Einwortsätze, Schere, Bildungsmisere

Das Thema Bildung – vor allem in Form von großen Bildungsunterschieden – wird von den konservativen Medien gerne und häufig beschrieben, beklagt und bejammert. Merkwürdig eigentlich, denn wer an althergebrachten Verhältnissen festhalten will, für den müssten Bildungsunterschiede eigentlich normal, vielleicht sogar wünschenswert sein, denn schließlich gehen diese relativ zuverlässig auch mit sozialen Unterschieden einher. Deren Abschaffung wäre ja eher progressiv. Aber natürlich bietet es auch eine Möglichkeit, auf weniger wohlhabende und weniger gebildete Menschen herabzublicken und sie mit guten Ratschlägen zu bedenken – und dies machen konservative Medien gern. So auch dieser aktuelle Artikel eines ehemaligen Gymnasiallehrers in der FAZ.

Wie gewohnt muss dabei betont werden, dass viele Eltern ihrer Pflicht zur Erziehung ihrer Kinder nicht vernünftig nachkommen. Der Beleg dafür: die riesigen Unterschiede im Können und Wissen und letztlich im Bildungserfolg von Kindern. An dieser Stelle wird gern ein Schreckensszenario entworfen, eine Reihe von sogenannten Sachbüchern hat aus der „humorvollen“ Darstellung von dummen Schüler/innen außer Rand und Band ein ganz neues Genre geschaffen, eine Art Überlebensbericht von Lehrer/innen (z.B. dies, dies und dies). Dabei steht meistens nicht die wahrheitsgetreue Darstellung irgendwelcher Missstände im Vordergrund, sondern eher billige Lacher auf Kosten der dargestellten Schüler/innen und deren Eltern. Der Artikel in der FAZ verzichtet zwar auf die humorige Darstellung, sehr realistisch ist er allerdings auch nicht: „Kinder aus bildungsfernen Familien sprechen häufig nur in Einwortsätzen und haben noch nie eine Schere in der Hand gehabt.“ Das ist schon ziemlicher Blödsinn, denn würde ein Kind im letzten Vorschuljahr nur Einwortsätze sprechen können, würde es im Normalfall nicht eingeschult werden. Aber natürlich sprechen auch Kinder aus sogenannten „bildungsfernen“ Familien mehr als Einwortsätze, wenn bei ihnen keine schwere Sprachentwicklungsstörung vorliegt. Aber das Schreckensszenario muss schrecklich sein, denn darauf folgt das Argument, dass an solchen furchtbaren Zuständen „die Grundschullehrerin“ (oder auch „die Schule“ an sich) nun beim besten Willen nichts ändern kann. So weit auch der Artikel von Rainer Werner.

Tatsächlich wäre es aber gar nicht nötig, derart billige Vorurteile gegenüber „bildungsfernen“ Eltern zu schüren, denn eines ist ja unbestritten und richtig: Der Bildungshintergrund der Eltern korreliert in Deutschland sehr stark mit dem Bildungserfolg der Kinder. Auch das ist nicht die Schuld „der Grundschullehrerin“, die natürlich keine Noten je nach Beruf der Eltern vergibt – so das ziemlich lächerliche Strohmann-Argument Werners. Aber mal abgesehen davon, dass natürlich Erwartungen und Stereotype Lehrer/innen in ihrer Wahrnehmung von Schüler/innen beeinflussen können, gibt es sicher unterschiedliche Bildungserfahrungen, schon wenn die Kinder in die Schule kommen. Es ist richtig, dass intensive Beschäftigung mit dem Kind positive Wirkung hat. Insofern kann man sich natürlich wünschen, dass jedes Kind abwechslungsreiche und anregende Angebote zum Sprechen, Singen, Basteln, Sport, Spielen, Lernen und Sich-Ausprobieren bekommt und damit optimale Startbedingungen für die schulische Bildung hat.

