Eine Prinzessin im Weltraum

Der Fasching tobt landauf-landab. Ich persönlich gehöre ja zu den Faschingsflüchtern. Nun kann ich mich zwar selbst entziehen, aber da sind ja noch die Faschingsparties im Kindergarten. Diese sind übrigens ungleich niedlicher als die Ansammlungen älterer Herrschaften mit lustigen Hüten. Allerdings herrscht auf diesen Kinderparties fast durchgängig eisenharte Geschlechtertrennung. Mädchen gehen als Prinzessin. Jungen gehen als – nein, eben nicht nur als Cowboy oder Superman, sondern als alles mögliche. In der Kindergartengruppe der Tochter waren die Jungen Drache, Katze, Handy, Darth Vader, Tiger, Zauberer, Schneemann und – mein persönlicher Favorit – Putzmann. Die Mädchen waren Prinzessinnen. Nein, Entschuldigung, sie waren Königin Elsa und Anna, Schneewittchen, und der Rest waren „normale“ Prinzessinnen. Nicht, dass der Unterschied irgendwie erkennbar gewesen wäre, aber selbst wenn, die Diversität scheint mir doch deutlich eingeschränkter. Immerhin, zwei Mädchen beziehungsweise deren Eltern hatten sich aus dem Schema herausgewagt mit einem Schmetterlingskostüm und einer Giraffe, letztere allerdings mit einem Tütü.

Ja, es ist klar, was jetzt kommt: Was ist schlimm an Prinzessinnen? Ist doch außerdem nur Fasching, Spaß, Verkleiden, hat mit der Realität nichts zu tun! Verbissener Genderwahn, ausgetragen auf dem Rücken unschuldiger und völlig unbefangener Kinder! Kann ja alles sein, aber es wundert einen doch, wenn beim Fasching ganz zufällig und völlig aus Spaß die Realität fast schon karikaturhaft widergespiegelt wird. Denn ist es nicht auch an allen anderen Tagen im Jahr so, dass für Mädchen das Farbspektrum von hellrosa bis dunkellila vorgesehen ist, aufgelockert mit etwas Gold und Silber, während die Jungen gelbe, rote, grüne, blaue, braune, schwarze, graue, weiße und orange Sachen tragen? Komischerweise wiederholt sich dies exakt in den Kostümen. Ähnliches beim Spielzeug für Jungen und Mädchen. Dass „Mädchenspielzeug“ sich um Haushalt, Kinderversorgung, Shopping und Schönsein dreht, und auch entsprechend farblich gekennzeichnet wird, etwa mit dem rosa Herd, ist natürlich auch nur Spaß, klar. Es hat nichts damit zu tun, dass Frauen auch in unserer Gesellschaft stärker in dieser Rollen gesehen werden. Und warum genau haben Jungen in den Kinderbüchern vorrangig die Rollen der starken Helden oder auch der interessanten Außenseiter auszufüllen, während Mädchen Nebenrollen, ängstliche zu beschützende Muckelchen oder eben, nun ja, Prinzessinnen sind? Alles nur Fantasie?

Aber die Kinder wollen es doch so, kommt jetzt der Einwand. Ja, wollen sie auch. Zumindest zum Teil, denn man wundert sich schon, dass zwei- bis fünfjährige Jungen mit solch fantasievollen, sehr unterschiedlichen Kostümideen aufwarten (Schneemann! Handy!), während den Mädchen immer nur ein mögliches Kostüm einfällt. Dass auch die Eltern hier einen gewissen Einfluss haben, scheint Ihnen da immer noch abwegig?

Natürlich kommt jetzt jemand mit der eigenen Geschichte: Doch, man WOLLTE es der Tochter ausreden, man hat alle möglichen Kostüme vorgeschlagen, aber die Tochter beharrte unter Tränen auf dem Prinzessinnenkostüm. Also: Es war der Wille der Tochter, nicht der der Eltern. Diese Geschichte glaube ich sogar. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, warum sich dies offensichtlich in den meisten Elternhäusern mit kleinen Mädchen abspielt? Sie haben wahrscheinlich selber noch nie Gruppendruck erlebt? Oder vielleicht doch? Wenn ja, erinnern Sie sich vielleicht auch an den merkwürdigen Effekt, dass man nach einer Weile meist selber nicht mehr wusste, WAS genau man eigentlich selber wollte. Wahrscheinlich haben die meisten von uns schon einmal das angenehme und erleichternde Gefühl gehabt, nicht aufzufallen, nicht in Frage gestellt zu werden, Anerkennung und Gruppenzugehörigkeit zu bekommen, weil man sich entschieden hatte, mit dem Strom zu schwimmen. Also Fasching mit Uniformzwang – spätestens da finde ich, dass es eine traurige Veranstaltung ist, wenn es nicht einmal dort, bei einer Feier des Ausnahmezustands, der Abweichung, des Ausbrechens, möglich ist, ein kleines bisschen anders und einzigartig zu sein.

