I am sick of your hate

Vor einigen Tagen begegnete mir in verschiedenen sozialen Medien einem Text mit dem Titel „I hate your kids. And I’m not sorry.“ („Ich hasse eure Kinder. Und es tut mir nicht leid.“).

Nun wurde dieser Text von mehreren eigentlich ganz netten Menschen gepostet, ich erwartete das, was ich schon öfter von eigentlich ganz netten Menschen gesehen habe: Zustimmung zu einem Text, in dem mal wieder irgendeine persönliche Genervtheit vom Leben im Allgemeinen und von Menschen im Besonderen zu einer Art Nachricht oder auch angeblich lustig-überspitzter „Satire“ hochgepusht wird. Das kenne ich schon, denn gerade Kinder und Eltern – besonders natürlich Mütter – sind oft im Fokus solcher Selbstbekenntnisse von Leuten, die von irgendetwas genervt sind. Man erinnere sich etwa an den Bestseller „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ von Anja Maier im Jahre 2011. Dort wurde seitenlang hasserfüllt über stillende Mütter hergezogen, die als „Rinder“ mit einem „Euter“ bezeichnet wurden, es wurde darüber spekuliert, ob jemand diese tierähnlichen Wesen noch des Sexualverkehrs für würdig befinden würde, und als das nicht für ein ganzes Buch reichte, wurden ihnen noch eine Menge anderer Todsünden unterstellt – zu wenig bzw. zu viel Konsum von Getränken in öffentlichen Cafés, Versperren von Bürgersteigen, falsche Modeentscheidungen usw. (Wer es sich antun möchte: hier eine Leseprobe. Wem danach übel ist: hier das Gegenmittel.) Das Ganze war aus meiner Sicht gar nicht mal so originell oder lustig, wie viele Leute fanden, denn es war letztlich eine eher schale Mischung aus Sozialneid („Die sitzen im Prenzlauer Berg und trinken Milchkaffee, obwohl ich schon vorher da war!“) und frauenfeindlichen Memen („Mit denen will doch niemand schlafen!“). Es wurde auch nicht witziger dadurch, dass die Autorin selber eine Frau ist – Frauen, die frauenfeindliches Zeugs von sich geben, das vor allem andere Frauen, nicht sie selbst, treffen soll, gibt es auch immer wieder und wird ja von Redaktionen und Verlagen immer gern genommen. Nun denn. Eine Neuauflage des Barmens über Lärm und Sabber und zu enge Cafés/Gehwege/Treppenhäuser also. Diesmal mit Fokus auf die Kinder selbst. Dachte ich.

Tatsächlich ist dieser Text aber, und das muss man ihm lassen, wirklich etwas Neues. Denn der dort beschriebene Kinderhass wird nicht mit dem Verhalten oder sonstigen Begleitumständen von Kindern begründet, so wie man das sonst kennt: Sind zu laut, reden im Zug bzw. KÖNNEN gar nicht ordentlich reden, rennen herum und spielen wild bzw. KÖNNEN gar nichts und sind deshalb langweilig… Nein. Die Autorin Alanna Weissman macht sehr ausführlich klar, dass ihr das alles relativ egal ist. Sie hasst einfach Kinder.

In den Kommentaren neigen viele Leute dazu, das tatsächlich Besondere daran kaum wahrzunehmen oder herunterzuspielen und so den von der Autorin artikulierten Hass zu relativieren, rationalisieren oder zu entschuldigen. „Vielleicht mag sie nur kein Geschrei“, „Vielleicht will sie nur kein eigenes Kind bekommen und ist genervt, weil sie sich dafür rechtfertigen soll“ oder auch „‚hate‘ klingt nur so stark, es bedeutet nicht dasselbe wie ‚Hass'“. Liest man den Text jedoch genau, wird klar, dass diese Erklärungen und Einschränkungen für die Autorin nicht gelten.

Sie hasst nämlich nicht nur schreiende oder sich sonst irgendwie danebenbenehmende Kinder. Nein, sie hasst sie alle, immer. Die Braven und Ruhigen nicht weniger als die Unartigen und Lauten. Die von ihren Freundinnen oder in der Familie genauso wie die von Unbekannten auf der Straße. Natürlich will sie auch keinen eigenen Kinder, aber das reicht ihr nicht – sie will nicht mit Kindern in Berührung kommen. Und sie meint mit ‚hate‘ ziemlich genau das, was wir im Deutschen unter ‚Hass‘ verstehen, und bekräftigt dies sehr explizit: „I basely, emphatically, viscerally hate children.“ (In der Übersetzung von Anatol Stefanowitsch: „Ich hasse Kinder niederträchtig, mit Nachdruck, aus tiefstem Herzen.“) Sie hasst sie. HASST. Es ist ihr selbst sehr wichtig, dass es hier nicht um Genervtheit oder leichte Abneigung geht. Sie steht auf, wenn sich ein (wohlerzogenes) Kind in der U-Bahn neben sie setzt. Wenn ein Kind sie aus Versehen berührt, zuckt sie zurück „wie bei einem 10.000 Volt-Stromschlag“. Sie empfindet Übelkeit, wenn sie ein Baby – auch nur kurz, aus der Notwendigkeit heraus – halten soll. Aber warum denn nur, kann man sich fragen. Die Autorin möchte diesen Hass als eine Art angeborenes Persönlichkeitsmerkmal definiert wissen, für das sie nichts kann, und das deshalb auch umfassend von allen anderen Menschen akzeptiert und respektiert werden soll, ja MUSS. Denn schließlich ist es Teil ihrer Identität. Und die Tatsache, dass sie ab und zu befremdete Blicke erntet, ist ein klares Zeichen dafür, dass sie eigentlich eine Diskriminierte ist.

