Nicht für Geld und gute Worte

Seit einiger Zeit widmen sich mehrere Zeitungsbeiträge – mal wieder – dem Thema, wie man Menschen zum Kinderkriegen motivieren kann. Besorgt wird festgestellt, dass es in Deutschland kaum kinderreiche Familien gibt oder dass sich junge Menschen gar ganz gegen Kinder entscheiden. Dagegen müsste doch irgendwas helfen? Aber was? Mehr Kindergeld? Herdprämie? Kitaausbau? Was regt die Gebärlust der Frauen an?

Dazu äußert sich zum Beispiel der Ökonom Hans-Werner Sinn, Vorsitzender des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München. Sinn argumentiert gegen eine pauschale Kindergelderhöhung mit dem Einwand, eine Erhöhung des Kindergelds für das erste und zweite Kind könne nicht den Anreiz erhöhen, auch noch ein drittes (oder gar viertes) Kind zu bekommen. Insofern müsse das Kindergeld ab dem dritten Kind erhöht werden – denn das würde gleichzeitig die Motivation schon ab dem ersten Kind steigern.
Aus ökonomischer Sicht glasklare Logik. Nur entscheiden sich potenzielle Mütter vielleicht aus ganz anderen Gründen für oder gegen ein Kind?

Denn was bedeutet ein neues Kind für eine Frau? Nicht mehr die alleinige Gewalt über den eigenen Körper haben, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Rohmilchkäse, Schluss mit Sushi oder Mettbrötchen, Vorsicht bei Haustieren, Schluss mit den meisten Sportarten, regelmäßig zu ärztlichen Untersuchungen, Wohnung umräumen oder gleich ganz neu suchen, Lieblingsklamotten einmotten, Blut abnehmen, Abstriche, Dr. Greithers Kräuterblut schlucken, Übelkeit, Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen in den Beinen, Krampfadern – und am Ende unvergleichlich starke Schmerzen. Nachwehen, Wochenfluss, Milchstau, Schlafentzug. Und bis zu diesem Punkt hat sie dafür noch kein Geld gesehen! Sollte man also das alles auf sich nehmen, weil ab dann monatlich 184 oder in Zukunft eventuell ein paar Euro mehr fließen werden? Es klingt nach einem schlechten Deal. Wer nämlich zu solcherart Opfern bereit ist, könnte doch sicher auch daran arbeiten, einfach einen besser bezahlten Job zu bekommen? Der Vorteil daran wäre, dass man das Geld auch selbst behalten könnte. Denn das Kindergeld ist schnell weg für Windeln, Babynahrung, Kinderklamotten, Spielzeug, zusätzliche Miete, Kita-Platz oder Tageseltern, Babysitter und so weiter.

Natürlich kann man das auch alles positiver sehen: faszinierende körperliche Veränderungen, Vorfreude, Shoppinganlässe, Schwangerenschwimmen – und am Ende eine sonst unbekannte Menge an Endorphinen, sobald man das Kind das erste Mal in den Armen hält. Entzücken, Liebe, Stolz, Mittagsschlaf mit einem friedlich schlummernden Baby. Ja, auch das alles gehört dazu. Wenn man darauf aus ist – welche zusätzlich Motivation bringen dann noch ein paar Euro zusätzlich – die ja, wie wir gesehen haben, schnell wieder dahin sind?

Kindergeld kann also kaum etwas anderes sein als – im besten Fall – der Ausgleich bestimmter finanzieller Ungerechtigkeiten oder – im schlechtesten Fall – das letzte Bollwerk gegen drohende Armut für Kind und Eltern. Deshalb gibt es gute Argumente für die Erhöhung – oder sollte man besser sagen: Anpassung? – des Kindergelds. Kindergeld ist ein Ausgleich. Kein Anreiz.

Was muss man aber tun, wenn man die Geburtenrate erhöhen möchte? Sollte man vielleicht vielmehr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern? So twittert etwas das Familienministerium (momentan unter der Leitung der SPD in Person von Manuela Schwesig):

Es gibt ein einziges familienpolitisches Instrument, welches messbar zu mehr Kindern führt: die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur.

