Lob der Superpapas

Seit Anfang der Woche wird in der Presse (zum Beispiel im SPIEGEL, in der WELT und dem FOCUS) den sozialen Medien (etwa hier und hier oder unter #offensivevaterschaft) über ein Elternteil eines scharlachkranken Kindes berichtet und debattiert. Nanu, könnte man sich fragen, was hat diese Person denn Außergewöhnliches gemacht? Eigentlich nichts, wäre die Antwort – lediglich drei Tage zu Hause geblieben, um das Kind zu pflegen – bis nach drei Tagen das andere Elternteil wieder übernimmt. Tatsächlich kaum der Rede wert, aber immerhin handelt es sich um Sigmar Gabriel, SPD-Chef, Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister und VATER, da wird so etwas schnell zu einer Meldung.

Ein Mann übernimmt also zumindest einen Teil seiner väterlichen Pflichten, so weit, so schön. Was aber viele – vor allem Mütter – aufregt, ist erstens, dass das tatsächlich eine Meldung ist und dass Sigmar Gabriel für so eine Selbstverständlichkeit auch noch Lob bekommt. Wäre Sigmar Gabriel eine Frau, so lautet das Argument, stünde als Bewertung einer solchen Handlung entweder müdes Achselzucken („Na und? Selbstverständlich!“) oder pseudobesorgte Kritik („Na? Ist sie dem Job wirklich gewachsen? Und kommt das Kind auch nicht zu kurz?“) als Bewertung zur Verfügung. Damit haben sie Recht – und wie bestellt können ebenjene Kritikerinnen nicht nur mit „Was wäre wenn“ argumentieren, sondern auf einen SPIEGEL-Artikel über Manuela Schwesig verweisen, der genau das macht: Gleichzeitig kritisieren, dass die Familienministerin ihren Job wegen des Kindes nicht richtig mache und Sorge um das arme, vernachlässigte Kind heucheln. Ja, das ist das Allerletzte, das muss ich leider bestätigen.

Aber was ist mit dem Lob für Sigmar Gabriel – und die vielen anderen Väter, die „ihre Vaterrolle ernstnehmen“ und die dafür Jubel und Applaus ernten? Ist das falsch? Ja, meint die taz:
„Es sind auch solche Attribuierungen, die zur Manifestation einer Norm führen, die unsere Gesellschaft doch eigentlich so gerne überwinden will. Zumindest geben viele vor, dass sie sich das wünschten. Doch dann müssten wir aufhören, Väter für Selbstverständlichkeiten zu heroisieren. Nein, Facebook-Chef Mark Zuckerburg hat keine Millionen Likes verdient, nur weil er seiner Tochter die Windeln wechselt. Und nein, er ist auch kein positives Vorbild, das den gesellschaftlichen Wandel vorantreibt, nur weil er ein Bild davon postet. Auch er manifestiert mit dieser Herausstellung des Besonderen nur die Abweichung von der Norm: dass das Arschabwischen eigentlich eine Aufgabe für die Mama sei. Genauso wie das Zuhausebleiben oder das tägliche Ausbalancieren von Familie und Beruf.“

Im Grunde finde ich das richtig. Es nervt natürlich, dieses Gefeiere von Selbstverständlichkeiten und Feigenblättchen. Nur: Die Aufmerksamkeit, die diese „besonderen“ Väter bekommen, spiegelt im Grunde nur wider, dass es eben in unserer Gesellschaft tatsächlich immer noch eine Besonderheit IST, wenn ein Vater nicht nur für die halbe Stunde Toben am Abend oder den Gang ins Fußballstadion zuständig ist, sondern wenigstens zum Teil auch für das mühsame Alltagsgeschäft des Windelwechsels, der Krankenpflege, des Abholens und Bringens und des Stulleschmierens. Man kann natürlich fordern, dass man umgehend damit aufhören sollte, dies weiterhin als Besonderheit DARZUSTELLEN, um damit diskursiv die bestehenden Verhältnisse zu bestärken. In einer Diskurslogik ist das vielleicht schlüssig. Aber ich frage mich, was die Alternative wäre? Über diese Väter zu schweigen oder jedesmal loszuzetern, wenn einer von ihnen den Mund aufmacht oder, wie man das heutzutage eben macht, ein Foto postet oder gleich ein Buch über seine Grenzerfahrungen als Papa schreibt? Aber würde das den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer ernsthaft gleichberechtigten Gesellschaft vorantreiben? Ich glaube nicht. Denn darüber geschwiegen, wer etwas macht und wer etwas nicht macht, wurde ja die ganzen Jahrzehnte vorher auch. Das hat einem großen Teil der männlichen Bevölkerung ermöglicht, sich einfach gar nicht mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen – und genau das würde auch weiter passieren. Ein Sigmar Gabriel, der stillschweigend und ohne große Presse und Tamtam seine kranke Tochter hütet, wäre mir persönlich zwar deutlich sympathischer. Aber der Teil der Bevölkerung, der immer noch einem klassischen Rollenmodell mit Betreuungsmutti und Arbeitspapi anhängt, würde davon nichts mitbekommen – und auch nicht anfangen, Gabriel nachzuahmen oder auch nur die eigenen Handlungsmuster und Rollenbilder zu hinterfragen. Und deshalb stimme ich hier einfach mal nicht mit der taz überein, jedenfalls nicht völlig: Denn ich finde, Zuckerberg beim Windelwechseln kann schon ein positives Vorbild sein und vielleicht auch den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben, denn gesellschaftlicher Wandel passiert an dieser Stelle eben nicht stillschweigend und wie von selbst. Vielleicht BRAUCHEN wir, oder vielmehr die, die diesen Wandel noch gar nicht angefangen haben, an dieser Stelle solche Symbole und Vorbilder.