Nun muss ich mich immer wieder mal wundern, was heutzutage so alles als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal durchgehen soll. Man würde ja meinen, dass bei einer hochkomplexen Spezies wie den Menschen Überzeugungen und ja, auch damit verbundene Gefühle, durchaus veränderbar sind – zum Beispiel auch durch selbstkritische Reflexion. Sogar hartnäckige Phobien können durch bestimmte Therapieformen in den Griff bekommen werden. Aber das will die Autorin nicht, sie sieht ihren Kinderhass nicht als Problem, schon gar nicht als ihres, sie möchte respektiert werden, so wie sie ist. Dass das (angeblich) nicht so ist, ist der Kern ihrer Beschwerde an die Welt. Tatsächlich bekommt man beim Lesen des Textes aber sogar das Gefühl, sie möchte nicht nur respektiert, sie möchte eigentlich sogar bewundert werden – für den Mut, eine so unpopuläre Haltung laut herauszuposaunen und so den vielen unterdrückten und verschüchterten Kinderhassern da draußen endlich eine Stimme zu verleihen.

Aufmerksamkeit und Zustimmung, ja, auch Applaus hat sie dafür in den Kommentaren und in den sozialen Medien bekommen. Allerdings auch eine Menge Unverständnis und Ablehnung – was natürlich nur ihren eigentlichen Punkt bestätigt, oder? Sie wird tatsächlich für ihre Gefühle, für die sie nach eigener Einschätzung nichts kann, kritisiert! Ist das nicht gemein?

Ich würde sagen: Nein. Schließlich richtet sie ihren Hass gegen eine Gruppe von Menschen, die sich selbst mit Sicherheit nicht bewusst dafür entschieden haben, Kinder zu sein. Sie sind es eben, und damit gehören sie außerdem einer Gruppe von Menschen an, die mit am häufigsten Opfer von Gewalt werden, die wenig eigene Rechte haben und sie im Zweifelsfall nicht allein durchsetzen können. Sie können überhaupt ihren Mitmenschen wenig tun – außer sie zu nerven. Sie sind weitgehend hilflos und für das pure Überleben darauf angewiesen, dass einige Nicht-Hasser/innen sich um sie kümmern und sie beschützen. Diese Menschen uneingeschränkt und als Gruppe zu hassen – selbst wenn das in irgendeiner Weise tatsächlich „angeboren“ wäre – ist nichts Bewundernswertes. Es ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Es in einer Zeitschrift lang und breit und mit Liebe zum Detail auszubreiten, ebenfalls nicht – es ist einfach ein Text, der hasserfüllte Inhalte verbreitet und eigene Befindlichkeiten als irgendetwas Wissens- und Schützenswertes darstellt – man kennt dafür auch den Begriff „Egozentrismus“. Warum sollte ich das bewundern? Das Geringste, was die Autorin meiner Meinung nach tun könnte, wäre, einfach über diesen Aspekt ihrer Persönlichkeit die Klappe zu halten, Kindern aus dem Weg zu gehen (es ist nicht so schwer, vor allem als Journalistin und Autorin) und selbst mit ihren Hassgefühlen fertig zu werden.

Und nein: Ich hasse Alanna Weissman nicht. Aber ich hasse ihren Kinderhass und ihr egozentrisch darum herum konstruiertes Argument, sie sei eine Geächtete. Ja, und das tut mir leid, I’m sorry – für sie.

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4 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Post, danke!
    Vielleicht liegt in diesem einfachen, anlasslosen Hass auf Kinder auch das Geheimnis der üblichen Ablehnung von Kindern: zu anstrengend, zu teuer, zu laut. (Sie sind anstrengend, teuer und laut. Aber das steht auf einem anderen Blatt.) Eigentlich mögen diese Leute die (also wahrscheinlich nicht zuletzt: ihre) Kindheit nicht. Würden aber gerne, wie so oft beim Ekel.
    Aus solchen Ambivalenzen und gar dem hilflosen Versuch ihrer Auflösung in Hass eine Haltung machen zu wollen wirkt in der Tat überdreht und eigenlich recht wenig mutig. Bleibt die Frage, was läuft denn nun in der Kindheit heute falsch, dass Manche sich so gar nicht mit ihr anfreunden können?

  2. Vielen Dank! Ganz ehrlich, der Ursprungsartikel macht mir Angst. Es macht mir immer Angst, wenn Menschen so unreflektiert in der Gegend herumhassen und das nonchalant als Charaktermerkmal verkaufen.

    Das ist irgendwie…ich weiß nicht…wie wenn ich durch mein Viertel laufe und sage: „Hach, ich hasse Araber einfach. Ist angeboren, ich hasste die schon immer. Mir fehlt da einfach das Toleranzgen. Ich wünschte, ich würde damit einfach akzeptiert. Schlimm, diese Diskriminierung Andersdenkender!“

    Ächz.

  3. Ersetzte man Kinder in ihrem Text durch bspw. Schwarze hätte sie den Shitstorm ihres Lebens am Hals. Aber so … sind ja nur Kinder.

  4. „Wir haben euch was mitgebracht
    HASS HASS HASS“

    Hass zerstört eine*n selbst..
    Früher oder später..wenn er nicht geheilt wird, was oft durch kinder geschieht, wenn sie eine*r die hand reichen, nur gutes erwarten, unschuld, vertrauen in ihren augen, ihr lachen verändert die seele, macht sie weich und offener, lässt eine*n liebe zulassen, liebe, das fehlt den hassenden auf der welt.
    Lovis

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