(https://twitter.com/BMFSFJ)

Aber natürlich gibt es auch Stimmen gegen diese Idee. So etwa in der Wirtschaftswoche, die die armen Eltern vor den Zumutungen des Lebens mit Kindern und Beruf schützen möchte. In einem Artikel mit dem Titel „Die Lüge von der Vereinbarkeit“ werden folgende Bedenken geäußert -hier mit einem Zitat von Herwig Birg, ehemaliger Leiter des des Bielefelder Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik:

Das durch Kindererziehung entgangene Einkommen […] ist der entscheidende Anreiz zum Verzicht auf Kinder. Und der wird von einer Wirtschafts- und Sozialordnung, die Eltern gegenüber Kinderlosen benachteiligt, noch verstärkt.

Das sieht auch der Autor des Artikels so:

Die totale Mobilisierung aller Arbeitsfähigen für die Wirtschaft zehrt an der Substanz. Sie wird bezahlt durch psychische Erschöpfung und vor allem: durch ungeborene Kinder. Eine bittere Erkenntnis, die große Sorgen bereitet. Kein Wunder, dass man in Wirtschaft und Politik lieber nicht davon redet.

Der Autor befürwortet folgende Lösung:

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann in einer emanzipierten geschlechtergerechten Gesellschaft dann nur bedeuten, dass zwei in Vollzeit arbeitende Elternteile nicht die Regel sein können. Wer von beiden weniger oder vielleicht auch gar nicht arbeitet, ist deren Privatangelegenheit.

Dass der Autor dieses Artikels Ferdinand Knauß heißt und in der Vergangenheit vor allem als „gender-kritischer“ Blogger bei den Scilogs bekannt war, lässt ahnen, wie er sich die Verteilung der Pflichten zwischen den Elternteilen wahrscheinlich vorstellt.

Aber welche Art von Vereinbarkeit – die durch staatlich geförderte Kinderbetreuung oder das Fernbleiben von Eltern vom Arbeitsmarkt – man auch immer propagiert: Bekommen die Leute wirklich mehr Kinder, wenn sie diese besser mit ihrem Beruf vereinbaren können?
Die Erfahrungen, die man in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR mit „Vereinbarkeitspolitik“ gemacht hat, sprechen eigentlich eindeutig dagegen.

Denn in den achtziger Jahren hatte die DDR im Prinzip alles, was jetzt verzweifelte Eltern herbeisehnen: Betriebs- und staatliche Kindergärten und -krippen, Betreuungsanspruch für jedes Kind ab 8 Wochen (!) mit berufsverträglichen Öffnungszeiten, sichere Arbeitsplätze, Vollbeschäftigung und als Bonbon konkrete finanzielle Unterstützung für Eltern, Erhöhung des Grundurlaubes gemessen an der Kinderzahl sowie staatlich oder betrieblich finanzierte Bildungs-, Freizeit- und Ferienangebote für die Kinder. Trotzdem lag die Geburtenrate bei 1960 um 1,8 und 1975 etwa bei 1,4. Damit war sie – je nach Jahr – nicht oder nur wenig höher als in der Bundesrepublik Deutschland. Dort wiederum war die „Hausfrauenehe“ das gängige Modell – und das bei einer wirtschaftlichen Situation, die es vielen Menschen tatsächlich noch ermöglichte, mit einem Gehalt eine ganze Familie zu ernähren. Die Geburtenrate lag dennoch 1960 bei etwa 1,6 und 1975 bei etwa 1,4 (https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/AktuellGeburtenentwicklung.html).

Es spricht aus meiner Sicht viel für eine staatlich geförderten Ausbau und die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Aber nicht, weil dies ein Anreiz zum Kinderkriegen ist – denn am meisten vereinbar mit dem Beruf wäre schließlich das Singleleben. Aber natürlich könnte eine gute Vereinbarkeit die abschreckende Wirkung der Konsequenzen, die das Kinderhaben mit sich bringt, abschwächen. Und ganz abgesehen davon ist es einfach wünschenswert, dafür zu sorgen, dass Eltern beruflich zumindest ähnliche Möglichkeiten und Chancen haben wie kinderlose Menschen.