Ja, was aber nun, fragen sich diejenigen, die bis hierher bei mir und diesem Text geblieben sind. Sollen wir unseren Töchtern VERBIETEN, sich ihr Kostüm auszusuchen? Ausgerechnet an FASCHING, wo sie doch Spaß haben sollen? Ehrlich, ich habe keine absolute Antwort auf diese Frage. Nur ein paar Anregungen: Zunächst – verbieten, nun ja. Wenn wir mal aufrichtig sind, verbieten wir den Kindern ja dauernd irgendetwas, das uns nicht passt. Und sehr viele Leute haben sich zum Beispiel immerhin darauf geeinigt, dass bestimmte Kostüme irgendwie nicht in Ordnung sind – Stichwort Blackfacing. In diesem Faschingsfall muss man ja noch nicht einmal „verbieten“ – man muss sich eventuell nur nicht befehlen lassen, ein Prinzessinnenkostüm zu beschaffen. Natürlich ist es schwer, wenn dann das eigene Kind das einzige ist, das aus gesellschaftspolitischen Gründen keinen Spaß mehr an der Faschingsparty hat. Man könnte aber natürlich auch – ganz harmlos – im Kindergarten Themenfaschings vorschlagen. Themen wie „Tiere“, „Berufe“, „Superhelden“ lassen zwar auch stereotype Umsetzungen zu, aber zumindest wäre der Prinzessinnenzwang etwas aufgebrochen.

Oder man macht einfach mal nicht mit und hält ganz entspannt dagegen. Und guckt mal, was passiert. Meine Tochter war dieses Jahr Astronautin. Ich hatte das Kostüm schon vor Wochen gekauft, obwohl sie es nicht wollte, und verkündet, es einfach nur so zu kaufen, über den Fasching könne man später reden. Nur wenige Tage später wurde es jeden Nachmittag zum Spielen angezogen, übrigens auch gerne von Kindern, die zu Besuch waren. Beim Fasching selbst haben viele das Kostüm begeistert kommentiert. Außerdem war die Tochter bei den diversen Renn- und Tanzspielen durch die deutlich praktischere Kleidung klar im Vorteil. Nächstes Jahr möchte sie übrigens als Schwein oder Feuerwehrfrau gehen. Und dann als „Hello Kitty“. Ich sag ja nur.

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7 Kommentare

  1. Ich finde schon, dass es einen Unterschied gibt zwischen *Königin* und Prinzessin. Vor allem, wenn man als Königin auch Alleinregentin ist.

  2. ich finde den Beitrag super. Vor allem weil er nicht beim Feststellen bleibt sondern auch mögliche Veränderungen aufzeigt.

  3. Hallo!
    Vielen Dank für den anregenden Text! Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang dieser Text zum Thema „Fasching vorurteilsbewusst feiern“ (u.a. in Bezug auf geschlechtsbezogene Eineingungen):

    Viele Kinder lieben es, sich zu verkleiden. Was jedoch, wenn der Spaß des einen Kindes verletzende Botschaften über die Familie des anderen enthält? Was, wenn Kostüme Stereotype über Geschlecht, Hautfarbe oder Familienkulturen aufgreifen und wiederholen?
    http://www.situationsansatz.de/files/texte%20ista/fachstelle%20kinderwelten/kiwe%20pdf/KiDs%20aktuell_Fasching.pdf

  4. Tja, wir hatten auch Prinzessin Anna. Liebevoll von Mama selbst gemacht. Ich teile den Würgereflex bei der stereotypen Trennung, weigere mich aber, dass mein Kind den Preis dafür zahlen soll. Das große Kind war Rehkitz. Total süß. Auch von ihr selbst ausgesucht. Aber das gab wohl in der Schule blöde Bemerkungen. Abends war sie nicht mehr glücklich und weinte im Bett noch lange über „die verpasste Chance an Fasching“.
    Das ist nicht gut und ich heiße es auch nicht gut, dass Kinder blöde Bemerkungen machen, weil ein Kostüm nunmal nicht den Stereotypen entspricht, aber die Entscheidung ob man sich nun gegen den Strom stellen will oder nicht, die muss ich meinem Kind überlassen.
    Ich geben mich nicht der Illusion hin, dass der Wille meiner Kinder zu Prinzessinnen etwas ihnen ureigenst Innewohnendes sei. Immerhin geben Unternehmen Milliarden aus, um ihnen zu sagen „so ist man ein echtes Mädchen“. Ich erlaube mir nach wie vor meine Meinung dazu zu haben.
    Diese Gendersegrgation ist Scheiße. Kinder aller Geschlechter werden in eine von zwei Ecken gedrückt. Aber ich werde mich davor hüten, von der anderen Seite gegenzudrücken. Lieber gebe ich Ideen, zeige Alternativen. Und wenn sie sich dagegen entscheiden ist es auch gut. Sie sind großartig, auch in rosa Glitter. Die Nachricht „nur wenn du so bist, das anziehst (oder eben nicht anziehst), das konsumierst, das magst bist du ein echtes Mädchen, nur dann mögen wir dich“, die bekommen sie genug. Ich werde den Teufel tun in die Kerbe reinzuhauen.
    P.S. zu Halloween waren sie Mumie und schwarze Katze…