Vielleicht sollte man das Ganze überhaupt weniger als Diskurs begreifen, sondern als eine Art Erziehung. Und da würden Mütter ja auch nicht erwarten, dass ihre Kinder von ganz allein und stillschweigend Dinge lernen und sich ändern. Bei Kindern gehen wir selbstverständlich so vor: Wenn das Kind das erste Mal allein den Löffel in den Mund steckt, die Hose anzieht, das Zimmer aufräumt, die Schulmappe packt – jedesmal wird es lauthals gelobt. Niemand sagt: „Ist ja wohl keine große Sache, selber essen, das macht doch jeder!“ Oder „Wurde ja wohl mal Zeit, dass du dich selbst anziehst, das ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit!“

Ja, auf lange Sicht gesehen, sind alle diese Dinge selbstverständlich und genau deshalb hört man auch irgendwann mit dem Lob auf und geht dazu über, zu tadeln, wenn etwas NICHT passiert – zum Beispiel Zimmer aufräumen. Das Ganze folgt einer Entwicklungslogik. Natürlich darf es nicht beim ständigen Lob bleiben – die Anforderungen müssen steigen, Dinge, die zuerst etwas Besonderes waren, müssen normal werden, und irgendwann gibt es auch nicht mehr eine Person, die fordert und bewertet und eine andere, die folgt (oder auch nicht) und belohnt wird. Sondern zwei mündige Menschen, die sich – hoffentlich – verantwortungs- und rücksichtsvoll verhalten. Die Gleichberechtigung in Sachen Kinderbetreuung steckt also quasi noch in den Babyschuhen und muss deshalb ein bisschen gehätschelt werden – mit dem Ziel, dass das irgendwann nicht mehr nötig ist.

Natürlich, das ist eine Metapher. Trotzdem kann sie vielleicht etwas zeigen. Und wer doch der Diskurslogik folgen will: Zum Wandel, zum Neuaushandeln von Gegebenheiten reicht es nicht, über Selbstverständliches zu schweigen. Insofern gehört das Lob Gabriels und die Kritik an diesem Lob genau zu diesem Wandel. Einfach verzichten können wir darauf nicht – auch wenn es nervt.

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9 Kommentare

  1. Schöner Artikel. Und eins sollte man auch nicht unterschätzen: Chefs, die bei „Kind ist krank, muss heute zuhause bleiben“ Widerstand leisten, kann man jetzt entgegenhalten: „Ich bin also Ihner Meinung nach unentbehrlicher als der Vizekanzler. Iiinteressssant…“

    1. Und genau das ist es doch, weswegen es tatsächlich dieses Lob in den Medien geben muss, auch wenn wir uns alle wünschen würden, dass wir hier schon weiter wären: die Chefs müssen kapieren, dass ein sich ums Kind sorgender Vater einfach zur Gesellschaft gehört. Ich würde mal behaupten, dass es bereits eine kritische Masse an Vätern gibt, die da gerne mehr machen würden, sich aber vor ihren Vorgesetzten „fürchten“..

  2. Hat dies auf endolex rebloggt.

  3. also als ich mein drittes Kind per Kaiserschnitt bekam und drei Wochen im Krankenhaus bleiben musste hat mein Mann damals drei Wochen lang die Restfamilie versorgt ohne dass es in irgendeiner Zeitung stand! Der Sohn ist mittlerweile 34 und selber Vater !

  4. Darüber schweigen sollte man bestimmt nicht, aber ich bin mir ganz sicher, dass es bereits heute viel nennenswertere Beispiele gibt als Gabriel.