Ist das ganze Anreiz-Gerede also vielleicht einfach müßig? Möglicherweise ja. Möglicherweise kriegen Menschen einfach nur so viele Kinder, wie sie wollen – und bei vielen hört der Kinderwunsch eben spätestens nach dem zweiten Kind auf. Und vielleicht auch nicht nur wegen der fehlenden Vereinbarkeit mit dem Beruf. Sondern weil man ja nicht alles, was schön ist, unbedingt in unbegrenzter Menge auch noch schön findet. Die meisten Menschen wollen eben nicht NUR Kinder oder NUR Beruf oder NUR Geld oder NUR Freizeit. Sie wollen eine schöne Mischung aus allen Dingen, die sie mögen – und ab einer bestimmten Menge von einer der Zutaten werden die anderen zwangsweise weniger.

Was allerdings bisher fast nie in Frage gestellt wurde: Warum eigentlich sollen denn die deutschen Frauen mehr Kinder zur Welt bringen?? Natürlich, unsere Rente, nicht mehr genug steuerzahlende Arbeitnehmer/innen, Überalterung der Gesellschaft, die Bevölkerungspyramide! Ich hätte da einen verrückten Vorschlag: Zuwanderung! Wenige Straßen von dem Ort, an dem ich dies hier schreibe, ist ein Flüchtlingsheim – mit jungen Menschen, die gerne arbeiten (und Steuern zahlen) würden und mit – Kindern. Niemand weiß bisher, wie viele von ihnen hier bleiben dürfen – in diesem Land, dem angeblich so dringend die Kinder fehlen.

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21 Kommentare

  1. Gängige Theorien gehen davon aus, dass die Menschen mehr Kinder kriegen, je schlechter die soziale Gesamtsituation einer Gesellschaft ist. Erhöht man den Lebensstandard – bessere Bildung, bessere Infrastruktur, bessere Einkommen, bessere Sozialsysteme etc. -, bekommen sie weniger Kinder.

    Wer mehr Kinder Gesellschaft möchte, muss das alles nur abschaffen: keine Arbeitslosenversicherung, keine Rentenversicherung, keine Gesundheitsversicherung [zumindest keine allgemeine], schlechte Jobaussichten, wenig Innovation, schlechter Bildungszugang …

    Oder. Man besinnt sich so langsam darauf, dass die Produktivität, die durch bessere Lebensverhältnisse, Innovation und so fort gewonnen wird, eben auch die geringere Geburtenrate ausgleicht – zumindest bzgl. der Sozialsysteme. Wenn die Gewinne nicht komplett abgeschöpft werden.

    Bleibt nur die Angst, dass „die Deutschen“ aussterben. Als wären die irgendwann mal nicht ausgestorben. Als läge „Deutschsein“ in den Genen. Nee, es liegt am Ort. Sind halt in 10.000 andere deutsch als wir. Moment, das sind dann auf jeden Fall andere.

  2. Absolut dafür. In Deutschland werden gerade verzweifelte Kosovaren mit mehreren Kindern, die liebend gerne unsere Scheißjobs erledigen würden, wieder zurück in die Armut geschickt. Weil das ja für alle so toll ist. Dabei ist jeder einzelne „Doitsche“ selbst Nachfahre mindestens einer Zuwanderungswelle. Es ist ja nicht so, als ob sich der Homo sapiens germanensis in Mitteleuropa entwickelt hätte.

  3. Es gibt doch kinderreiche Familien in Deutschland… (der Rassismus/Klassismus in dieser Diskussion widert mich immer mehr an)

    1. Was genau ist denn an “Es spricht aus meiner Sicht viel für eine staatlich geförderten Ausbau und die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungsmöglichkeiten.” und “Ich hätte da einen verrückten Vorschlag: Zuwanderung! Wenige Straßen von dem Ort, an dem ich dies hier schreibe, ist ein Flüchtlingsheim – mit jungen Menschen, die gerne arbeiten (und Steuern zahlen) würden und mit – Kindern.” rassistisch und/oder klassistisch? Eher das Gegenteil, denn staatlich geförderte Angebote kommen allen zugute, auch den Geringverdienern.