Nur: Wenn das zu Hause nicht passiert, ist es selten so, dass die Eltern einfach nur keine Lust darauf haben. Sie haben in vielen Fällen keine Zeit, kein Geld und nicht zuletzt vielleicht selber nicht den Bildungshintergrund, der ihnen ermöglichen würde, die Erziehung ihrer Kinder entsprechend zu gestalten. In diesen Fällen hilft auch kein „Reden“ oder „In-die-Pflicht-nehmen“. Wenn eine alleinerziehende Mutter sich und ihr Kind mit möglicherweise mehreren schlecht bezahlten Jobs durchbringt, fehlt die Zeit, und zwar fehlt die Zeit wirklich, es ist keine Ausrede oder beschönigende Formulierung für „keine Lust“. Mitgliedschaft im Sportverein kostet Geld, Schwimmbad kostet Geld, der Besuch von Zoo und Museum kostet Geld, Bücher kosten Geld – für manche Familien zu viel Geld. Auch das ist in einigen Familien keine Ausrede, sondern traurigerweise Realität. Dass es dafür von Seiten der Politik zumindest zaghafte Lösungsvorschläge gibt, ist sicher gut. Von mir aus sollen finanzielle Hilfen auch gerne mit Beratungsangeboten für Eltern ergänzt werden. Ausreichend wird das aber in den meisten Fällen nicht sein.

Nun kommt der FAZ-Artikel tatsächlich mit einem zumindest nicht ganz verqueren Vorschlag: Die Ausweitung der Kindergarten- bzw. Vorschulpflicht. Aber auch hier scheint er davon auszugehen, dass das Problem vor allem in der Uneinsichtigkeit der Eltern liege, die ihre Kinder dem Kindergarten oder der Vorschule mit ihren Bildungsmöglichkeiten fernhalten. Hier muss sicher jede/r, die in den letzten Jahren einen Kindergartenplatz für ihr/sein Kind gesucht hat, herzlich lachen. Kindergartenpflicht, ja, gute Idee, aber vielleicht erst einmal ein Kindergartenplatz für alle, die ihn dringend benötigen? Und vielleicht sogar das Recht auf einen Platz, auch wenn ein Elternteil nicht arbeitet? Vielleicht gar kostenlos? Denn bisher ist klar, dass ein Kind mit einem arbeitslosen Elternteil noch nicht einmal einen sogenannten Kita-Gutschein vom Jugendamt bekommt. Und selbst die Eltern mit dem benötigten Gutschein finden oft keinen Platz. Dazu kommen je nach Bundesland erhebliche Kosten. Es ist also völlig klar, welche Kinder nie einen Kindergarten besuchen werden.

Wenn sich dies nicht Generation für Generation wiederholen soll, hilft nur eins: ein Durchbrechen der Kette „vererbter“ „Bildungsferne“ – und das können nur die Bildungseinrichtungen. Nicht „die Grundschullehrerin“ allein. Sondern die finanzielle, strukturelle und konzeptionelle Verbesserung von Schulen und Kindergärten.

Allein durch mehr Personal können viele Probleme schon verringert werden, denn natürlich ist eine sehr große heterogene Klasse schwieriger zu unterrichten als eine kleine heterogene Klasse. Dass es in der ersteren dazu kommen kann, dass die Lehrkraft froh ist, wenn sie oder er eine weitere Unterrichtsstunde ohne großes Chaos hinter sich gebracht hat, ist individuell verständlich. Für die Kinder ist es aber eine Katastrophe, vor allem für die, die nicht einfach „mitlaufen“ und irgendwie schon etwas aus dem Unterricht ziehen können. Für die Lehrkräfte ist es mittelfristig ebenfalls eine Katastrophe, denn Freude und Befriedigung aus dem Unterrichten zu ziehen, wird so fast unmöglich. Wer nur Erleichterung verspürt, wenn die Arbeit vorbei ist, hält wahrscheinlich auch kein 40-jähriges Arbeitsleben unbeschadet durch. Mehr Personal könnte auch heißen, mehr Unterstützung durch Expert/innen: Also z.B. Lehrkräfte, die sich im Bereich Deutsch als Zweitsprache qualifiziert haben, Sonderpädagog/innen, Sozialpädagog/innen, die die Lehrer/innen unterstützen.

Hier wäre man gleichzeitig bei strukturellen Veränderungen angelangt: Bisher ist es der Normalfall, dass eine und nur eine Lehrkraft in der Klasse steht. Co-Teaching und andere innovative Lehrformate brauchen sehr lange in das deutsche Schulsystem. Und schließlich gilt es auch, sich konzeptionell geänderten gesellschaftlichen Bedingungen und Ansprüchen anzupassen.

