenn man Migrant/innen, die das Deutsche selbst als Zweitsprache erworben haben oder gerade erwerben, plötzlich auf deutsch mit ihren Kindern kommunizieren würden. Was die Eltern selbst noch nicht können, können ihre Kinder auch nicht von ihnen lernen.
Natürlich gibt es auch viele Fälle von Migrant/innen, die Deutsch auf einem sehr hohen oder auch bereits muttersprachlichen Niveau sprechen. Aber gerade in diesen Familien entwickelt sich von ganz allein ein natürlicher Umgang mit den verschiedenen Sprachen – entweder wird dort sowieso – ganz ohne CSU-Vorschrift – viel deutsch gesprochen (und entsprechende Untersuchungen zeigen, dass das tatsächlich der Fall ist), oder es gibt zahlreiche Kontakte mit deutschsprachigen Freunden, Bekannten, Kollegen und Nachbarn sowie Einbindung in Beruf und Bildungseinrichtungen – und wenn die Eltern selbst durch diese Art der Kontakte Deutsch auf so hohem Niveau gelernt haben, warum sollte das nicht auch für die Kinder gelten?

Daran schließt sich noch ein dritter wichtiger Punkt an: Natürlich ist es sehr wichtig, dass Kinder das Deutsche auf einem hohen Niveau erwerben – wenn nicht, schmälert das Schulerfolg und Berufschancen, verhindert gesellschaftliche Teilhabe und soziale Kontakte, kurz, die vielbeschworene Integration. Aber erfolgreicher Erwerb des Deutschen setzt weder voraus, dass man dies von den Eltern lernt, noch, dass es die einzige Sprache ist, die man als Kind lernt. Deutsch kann auch außerhalb des Elternhauses gelernt werden – zum Beispiel in einer guten Kindertagesstätte. Dafür wäre natürlich wünschenswert, dass es Plätze für alle in solchen Einrichtungen gäbe, aber auch, dass dort motivierte – weil gut ausgebildete (und angemessen bezahlte) – Erzieher/innen den Spracherwerb unterstützen können.

Diese Punkte stehen also alle mehr oder weniger ausführlich in den verschiedenen Stellungnahmen – geschrieben und unterzeichnet von Wissenschaftler/innen aus den unterschiedlichsten Universitäten und theoretischen Lagern, von denen einige auf einer wissenschaftlichen Konferenz keinen Moment fachlich miteinander reden könnten, ohne sich sofort in eine Diskussion mit völlig unterschiedlichen Positionen zu verstricken. Aber es gibt eben Fragen, die sind für Experten so grundlegend klar, dass es dort keiner Diskussion bedarf. Insofern hätte jede/r Sprachwissenschaftler/in, Spracherwerbsforscher/in, Sprachpsycholog/in oder Entwickungspsycholog/in eine ähnliche Antwort gegeben, wenn denn jemand aus der CSU gefragt hätte. Aber das haben sie natürlich nicht.

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2 Kommentare

  1. Margret · · Antwort

    Hallo Dr. Mutti,

    ich wollte nur kurz schreiben, dass ich es sehr schade finde, dass Sie in letzter Zeit eher wenig schreiben. Ich liebe Ihre immer sachlich fundierten und klugen Beiträge zu gesellschaftsrelevanten Themen.

    Aber ich habe natürlich auch Verständnis dafür, wenn Privatleben und Beruf so viel Zeit schlucken, dass es nicht möglich ist. Trotzdem sehr schade, ihre Beiträge fehlen einfach.

    1. Vielen Dank für dieses sehr nette Lob! (Ich versuche, mich zu bessern…)

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