      1. Wenn die Zuwanderung bedeutet, dass das Angebot billigster Arbeitskräfte zum Lohndumping im gesamten System einlädt, dann ist das durchaus etwas, das die einheimischen Geringverdiener trifft.

  4. „Gängige Theorien gehen davon aus, dass die Menschen mehr Kinder kriegen, je schlechter die soziale Gesamtsituation einer Gesellschaft ist. Erhöht man den Lebensstandard – bessere Bildung, bessere Infrastruktur, bessere Einkommen, bessere Sozialsysteme etc. -, bekommen sie weniger Kinder.“

    Das stimmt nur bedingt. Eine schlechtere Gesamtsituation führt zu höherer Kindersterblichkeit & Altersarmut, man muss also möglichst viele Kinder kriegen, damit ein paar durchkommen. Ein höherer Lebensstandard verringert die Anzahl der Kinder, das stimmt (Beispiel: Asien), weil Frauen dann entscheiden (können), weniger Kinder zu bekommen. Aber: 2-3 Kinder pro Frau reichen zur „Arterhaltung“ aus, und das ist das Level, das sich in den Schwellenländern beobachten lässt.

    Es geht doch darum, dass viele Frauen hierzulande gar keine Kinder bekommen, und das hat weniger mit dem Lebensstandard zu tun sondern eher damit, dass man (frau) die Wahl hat. Kinder dienten früher zur Altersvorsorge und selbst heute will man uns noch einreden, dass wir mehr Kinder brauchen, um die Rente zu sichern. Alles Blödsinn. Einwanderung ist die Lösung, denn weltweit werden genügend Kinder geboren. Ausserdem: Wenn jeder für sich selbst vorsorgt, ist für alle hinreichend gesorgt.

  5. Schraubenzieher · · Antwort

    Die Freiheit, ohne Kinder zu leben, kann man nicht mit Geld bezahlen.

  6. “ Die meisten Menschen wollen eben nicht NUR Kinder oder NUR Beruf oder NUR Geld oder NUR Freizeit. Sie wollen eine schöne Mischung aus allen Dingen, die sie mögen – und ab einer bestimmten Menge von einer der Zutaten werden die anderen zwangsweise weniger. “

    Danke dafür, vollste Zustimmung.

    Eins möchte ich aber noch dazu sagen. Ich glaube, ein wesentlicher Faktor für die geringe Geburtenrate in Deutschland ist eins: Das völlige überhöhte Idealbild der Mutter. Sanft soll sie sein, geduldig, freundlich, aber auch irgendwie streng und durchsetzungsstark. Ein schönes Nest soll sie bauen, ein wunderbares Heim schaffen, Geborgenheit geben, aber die Kinder hinaus in die Welt begleiten. Kommt ein Kind auf die schiefe Bahn: „Was hat die Mutter falsch gemacht?“ Ist das Kind nicht erfolgreich genug: „Was hat die Mutter falsch gemacht?“ Hat das Kind unangenehme Charktereigenschaften: „Was hat die Mutter falsch gemacht?“ Ist das Kind nicht sportlich genug: “ „Was hat die Mutter falsch gemacht?“. Hat das Kind (als Erwachsener) psychische Probleme: „Was hat die Mutter falsch gemacht?“ Hat das Kind gesundheitliche Probleme: Wie gesagt.

    Rabenmutter ist, soweit mir bekannt, ein Wort, das so nur in der deutschen Sprache existiert.

    Dass darauf viele Frauen keine Lust haben, ist nur allzu verständlich. Es bedeutet nämlich enormen Stress. Sie haben ja oben schön veranschaulicht, was Schwangerschaft, Geburt und Muttersein alles bedeuten kann. Ich denke, die völig überhöhten Ansprüche an Mütter tun ihr Übriges, um die Minusseite kräftig aufzufüllen.