    Ich zweifle stark an, dass das Verhalten von SG Vorbildcharakter hat. Im Gegenteil. Ich glaube es ist sogar schädlich jemanden abzufeiern, der nur ein Minimum (ein bisschen mehr als nichts) einbringt.

    Für mich baut sich so das ewige Argument: „Sei doch froh, das ist besser als gar nichts“ auf. Damit zementiert man eher den Status Quo. Das reicht dann ja. Immerhin macht der Vizekanzler auch nicht mehr.

    Was die Erziehungsmetapher angeht: Selbst meinen Kindern unterstelle ich, dass sie lernen WOLLEN. Dann ist das unterstützen und loben sinnvoll.
    Ein Großteil der „offensiven Väter“ oder „neuen Helden“ oder wie auch immer man diese Väter nennen möchte, die ein bisschen mehr als nichts machen, will doch gar nicht mehr (können).
    Es geht in meinen Augen nicht um ein Mangel an Kompetenz oder darum Unsicherheiten zu überwinden oder Übung zu bekommen. In so einem Fall wäre ich die letzte, die nicht für Unterstützung und Lob plädieren würde.

    Ich glaube, die meisten fühlen sich doch wohl mit ihren Privilegien frei zu entscheiden, ob sie sich an der Familienarbeit, an ihren Kindern beteiligen oder nicht. Und sie fühlen sich wohl, wenn sie abgefeiert werden, weil sie 2 Monate „Elternzeit“ (gemeinsam mit ihrer Frau als Möglichkeit des verlängerten Sommerurlaubs) machen und sich dann im Betrieb als moderne Väter abfeiern lassen können.

    Ich hätte gerne, dass über all die Männer berichtet wird, die das ordentlich machen, die das mit Verantwortung machen, die das mit Liebe zu ihren Kindern machen.

    Ich hätte gerne, dass weiter kritisiert werden kann. Weil wie entsteht denn Veränderung? Doch nur durch das Fordern von mehr (Einsatz).

    1. Michael · · Antwort

      Ja genau so war das bei mir, als ich nach der Geburt 2 Monate Elternzeit genommen habe, um meine Frau zu Hause zu unterstützen… Das war wie verlängerter Sommerurlaub und ich wurde im Büro natürlich total „abgefeiert“ als moderner Vater. Nicht.

      In Wahrheit interessiert das im Büro kein Schwein wer wie lange Elternzeit oder sonstwas macht, und wir sind noch ein recht kleines Büro, würde mal tipppen in großen Büroetagen interessiert das noch weniger. Meine Frau war dagegen sehr froh darum, nicht komplett alleine zu Hause zu sein. Ich habe die Zeit mit meiner größeren Tochter genossen und mich genauso (ok mal abgesehen vom Stillen) um den neuen Wurm gekümmert wie meine Frau.

      Auch wenn ich der Argumentation in einigen Punkten folgen kann, erschließt sich mir überhaupt nicht, warum man die zwei Monate Elternzeit einem Mann so negativ auslegt. Also als netten Sonderurlaub den man gerne mit nimmt. Weiterhin verstehe ich auch nicht, woher die Gewissheit „Ein Großteil der “offensiven Väter” oder “neuen Helden” oder wie auch immer man diese Väter nennen möchte, die ein bisschen mehr als nichts machen, will doch gar nicht mehr (können).“ kommt. Schon in der Wortwahl kommt eine Feindseligkeit rüber (die „“, …nennnen möchte…), die ich nicht verstehen kann.

      Was steht dahinter? Es muss ja wohl die 20Std Woche für beide mit geteilten Haushaltsaufgaben sein, darunter geht es nicht? Alles andere ist zu verurteilen? Wenn jetzt einem Partner die Zeit mit den Kindern wichtiger ist, ist der andere ein Unmensch? Wenn der eine bei der Geburt schon deutlich weiter in seiner Karriere ist und der andere garnicht das Ziel hat Karriere zu machen ist das soo 1950? Wie sind denn da die Umstände bei den Gabriels, hat das mal jemand erfragt? Oder spielen diese Fragen für Sie einfach keine Rolle und es bleibt bei: Alles was nicht genau 50/50 gehandelt wird, ist per se Mist?

      vg

  5. […] Ich mag ja Diskussion und setze mich gerne mit weiteren Aspekten auseinander. Deswegen aus den Kommentaren hochgezogen der Artikel „Lob der Superpapas„: […]

  6. […] nein, ich möchte den Mann nicht erziehen und ich finde nicht, dass Frauen sich dies zur Aufgabe machen sollten, damit es besser läuft. Es […]

  7. […] Mutti meint: Loben ist Erziehen. Und genauso, wie Kinderegos getätschelt sein wollen, wenn das erste Mal Schuhe binden klappt, […]

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