  5. das kind hier war eine königin, königin elsa um genau zu sein. sie trug mein altes „schneeflöckchen“-kostüm, das meine mama im keller ausgegraben hat, einen alten grünen seidenschal als umhang und eine billig-krone, die es bei einer frozen-zeitschrift dazu gab, das die oma als geschenk mitgebracht hat. das kind liebt elsa, weil sie stark ist und eiszaubern kann und die „chefin über alle“ ist, wie sie betont. ich habe wochen vorher begonnen über verschiedene verkleidungsoptionen zu sprechen, aber elsa war in stein gemeißelt. einfach ein anderes kostüm zu kaufen, auf die gefahr hin, dass meine tochter sich dann weigert, es zu tragen, kam für mich auch aus kostengründen nicht in frage. wir sind ein paar mal extra beim kostümverleih in der nähe vorbeigeschlendert und für ein paar tage wollte sie auch vampirin werden, aber wenige zeit später wars wieder elsa.

    ich habe mich entschieden, statt prinzessin/königin/fee/… zu verbieten, es zu unterstützen, indem ich auf die starken und coolen elemente dieser hinweise (nicht nur das eigene kind). rosa, plüsch und glitzer haben nichts mit passivität oder gar schwäche zu tun – das ist meine wichtigste botschaft. elsa ist hier eine superheldin geworden. es gibt eine studie (ich hab sie jetzt nicht parat), dass mädchen prinzessinnen-figuren tatsächlich ähnlich „verwenden“ wie burschen die klassischen superhelden.

    im kindergartenfasching gabs übrigens dann auch einen rollengespielten wettkampf elsa gegen spiderman und elsa gegen darth vader. „wer hat gewonnen?“ hab ich gefragt. das kind hat die augen verdreht: „mama, das weißt du doch. elsa ist natürlich die stärkste“ – nicht ohne der entsprechenden geste, die mich zur eisstatue erstarren hat lassen.

    nächstes jahr will das kind übrigens auch als schwein gehen und dann als vampirin oder monster. mal schauen…

  6. Pana7otta · · Antwort

    Die 8jährige war dieses Jahr ein großer blauer Hausschuh, die 3jährige ein nicht näher definierter „Superheld“: Aber auch Prinzessin und Fee waren bei der großen schon dran, und das Lieblingsspielzeug ist derzeit der Frisierkopf … Und ja, ich stand auch schon öfter vor der Frage, wie ich mcih dazu verhalte, dass das Kind das eben so will. Andererseits: Will ich wirklich diejenige sein, die meinen Kindern beibringt, dass Piraten cool und Prinzessinnen dämlich sind? Dass die „Mädchenvorlieben“ weniger taugen als die Jungssachen? Als der Sohn als Fee zum Fasching ging, wurde er bestaunt, beklatscht und wir Eltern wurden gelobt – das fand ich fast ebenso absurd, als hätte man uns dafür kritisiert. Auch ich weise hin und wieder darauf hin, dass ich es interessanter finde, was Prinzessinnen machen, als wie sie aussehen. Und natürlich sind die Schönheitsideale und Geschlechterrollen höchst fragwürdig. Aber das Ziel sollte es doch sein, Kinder beider Geschlechter spielerisch möglichst viele verschiedene Rollen ausprobieren zu lassen, ohne selbst schon wertend und ordnend einzugreifen und damit zu reproduzieren, wogegen man eigentlich angehen will.

  7. Also bei uns ist es auch bei den Jungen total eintönig: Cowboy, Feuerwehrmann, Handwerker, Polizist, Spiderman. Als mein Sohn mal als Frosch ging, fiel er total auf. Die Mädchen sind auch viel Prinzessinen, dann noch Fee, Marienkäfer, Schmetterling, Katze. Das waren 95 % der vertretenen Kostüme. Ab und an noch eine Hexe, ein Cowgirl oder eine Fledermaus (letztere nur Jungs). Und ganz ab und an Clown, Schneemann und Tiere, die „für beide“ gehen.

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