    Wenn man sich die Geburtenziffern mal so ansieht, sieht man, dass diese in Ländern wie Deutschland, Österreich, der Schweiz aber auch Polen und Italien extrem niedrig sind. Alles Länder mit einem sehr ausgeprägten Idealbild von der Mutter. Auf der anderen Seite stehen Länder wie die skandinavischen, Frankreich, UK und auch Irland, in denen ein wesentlich freundlicheres, unidealistischeres und realistischeres Mutterbild herrscht

    Sicher ist es nur einer von vielen Faktoren, ich bin aber überzeugt davon, dass es ein entscheidender ist.

    1. Margret, genauso ist es. Fairerweise muss man sagen, viele Mütter ziehen auch mit bei dem üblen Spiel und beobachten einander mit Argusaugen, ob eine von ihnen was falsch macht.

    2. Ich stimme dem voll und ganz zu und ergänze noch,dass Mütter sich untereinander u über diverse Medien,selbst und andere,immer wieder verantwortlich für alles machen und der Anspruch untereinander enorm gestiegen ist 😦

  7. Coccolina · · Antwort

    Ich kann Margret zur zustimmen. Die Anforderungen an Eltern, insbesondere an Mütter hierzulande sind völlig übernhöht und Entlastung von den Pflichten (z.B. durch externe Kinderbetreuung) ist nur dann „gestattet“, wenn es unbedingt zum Broterwerb notwendig ist. Das führt dann z.B. dazu, dass Mütter ein zweites Kind überhaupt nicht in Erwägung ziehen, weil sie das Gefühl haben, sie nehmen dem ersten „etwas weg“ oder sie sind den Anstrengungen generell nicht gewachsen (vom dritten und vierten gar nicht zu reden…).

    Aber dazu kommt eine weiteres gesellschaftliches Idealbild, nämlich das der zwei-Kind-Familie. Weitere Kinder werden im Allgemeinen kritisch beäugt, was sich dann auch schnell in kritischen Blicken oder abfälligen Bemerkungen äußert (wovon „Das war jetzt aber nicht geplant, oder?“ noch eine der gemässigteren ist). Bereits ab dem dritten Kind schlägt man hier den Weg zur Großfamilie ein und wird quasi potentiell asozial…

  8. Vollkommen richtig! Sehe ich genauso! „Anreiz schaffen“ für Kinder. Wer absolut keine Kinder möchte, der sollte auch keine bekommen. Allerdings könnte man durchaus denjenigen, die sich eine Familie schon vorstellen könnten, die Entscheidung ein bisschen leichter machen. Welche junge Frau hat denn schon tatsächlich eine Vorstellung davon, ob das Muttersein sie in irgendeiner Form glücklich machen wird? Was man erstmal sieht sind Verzicht. Nicht nur Verzicht auf Partys und Reisen, sondern natürlich auch der privaten und beruflichen Gestaltung und natürlich der gewaltige finanzielle Verzicht. Also, wenn es um finanzielle Anreize geht, dann würde ich wirklich keine Kinder bekommen. Was bleibt finanziell von Elterngeld und Kindergeld schon übrig, wenn die Lebenserhaltungskosten bezahlt sind? In den meisten Fällen nicht viel. Ganz zu schweigen, nach dem ersten Jahr, wenn man nicht mal mehr Elterngeld bekommt, aber nicht arbeiten gehen kann, weil es keine Betreuung gibt (oder die so viel kostet, dass man gar nicht arbeiten braucht). Da müssen sie schon gewaltig was drauflegen, damit Kindergeld irgendein Anreiz sein sollte …

  9. […] Dr. Mutti als direkte Replik zu dem Artikel Johannes Korten zur Rollenverteilung in modernen Beziehungen Catherine  zum Spagat der […]

  10. Okay, mehrere Punkte.

    – der Autor aus der Wirtschaftswoche – unverschämt. Tja, Leute, ordentliche Arbeitszeiten gibt unser Wirtschaftssystem nicht her, f*k you, alleinerziehende Mütter(und Handvoll Väter), suck it up. Man wünscht ihm Vierlinge an den Hals und dass ihm die Mutter der Vierlinge davonläuft. Und dann eine anständige Schreibblockade sowie Mitarbeiterabbau bei seiner Zeitung.