Unsere Gesellschaft ist diverser und heterogener als noch vor 50 Jahren – z.B. gib es mehr Migrant/innen und Menschen mit Migrationshintergrund. Gleichzeitig haben wir einen höheren Anspruch an die Bildung aller. Vor hundert Jahren war es aus der Sicht der meisten völlig normal und in Ordnung, dass ein Teil der Bevölkerung nur rudimentäre Kenntnisse der Schriftsprache hatte. Fabrikarbeiter/innen oder Landbevölkerung „brauchten“ keine Lesekompetenzen, wie sie heute durch die IGLU- und PISA-Studien getestet werden. Dass Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen überhaupt eine Art der Schulbildung genießen sollten, hätten damals viele für geradezu absurd gehalten. Für mich ist es einer der großen Fortschritte des letzten Jahrhunderts, dass heute ein anderer gesellschaftlicher Konsens über das Recht auf Bildung besteht. Allerdings sind einige tiefgreifend in der Struktur unseres Bildungssystems verankerten Ideen von Schule noch klar im letzten Jahrhundert verortet. Innerhalb dieses Systems kann die vielzitierte Grundschullehrerin natürlich nur beschränkt daran mitarbeiten, bestehende Bildungsunterschiede abzubauen.

Aber auch „die Grundschullehrerin“ von heute muss sich mit dem Umgang mit Leistungsunterschieden und unterschiedlichen sozialen und Bildungshintergründen auseinandersetzen – und im Übrigen ist das inzwischen Teil jedes Lehramtsstudiums in Deutschland. Hätte der Autor des FAZ-Artikels ein bisschen Ahnung von dem, was sich seit Jahren in den Lehramtsstudiengängen der Universitäten, in den Studienseminaren für Referendar/innen und in den Lehrer/innenfortbildungen tut, hätte er sicher schon von „sprachsensiblem Unterricht“, „Inklusion“ und „heterogenen Lerngruppen“ gehört – wichtige Themen in allen Phasen der Lehramtsausbildung. „Heterogen“ meint damit übrigens in den meisten Fällen tatsächlich sogar mehr als nur Unterschiede in den vorschulischen Bildungserfahrungen. Sondern es schließt nach dem Grundsatz der Inklusion – der inzwischen von den Bildungs- und Kultusministerien gängige Vorgabe ist – auch Kinder mit Behinderungen ein. Insofern kann es tatsächlich in jeder Klasse Kinder geben, die nicht nur keine Schere gehalten haben, sondern die vielleicht auch nie eine halten können werden. Und es kann und wird in den Schulen Kinder geben, für die aufgrund ihrer Behinderung „Einwortsätze“ bereits ein riesiger Lernerfolg wären – wofür man sicher auch nicht den Eltern die Schuld oder Verantwortung zuschieben kann.

Man kann sich also sicher wünschen, dass Eltern ihren Kindern Lernanregungen und Förderung zukommen lassen. Wenn man dies allerdings ehrlich wünscht, dann sollte man im Interesse folgender Generationen daran arbeiten, soziale Ungleichheit zu verringern und das Schulsystem zu verbessern. Aber das ist natürlich anstrengend. Es kostet. Es dauert. Und es fühlt sich auch nicht so erhebend an wie das Herabblicken auf das Versagen anderer.

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3 Kommentare

  1. Claudia · · Antwort

    DANKE!

    (Oh hups, ein Einwortsatz. Tja da bin ich wohl so ein verlorenes, bildungsfernes Seelchen, bei dem jegliche Anstrengung seitens der Gesellschaft vergebens ist. Ich gebe am besten rückwirkend mein Abi ab.)

  2. Seren · · Antwort

    Noch ein Einwortsatz…
    Wunderbar!

  3. Weiß auch nicht, wie die sich das immer vorstellen. Tonübertragung des abendlichen Vorlesens zum Nachweis der absolvierten Bildungspflicht ans nächste Polizeirevier? Es klingt so einfach: Dann nimmt man die Eltern in die Pflicht. Aber wer soll das tun und wie? Um zusätzliche Sozialarbeiter oder andere niederschwellige Angebote, die Eltern unterstützen, geht es ja meistens nicht, denn das kostet ja Geld und Mühe. Irgendwie soll anscheinend jemand „du du du“ sagen und dann machen die armen, bisher fehlgeleiteten Eltern schon was sie sollen. Oder Hartz-4-Sätze kürzen, das hilft bestimmt auch … nicht. Diesen Lehrer würde ich auch gern mal in die Realität unserer Grundschule mitnehmen und dann kann er gern erklären, wie er sich das vorstellt .

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