    – Zuwanderung: Zuwanderung macht dann Sinn, wenn die Leute qualifizierte Jobs übernehmen können, ohne selbst aufwendig und jahrelang nachqualifiziert werden zu müssen und während dieser Zeit Hartz IV zu beziehen. Dazu braucht es qualifizierte Zuwanderer, ergo ordentliche Zuwanderungsregelungen, einfach nur hoffen, dass alle Kosovaren, die glauben, hier den Winter verbringen zu müssen, alle Jobs übernehmen können, die man grad so braucht, ist in höchstem Grade blauäugig. Zuwanderung ist auch keine längerfristige Lösung, wenn sie soziale Unruhen auslöst, die Kosten nicht hereinspielen kann und vor allen Dingen sinkt die Geburtenrate der Zuwanderer innerhalb kurzer Zeit auf deutsches Niveau.

    – Der „Überhang“ an alten Leuten, der für die nächsten Jahrzehnte prognostiziert wird, das sind die geburtenstarken Jahrgänge der 1930er bis 1970er. Dann sank die Geburtenrate kontinuierlich, d. h. das Ungleichgewicht zwischen jüngeren und älteren Menschen sinkt in ein paar Jahrzehnten sowieso. Insofern wäre es vernünftig, längerfristig zu denken und zu planen und nicht in klassischen Politaktionismus zu verfallen und einfach irgendwas zu tun, Hauptsache, es ist kurzfristig gedacht und macht positive Schlagzeilen.

    – In allen Industriegesellschaften sinkt die Geburtenrate, weil das ein Lebensstil ist, in dem vieleviele Kinder keine vernünftige Entscheidung sind. Man kann die Geburtenrate etwas nach oben pushen (am Ehesten mit ordentlicher Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben, wenn man den Studien trauen darf), aber das war’s dann auch schon.

    – Ich bin mir nicht sicher, ob die Schlüsselstelle bei der ganzen Thematik überhaupt die Frauen sind – ich kenne viele Frauen, die gerne Kinder (gehabt) hätten, bei denen aber der Mann nicht wollte. Vielleicht zur Abwechslung mal bei den Prinzen ansetzen, liebe Politik, oder vom Fetisch „Geburtenrate“ weggehen und überlegen, wie man mit der Situation umgeht, dass es keine Jobs mehr für Niedrigqualifizierte gibt (und wohl auch nicht mehr geben wird), dass womöglich längerfristig überhaupt immer mehr Arbeit wegrationalisiert wird, und wie wir gerne damit umgehen möchten.

  11. Vielleicht würde es helfen, wenn Eltern einfach mal aufhören zu jammern und dies permanent und überall breittreten.
    Ich habe selbst 3 Kinder und ja, es ist nicht immer leicht und oft auch wirklich ungerecht, aber mein Leben ist noch öfter richtig schön, gerade auch durch meine Kinder. Nur liest man sowas fast nie und wenn dann ergäzt durch ein “ Ja aber,…“.
    Wer soll dabei denn Lust auf Familie kriegen? Warum nicht mal das Kinder haben als erstrebenswert und erfüllend darstellen, was es ja auch oft genug ist. Es gibt so viele Vorteile vom Elternsein, die nur nie erwähnt werden. Als wär das Leben ohne Kinder nicht auch oft genug anstrengend und ungerecht.

  12. Abgesehen von den völlig richtigen Einschätzungen über Wirtschaftlichkeit, Rollenbilder und Sozialsysteme möchte ich kurz auf das direkte Umfeld hinweisen – das natürlich aus einer Kombination der oben genannten Stichworte gebildet wird, aber nicht nur. Denn mir ist aufgefallen, dass zur Entscheidung für ein erstes Kind extrem oft ausschlaggebend ist, dass der potentielle Vater sagt: ich will. Jetzt. Dahinter steckt natürlich die Hoffnung, dass die extreme Lebensveränderung gemeinsam gewuppt werden kann. Nach der Geburt des ersten Kindes zeigt sich dann, wie gut das Gemeinsame klappt, und danach entscheidet sich dann, ob und wann ein zweites Kind passiert. Ich kenne nicht wenige Mütter, mich eingeschlossen, deren Männer vor der Geburt ambitionierte Statements über ihre Rolle nach der Geburt gemacht haben und die dann in der Realität deutlich zurückzogen. Das desillusioniert und trägt nicht dazu bei, das Ganze noch einmal alleine wuppen zu wollen. Ich stimme der Kommentatorin Susann über mir zu: bei den Männern ansetzen ist ein wichtiger Punkt für die Politik. So ist es z.B. ein Unding, dass imer über die kinderlosen Frauen gesprochen wird, wenn es um Statistiken geht – es zähle doch bitte mal jemand die kinderlosen Männer! Danke!

    Und dann ist noch die Tatsache wichtig, dass es eben an Mehrkindfamilien im direkten Umfeld oft fehlt, man also keine Vorstellungen hat, wie das zu schaffen sein könnte und was die Vor- und Nachteile wären. Da hilft ein wenig das Internet mit seinen vielfältigen Blogs, wo man sich etwas in solche Familienleben einlesen kann – wenn auch natürlich nur nur selektiv, aber immerhin.

  13. Ich glaube schon, dass es auch finanzielle Gründe sind, die Eltern vor allem vor dem dritten und vierten Kind absehen lassen. Wir haben jetzt drei Kinder und leben in 4,5 Zimmern auf etwa 90qm. Beim vierten Kind bräuchten wir größeren Wohnraum, der entweder nicht existent (schon das Standardreihenhaus hat nur 2 Kinderzimmer) oder für uns unbezahlbar wäre (hier ist auch wieder das Standardreihenhaus anzuführen, dass im Großraum Stuttgart unbezahlbar ist). Das gleiche gilt für das Auto. Wir kriegen die drei Kindersitze gerade eben so auf die Rückbank gequetscht, für ein viertes Kind müsste dann der Siebensitzer her, der auch nicht mal gerade eben für ein paar Euro zu haben ist. Aber eine Kindergelderhöhung (um die üblichen 10 €, oder was?) gleicht die Mehrkosten niemals aus. Es sei denn die Bunderegierung erhöht gleich auf 500€/Kind. Die letzten Kindergelderhöhungen wurden bei uns postwendend durch Erhöhung der Kindergartengebühren wieder einkassiert.

    Ein weiterer Punkt, der mich persönlich abschreckt ein viertes Kind zu kriegen, ist mein beruflicher Stillstand. Man wechselt dann doch nicht mal eben die Stelle, wenn man plant noch ein Kind zu kriegen. Und obwohl ich bei jedem Kind nur etwa 6 Monate Elternzeit genommen habe, verlor ich dadurch wissenschaftlich jedesmal etwa anderthalb Jahre. Ein halbes Jahr ohne neue Ergebnisse und Teilnahmen an Fachtagungen. Ein halbes Jahr ohne Anmeldung zu weiteren Fachtagungen (es gibt ja keine neuen Ergebnisse vorzustellen) führt dann zu einem ganzen Jahr ohne Tagungsteilnahmen. Will man in Elternzeit an Fachtagungen teilnehmen, kann man das nur auf Privatrechnung machen. Und möchte man mit Stillkind zur Tagung, muss man für die nötige Betreuungsperson fürs Baby auch alles privat bezahlen. Kinderbetreuung auf Fachtagungen sucht man auch fast überall vergeblich. (Im Ingenieurwesen sowieso!). Die Gehälter in der universitären Forschung sind ja nun auch nicht so prall, dass man mal eben 1000 € privat dafür ausgeben kann, bei einer Tagung dabei zu sein, auch wenn es für die Karriere wichtig wäre. Gerade im Wisschenschaftsbetrieb gäbe es viele Möglichkeiten Mütter besser zu fördern. Bisher beschränkt sich die Förderung auf „Zeiten der Kindererziehung werden angerechnet“.

    Es ist kompliziert. Ich weiß auch nicht, wie man Menschen zum Kinderkriegen motivieren kann. Aber zu behaupten der Alltag mit drei Kinder sei pillepalle ist auch nicht die Lösung. Natürlich erfordert es mehr Aufwand die Wäsche für 5 Personen zu waschen, als die für 2, Brotdosen für 5 Leute zu packen, für 3 kleine Wesen mitzudenken, was die den Tag über brauchen, Artztermine zu koordinieren. Zu behaupten man würde am Ende des Tages nicht erschöpft ins Bett fallen, wäre gelogen. Allerdings gibt es kaum etwas, was entspannender ist, als ein aus vollem Hals lachendes Baby auf dem Schoß zu halten. Vermutlich denken die Menschen einfach zu viel über das nach, was sie vermeintlich verlieren, und zu wenig darüber, was sie durch Kinder dazu bekommen. Es ist nämlich durchaus erfüllend abends erschöpft ins Bett zu fallen!

  14. Diese Ogottogottogott-Katastrophe-Haltung scheint mir etwas sehr Deutsches zu sein (ich bin nicht deutsch, lebe aber hier). Meine Aussensicht ist: man will hier gerne hundertprozentige Voraussagbarkeit und Sicherheit haben und hat eine leichte Schlagseite zum Pessimismus. Das ist natürlich Gift, wenn man sich einen potentiellen Risikofaktor wie ein Kind ins Leben holen soll. Die große Lebensfreude, das optimistische Zugreifen ins pralle Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und Überraschungen, was wahrscheinlich hilfreich ist, wenn man Kinder hat/haben wiill, scheint mir nicht sehr deutsch zu sein.

    Ich will hier keinesfalls irgendjemanden beleidigen, aber so empfinde ich das nach gut 10 Jahren in Deutschland.

  15. Oh, soviel Zustimmung zu meinem obigen Beitrag :-D. Dass es vielfach die Frauen sind, die andere Frauen mit Argusaugen überwachen, stimmt leider. Ich nenne das immer den „Mütter-Contest“. Neulich erst wieder vor dem Kiga Herziehen über eine Mutter, die den Geburtstagskuchen für ihr Kind nicht selbst gebacken sondern (absoluter Aufreger) doch tatsächlich gekauft hat. Und Mama B kann nicht nähen? Schnappatmung! Ein genauso großes Thema ist Fernsehen. Fast jede tut es, nämlich die Kinder ab und zu vor „Wicki“, „Die Biene Maja“ oder „Affe Coco“ parken. Aber zugeben? Erst nach langer Kennzeit bzw. dem dritten Glas Sekt.

    Und wenn ich erwähne, dass ich eine Haushaltshilfe habe, werde ich angeschaut (samt entsprechender Kommentare), als käme ich vom Mars und würde unser Geld mit vollen Händen rauswerfen. („Musst du Geld haben“ ist da noch ein eher harmloser Kommentar).

    Zumindest in Irland und UK habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Contest dort nicht ganz so hart ausgetragen wird, keine Mutter (zumindest nicht erlebt) für Ganztagsschule (so und so üblich), Kindermädchen, Haushaltshilfe oder gekauften Kuchen blöd angemacht wird.

    Kann mir jemand erklären, woher der „Mütter-Contest“ hierzulande kommt?

    „Ich kenne nicht wenige Mütter, mich eingeschlossen, deren Männer vor der Geburt ambitionierte Statements über ihre Rolle nach der Geburt gemacht haben und die dann in der Realität deutlich zurückzogen“

    Das ist auch ein wesentlicher Punkt, ja. Wobei ich persönlich da recht gesegnet bin, aber in meinem Umfeld habe ich in vielen Fällen den Eindruck: Je mehr Kinder, desto weniger ist der Papa daheim.

    Was ich nicht bestätigen kann, ist, dass hier viele Kinder ein Manko wären. Im Gegenteil, sie sind eine Art Statussymbol. „Man“ kann es sich leisten, das dritte oder vierte Kind. Erst ab Kind 5 wird eventuell ein wenig gemunkelt.

  16. Flädawisch · · Antwort

    Ich finde dieses ganze „Anreiz“-Gerede in Deutschland solange eine Unverschämtheit, wie es nicht annähernd so viele Kita-Plätze gibt, wie Anfragen.

  17. […] “Reinlesen” empfehle ich die Texte “Biologismus 101” sowie “Nicht für Geld und gute Worte” von Dr. Mutti und “Gender, Mathematik und Wissenschaft” sowie “Steuern […]

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